Benedikt XVI. über das Recht auf Religionsfreiheit

\"Gott wartet auf eine Antwort aus Liebe\"

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ROM, 5. Dezember 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache Papst Benedikts XVI. am zweiten Adventssonntag anlässlich des Angelusgebets. Vor Tausenden von Pilgern erinnerte der Heilige Vater vom Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast aus an die Fähigkeit des Menschen, die Wahrheit und Gott zu erkennen. Diese Fähigkeit bedeute zugleich die Aufgabe und das Recht, in aller Freiheit die Wahrheit zu suchen. Aus diesem Grund fordere die Kirche nachdrücklich das Recht auf Religionsfreiheit ein, das auch heute noch beschnitten wird.



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Liebe Brüder und Schwestern!

In dieser Adventszeit ist die Gemeinschaft der Kirche während der Vorbereitung auf die Feier des großen Geheimnisses der Menschwerdung dazu eingeladen, ihre persönliche Beziehung zu Gott neu zu entdecken und zu vertiefen. Das lateinische Wort \"adventus\" bezieht sich auf das Kommen Christi und hebt hervor, dass sich Gott zuallererst auf den Menschen hinbewegt. Jeder ist dazu berufen, ihm offen und mit freudiger Erwartung zu antworten, ihn zu suchen und ihm nahe zu bleiben. Und genauso wie Gott, der vollkommen frei ist, wenn er sich offenbart und hingibt, weil ihn nur die Liebe bewegt, so ist auch der Mensch, wenn er zu Gott Ja sagt, frei, obwohl er ihm dieses Ja im Grunde genommen schuldig ist. Aber Gott wartet auf eine Antwort, die aus Liebe gegeben wird. Als vollkommenes Vorbild dafür stellt uns die Liturgie in diesen Tagen die Jungfrau Maria vor Augen. Sie werden wir am Donnerstag im Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis betrachten.

Die Jungfrau hört auf Gott und ist immerfort bereit, den Willen des Herrn zu erfüllen. Sie ist Vorbild für den Gläubigen, der sich während seines ganzen Lebens auf der Suche nach Gott befindet. Mit diesem Thema sowie der Frage nach der Beziehung zwischen Wahrheit und Freiheit hat sich das Zweite Vatikanische Konzil ausführlich beschäftigt: Vor genau 40 Jahren verabschiedeten die Konzilsväter eine Erklärung über die Frage der Religionsfreiheit, das Recht des Einzelnen wie der Gemeinschaft, in Freiheit die Wahrheit suchen und den eigenen Glauben bekennen zu können. Die ersten Worte, die diesem Dokument auch seinen Namen geben, sind \"dignitatis humanae\" (\"Die Würde der menschlichen Person\"): Das Recht auf Religionsfreiheit entspringt der einzigartigen Würde des Menschen. Unter allen Geschöpfen dieser Erde ist nur der Mensch imstande, eine freiwillige und bewusste Beziehung mit seinem Schöpfer einzugehen.

\"Weil die Menschen Personen sind, das heißt mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, werden alle – ihrer Würde gemäß – von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft\", sagt das Zweite Vatikanische Konzil (DH 2). Auf diese Weise bekräftigt es die traditionelle katholische Lehre, wonach der Mensch, weil er ein geistiges Geschöpf ist, die Wahrheit erkennen kann und deshalb die Pflicht und das Recht hat, diese Wahrheit zu suchen (vgl. ebd. 3). Darauf aufbauend fordert das Konzil eine weit reichende Religionsfreiheit, die unter Berücksichtigung der legitimen Anforderungen der öffentlichen Ordnung sowohl Einzelpersonen wie auch den Gemeinschaften zugesichert werden muss.

Heute, nach 40 Jahren, ist diese Lehre des Konzils nach wie vor von großer Aktualität. Tatsächlich sind wir heute weit davon entfernt, dass das Recht auf Religionsfreiheit überall gesichert würde: In manchen Fällen wird sie aus religiösen oder ideologischen Gründen verweigert, in anderen wird sie zwar auf dem Papier anerkannt, aber de facto von der Politik oder – auf viel subtilere Art – von der vorherrschenden Kultur des Agnostizismus und Relativismus behindert.

Beten wir dafür, dass jeder Mensch die religiöse Berufung verwirklichen kann, die er in sich trägt. Die Jungfrau Maria möge uns helfen, damit wir im Antlitz des Kindes von Bethlehem, das sie in ihrem jungfräulichen Schoß empfangen hat, den göttlichen Erlöser erkennen mögen. Er ist in die Welt gekommen, um uns das wahre Antlitz Gottes zu offenbaren.

[Nach dem Angelusgebet begrüßte der Heilige Vater die Pilgergruppen. Auf Französisch sagte er:]

Ich begrüße die französischsprachigen Pilger, die heute hier anwesend sind. Bereitet dem Herrn in euren Herzen den Weg, indem ihr euch mit erneuter Aufmerksamkeit um die benachteiligten Menschen kümmert.

In dieser Woche werden wir am 9. Dezember den 30. Jahrestag der UN-Erklärung über die Rechte der Behinderten begehen. Aus diesem Anlass lade ich jeden ein, sich verstärkt für die behinderten Menschen in der Gesellschaft einzusetzen – in der Welt der Arbeit genauso wie in der christlichen Gemeinde. Erinnert euch und alle daran, dass jedes menschliche Leben Respekt verdient und von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende geschützt werden muss. Ich versichere allen, die sich dieser gewaltigen Aufgabe widmen, mein Gebet und meine Unterstützung.

[ZENIT-Übersetzung des mehrsprachigen Originals. Auf Deutsch sagte Papst Benedikt XVI.:]

Im Geiste adventlicher Besinnlichkeit grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Viele von euch haben heute die zweite Kerze am Adventskranz entzündet. Wir gehen auf Weihnachten zu und Gottes Gnade kommt uns entgegen. Seid wie der heilige Johannes der Täufer mit der ganzen Kraft eures Lebens Boten und Wegbereiter des Herrn Jesus Christus in unserer Zeit. Von Herzen wünsche ich euch allen eine gesegnete Adventszeit!