Benedikt XVI. ruft zu einer „liturgischen Theologie des Lobpreises“ auf

Die Liebe sieht mehr als die Vernunft

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ROM, 14. Mai 2008 (ZENIT.org).- Vor 50.000 Pilgern hat Papst Benedikt nach der Unterbrechung durch die Reise in die Vereinigten Staaten und die Vorbereitung für das Pfingstfest heute seine Katechesenreihe über die Kirchenväter und Theologen des ersten Jahrtausends wieder aufgenommen.



Der Heilige Vater richtete seine Aufmerksamkeit auf Dionysios Areopagita, auch Pseudo-Dionysios genannt. Es handelt sich dabei um das Pseudonym des unbekannten Autors einer Sammlung von Büchern, die wohl bald nach 500 (aber vor 532) entstanden sind, aber irrtümlich dem in der Apostelgeschichte 17,34 erwähnten, von Paulus angeblich durch seine Rede auf dem Athener Areopag bekehrten Dionysios zugeschrieben wurden.

Das Besondere der heutigen Katechese bestand darin, dass Benedikt XVI. keinen vorbereiteten Text las. Der Papst stützte sich bei seiner Ansprache auf ein handgeschriebenes Manuskript und trug frei vor. So konnten die anwesenden Pilger – genauso wie die zahlreichen Gläubigen, die die Audienz über das Fernsehen verfolgten – einen Eindruck davon gewinnen, mit welcher Leidenschaft der ehemalige Universitätsprofessor sich darauf einlässt, auch die schwierigsten Zusammenhänge in faszinierender Weise zu präsentieren. Papst Benedikt XVI. schien heute seinem ihm von seinen ehemaligen Studenten gegebenen Beinamen alle Ehre machen zu wollen: „Goldmund“ war er früher genannt worden – ein neuer „Chrysostomus“ schien den Petersplatz mit seinen Worten zu erfüllen.

Der erste Grund für das Pseudonym „Dionysios Areopagita“, so erklärte der Papst, sei darin zu sehen, dass es die Absicht des Autors war, die griechische Weisheit in den Dienst des Evangeliums zu stellen und die Begegnung der griechischen Kultur beziehungsweise der Vernunft mit der Verkündigung Christi zu begünstigen.

Des Weiteren habe Pseudo-Dionysios einen Akt der Demut leisten wollen: Nicht sein eigenes Werk sollte im Vordergrund stehen; er habe eine kirchliche Theologie schaffen wollen, keine individuelle, die nur auf sich selbst gründe.

Diese „entindividualisierte“ oder „überpersönliche“ und somit wirklich kirchliche Theologie habe ihren Ort im sechsten Jahrhundert, insofern sie eine Gegenreaktion auf den Neuplatonismus des Proklos darstelle, fuhr der Heilige Vater fort. Der Neuplatonismus habe die Philosophie Platons in eine Art Religion umgewandelt und nach dem Erfolg des Christentums eine „Apologie des griechischen Polytheismus“ geschaffen. Proklos habe aufzeigen wollen, dass die Gottheiten in Wirklichkeit die im Kosmos wirkenden Kräfte seien, zu denen nur die Weisen vordringen könnten – „ein zutiefst antichristliches Denken“.

Pseudo-Dionysios hingegen habe es gewagt, sich der platonischen Philosophie zu bedienen, „um die Wahrheit Christi zu zeigen, um dieses polytheistische Universum in einen von Gott geschaffenen Kosmos zu verwandeln, in die Harmonie des Kosmos Gottes, wo alle Kräfte Lobpreis Gottes sind, und um diese große Harmonie zu zeigen, diese Symphonie des Kosmos“.

Seine Theologie sei eine „liturgische Theologie“ des Lobpreises Gottes: „Gott wird vor allem in seinem Lobpreis gefunden – nicht nur, wenn man über ihn nachdenkt.“

Der Papst betonte, dass die Liturgie nicht etwas von uns Konstruiertes ist, „etwas, das erfunden worden wäre, um für eine bestimmte Zeit eine religiöse Erfahrung zu ermöglichen“. Liturgie sei vielmehr das Eintreten in die kosmische Wirklichkeit selbst.

Auch wenn die Theologie des Areopagita kosmisch, kirchlich und liturgisch ist, sei sie auch zutiefst persönlich und „mystisch“: der Weg der Seele zu Gott. Gott kann, so erklärte der Papst, für Dionysios mehr in der Einfachheit und Demut gefunden werden als in „großen Begriffen“. Dafür habe der Theologe das Wort der „negativen Theologie“ geprägt: „Es ist für uns leichter zu sagen, was Gott nicht ist, als das, was er wirklich ist.“ Und das heiße: „Am Ende ist der Weg zu Gott Gott selbst, der sich uns in Jesus Christus genähert hat.“

Die negative Theologie des Areopagita habe die gesamte mystische Theologie des Ostens und des Westens und dabei insbesondere die des heiligen Bonaventura beeinflusst. „Die Liebe sieht mehr als die Vernunft“: Das sage Dionysius zusammen mit dem heiligen Franziskus, dessen Lehre Bonaventura mit der Begrifflichkeit des Areopagita darzustellen vermochte: „Wo das Licht der Liebe ist, haben die Dunkelheiten der Vernunft keinen Zugang mehr. Die Liebe sieht, die Liebe ist das Auge, und die Erfahrung zeigt uns mehr als die Reflexion.“

Benedikt XVI. verwies am Schluss auf eine weitere wichtige Funktion des Pseudo-Dionysios für unsere Zeit. Seine negative Theologie könne zwischen dem Christentum und den asiatischen Religionen vermitteln. Diese seien nämlich der Überzeugung, „dass man nicht sagen könne, wer Gott ist. Von ihm kann nur in negativer Form gesprochen werden; von Gott kann nur mit dem ‚Nicht‘ gesprochen werden, und nur wenn man in diese Erfahrung des ‚Nicht‘ eintritt, gelangt man zu ihm.“

Der Dialog lässt für Benedikt XVI. keine Oberflächlichkeit zu, denn: „Gerade wenn man in die Tiefe der Begegnung mit Christus eintritt, öffnet sich auch der weite Raum für den Dialog. Wenn man dem Licht der Wahrheit begegnet, nimmt man wahr, dass es ein Licht für alle ist.“

Der Weg des Dialogs bestehe darin, in Christus Gott in der Tiefe der Begegnung mit ihm nahe zu sein, „in der Erfahrung der Wahrheit, die uns für das Licht öffnet und uns hilft, den anderen entgegenzugehen: das Licht der Wahrheit, das Licht der Liebe.“