Benedikt XVI. über den göttlichen Hirten, der niemals im Stich lässt

Kommentar zu Psalm 121, "Der Hüter Israels"

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ROM, 4. Mai 2005 (ZENIT.org).- Vor rund 13.000 Gläubigen aus Italien und der ganzen Welt setzte Papst Benedikt XVI. am Mittwoch die Tradition der Generalaudienzen auf dem Petersplatz fort, und zwar genau dort, wo sein Vorgänger Johannes Paul II. seine Katechese über die Psalmen und Gesänge aus dem Stundengebet unterbrochen hatte. Der Heilige Vater kommentierte Psalm 121 (120), "Der Hüter Israels", aus der Vesper vom Freitag der zweiten Woche.



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Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er lässt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht.
Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten; er steht dir zur Seite.
Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht.
Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben.
Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit.



1. Wie ich bereits am vergangenen Mittwoch angekündigt habe, möchte ich mit der Katechese über die Psalmen und Gesänge der Vesper fortfahren und mich dabei jener Texte bedienen, die mein Vorgänger Johannes Paul II. vorbereitet hat.

Der Psalm 121 (120), den wir heute betrachten, gehört zur Sammlung der "Auferstehungsgesänge" oder zur Wallfahrt zum Tempel von Zion, wo man den Herrn treffen wollte. Es handelt sich um einen Psalm des Vertrauens, denn in ihm kommt sechsmal das hebräische Verb "shamar" vor: "behüten, beschützen". Gott, dessen Name wiederholt angerufen wird, erscheint als ein "Hüter", der immer wach, aufmerksam und zur Stelle ist und der sein Volk behütet, um es vor jeder Gefahr zu beschützen.

Der Gesang beginnt damit, dass der Beter den Blick in die Höhe richtet, "auf zu den Bergen", das heißt, zu den Hügeln, auf denen Jerusalem liegt. Von dort kommt die Hilfe, denn dort wohnt der Herr in seinem heiligen Tempel (vgl. Verse 1-2). Aber diese "Berge" können auch jene Stätten sein, an denen sich die Heiligtümer der falschen Götter befinden, die so genannte "Kulthöhen", die im Alten Testament häufig verurteilt werden (vgl.1 Kön 3,2; 2 Kön 18,4). In diesem Fall käme es aber zu einem Widerstreit: Während der Pilger in Richtung Zion voranschreitet, fällt sein Blick auf die heidnischen Tempel, die für ihn eine große Versuchung darstellen. Aber sein Glaube ist unerschütterlich und seine Gewissheit nur eine: "Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat" (Psalm 121,2).

2. Dieses Vertrauen wird im Psalm durch das Bild des Hüters und Wächters zum Ausdruck gebracht, der wacht und behütet. Es wird sogar auf die Füße, die auf dem Weg des Lebens nicht ins Wanken kommen, angespielt (vgl. Vers 3), und auf den Hirten, der in der tiefsten Nacht über seine Herde wacht, ohne zu schlafen oder zu schlummern (vgl. Vers 4). Der göttliche Hirte nimmt sich bei dem Werk, sein Volk zu beschützen, keine Ruhepause.

Dann kommt ein anderes Symbol hinzu, nämlich der "Schatten", der die Wiederaufnahme der Reise am sonnigen Tag ermöglicht (vgl. Vers 5). Man denkt an den historischen Marsch in der Wüste Sinai, wo der Herr vor dem israelischen Volk herzieht – "bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten" (Ex 13,21).

In diesem Sinn wird in den Psalmen nicht selten gebetet: "Birg mich im Schatten deiner Flügel..." (Ps 17,8; vgl. Ps 91,1).

3. Nach der Nachtwache und dem Schatten gibt es ein drittes Symbol: Der Herr, der dem Glaubenden "zur Seite steht" (vgl. Ps 121,5). Dies ist die Haltung des Militär- oder Strafverteidigers und drückt die Gewissheit aus, dass man zur Zeit der Prüfung, beim Angriff des Bösen und in der Verfolgung nicht allein gelassen wird.

An diesem Punkt angelangt, kehrt der Psalmist zu dem Motiv einer heißen Tagesreise zurück, auf der Gott Schutz vor der glühenden Sonne bietet.

Aber auf den Tag folgt die Nacht. Im Altertum hat man gedacht, dass sogar die Strahlen des Mondes schädlich sein würden und Fieber, Blindheit oder sogar Wahnsinn verursachen könnten. Deshalb schützt uns der Herr auch in der Nacht (vgl. Vers 6).

Nun gelangt der Psalm mit einer zusammenfassenden Vertrauenserklärung zu seinem Ende: Gott wird uns in jedem Augenblick voller Liebe behüten, indem er unser Leben vor allem Bösen bewahrt (vgl. Vers 7). All unser Tun, das in den beiden Verben "fortgehen" und "wiederkommen" zusammengefasst wird, steht immer unter dem wachsamen Blick des Herrn. Ihm gehört all unser Tun und unsere ganze Zeit, "von nun an bis in Ewigkeit" (Vers 8).

4. Wir möchten diese letzte Vertrauenserklärung mit einem geistlichen Zeugnis aus der antiken christlichen Überlieferung kommentieren. Tatsächlich finden wir im Brief des Barsanuphios von Ghaza (gestorben in der Mitte des 6. Jahrhunderts), einem sehr berühmten Asketen, der gleichermaßen von Mönchen, Kirchenmännern und Laien aufgrund seiner weisen Unterscheidungsgabe aufgesucht wurde, wiederholt den Psalmvers: "Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben." Damit wollte er diejenigen stärken, die ihm von den Mühsalen, Prüfungen, Gefahren und dem Unglück in ihrem Leben erzählt hatten.

Einmal antwortet Barsanuphios einem Mönch, der ihn darum bittet, für ihn und seine Gefährten zu beten, folgendermaßen: "Meine geliebten Söhne, ich umarme euch im Herrn, den ich anflehe, dass er euch 'vor allem Bösen behüten' möge und euch Unterstützung gewähre wie dem Hiob, Gnade wie dem Josef, Milde wie dem Mose, Kampfesmut wie dem Josua, Sohn des Nun, Beherrschung der Gedanken wie den Richtern, Unterwerfung der Feinde wie den Königen David und Salomon und Fruchtbarkeit der Erde wie den Israeliten... Zusammen mit der körperlichen Heilung schenke er euch wie dem Gelähmten die Vergebung eurer Sünden. Er rette euch wie den Petrus aus den Wellen und wie den Paulus und die übrigen Apostel von den Strapazen der Verfolgung. 'Er behüte euch vor allem Bösen', wie seine wahren Söhne, und er schenke euch das, was euer Herz erbittet und was in seinem Namen zum Vorteil der Seele und des Leibes gereicht. Amen" (Barsanuphios und Johannes von Ghaza, Epistolario, 194: Collana di Testi Patristici, XCIII, Rom 1991, S. 235-236).

[Auf Deutsch sagte der Heilige Vater:]

Gott ist der Hüter seines Volkes. Diese Gewissheit bestimmt den Beter von Psalm 121: "Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht; er steht seinen Getreuen zur Seite" (vgl. Vers 4 f). Ob bei Tag oder in der Nacht: Der Herr ist immer zugegen und verabschiedet sich niemals aus dem Leben seines Volkes. Festes Vertrauen in Gottes Gegenwart und Hilfe gibt unserem Tun zu jeder Zeit Richtung und Sicherheit. Daher beten wir Christen gerne mit den Worten des Psalmisten: "Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat" (Ps 121,2).

Sehr herzlich heiße ich die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Besonders grüße ich die Eltern, Freunde und Verwandten meiner Schweizergardisten, die zur der Vereidigung der Rekruten nach Rom gekommen sind, sowie eine Delegation des
Bayerischen Landtags.

Unsere Hilfe kommt vom Herrn. Der gütigen Führung Gottes dürfen wir uns in jeder Lebenslage anvertrauen. Sein Segen begleite euch! Euch allen eine frohe Zeit in der "Ewigen Stadt"!

[Deutsche Übersetzung des italienischen, vom Heiligen Stuhl herausgegebenen Originals durch ZENIT]