Benedikt XVI. über den frühchristlichen Theologen Tertullian (* um 150; † um 230)

Der christliche Glaube verleiht menschlichen Werten Festigkeit

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ROM, 30. Mai 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz gehalten hat.

Der Heilige Vater betrachtete die Gestalt des Tertullian, dessen Lehre man nicht unterschätzen dürfe, auch wenn er aufgrund eines Mangels an Demut die kirchliche Gemeinschaft schließlich verlassen habe. „Das wesentliche Merkmal eines großen Theologen besteht in der Demut, mit der Kirche verbunden zu sein, ihre und die eigenen Schwächen zu akzeptieren, denn Gott allein ist wirklich ganz heilig. Wir hingegen bedürfen immer der Vergebung.“

Der Philosoph aus Afrika hatte die Christen unter anderem zur bedingungslosen Gewaltlosigkeit aufgefordert: Durch Anfeindung, Verfolgung und Mord würden die Christen nur noch zahlreicher: „Ein Same ist das Blut der Christen“ (semen est sanguis christianorum). Dieses Wort, das dem Werk Apologeticum entnommen ist, kommentierte Benedikt XVI. mit den Worten: „Das Martyrium, das Leiden um der Wahrheit willen, sind am Ende siegreicher und wirksamer als die Grausamkeit und die Gewalt der totalitären Regime.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Mit der heutigen Katechese nehmen wir den Faden wieder auf, der aufgrund der Reise nach Brasilien unterbrochen worden ist, und fahren fort, über die großen Persönlichkeiten der alten Kirche zu sprechen: Sie sind Meister der Glaubens auch für uns heute und Zeugen der immerwährenden Aktualität des christlichen Glaubens. Heute sprechen wird über einen Afrikaner, Tertullian, der zwischen dem Ende des zweiten und dem Beginn des dritten Jahrhunderts die christliche Literatur in lateinischer Sprache einleitet. Mit ihm nimmt eine in dieser Sprache formulierte Theologie ihren Anfang. Sein Werk hat große Früchte hervorgebracht, die unterzuberwerten unverzeihbar wären. Sein Einfluss entfaltet sich auf verschiedenen Ebenen: von der Sprache und der Wiederaufnahme der klassischen Kultur bis hin zur Identifizierung einer gemeinsamen „christlichen Seele“ in der Welt und der Formulierung neuer Vorschläge zum menschlichen Zusammenleben. Wir besitzen keine genaue Kenntnis über sein Geburts- und Todesdatum. Wir wissen hingegen, dass er am Ende des zweiten Jahrhunderts in Karthago von heidnischen Eltern und Lehrern eine solide Ausbildung in Rhetorik, Philosophie, Rechtswissenschaft und Geschichte erhalten hat. Er bekehrte sich dann zum Christentum, da er – wie es scheint – vom Beispiel der christlichen Märtyrer angezogen wurde. Seine berühmtesten Schriften begann er im Jahr 197 zu veröffentlichen. Eine zu individuelle Suche nach der Wahrheit aber, verbunden mit charakterlicher Unmäßigkeit – er war ein strenger Mann – führten ihn Schritt für Schritt dazu, die Gemeinschaft mit der Kirche zu verlassen und der Sekte des Montanismus beizutreten. Dennoch verleihen ihm die Originalität des Denkens und die eindringliche Kraft der Sprache eine herausragende Stellung in der alten christlichen Literatur.

Vor allem seine apologetischen Schriften sind berühmt. Sie offenbaren zwei Hauptabsichten: die Entkräftung der sehr schwerwiegenden, von den Heiden gegen die neue Religion vorgebrachten Anklagen und – die positiver ausgerichtete und missionarischere Absicht – die Übermittlung der Botschaft des Evangeliums im Dialog mit der Kultur der Zeit. Sein bekanntestes Werk, das Apologeticum, klagt das ungerechte Verhalten der politischen Autoritäten gegenüber der Kirche an; es erklärt und verteidigt die Lehren und Sitten der Christen; es identifiziert die Unterschiede zwischen der neuen Religion und den philosophischen Hauptströmungen der Zeit; es offenbart den Triumph des Geistes, der der Gewalt der Verfolger das Blut, das Leiden und die Geduld der Märtyrer entgegensetzt: „Und doch“, so schreibt der Afrikaner, „nützt die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nichts: Sie ist für unsere Gemeinschaft eher eine Einladung. Wir werden jedes Mal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden: Ein Same ist das Blut der Christen (semen est sanguis christianorum!)“ (Apologeticum 50,13). Das Martyrium, das Leiden um der Wahrheit willen, sind am Ende siegreicher und wirksamer als die Grausamkeit und die Gewalt der totalitären Regime.

Tertullian jedoch fühlt wie jeder gute Apologet das Bedürfnis, das Wesen des Christentums positiv mitzuteilen. Dazu wendet er die spekulative Methode an, um die vernünftigen Grundlagen des christlichen Dogmas zu erklären. Er vertieft sie systematisch, angefangen bei der Beschreibung des „Gottes der Christen“: „Gegenstand unserer Verehrung ist der eine Gott“, bezeugt der Apologet. Und er fährt fort, indem er die für seine Sprache charakteristischen Antithesen und Paradoxe benutzt: „Er ist unsichtbar, obwohl er gesehen wird; ungreifbar, obwohl er mittels seiner Gnade gegenwärtig ist; unfassbar, obwohl die menschlichen Sinne ihn fassen können – deshalb ist er wahr und groß!“ (ebd. 17,1-2).

Darüber hinaus machte Tertullian einen enormen Schritt in der Entwicklung des Dogmas der Dreifaltigkeit; er hat uns auf Lateinisch die angemessene Sprache gegeben, um dieses große Geheimnis in Worte zu fassen, indem er die Begriffe „eine Substanz“ und „drei Personen“ eingeführt hat. Auf ähnliche Weise hat er auch die korrekte Sprache entwickelt, um das Geheimnis Christi, Sohn Gottes und wahrer Mensch zum Ausdruck zu bringen.

Der Afrikaner befasst sich auch mit dem Heiligen Geist und zeigt dessen personalen und göttlichen Charakter auf: „Wir glauben, dass seiner Verheißung nach Jesus Christus durch den Vater den Heiligen Geist sandte, den Paraclitus, den Heiliger des Glaubens derer, die an den Vater, den Sohn und den Geist glauben“ (ebd. 2,1). Weiters sind in den Werken des Afrikaners zahlreiche Texte über die Kirche zu lesen, die Tertullian immer als „Mutter“ anerkennt. Auch nach seinem Beitritt zum Montanismus hat er nicht vergessen, dass die Kirche die Mutter unseres Glaubens und unseres christlichen Lebens ist. Er beschäftigt sich auch mit der sittlichen Lebensführung der Christen und dem künftigen Leben. Seine Schriften sind wichtig, auch um in den christlichen Gemeinden lebendige Tendenzen hinsichtlich der seligen Jungfrau Maria, der Sakramente der Eucharistie, der Ehe und der Versöhnung, des petrinischen Primats, des Gebets… zu erfassen. In jenen Zeiten der Verfolgung, in denen die Christen als eine verlorene Minderheit erschienen, ermahnt sie der Apologet in besonderer Weise zur Hoffnung, die – nach seinen Schriften – nicht einfach eine in sich stehende Tugend ist, sondern eine Seinsweise, die jeden Aspekt des christlichen Daseins betrifft. Wir haben die Hoffnung, dass die Zukunft uns gehört, weil die Zukunft Gott gehört. So wird die Auferstehung des Herrn als Grund unserer künftigen Auferstehung vorgestellt und repräsentiert den Hauptgegenstand des Vertrauens der Christen: „Das Fleisch wird auferstehen“, sagt der Afrikaner kategorisch: „und zwar jedes Fleisch – gerade das Fleisch und das ganze Fleisch. Wo auch immer es sich befindet, es ist in Sicherheit bei Gott hinterlegt durch den treuesten Mittler zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus, welcher den Menschen Gott und Gott die Menschen wiedergeben wird“ (Über die Auferstehung des Fleisches 63,1).

Vom menschlichen Gesichtspunkt aus kann man zweifellos von einem Drama Tertullians sprechen. Im Verlauf der Jahre wurde er den Christen gegenüber immer anspruchsvoller. Er verlangte von ihnen, in jeder Lage und vor allem unter Verfolgung ein heldenhaftes Verhalten. Er war starr in seinen Positionen, sparte nicht mit scharfer Kritik und fand sich schließlich unvermeidlich isoliert vor. Im Übrigen bleiben auch heute viele Fragen offen, die nicht nur das theologische und philosophische Denken Tertullians betreffen, sondern auch seine Haltung gegenüber den politischen Institutionen und der heidnischen Gesellschaft. Diese große moralische und intellektuelle Persönlichkeit lässt mich viel nachdenken, dieser Mann, der für das christliche Denken einen so großen Beitrag geleistet hat. Am Ende ist zu sehen, dass ihm die Einfachheit, die Demut fehlt, sich in die Kirche einzugliedern, ihre Schwächen zu akzeptieren, mit den anderen und mit sich selbst tolerant zu sein. Wenn man nur sein eigenes Denken in seiner Größe sieht, so ist es am Ende gerade diese Größe, die verloren geht. Das wesentliche Merkmal eines großen Theologen besteht in der Demut, mit der Kirche verbunden zu sein, ihre und die eigenen Schwächen zu akzeptieren, denn Gott allein ist wirklich ganz heilig. Wir hingegen bedürfen immer der Vergebung.

Wie dem auch sei, der Afrikaner bleibt ein interessanter Zeuge der ersten Zeiten der Kirche, als sich die Christen als echte Subjekte einer „neuen Kultur“ im Vergleich zwischen klassischem Erbe und Botschaft des Evangeliums vorfanden. Von ihm stammt die berühmte Aussage, nach der unsere Seele „naturaliter - von Natur aus - christlich ist“ (Apologeticum 17,6), in der Tertullian die ewige Kontinuität zwischen den echten menschlichen und den christlichen Werten wachruft; und auch seine andere Reflexion, die direkt dem Evangelium entnommen ist, nach der „der Christ nicht einmal die eigenen Feinde hassen kann“ (vgl. Apologeticum 37), in der die unausweichliche sittliche Folge der Glaubensentscheidung die „Gewaltlosigkeit“ als Lebensregel vorschlägt: Und jeder sieht die dramatische Aktualität dieser Lehre auch im Licht der heftigen Debatte über die Religionen.

In den Schriften des Afrikaners sind also zahlreiche Themen auszumachen, die anzugehen wir noch heute berufen sind. Sie bringen uns zu einer fruchtbaren inneren Suche, zu der ich alle Gläubigen ermahne, damit sie es verstehen, in immer überzeugender Weise die Regel des Glaubens zum Ausdruck zu bringen; jene Regel – um noch einmal auf Tertullian zurückzukommen –, „nach der wir glauben, es gebe schlechthin nur einen einzigen Gott und keinen anderen neben dem Weltschöpfer: Er hat alles aus dem Nichts hervorgebracht durch sein Wort, das vor allen Dingen gezeugt worden ist“ (Vom prinzipiellen Einspruch gegen die Häretiker 13,1).

[Das Manuskript, das dem Heiligen Vater bei der Zusammenfassung seiner Katechese auf Deutsch als Grundlage diente, besagt:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der heutigen Katechese wenden wir uns dem nordafrikanischen Schriftsteller Tertullian zu, mit dem gegen Ende des zweiten Jahrhunderts die christliche Literatur in lateinischer Sprache ihren Anfang nahm. Die Person und das Leben dieses wichtigen christlichen Lehrers haben auch ihre Schattenseiten: Seine zu sehr auf sich selbst gestellte Suche nach der Wahrheit und seine teilweise sehr harten Urteile über seine Mitchristen führten ihn in eine fortschreitende Isolierung; er verließ schließlich die Gemeinschaft der Kirche und gründete eine Sekte. Viele seiner Aussagen sind aber weiter von Bedeutung für das Glaubensverständnis der Kirche. So stammt von ihm das bekannte Wort über das Zeugnis der Märtyrer: Semen est sanguis christianorum; das Blut der Christen, die in Zeiten der Verfolgung aus Liebe zu Gott den Tod erleiden, ist eine Saat, die aufgeht und reiche Frucht bringt. In diesem Bild kommt auch die Hoffnung auf die Auferstehung zum Ausdruck. Von großem Interesse für unsere Zeit ist schließlich die Überzeugung Tertullians, dass die Seele des Menschen „von Natur her christlich“ (naturaliter christiana) ist. Der christliche Glaube und die Gnade Gottes stehen nicht nur nicht im Widerspruch zu den menschlichen Werten, sondern führen diese zur Reifung und verleihen ihnen Festigkeit.

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Voll Freude begrüße ich die zahlreichen Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum. Unter ihnen heiße ich besonders die Sänger und Musiker aus dem Bamberger Dom und aus Traunstein willkommen, sowie die zahlreichen Jugendlichen und Ministranten. Der Heilige Geist mache uns alle zu lebendigen Gliedern der Kirche und zu mutigen Zeugen des Evangeliums. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Aufenthalt in Rom.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]