Benedikt XVI. über das Verhältnis von Kirche und Staat und die spezifische Berufung der Laien

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ROM, 27. Februar 2006 (ZENIT.org).- Im zweiten Teil seiner ersten Enzyklika, "Deus caritas est", hebt Benedikt XVI. die wichtige Rolle der katholischen Kirche und aller Christen beim Aufbau einer gerechteren Welt hervor, und er zeigt auf, worin der Auftrag der Kirche liegt und wodurch er sich vom Aufgabenbereich des Staates unterscheidet.



Ausgehend von dem Wort des Zweiten Vatikanischen Konzils von der "legitimen Autonomie der irdischen Wirklichkeiten" ("Gaudium et spes", 36) betont der Papst, dass die Politik mehr ist "als Technik der Gestaltung öffentlicher Ordnungen: Ihr Ursprung und Ziel ist die Gerechtigkeit, und die ist ethischer Natur" (28). Der Staat stehe immer vor den beiden Fragen: Was heißt Gerechtigkeit, und wie kann sie verwirklicht werden? Und genau in diesem Punkt berühren sich dem Heiligen Vater zufolge Politik und Glaube. Dabei gehe es keineswegs darum, Nichtglaubenden die Religion aufzwingen zu wollen. Vielmehr könne der Glaube die menschliche Vernunft reinigen, indem er sie befähigt, besser zu erkennen, was die Gerechtigkeit fordert. "Genau hier", so schreibt der Papst, "ist der Ort der katholischen Soziallehre anzusetzen", die von der Vernunft und vom Naturrecht her argumentiere, "das heißt von dem aus, was allen Menschen wesensgemäß ist".

Weit davon entfernt, ein bestimmtes politisches Programm propagieren zu wollen, möchte die katholische Soziallehre der "Gewissensbildung in der Politik dienen", so dass ein jeder in der Lage ist, seine eigene Verantwortung für den Aufbau einer gerechten Gesellschaftsordnung zu übernehmen. Da es sich dabei um eine politische Aufgabe handle, "kann dies nicht der unmittelbare Auftrag der Kirche sein", erklärt Benedikt XVI.

Die Kirche "kann und darf sich nicht an die Stelle des Staates setzen. Aber sie kann und darf jedoch auch nicht im Ringen um Gerechtigkeit abseits bleiben." Im Gegenteil: Die Förderung der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls "geht die Kirche zutiefst an".

An diesem Punkt angelangt, kehrt der Heilige Vater in seinem lehramtlichen Schreiben wieder zu seinem Hauptthema zurück: "Liebe – Caritas – wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft." Ein totaler Versorgungsstaat, der alles regelt und beherrscht, könne das, was jeder Mensch braucht, im Tiefsten nicht geben: "die liebevolle persönliche Zuwendung".

Der Glaube wird in der Liebe wirksam

Diese Liebe bringe den Menschen seelische Stärkung und Heilung, "die oft noch nötiger ist als die materielle Unterstützung", da das spezifisch Menschliche gerade darin besteht, "nicht vom Brot allein" zu leben.

Während es also nicht der unmittelbare Auftrag der Institution Kirche ist, für eine gerechte Ordnung in der Gesellschaft zu sorgen, kommt es den gläubigen Laien zu, sich für eine gerechte Gesellschaft einzusetzen und direkt am öffentlichen Leben teilzunehmen. Ihr politisches Wirken sollte von der Liebe beseelt sein und so zu einer Art "sozialen Liebestätigkeit" werden (vgl. 29). Dank der Massenkommunikationsmittel und der Globalisierung überschreite in unserer Zeit die Sorge für unseren Nächsten die Grenzen nationaler Gemeinschaft und sei bestrebt, die ganze Welt zu erreichen.

In diesem Zusammenhang weist Benedikt XVI. in seiner Enzyklika auf zahlreiche Formen der Zusammenarbeit zwischen staatlichen und kirchlichen Instanzen hin, die sich als fruchtbar erwiesen hätten. Ein besonderes Wort der Anerkennung und der Dankbarkeit richtet er an die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren.

Die kirchliche Liebestätigkeit dürfe jedoch seine volle Leuchtkraft, die von Christus kommt, nicht verlieren. Deshalb dürfe sie nicht "als eine Variante im allgemeinen Wohlfahrtswesen aufgehen" (31).

Nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters sei christliche Liebestätigkeit zunächst einfach die Antwort auf das, was in einer konkreten Situation unmittelbar Not tut: Hungrige speisen, Nackte bekleiden, Kranke auf Heilung hin behandeln. Dazu sei zunächst berufliche Kompetenz nötig. Aber diese allein genüge nicht. Für alle, die in den karitativen Organisationen der Kirche tätig sind, müsse es kennzeichnend sein, dass sie sich dem andern mit ganzem Herzen zuwenden, so dass ihr Handeln aus dem Glauben kommt, der – wie es der heilige Paulus im Brief an die Galater zum Ausdruck bringt, "in der Liebe wirksam wird".

Das christliche Liebestun dürfe nicht von Parteien und Ideologien abhängig sein und müsse sich des "Proselytismus" enthalten. "Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen." Dies bedeute allerdings nicht, dass das karitative Wirken des Christen Gott und Christus beiseite lassen müsste. In Liebe nehme man sich des ganzen Menschen an, und deshalb gehöre auch dessen Glauben dazu. Außerdem sei oft "gerade die Abwesenheit Gottes der tiefste Grund des Leidens". In diesem Sinn sollten wir nie anderen den Glauben der Kirche aufdrängen, aber auch erkennen, wann der rechte Augenblick da ist, von Gott zu reden.

Die spezifische Berufung der Laien

In seinem Brief vom 18. Oktober 2005 an den Präsidenten des italienischen Parlaments, Pier Ferdinando Casini, anlässlich des Jahrestags des Parlamentsbesuchs Johannes Pauls II. vor drei Jahren, versichert Benedikt XVI., dass die Kirche "keineswegs bestrebt ist, Privilegien für sich zu beanspruchen, sondern lediglich die Möglichkeit haben möchte, unter Achtung der legitimen Laizität des Staates ihre Mission zu erfüllen. Im Übrigen steht diese Natur, wenn sie richtig verstanden wird, nicht im Gegensatz zur christlichen Botschaft, sondern sie steht vielmehr in ihrer Schuld, wie die Wissenschaftler der Kulturgeschichte sehr wohl wissen." Der Papst bringt daher seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Mitglieder des Parlaments das Gedächtnis Johannes Pauls II. dadurch ehren würden, "indem sie sich für ihr Wirken an seinen Lehren inspirieren und die Formung der menschlichen Person ebenso fördern wie die Kultur, die Familie, die Schule, Vollbeschäftigung und würdige Arbeitsbedingungen – mit einer fürsorglichen Aufmerksamkeit für die Schwachen und für alte und neue Formen der Armut".

Papst Benedikt XVI. hat in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass das politische Handeln Sache der Laien sei und dass die Kirche ihrerseits die wichtige Rolle spiele, die Laien für diesen Auftrag inmitten der Welt zu befähigen und sie darin zu unterstützen.

In einem Schreiben (englische Fassung) vom 19. November an den Erzbischof von Mexico City, Kardinal Norberto Rivera Carrera, weist der Heilige Vater darauf hin, dass die Laien dazu berufen sind, "ihre berufliche Kompetenz und das Zeugnis ihres beispielhaften Lebens in den Dienst der Evangelisierung des gesellschaftlichen Lebens zu stellen, indem sie es gerechter und humaner gestalten".

In dem Brief, den der Papst anlässlich einer Konferenz verfasste, auf der das seit kurzem auch auf Deutsch erhältliche Kompendium der Soziallehre der katholischen Kirche vorgestellt wurde, spricht er davon, dass die Laien "eine solide Bildung brauchen, die sie dazu befähigt, in jeder konkreten Situation – unbeeinflusst von privaten Interessen oder opportunistischen Vorstellungen – zu erkennen, was der Menschheit als ganzer zum Guten dient und was die verschiedenen gesellschaftlichen Einrichtungen kennzeichnen sollte, wenn sie in Wahrheit das Gemeinwohl fördern sollen".

Am 3. Dezember kam Benedikt XVI. anlässlich des Empfangs einiger Bischöfe aus Polen wieder auf dieses Thema zurück. Er betonte, dass bei der Aufgabe, der heutigen Kultur Gott zu verkünden, die Rolle der Laien "unersetzlich" sei. "Ihr Glaubenszeugnis ist besonders beredt und wirksam, da es in der alltäglichen Wirklichkeit gegeben wird und in Bereiche dringen kann, die für einen Priester schwer zugänglich sind."

Benedikt XVI. ermutigte bei dieser Gelegenheit alle in der Politik engagierten Laien dazu, "ein klares, mutiges Zeugnis für die christlichen Werte zu geben, die sie – sollten sie bedroht sein – verteidigen müssen". Und er fügte hinzu: "Sie sollten dies in der Öffentlichkeit tun, in politischen Diskussionen und in den Medien."

Am 17. Dezember griff der Papst das Thema "christliche Politiker" erneut auf. Ihnen müsse dabei geholfen werden, sich ihrer christlichen Identität und auch der überall und immer gültigen moralischen Werte bewusst zu werden, die in der menschlichen Natur begründet sind. Dann wären sie in der Lage, bei ihrem politischen Wirken von dem geleitet zu werden, "was ihnen ihr christliches Gewissen sagt".