Benedikt XVI. sieht die geistlichen Gemeinschaften als "Wecker" in der Kirche

Interview mit Ratzinger-Schüler Pater Michael Marmann

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MÜNCHEN, 26. September 2005 (ZENIT.org).- Pater Dr. Michael Johannes Marmann, viele Jahre Vorsitzender des Generalpräsidiums des Internationalen Schönstattwerkes und Leiter der Patresgemeinschaft, bemüht sich seit einigen Jahren um eine immer tiefere Gemeinschaft zwischen den verschiedenen geistlichen Bewegungen – ein Anliegen, zu dem ihn der letzte Papst, Johannes Paul II., und auch dessen Nachfolger, Benedikt XVI., ausdrücklich ermutigt haben.



Tief beeindruckt war der Priester zu Beginn seiner Arbeit von den evangelischen Gemeinschaften in Deutschland, denn diese trafen einander regelmäßig und traten, bestärkt durch das Miteinander der Gemeinschaften auf katholischer Seite, offen für die ökumenische Annäherung an die Schönstattbewegung heran. Auf Initiative dieser Gemeinschaften hat sich Pater Marmann nun auf internationaler Ebene dafür eingesetzt, die Vertreter der evangelischen Gemeinschaften in das von ihm geschaffene Netzwerk von Bewegungen und Gemeinschaften mit einzubinden. Anlässlich einer Audienz, die im September stattgefunden hat, bestärkte Papst Benedikt XVI. Pater Marmann in seinen Bemühungen um die Ökumene. Der ehemalige Student von Professor Joseph Ratzinger, dem jetzigen Papst Benedikt XVI., war seinem damaligen Lehrer von Münster nach Tübingen und schließlich nach Regensburg gefolgt und kennt den Heiligen Vater seit rund 40 Jahren.

In diesem Jahr 2005 fand das alljährliche Studententreffen Anfang September in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo 30 km südlich von Rom statt. Und auch dieses Mal hielt der Papst seine ehemaligen Studenten dazu an, über die Konfessionsgrenzen hinauszuschauen und vor allem über den Islam zu diskutieren.

Pater Michael Johannes Marmann wurde 1937 in Berlin geboren und 1963 für die Erzdiözese Köln zum Priester geweiht. Bei Professor Ratzinger promovierte er 1971 zum Doktor der Theologie. Ein Jahr später trat er in die Gemeinschaft der Schönstatt-Patres ein und wurde 1983 Bewegungsleiter der deutschen Schönstatt-Familie. 1991 wurde er für eine 12-jährige Amtszeit zum Generaloberen der Schönstatt-Patres gewählt und übernahm damit zugleich den Vorsitz im Generalpräsidium des internationalen Schönstattwerkes. Seit 2004 ist er Rektor der Filiale der Schönstattpatres in München und ist kommissarisch Standesleiter für die Familienliga in Deutschland.

Im Münchner Schönstatt-Zentrum gewährte der Priester ZENIT in einem Interview Einblick in seine Unterredung mit Benedikt XVI.

ZENIT: Pater Marmann, Sie haben Joseph Ratzinger jahrelang als Professor, Bischof und Kardinal gekannt. Jetzt wurden Sie von ihm, dem neuen Papst, persönlich empfangen, um verschiedene Ideen hinsichtlich der Einheit der verschiedenen geistlichen Bewegungen zu besprechen. Was sind Ihre Eindrücke von dieser Begegnung?

P. Marmann: Zwei Akzente möchte ich hier betonen: Die Einheit unter den geistlichen Gemeinschaften ist keine neue Idee oder eine neue Organisationsform innerhalb der Kirche, sondern will den Lebenskräften in der Kirche dienen. Zu Pfingsten 1998 lud Johannes Paul II. alle Bewegungen nach Rom ein, die im vergangenen Jahrhundert in der katholischen Kirche entstanden waren. Er sah dieses Treffen als den Höhepunkt jenes Jahres an, das in der katholischen Kirche dem Heiligen Geist gewidmet war. Er wollte diese Kräfte umfassend und weltweit in die Kirche einbinden.

Unser Papst interessiert sich für die Bewegungen. Im Rahmen der Vorbereitungen für den Weltjugendtag hat er den Pfarrern der Diözese Roms gesagt, sie sollten sich um die Bewegungen kümmern, da komme das Leben her. Ich finde, der Papst hat sich enorm verändert. Seitdem er im Amt ist, holt er auf eine ganz neue und ausdruckstarke Weise die theologischen Dimensionen aller Lebensvorgänge in der Kirche ein. Dazu gehört auch die Einbindung der geistlichen Bewegungen. Er ist ein wichtiger Mitstreiter dafür, dass die Bewegungen in der Ortskirche und in der Weltkirche als "Wecker für die Kirche" wirken können, wie er es formulierte.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. will zum Pfingstfest 2006 die Mitglieder der neuen geistlichen Bewegungen nach Rom einladen. Wird der Heilige Vater dabei auch ökumenische Akzente setzen können?

P. Marmann: Der Papst interessierte sich in unserem Gespräch genauestens für den Prozess der Annäherung der geistlichen Gemeinschaften. Der erste Impuls war ja vor sieben Jahren ausgegangen, nach dem ersten Treffen im Jahr 1998. Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung, Andrea Riccardi von Sant'Egidio und Salvatore Martinez, Vorsitzende der katholischen Charismatischen Erneuerung in Italien, reagierten damals ganz unmittelbar: Sie trafen sich zuerst und gaben so den Anstoß, damit sich auch andere Verantwortliche und Gründer von kirchlichen Bewegungen diesem organischen Miteinander anschlossen. Neben Don Giussani, dem verstorbenen Gründer von "Comunione e Liberazione" ("Gemeinschaft und Befreiung") und Frances Ruppert, die internationale Verantwortliche der Cursillo-Bewegung, begann auch ich mich im Namen der ganzen Schönstatt-Familie diesem Bündnis der Einheit zu verpflichten.

Sehr bewegend war es für mich, als sich im August 2000 mehr als 80 Verantwortliche und Mitglieder evangelischer Bewegungen und Kommunitäten, darunter 18 evangelische Pfarrer, nach Rom aufmachten, um die Gemeinschaft Sant'Egidio, das Zentrum der Fokolar-Bewegung und die katholische Charismatische Erneuerung Italiens zu besuchen. Ein Jahr später folgte das erste ökumenische Treffen mit über 5000 Teilnehmern im Liebfrauendom hier in München im Dezember 2001, darauf folgte der Internationale Ökumenische Kongress in Stuttgart im Mai 2004.

Jetzt stehen wir vor der Planung von Stuttgart II, einem zweiten internationalen und ökumenischen Treffen der geistlichen Gemeinschaften, das nun einmal für das Jahr 2007 geplant ist.

Von den evangelischen Geschwistern aus dem Kreis der Leiter der geistlichen Gemeinschaften erging die Bitte an mich, beim Papst wegen einer Audienz nachzufragen. Dieser Wunsch besteht dort ganz ausdrücklich, und ich konnte und wollte mich nicht versagen, ihn dem Heiligen Vater zu überbringen. Der Papst hat mir dann ausdrücklich versichert, dass er im Frühjahr 2006 einem internationalen Kreis von Leitern der geistlichen Gemeinschaften aus dem evangelischen Raum eine Audienz gewähren wird.

Aus dem deutschen Sprachraum wird er dann, so Gott will, zum Beispiel einen Friedrich Aschoff von der Geistlichen Gemeindeerneuerung oder Pfarrer Ullrich Parzany, den Generalsekretär des Christlichen Vereins Junger Menschen CVJM, der sich in Deutschland für die Neuevangelisierung einsetzt, im Vatikan empfangen.

ZENIT: Zu Pfingsten 1998 hatte der Päpstliche Rat für die Laien mehrere hundert Delegierte aus den Bewegungen zu einem mehrtägigen Kongress nach Rom eingeladen. Glauben Sie, dass es auch im Jahr 2006 zu so einem Kongress kommen wird und dass auch Vertreter der evangelischen geistlichen Gemeinschaften daran teilnehmen werden?

P. Marmann: Ich habe den Heiligen Vater ausdrücklich gefragt, ob eine Repräsentation evangelischer Christen, die in geistlichen Bewegungen organisiert sind, bei dieser Gelegenheit möglich wäre. Der Papst hat sich in dieser Frage, ohne hier indiskret zu sein, sehr offen gezeigt und versichert, dass der Päpstliche Laienrat, der dieses Treffen ja ausrichtet, diesen Punkt berücksichtigen wird.

ZENIT: Zu Beginn unseres Gesprächs haben Sie vom mahnenden Wunsch des Papstes nach "Weckern" für die Kirche gesprochen. In welchem Zusammenhang hat Benedikt XVI. das gesagt?

P. Marmann: Wissen Sie, mich hat schon im Vorfeld unseres persönlichen Gesprächs in der Bibliothek von Castel Gandolfo seine geistliche Wegweisung am Ende des Treffens [für seine ehemaligen Studenten, Anm. d. Red.] berührt. Am 4. September erklärte der Papst in Bezug auf das Sonntagsevangelium (Mt 18,15-20), dass der heilige Augustinus den seltsam apathischen Zustand mancher christlicher Gemeinden seiner Zeit mit dem von "Schlafkranken" verglichen habe. Und manchmal gälte es, radikale Maßnahmen zu ergreifen, um hier Abhilfe aus dem Koma zu schaffen, das unbehandelt unweigerlich zum Tode führe.

Der Papst kennt die Texte des Kirchenvaters ja auswendig, und so zitierte er uns wortwörtlich, wie Augustinus gewarnt hatte: "Wenn man die Schlafkranken nicht aufweckt, dann sterben sie einen 'stillen Tod'" – diese eindringliche Ermahnung des Papstes müsste eigentlich auf Deutsch veröffentlicht werden, meine ich.

Der Heilige Vater wandte dieses Bild der "Schlafkrankheit" auf alle Situationen der Gottlosigkeit in unserer Kirche und Gesellschaft an. Es brauche dringend "Wecker" für die Kirche, das gab er uns mahnend mit auf den Weg. Und dieser Aufgabe sollten sich die geistlichen Gemeinschaften dankbar stellen, wenn sie ihre prophetische Berufung und Gnade von Gott anzunehmen bereit sind.