Benedikt XVI.: Säkularisierung bedeutet geistliche Verkümmerung und „Kult des Individuums“

Empfang der Mitglieder der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Kultur

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ROM, 10. März 2008 (ZENIT.org).- Vor den Teilnehmern der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Kultur warnte Papst Benedikt XVI. am Samstag (7. März) vor den Gefahren des Säkularismus und dem „Hochmut der Vernunft“, die nach seinen Worten selbst die Kirche nicht verschonen.



Die Mitglieder des Päpstlichen Rates beleuchteten in diesem Jahr das Thema: „Die Kirche und die Herausforderung der Säkularisierung“, das, wie der Papst erklärte, für die Zukunft der Menschheit und der Kirche von grundlegender Bedeutung sei. Die Säkularisierung stelle das Leben der Gläubigen und der Hirten auf eine harte Probe. Die Säkularisierung führe den Menschen dazu, so zu leben, als ob es Gott nicht gäbe, und habe auch die Kirche erfasst. Sie begünstige in den Gläubigen und den Hirten ein „Abdriften in die Oberflächlichkeit und den Egoismus“.

Benedikt XVI. bekräftigte, dass heute mehr denn jemals zuvor die gegenseitige Öffnung der verschiedenen Kulturen füreinander den privilegierten Boden für den Dialog all jener Menschen darstelle, die auf der Suche nach einem wahren Humanismus jenseits aller trennenden Divergenzen seien. Die Säkularisierung sei eine Sicht der Welt und des Menschen „ohne Transzendenz-Bezug“; sie dringe in jeden Aspekt des Lebens ein, und führe zu einem Denken, in dem Gott ganz oder teilweise vom Dasein und Bewusstsein des Menschen de facto abwesend sei.

Der Säkularismus bedrohe auch die Kirche, so der Papst: „Sie höhlt den christlichen Glauben in der Tiefe und von Innen her aus und somit auch den alltäglichen Lebens- und Verhaltensstil der Gläubigen.“

Da sie in der Welt lebten, ließen sich die Gläubigen oft von der „Kultur der Bilder“ beeinflussen, die „widersprüchliche Modelle und Impulse“ vorlege, die „in der praktischen Leugnung Gottes“ zum Ausdruck kömen. Dazu geselle sich die vorherrschend hedonistisch geprägte und konsumorientierte Mentalität, die sowohl den Gläubigen wie auch den Hirten und auf diese Weise dem kirchlichen Leben schade.

Der von Intellektuellen lang angekündigte „Tod Gottes“ habe einem „sterilen Kult des Individuums“ Platz gemacht, fuhr Benedikt XVI. fort. In diesem kulturellen Kontext sei die Gefahr einer „geistlichen Verkümmerung“ (Atrophie) gegeben. Das zeige sich an der Verbreitung von religiösen Ersatzstoffen und unbestimmten Spiritualismen.

Demgegenüber müsse man sich nach Worten des Papstes die hohen Werte des Daseins wieder ins Bewusstsein rufen: „Die Würde des Menschen und seine Freiheit, die Gleichheit aller Menschen, der Sinn des Lebens und des Todes sowie dessen, was uns nach dem Abschluss der irdischen Existenz erwartet“.

Die Globalisierung habe durch die neuen Informationstechnologien nicht selten dazu geführt, dass es in allen Kulturen zur Verbreitung vieler materialistischer und individualistischer Elemente gekommen sei, die für den Westen charakteristisch sind. „Immer mehr wird die Formel ‚etsi Deus non daretur΄ (als ob es Gott nicht gäbe) zur Lebensart. Ihren Ursprung hat sie in einer Art ‚Hochmut΄ der Vernunft.“ Diese Haltung zeuge von Selbstgenügsamkeit und verschließe sich der Betrachtung und der Suche nach einer Wahrheit, die einen selbst übersteigt.

Das „Licht der Vernunft“, das von der Aufklärung so hervorgehoben, zugleich aber so arm gemacht worden sei, trete an die Stelle des „Lichtes des Glaubens“, so der Papst. Aus diesem Grund seien die Herausforderungen, vor die sich die Sendung der Kirche gestellt sehe, groß und gewichtig.

Benedikt XVI. ging in diesem Zusammenhang auch auf die Aufgabe des Päpstlichen Rates für die Kultur im Hinblick auf den Dialog zwischen Glauben und Wissenschaft an. Der Papst ermutigte ausdrücklich zur Fortsetzung dieses Dialogs und betonte, dass der Glaube die Vernunft voraussetze und vervollkommne, während die vom Glauben erleuchtete Vernunft jene Kraft finde, die nötig sei, „um sich zur Erkenntnis Gottes und der geistlichen Wirklichkeiten“ zu erheben. In diesen Sinn fördere die Säkularisierung nicht die Erreichung des letzten Zieles der Wissenschaft, „die im Dienst des Menschen steht, der ‚imago Dei΄ (Ebenbild Gottes) ist“.

Zum Abschluss ermahnte Benedikt XVI. alle Hirten, in ihrer Sendung nicht müde zu werden und auf dem Boden des Dialogs und der Begegnung mit den Kulturen, des Evangeliums und des Zeugnisses dem Besorgnis erregenden Phänomen der Säkularisierung entgegenzutreten.