Benedikt XVI. über das „leuchtende Glaubenszeugnis“ von Kardinal Van Thuân (1928-2002)

„Wie könnte man die unverkennbaren Züge seiner einfachen und unmittelbaren Herzlichkeit vergessen?“

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ROM, 19. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 17. September an die Mitarbeiter des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Freden in Castel Gandolfo gehalten hat.



„Kardinal Van Thuân war ein Mann der Hoffnung“, betonte der Heilige Vater am fünften Todestag dieses Hirten, der dank einer großen „spirituellen Energie“ alle physischen und moralischen Schwierigkeiten, die ihm begegnet waren, überwunden habe. Für den „heldenhaften Hirten“ aus dem Vietnam, der neun Jahre seines Lebens in Isolationshaft verbrachte, ist ein Seligsprechungsprozess eingeleitet worden.

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Herr Kardinal,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Von Herzen heiße ich euch alle willkommen, die ihr euch hier versammelt habt, um des geschätzten Kardinals François-Xavier Nguyên Van Thuân zu gedenken, den der Herr am 16. September vor fünf Jahren zu sich gerufen hat. Im Geist und im Herzen all derer aber, die die edle Gestalt dieses treuen Dieners Gottes kannten, ist er weiterhin lebendig. Auch ich bewahre nicht wenige persönliche Erinnerungen an die Begegnungen mit ihm in meinem Gedächtnis, die während der Jahre seines Dienstes hier an der Römischen Kurie stattfanden.

Mein Gruß gilt Kardinal Renato Raffaele Martino und Bischof Giampaolo Crepaldi, Präsident bzw. Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, und ihren Mitarbeitern. Ich grüße die Mitglieder der Stiftung »San Matteo«, die im Gedenken an Kardinal Van Thuân errichtet wurde, die Mitglieder des Internationalen Beobachtungszentrums, das seinen Namen trägt und zur Verbreitung der Soziallehre der Kirche geschaffen wurde, sowie die Angehörigen und die Freunde des verstorbenen Kardinals. Herrn Kardinal Martino danke ich auch herzlich für die Worte, die er im Namen aller Anwesenden an mich gerichtet hat.

Ich ergreife gerne die Gelegenheit, um noch einmal das leuchtende Glaubenszeugnis herauszustellen, das uns dieser heldenhafte Hirte hinterlassen hat. Bischof Franz Xaver – so stellte er sich gerne vor – wurde im Herbst 2002 in das Haus des Vaters gerufen, nach einer langen leidvollen Krankheit, die er in der vollkommenen Hingabe an den Willen Gottes auf sich nahm. Einige Zeit zuvor war er von meinem verehrten Vorgänger Johannes Paul II. zum Vizepräsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden ernannt worden, als dessen Präsident er später die Veröffentlichung des Kompendiums der Soziallehre der Kirche einleitete. Wie könnte man die unverkennbaren Züge seiner einfachen und unmittelbaren Herzlichkeit vergessen? Wie sollte man nicht seine Fähigkeit zum Dialog ins Licht rücken sowie seine Fähigkeit, jedem nahe zu sein? Wir denken mit sehr viel Bewunderung an ihn, während wir uns an die großen, hoffnungsvollen Visionen erinnern, die ihn beseelten und die er auf einfache und überzeugende Weise darzustellen wußte; an seinen glühenden Einsatz für die Verbreitung der Soziallehre der Kirche unter den Armen der Welt und den brennenden Wunsch nach der Evangelisierung seines Kontinents Asien; wir denken an seine Fähigkeit, die karitativen Unternehmungen und die menschliche Förderung zu koordinieren, die er an den fernsten Orten der Erde unterstützte.

Kardinal Van Thuân war ein Mann der Hoffnung, er lebte von der Hoffnung und verbreitete sie unter allen, denen er begegnete. Dank dieser spirituellen Energie überwand er alle physischen und moralischen Schwierigkeiten. Die Hoffnung stütze ihn als Bischof, der 13 Jahre von seiner Diözesangemeinschaft isoliert war; die Hoffnung half ihm, in der Absurdität dessen, was ihm zustieß – es kam während seiner langen Gefangenschaft zu keiner einzigen Verhandlung –, ein Zeichen der göttlichen Vorsehung zu erahnen. Die Nachricht von seiner Krankheit, der Tumor, an dem er später starb, erreichte ihn fast gleichzeitig mit der Nachricht seiner Ernennung zum Kardinal durch Johannes Paul II., der für ihn große Wertschätzung und Zuneigung empfand. Kardinal Van Thuân pflegte gerne zu wiederholen, daß der Christ ein Mensch der Gegenwart, des »Jetzt« ist, des gegenwärtigen Augenblicks, der mit der Liebe Christi angenommen und gelebt werden soll. Diese Fähigkeit, im »Jetzt« der Gegenwart zu leben, läßt seine innerste Hingabe in die Hände Gottes durchscheinen sowie die dem Evangelium entsprechende Einfachheit, die wir alle an ihm bewundert haben. Ist es denn möglich, fragte er sich, daß derjenige, der auf den himmlischen Vater vertraut, sich dann sträubt, sich von ihm umarmen zu lassen?

Liebe Brüder und Schwestern, mit großer innerer Freude habe ich die Nachricht erhalten, daß das Seligsprechungsverfahren für diesen einzigartigen Propheten der christlichen Hoffnung eingeleitet wird. Während wir seine auserwählte Seele dem Herrn anvertrauen, bitten wir, daß sein Vorbild für uns eine echte Lehre sei. Mit diesem Wunsch segne ich euch alle von Herzen.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]