Benedikt XVI. über den heiligen Märtyrer Justin

Sein Werk verdeutlicht „die entschiedene Option der Urkirche für die Philosophie, für die Vernunft“

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ROM, 21. März 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. am Mittwochvormittag bei der Generalaudienz gehalten hat.



In Fortführung seiner Katechesen-Reihe über die Kirchenväter des ersten und zweiten Jahrhunderts betrachtete der Papst die Gestalt des heiligen Märtyrers Justin († zwischen 163 und 167 n. Chr.). Der große Apologet, der im Christentum die einzig sichere Philosophie entdeckt habe, zeige allen, dass die Philosophie „einen bevorzugten Platz der Begegnung zwischen Heidentum, Judentum und Christentum und auch der Hinführung zu Jesus Christus“ darstelle.

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Liebe Brüder und Schwestern!

In diesen Katechesen denken wir über die großen Gestalten der entstehenden Kirche nach. Heute sprechen wir über den Philosophen und heiligen Märtyrer Justin, den bedeutendsten Apologeten unter den Kirchenvätern des zweiten Jahrhunderts. Mit dem Wort „Apologet“ werden jene christlichen Schriftsteller des Altertums bezeichnet, die es sich vorgenommen hatten, die neue Religion gegen die schwerwiegenden Anklagen von Heiden und Juden zu verteidigen und die christliche Lehre in einer Sprache zu verbreiten, die für die Kultur ihrer Zeit geeignet war. So ist in den Apologeten eine zweifache Sorge gegenwärtig: die im eigentlichen Sinne apologetische Sorge, das im Entstehen begriffene Christentum zu verteidigen (das griechische Wort „apología“ bedeutet „Verteidigung“), sowie jene vorschlagende, „missionarische“ Sorge, die darin besteht, die Glaubensinhalte in einer Sprache und mit Denkkategorien darzulegen, die für die Zeitgenossen verständlich waren.

Justin wurde um das Jahr 100 in der Nähe des alten Sichem in Samarien im Heiligen Land geboren. Für lange Zeit war er auf der Suche nach der Wahrheit und wandelte so durch die verschiedenen Schulen der griechischen philosophischen Tradition. Wie er selbst in den ersten Kapiteln seines „Dialogs mit Tryphon“ erzählt, stürzte ihn schließlich ein Greis, dem er am Meeresstrand begegnet war, zunächst in eine Krise, indem er ihm die Unfähigkeit des Menschen offenbarte, das Streben nach dem Göttlichen allein aus eigener Kraft zu befriedigen. Sodann zeigte er ihm in den alten Propheten jene Menschen, an die er sich wenden konnte, um den Weg Gottes und die „wahre Philosophie“ zu finden. Bei der Verabschiedung ermahnte ihn der Greis, zu beten – auf dass für ihn die Tore des Lichts aufgetan würden.

Diese Erzählung deutet das entscheidende Ereignis im Leben des Justin an: Am Ende eines langen philosophischen Wegs der Suche nach der Wahrheit gelangte er schließlich zum christlichen Glauben. Er gründete eine Schule in Rom, wo er die Schüler unentgeltlich in die neue Religion einführte, die er als die wahre Philosophie ansah. In ihr hatte er nämlich die Wahrheit und somit die Kunst des rechten Lebens gefunden. Aus diesem Grund wurde er angezeigt und unter der Herrschaft des Philosophenkaisers Mark Aurel, an den Justin seine „Apologie“ gerichtet hatte, um das Jahr 165 enthauptet.

Diese beiden – die zwei „Apologien“ und der „Dialog mit dem Juden Tryphon“ – sind die einzigen Werke, die von ihm erhalten sind. In ihnen verfolgt Justin vor allem das Ziel, den göttlichen Schöpfungs- und Heilsplan auseinanderzusetzen, der sich in Jesus Christus erfüllt: im Logos, das heißt im ewigen Wort, der ewigen Vernunft, der schöpferischen Vernunft.

Jeder Mensch hat als vernunftbegabtes Geschöpf am Logos Anteil; er trägt dessen „Samenkorn“ in sich und kann das Schimmern der Wahrheit erfassen. So zeigte sich derselbe Logos, der sich den Juden gleichsam in prophetischer Gestalt im Alten Gesetz offenbart hat, in unvollständiger Weise gleichsam in „Samenkörnern der Wahrheit“ auch in der griechischen Philosophie. Justin schließt nun folgendermaßen: Da das Christentum die historische und personale Offenbarung des Logos in seiner Ganzheit ist, folgt daraus, dass „alles, was irgendeiner an Schönem zum Ausdruck gebracht hat, uns Christen angehört“ (2 Apol. 13,4).

Auch wenn Justin der griechischen Philosophie ihre Widersprüchlichkeiten vorwirft, richtet er damit jede philosophische Wahrheit entschlossen auf den Logos aus und begründet auf diese Weise von einem vernünftigen Standpunkt aus den einzigartigen „Anspruch“ der christlichen Religion auf Wahrheit und Universalität. Während das Alte Testament nach Christus strebt, so wie ein Sinnbild auf eine bedeutete Wirklichkeit hin ausgerichtet ist, so zielt auch die griechische Philosophie auf Christus und das Evangelium ab, so wie der Teil danach verlangt, sich mit dem Ganzen zu vereinen. Und Justin sagt, dass diese beiden Wirklichkeiten, das Alte Testament und die griechische Philosophie, wie die beiden Straßen sind, die zu Christus führen, zum Logos. Somit ist offensichtlich, dass sich die griechische Philosophie der Wahrheit des Evangeliums nicht widersetzen kann und dass die Christen vertrauensvoll aus ihr wie aus einem eigenen Gut schöpfen können. Deshalb bezeichnete mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. Justin als den „Pionier einer positiven Begegnung mit dem philosophischen Denken, wenn auch unter dem Vorzeichen vorsichtiger Unterscheidung“: Denn obwohl Justin „seine große Wertschätzung für die griechische Philosophie auch nach seiner Bekehrung bewahrt hatte, beteuerte er klar und entschieden, im Christentum ‚die einzige sichere und nutzbringende Philosophie‘ (Dialog 8,1) gefunden zu haben“ (Fides et ratio, 38).

Die Gestalt und das Werk Justins markieren im Ganzen eher die entschiedene Option der Urkirche für die Philosophie, für die Vernunft, als für die Religion der Heiden. Die ersten Christen verweigerten in der Tat tapfer jeglichen Kompromiss mit der heidnischen Religion. Sie hielten sie für Götzenverehrung und nahmen es in Kauf, deshalb der Gotteslästerung und des Atheismus bezichtigt zu werden. Insbesondere Justin führte, vornehmlich in seiner ersten „Apologie“, eine unerbittliche Auseinandersetzung mit der heidnischen Religion und ihren Mythen, die er als teuflische „Irreführungen“ auf dem Weg zur Wahrheit betrachtet. Die Philosophie hingegen stellt den bevorzugten Platz der Begegnung zwischen Heidentum, Judentum und Christentum gerade auf der Ebene der Kritik der heidnischen Religion und ihrer falschen Mythen dar. „Unsere Philosophie…“: Zu dieser Definition der neuen Religion kam auf ausdrücklichere Weise ein anderer Apologet und Zeitgenosse des Justin, der Bischof Meliton von Sardes (ap. Hist. Eccl. 4,26,7).

In der Tat: Die heidnische Religion schlug nicht die Wege des Logos ein, sondern sie verharrte auf den Wegen des Mythos – auch wenn die griechische Philosophie diese Wege als mit der Wahrheit unvereinbar ansah. Deshalb war der Untergang der heidnischen Religion unvermeidbar: Er ergab sich als logische Konsequenz der Entfernung der Religion – einer Religion, die auf ein künstliches Gebilde von Zeremonien, Konventionen und Gewohnheiten reduziert war – von der Wahrheit des Seins. Justin und zusammen mit ihm die anderen Apologeten besiegelten die klare Stellungnahme des christlichen Glaubens zu Gunsten des Gottes der Philosophen gegen die falschen Götter der heidnischen Religion. Es war diese die Entscheidung für die Wahrheit des Seins gegen den Mythos der Gewohnheit. Einige Jahrzehnte nach Justin definierte Tertullian diese Option der Christen mit einem lapidaren und immer gültigen Spruch: „Dominus noster Christus veritatem se, non consuetudinem, cognominavit“ – „Christus hat gesagt: Ich bin die Wahrheit, nicht: Ich bin die Gewohnheit“ (De virgin. vel. 1,1). Man bemerke hier, dass das Wort „consuetudo“, das Tertullian hier auf die heidnische Religion bezieht, in den modernen Sprachen mit den Ausdrücken „kulturelle Mode“, „Mode der Zeit“ übersetzt werden kann.

In einer Zeit wie der unsrigen, die in der Diskussion über die Werte und die Religion – wie auch im interreligiösen Dialog – vom Relativismus gezeichnet ist, ist dies eine Lektion, die nicht vergessen werden darf. Zu diesem Zweck – und damit schließe ich – lege ich euch die letzten Worte des geheimnisvollen Greises, dem der Philosoph Justin am Ufer des Meeres begegnete, noch einmal vor „Bete vor allem darum, dass dir die Tore des Lichts aufgetan werden, denn niemand kann schauen und begreifen, außer Gott und sein Christus gewähren es einem zu verstehen“ (Dial. 7,3).

[Auf Deutsch sagte der Heilige Vater:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über den Philosophen und Märtyrer Justin sprechen. Er ist einer der bedeutendsten Apologeten der frühen Kirche, d.h. jener Kirchenschriftsteller des zweiten Jahrhunderts, die den christlichen Glauben in der Auseinandersetzung mit Heiden und Juden verteidigten und ihn zugleich in einer verständlichen Sprache gemäß den Denkkategorien der damaligen Zeit zu verbreiten suchten. Zwei der Werke Justins – die „Apologie“ und der „Dialog mit dem Juden Tryphon“ – sind uns überliefert. Darin beleuchtet er den göttlichen Schöpfungs- und Heilsplan, der in Jesus Christus, dem Logos, dem Wort Gottes, seine Erfüllung findet. Der Logos offenbarte sich den Juden in prophetischer Gestalt im Alten Testament; er zeigte sich auch den Griechen als „Samenkörner der Wahrheit“ in Philosophie und Dichtung. Das Christentum ist aber die geschichtliche und personale Offenbarung des Logos in seiner Ganzheit. Selbst die griechische Philosophie strebt nach Christus und dem Evangelium. In Justin sehen wir die klare Option der frühen Kirche für eine Philosophie, die von den heidnischen Mythen und Götterkulten sowie von den kulturellen Gewohnheiten der Zeit gereinigt ist, um der Wahrheit des Seins den Vorrang zu geben. In dieser Optik stellt die Philosophie einen bevorzugten Platz der Begegnung zwischen Heidentum, Judentum und Christentum und auch der Hinführung zu Jesus Christus dar.

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Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher; insbesondere das Professorenkollegium der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Der heilige Justin hat im Christentum „die einzige sichere und nutzbringende Philosophie“ gefunden. Wie er bitten wir darum, Gott immer tiefer zu erkennen und im Glauben und in der Liebe zu wachsen. Dabei stärke und geleite euch der Heilige Geist.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]