Benedikt XVI.: Sein Erbe in drei Enzykliken

Deus caritas est, Spe salvi und Caritas in veritate bilden das Rückgrat des Lehramts Papst Benedikts XVI.

Rom, (ZENIT.org) | 786 klicks

Drei Enzykliken in acht Jahren; zwei handeln von jeweils einer göttlichen Tugend, die dritte von Soziallehre. Das Lehramt Benedikts XVI. kennzeichnet sich durch Wesentlichkeit und Tiefe zugleich aus.

Die vierte Enzyklika hätte von der dritten göttlichen Tugend handeln sollen, nach Liebe und Hoffnung die letzte, die Benedikt XVI. noch nicht behandelt hatte: dem Glauben. Sie ist nicht fertiggestellt worden; und doch ist das Pontifikat Benedikts XVI. in dieser Hinsicht eine lebende Enzyklika gewesen, wie manche Beobachter betonen. Die Annahme des Papstamtes war für Joseph Ratzinger ein großer Glaubensakt; sein Verzicht auf dieses Amt ist es nicht weniger gewesen.

Seine erste Enzyklika, „Deus Caritas est“, wurde am 25. Januar 2006 veröffentlicht, neun Monate nach Beginn seines Pontifikats. Unterschrieben wurde sie genau einen Monat vorher, am Weihnachtstag 2005.

Der Papst kündigte sie auf eine recht informelle Weise während der Generalaudienz am 18. Januar 2006 an. Schon bei dieser Gelegenheit stellte der Heilige Vater den Vergleich zwischen den beiden Begriffen „Eros“ und „Agape“ in den Vordergrund, die zwei unterschiedliche, sich aber gegenseitig ergänzende Aspekte der Liebe umschreiben.

Obwohl das Wort „Eros“ die mehr irdische und sinnliche Dimension der Liebe in den Sinn ruft, „kommt [der Eros] aus der gleichen Quelle der Güte des Schöpfers wie auch die Möglichkeit einer Liebe, die um des anderen willen auf sich selbst verzichtet“, erklärte der Heilige Vater damals.

Die zweite Dimension der Liebe, die aus einer transzendentalen Sicht besser verständlich wird, ist die „Agape“, von der der Papst sagte: „Der ‚Eros‘ verwandelt sich in dem Maß in ‚Agape‘, in dem sich die beiden wirklich lieben und einer nicht mehr sich selbst, seine Freude, seine Befriedigung sucht, sondern vor allem das Wohl des anderen.“

Die Familie ist der erste natürliche Lebensraum der „Caritas“, in beiden Dimensionen, die der Papst hier definiert. Aber die Liebe ist auch ein gesellschaftliches Prinzip, denn sie „öffnet sich hin zur größeren Familie der Gesellschaft, zur Familie der Kirche und zur Familie der Welt.“

Den Begriff „Caritas“ (im Sinn von Nächstenliebe) assoziiert man oft mit Philanthropie, und natürlich auch mit der gleichnamigen kirchlichen Hilfsorganisation. Aber in seiner Ansprache vom 18. Januar 2006 betonte der Papst, die christliche Nächstenliebe sei eher ein „notwendiger Ausdruck des tiefsten Aktes der persönlichen Liebe, mit der uns Gott geschaffen hat und in unserem Herzen den Drang zur Liebe weckt, Spiegelbild der Liebe, die Gott ist und uns zu seinem Abbild macht.“

Die zweite Enzyklika Benedikts XVI., „Spe Salvi“, nimmt ihren Ausgang von einem Spruch des Apostels Paulus: „auf Hoffnung hin sind wir gerettet“ (Röm 8,24). Die christliche Hoffnung besitzt auch eine irdische Dimension, aber nicht nur. Jesus Christus führte die Menschen zur „Begegnung mit einer Hoffnung, die stärker war als die Leiden der Sklaverei und daher von innen her das Leben und die Welt umgestaltete“ (Spe Salvi 4).

Die christliche Hoffnung ist nicht Hoffnung „auf etwas“, sondern „in jemanden“. Sie ist die Quelle der wahren Freiheit, im Gegensatz zu den falschen Mythen des Fortschritts und der Wissenschaft. Letztere, schreibt der Papst, „erlöst den Menschen nicht“, sondern kann sogar, wenn sie missbraucht wird, „den Menschen und die Welt zerstören“ (Spe Salvi 25-26).

Benedikt XVI. gibt drei „Lernorte der Hoffnung“ an: 1) das Gebet, denn Gott hört unser Gebet immer; 2) das „Tun“, also das tätige Leben, durch das wir „dazu beitragen“ können, „dass die Welt ein wenig heller und menschlicher wird“ (Spe Salvi 35); 3) das Leiden, durch das wir reifen können, wenn wir „in ihm Sinn finden durch die Vereinigung mit Christus, der mit unendlicher Liebe gelitten hat“ (Spes Salvi 37).

Die Enzyklika „Caritas in Veritate“ nimmt ihren Ausgang ebenfalls von einem Zitat aus den Paulusbriefen: „Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten“ (Eph 4,15). Die Entstehungsgeschichte dieses Dokuments ist recht lang. Ursprünglich hätte es 2008 erscheinen sollen, aber auf Wunsch des Heiligen Vaters wurde die Veröffentlichung hinausgezögert, damit mehr Zeit bliebe, um die gesellschaftlichen Veränderungen zu erklären, die mit der weltweiten Wirtschaftskrise einhergingen, die in jenen Jahren einsetzte.

„Liebe ist der Hauptweg der Soziallehre der Kirche“, erklärt Benedikt XVI. in der Einleitung seiner Enzuklika. Um die „Gefahr, dass sie missverstanden und aus der ethischen Lebenspraxis ausgeschlossen wird“ abzuwehren, müsse Liebe immer mit Wahrheit gekoppelt werden.

Indem er an die immer noch aktuelle Botschaft der Enzyklika „Populorum progressio“ von Paul VI. erinnert, geht Benedikt XVI. auf den Begriff „Gemeinwohl“ ein. Dabei handele es sich um ein Prinzip, das immer stärker vernachlässigt werde, was zu den gesellschaftlichen Schäden führe, die von finanzieller Spekulation, Ausnutzung der Migrationsströme, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten und unüberlegten Kürzungen der Sozialausgaben herrührten.

Um die Weltwirtschaftskrise und die damit verbundenen sozialen Ungleichheiten zu überwinden, sei es notwendig, dem wichtigsten „Kapital“ der Welt seinen richtigen Wert beizumessen: dem Menschen. Die erforderliche Anerkennung der Menschenwürde konkretisiere sich vor allem in der Achtung des menschlichen Lebens vom Zeitpunkt der Empfängnis bis hin zum natürlichen Tod. Damit verurteilt Papst Benedikt XVI. nicht nur Abtreibung und Euthanasie, sondern auch der Verhütungsmentalität.

Die Marktwirtschaft müsse, wenn sie menschlicher werden solle, aufhören, nur auf sich selbst zu blicken und ein Ort der Unterjochung des Schwächeren durch den Stärkeren zu sein. Stattdessen ,üsse sie die Logik des Schenkens wiederentdecken.

In „Caritas in Veritate“ wird auch mehr als in jeder anderen Enzyklika das Thema der Umweltethik vertieft. Da die Natur ein Geschenk Gottes sei, das den Menschen zu einem verantwortungsvollen Nutzen anvertraut sei, empfiehlt der Papst eine Senkung des Energieverbrauchs und die Verwendung alternativer Energiequellen.

Ebenfalls wichtig sind in dieser Enzyklika die Begriffe der gegenseitigen Hilfeleistung, der Solidarität, die als wirkungsvolle Alternative zu jeglicher Form von Paternalismus gedacht ist, und der Entwicklung, die nicht nur materielles, sondern auch geistiges Wachstum beinhalten müsse.