Benedikt XVI. über den alles überragenden Gott, der den Menschen liebt

Katechese zu Psalm 113 (112), "Der Name des Herrn sei gepriesen"

| 194 klicks

ROM, 18. Mai 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Katechese, die Papst Benedikt XVI. am heutigen Mittwoch vor rund 25.000 Pilgern auf dem Petersplatz gehalten hat. Bei seiner vierten Generalaudienz betrachtete der Heilige Vater den Lobgesang "Der Name des Herrn sei gepriesen", Psalm 113 (112). Er wird in der ersten Vesper am Sonntag der dritten Woche gebetet.



* * *



Lobet, ihr Knechte des Herrn,
lobt den Namen des Herrn!
Der Name des Herrn sei gepriesen
von nun an bis in Ewigkeit.
Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang
sei der Name des Herrn gelobt.

Der Herr ist erhaben über alle Völker,
seine Herrlichkeit überragt die Himmel.
Wer gleicht dem Herrn, unserm Gott,
im Himmel und auf Erden,
ihm, der in der Höhe thront,
der hinabschaut in die Tiefe,
der den Schwachen aus dem Staub emporhebt
und den Armen erhöht, der im Schmutz liegt?

Er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen,
bei den Edlen seines Volkes.
Die Frau, die kinderlos war, lässt er im Hause wohnen;
sie wird Mutter und freut sich an ihren Kindern.



Liebe Brüder und Schwestern!

Bevor wir kurz den Psalm betrachten wollen, den wir eben gesungen haben, möchte ich daran erinnern, dass heute der Geburtstag von unserem geliebten Papst Johannes Paul II. ist. Er wäre heute 85 Jahre alt geworden. Wir sind davon überzeugt, dass er uns jetzt vom Himmel aus sieht und bei uns ist. Bei dieser Gelegenheit wollen wir dem Herrn aus ganzem Herzen dafür danken, dass er uns diesen Papst geschenkt hat, und wir wollen auch dem Papst selbst für alles danken, was er getan und erlitten hat.

1. In seiner Einfachheit und Schönheit ist gerade Psalm 113 (112) erklungen, der ein echtes Eingangstor zu einer kleinen Sammlung von Psalmen ist, die von 113 bis 118 (112 bis 117) gehen und gewöhnlich als "ägyptischer Hallel" bezeichnet werden. Er ist das Halleluja, also der Lobgesang, der die Befreiung aus der Sklaverei des Pharaos und die Freude Israels bejubelt, dem Herrn im verheißenen Land in Freiheit dienen zu dürfen (vgl. Ps 114).

Es ist kein Zufall, dass die jüdische Tradition dieser Reihe von Psalmen mit der Osterliturgie in Verbindung gebracht hat. Die Feier dieses Ereignisses wurde gemäß seiner historisch-gesellschaftlichen und vor allem seiner spirituellen Dimension als Zeichen für die Befreiung vom Bösen in all seinen vielfältigen Erscheinungsformen gesehen.

Der Psalm 113 (112) ist ein kurzer Hymnus, der im hebräischen Original nur aus rund 60 Worten besteht, die erfüllt sind von Gefühlen des Vertrauens, des Lobes und der Freude.

2. Die erste Strophe (vgl. Ps 113,1-3) bejubelt "den Namen des Herrn", der in der biblischen Sprache bekanntlich die Person Gottes selbst, seine lebendige und wirkende Gegenwart in der menschlichen Geschichte bezeichnet.

Dreimal erklingt mit einer begeisterten Beharrlichkeit "der Name des Herrn" im Mittelpunkt dieses Anbetungsgebets. Alles Sein und alle Zeiten – "vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang", sagt der Psalmist (Vers 3) – vereinen sich in einer einzigen Danksagung. Es ist, als steige ein nie endender Atemzug von der Erde in den Himmel auf, um den Herrn, den Schöpfer des Weltalls und den König der Geschichte, zu bejubeln.

3. Gerade durch diese aufsteigende Bewegung führt uns der Psalm zum göttlichen Geheimnis. Der zweite Teil (vgl. Verse 4-6) feiert tatsächlich die Transzendenz des Herrn, die mit vertikalen Bildern umschrieben wird, die den rein menschlichen Horizont übersteigen. Man proklamiert: Der Herr ist "erhaben" und "thront in der Höhe", und niemand kann ihm gleichen; sogar, um in den Himmel zu schauen, muss er "hinabschauen in die Tiefe", denn "seine Herrlichkeit überragt die Himmel" (Vers 4).

Der Blick Gottes richtet sich auf die ganze Wirklichkeit, auf die irdischen und die himmlischen Lebewesen. Aber seine Augen sind dennoch nicht hochmütig oder distanziert wie die eines kalten Kaisers. Der Herr, so sagt der Psalmist, schaut "in die Tiefe" herab (Vers 6).

4. So kommen wir zum letzten Satz des Psalms (vgl. Verse 7-9), der die Aufmerksamkeit von den himmlischen Höhen zu unserem irdischen Horizont lenkt. Der Herr lässt sich herab zu unserer Winzigkeit und Unwürdigkeit, die uns dazu führen würden, uns aus Furcht zurückzuziehen. Mit seinem liebevollen Blick und seiner wirksamen Bemühung weist er direkt auf die Letzten und Ärmsten in der Welt, denn er "hebt den Schwachen aus dem Staub empor" und "erhöht den Armen, der im Schmutz liegt" (vgl. Vers 7).

Gott bückt sich vor den Bedürftigen und Leidenden, um sie zu trösten. Und dieser Ausdruck findet seinen letzte Sinn, seinen größten Realismus in dem Augenblick, in dem Gott sich so sehr erniedrigt, dass er sogar Fleisch annimmt, um einer von uns zu werden, einer der Armen dieser Welt. Dem Armen verleiht er die größte Ehre, denn "er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen", ja, "bei den Edlen seines Volkes" (Vers 8). Der einsamen und kinderlosen Frau, die von der damaligen Gesellschaft wie ein vertrockneter und unbrauchbarer Ast gedemütigt worden ist, gewährt der Herr die Ehre und die große Freude, viele Kinder zu haben (vgl. Vers 9). Daher lobt der Psalmist einen Gott, der in seiner Größe sehr verschieden von uns ist, der aber zugleich seinen Geschöpfen, die leiden, sehr nahe ist.

Es fällt leicht, sich in diesen Schlussversen des Psalms 113 den Prototyp für die Worte Mariens im 'Maginfikat' vorzustellen, dem Gesang über die Entscheidungen Gottes, der "auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut hat" (vgl. Lk 1,48). Weit radikaler als unser Psalm verkündet Maria, dass Gott "die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht" (vgl. Lk 1,52; Ps 112,6-8).

5. Ein sehr alter "Vesper-Hymnus", der in den so genannten "Konstitutionen der Apostel (VII, 48) aufbewahrt worden ist, nimmt den freudigen Beginn unseres Psalms wieder auf und spinnt ihn weiter. Wir erinnern an ihn am Ende unserer Betrachtung, um eine "christliche" Lesart anzubieten, wie sie die Gemeinde in der Anfangszeit geschaffen hat:
"Lobt, ihr Kinder, den Herrn,
lobt den Namen des Herrn.
Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an
wegen deiner unendlichen Herrlichkeit.
Herr König, Vater von Christus, dem makellosen Lamm,
das hinweg nimmt die Sünde der Welt.
Dir gebührt Lob, Ruhm und Herrlichkeit,
von Gott Vater durch den Sohn im Heiligen Geist
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen."
(S. Pricoco und M. Simonetti, "Das Gebet der Christen" – "La preghiera dei cristiani", Mailand 2000, 97).

[Übersetzung des italienischen Originals durch ZENIT. Nach der Katechese verlas der Heilige Vater in verschiedenen Sprachen eine Zusammenfassung. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Ein Hymnus des Vertrauens, der Lobpreisung und der Freude ist Psalm 113, der die Reihe der "Hallelpsalmen" eröffnet, die an die Befreiung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens erinnern. Der Name des Herrn, Gott selbst, steht darin im Mittelpunkt. Alles Sein und alle Zeit sind hineingenommen in ein einziges Dankgebet: "Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang sei der Name des Herrn gelobt!" (Ps 113, 3). Unaufhörlich steigt der Lobgesang des Gottesvolkes zum Schöpfer und Herrn der Geschichte auf. Seine Herrlichkeit überragt Himmel und Erde. Doch dies bedeutet keineswegs, dass Gott dem Menschen fernbliebe. In unerschöpflicher Liebe blickt er auf die Bedürftigen und Leidenden, die er tröstet und denen er zu Hilfe eilt. Der Lobpreis der Größe Gottes ist deshalb zugleich Ausdruck des Vertrauens auf seine rettende Nähe.

Mit Freude heiße ich die Pilger und Besucher aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aus Luxemburg und aus den Niederlanden willkommen. Besonders grüße ich den Domchor Klagenfurt und das Philharmonische Orchester Augsburg.

Euer ganzes Leben sei ein Lobpreis Gottes! Der Herr ist uns immer und überall nahe. Sein Geist führe und leite euch. Allen Schülerinnen und Schülern, die heute hier sind, wünsche ich erholsame Pfingstferien!