Benedikt XVI.: Religion ist "Sauerteig der Gerechtigkeit und Solidarität"

Generalaudienz im Zeichen von Psalm 122, dem "Lied zur Wallfahrt nach Jerusalem"

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ROM, 12. Oktober 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Betrachtung, die Benedikt XVI. am heutigen Mittwoch bei der Generalaudienz vor rund 50.000 Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat. Sie war Psalm 122 gewidmet, einem "Lied zur Wallfahrt nach Jerusalem", das im kirchlichen Stundengebet enthalten und in der ersten Vesper am Sonntag der vierten Woche gebetet wird.



Ich freute mich, als man mir sagte:
"Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern."
Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem:
Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt.

Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn,
wie es Israel geboten ist, den Namen des Herrn zu preisen.
Denn dort stehen Throne bereit für das Gericht,
die Throne des Hauses David.

Erbittet für Jerusalem Frieden!
Wer dich liebt, sei in dir geborgen.
Friede wohne in deinen Mauern,
in deinen Häusern Geborgenheit.

Wegen meiner Brüder und Freunde will ich sagen:
In dir sei Friede.
Wegen des Hauses des Herrn, unseres Gottes,
will ich dir Glück erflehen.



1. Bei dem Psalm, den wir soeben gehört und ausgekostet haben, handelt es sich um ein Gebet, das zugleich eines der schönsten und leidenschaftlichsten Wallfahrtslieder ist. Wir sprechen von Psalm 122, in der von einer Feier voll Leben die Rede ist, die mit vielen Teilnehmern in Jerusalem stattfindet, der Heiligen Stadt, in die die Pilger hinaufziehen.

Schon in der Einleitung gibt es zwei Momente, die jeder Gläubige durchlebt: der Tag, an dem er die Einladung annimmt, "zum Haus des Herrn" zu pilgern (vgl. Vers 1), und der Zeitpunkt der glücklichen Ankunft "in deinen Toren, Jerusalem" (vgl. Vers 2), in dem man endlich das heilige und geliebte Land betritt. Und genau da öffnen sich die Lippen, um einen festlichen Gesang zu Ehren von Zion anzustimmen, dessen tiefer spiritueller Bedeutung man sich bewusst ist.

2. "Dicht gebaut und fest gefügt" (Vers 3): Als Symbol für Sicherheit und Stabilität ist Jerusalem die Einheit stiftende Verbindung zwischen den zwölf Stämmen Israels, Mittelpunkt ihres Glaubens und ihres Gottesdienstes, in dem alle zusammentreffen. Nach Jerusalem pilgern sie, um "den Namen des Herrn zu preisen" (Vers 4), zu jener Stätte, die nach der "Sitte des Volkes Israel" (vgl. Deut 12,13-14; 16,16) der einzig rechtmäßige heilige und vollendete Ort dafür ist.

In Jerusalem gibt es eine weitere entscheidende Realität, die ebenfalls Zeichen der Gegenwart Gottes in Israel ist: "die Throne des Hauses David" (Ps 122,5), das heißt, die Herrschaft des Geschlechts David. Sie ist Ausdruck für das Wirken Gottes in der Geschichte, das im Messias zusammenfließt (2 Sam 7,8-16).

3. Die Throne des Hauses David werden auch die "Throne des Gerichts" genannt (vgl. Ps 122,5), denn der König war zugleich der höchste Richter. So war Jerusalem, die politische Hauptstadt, ebenfalls der Sitz höchster richterlicher Gewalt, wo die Streitigkeiten in letzter Instanz gelöst wurden. Dadurch konnten die jüdischen Pilger beim Verlassen von Zion als gerechte und besänftigte Menschen in ihre Heimat zurückkehren.

Der Psalm skizziert auf diese Weise ein vollkommenes Bild der Heiligen Stadt in ihrer religiösen und sozialen Bedeutung und zeigt, dass die biblische Religion nicht etwas Abstraktes oder rein Privates ist, sondern Sauerteig der Gerechtigkeit und Solidarität. Aus der Gemeinschaft mit Gott entspringt notwendigerweise die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern untereinander.

4. Nun kommen wir zu den letzten Ausrufen (vgl. Verse 6-9), deren Rhythmus vom hebräischen Wort "Shalom", "Frieden", bestimmt wird. In diesem Wort sieht man traditionsgemäß die Wurzel des Namens der Heiligen Stadt, "Jerushalajim", was als "Stadt des Friedens" interpretiert wird.

Es ist bekannt, dass "shalom" auf den messianischen Frieden anspielt, in dem Freude, Glück, Wohlstand und Überfluss enthalten sind. Mehr noch: Wenn sich der Pilger schließlich noch ein letztes Mal dem Tempel zuwendet, um sich vom "Haus des Herrn, unseres Gottes", zu verabschieden, wird dem Frieden das "Glück" dazugesellt: "Ich will dir Glück erflehen" (vgl. Vers 9). Damit wird der Gruß der Franziskaner, " Friede und Heil!", vorweggenommen. Es handelt sich hierbei um ein Vorzeichen des Segens für die Gläubigen, die die Heilige Stadt lieben; für die physische Wirklichkeit dieser Stadt, die aus Mauern und Gebäuden besteht, in denen das Leben eines ganzen Volkes pulsiert; für alle Geschwister und Freunde. Auf diese Weise verwandelt sich Jerusalem in eine Stätte, in der Harmonie und Frieden herrschen.

5. Unsere Betrachtung über den Psalm 122 wollen wir mit einer Überlegung abschließen, die die Kircheväter empfehlen, die im alten Jerusalem ein Bild für ein anderes Jerusalem sahen, für eine Stadt, die ebenfalls "dicht gebaut und fest gefügt" ist. Gregor der Große erinnert in seinen "Homilien zu Ezechiel" daran, dass die großen Gebäude dieser Stadt "mit den Lebensgewohnheiten der Heiligen errichtet" worden sind. "In einem Haus stützt ein Stein den anderen, denn sie werden übereinander gestellt. Und derjenige, der einen anderen stützt, wird wiederum von einem anderen getragen. Auf dieselbe Weise stützt in der heiligen Kirche der eine den anderen und wird zugleich durch ihn gestützt. Diejenigen, die einander am nächsten sind, stützen sich gegenseitig, und auf ihnen wird das Gebäude der Liebe errichtet. Deshalb bemerkt der Apostel Paulus: 'Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen' (Gal 6, 2). Und um die Kraft dieses Gesetzes zu unterstreichen, sagt er: 'Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes' (Röm 13, 10). Wenn ich mich nicht bemühe, euch so anzunehmen, wie ihr seid, und wenn ihr mich nicht so annehmt, wie ich bin, kann das Gebäude der Liebe unter uns nicht errichtet werden, soll uns doch eine gegenseitige, geduldige Liebe miteinander verbinden."

Und zur Vervollständigung dieses Bildes darf man eines nicht vergessen: "Es gibt ein Fundament, das das ganze Gewicht des Gebäudes trägt: unser Erlöser, der allein aus seiner Kraft unser ganzes Leben trägt. Von ihm sagt der Apostel: 'Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus' (1 Kor 3, 11). Das Fundament trägt die Steine, wird selbst aber nicht von den Steinen getragen. Das bedeutet, dass unser Heiland das ganze Gewicht unserer Sünden trägt, dass es in ihm aber keine Sünde gibt, die man tragen müsste" ("Opere di Gregorio Magno", III/2, Rom 1993, S. 27,29).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Am Ende der Generalaudienz begrüßte der Heilige Vater die Pilgergruppen. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Zu Beginn haben wir den Psalm 122 gehört. Dieses alttestamentliche Wallfahrtslied lädt dazu ein, voll Freude nach Jerusalem zu pilgern, um den Herrn zu preisen. Für den Psalmisten ist die Stadt Gottes ein Ort der Gerechtigkeit, des Friedens und des Glücks.

Wir Christen sehen die Stadt Jerusalem auch als Bild für die Kirche, die – "fest gebaut und dicht gefügt" (Vers 3) – bleibenden Frieden und wahres Glück schenkt. Gregor der Große erklärt in einer Homilie, wie dieses geistliche Gebäude bestehen kann: Jeder von uns ist ein lebendiger Stein, der von seinen Mitchristen gestützt wird und selbst die Last der anderen trägt. "Einer trage des anderen Last!" (Gal 6, 2). Nur die Liebe kann unsere Gemeinschaft zusammenhalten. Andererseits braucht jedes Bauwerk ein festes Fundament. Die Kirche ist auf Christus gebaut, den Erlöser, der unsere Sünden getragen hat und uns das ewige Heil schenkt.

Ganz herzlich begrüße ich alle, die aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Mein Gruß gilt heute besonders den Pilgern aus dem Bistum Münster, die an der Seligsprechung von Clemens August Kardinal von Galen teilgenommen haben, sowie den Angehörigen und Freunden der Neupriester aus dem Collegium Germanicum. Euch allen wünsche ich, dass ihr den Segen des Herrn und die Nächstenliebe der Brüder und Schwestern im Glauben erfahren dürft. Seid lebendige Steine im Bau der Kirche und haltet fest an Christus dem Herrn. Alles Gute in Rom und eine gesegnete Heimreise!