Benedikt XVI. über die Gestalt des heiligen Cyprian von Karthago (* um 200 † 14. September 258)

„Bitten wir Gott, dass er uns ein hörendes Herz gebe“

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ROM, 6. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Mittwochvormittag während der Generalaudienz auf dem Petersplatz gehalten hat.



Der Heilige Vater setzte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter fort und betrachtete Gestalt und Werk des heiligen Cyprian von Karthago (* um 200 † 14. September 258). Dieser erste Bischof der Geschichte, der in Afrika das Martyrium erlitt, hatte sich nach einem ausschweifendem Leben mit 35 Jahren zum Christentum bekehrt. Als Hirte kümmerte er sich vor allem um die Einheit der Kirche sowie um das Gebet und den Lebenswandel der Gläubigen. Unter anderem habe er als einer der ersten betont, dass der Ort des Gebets das Herz des Menschen sei. „In ihm erfüllt sich jene Begegnung, in der Gott zum Menschen spricht und der Mensch Gott hört.“

In diesem Sinn bekräftige Benedikt XVI.: „Meine Lieben, machen wir uns dieses hörende Herz zu Eigen, von dem die Bibel (vgl. 1 Kön 3,9) und die Väter zu sprechen: Wir brauchen es so sehr!“

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Liebe Brüder und Schwestern!

In der Reihe unserer Katechesen über große Persönlichkeiten der Alten Kirche kommen wir heute zu einem herausragenden afrikanischen Bischof des 3. Jahrhunderts: dem heiligen Cyprian, der „der erste Bischof war, der in Afrika mit dem Martyrium gekrönt wurde“. Im selben Maße ist sein Ruhm – wie der Diakon Pontius bezeugt, der als erster dessen Lebensbeschreibung schrieb – an das literarische Schaffen und die pastorale Tätigkeit der dreizehn Jahre gebunden, die zwischen seiner Bekehrung und dem Martyrium liegen (vgl. Vita Caecilii Cypriani 19,1; 1,1).

Cyprian wurde in Karthago geboren und stammte aus einer reichen heidnischen Familie; nach einer in Zerstreuung verbrachten Jugend bekehrt er sich im Alter von 35 Jahren zum Christentum. Er selbst erzählt seinen geistlichen Weg: „Als ich selbst noch wie in einer dunklen Nacht schmachtete“, schreibt er einige Monate nach der Taufe, „da hielt ich es für höchst schwierig und mühsam das zu vollbringen, was mir die Barmherzigkeit Gottes verhieß… Ich war durch ziemlich viele Irrtümer in meinem früheren Leben in Banden gehalten und glaubte nicht, dass ich davon loskommen könnte. So völlig war ich den mir anhaftenden Lastern ergeben und begünstigte meine schlechten Gedanken… Dann aber wurde mit Hilfe des Leben spendenden Wassers die Armseligkeit meines früheren Lebens abgewaschen; ein Licht ergoss sich von oben her in mein Herz; eine zweite Geburt wandelte mich in ein völlig neues Wesen um. Auf ganz wunderbare Weise begann da jeder Zweifel zu vergehen… So verstand ich klar, dass das irdisch war, was ehedem in mir lebte, in der Knechtschaft der Laster des Fleisches, und dass hingegen göttlich und himmlisch war, was der Heilige Geist in mir nun gezeugt hatte“ (An Donatus, 3-4).

Sofort nach der Bekehrung wird Cyprian nicht ohne Neid und Widerstände zum Priesteramt und zur Bischofwürde erwählt. In der kurzen Zeit seines Bischofsdienstes tritt er den ersten beiden Verfolgungen entgegen, die durch ein kaiserliches Edikt beschlossen worden waren: der Verfolgung unter Decius (250) und jener unter Valerian (257-258). Nach der besonders grausamen Verfolgung unter Decius musste sich der Bischof tapfer für die Wiederherstellung der Disziplin in der christlichen Gemeinde einsetzen. Viele Gläubige hatten nämlich abgeschworen oder wie auch immer angesichts der Prüfung kein korrektes Verhalten eingenommen. Diese waren die so genannten lapsi – das heißt die (vom Glauben) „Abgefallenen“ –, die sich brennend danach sehnten, wieder in die Gemeinde aufgenommen zu werden. Die Debatte um ihre Wiederaufnahme führte zu einer Spaltung unter den Christen von Karthago: in die „Nachlässigen“ und die „Rigoristen“. Zu dieser Schwierigkeit kam dann noch eine schwere Pest-Seuche hinzu, die Afrika erschütterte und angsterfüllte theologische Fragen sowohl im Innern der Gemeinde als auch im Vergleich mit den Heiden aufwarf. Schließlich muss an die Kontroverse zwischen Cyprian und dem Bischof von Rom, Stephanus, hinsichtlich der Gültigkeit der Taufe erinnert werden, die den Heiden von häretischen Christen gespendet wurde.

Unter diesen wirklich schwierigen Umständen wies Cyprian besondere Fähigkeiten der Regierung vor: Er war streng, aber nicht unbeugsam mit den lapsi, und gewährte ihnen die Möglichkeit der Vergebung nach einer beispielhaften Buße; gegenüber Rom hielt er an der Verteidigung der gesunden Traditionen der afrikanischen Kirche fest; er war sehr menschlich und vom echtesten Geist des Evangeliums durchdrungen, wenn er die Christen während der Pest-Seuche zu brüderlicher Hilfe für die Heiden ermahnte; er verstand es, das rechte Maß zu halten, wenn er die Gläubigen, die zu sehr fürchteten, das Leben und die irdischen Güter zu verlieren, daran erinnerte, dass für sie das wahre Leben und die wahren Güter nicht diejenigen von dieser Welt sind; er war unerschütterlich bei der Bekämpfung der verdorbenen Sitten und der Sünden, die das sittliche Leben zerstörten, vor allem der Habgier. „So verbrachte er seine Tage“, erzählt hierzu der Diakon Pontius, „als da auf Befehl des Prokonsuls unvermittelt der Befehlshaber der Polizei bei seiner Villa eintraf“ (Vita Caecilii Cypriani 15,1). An jenem Tag wurde der heilige Bischof verhaftet, und nach einem kurzen Verhör ging er mutig inmitten seines Volkes dem Martyrium entgegen.

Cyprian verfasste zahlreiche Abhandlungen und Briefe, die immer mit seinem pastoralen Dienst verbunden waren. Er neigte wenig zur theologischen Spekulation und schrieb vor allem für den Aufbau der Gemeinde und für das gute Verhalten der Gläubigen. In der Tat, die Kirche ist das Thema, das ihm am meisten am Herzen liegt. Er unterscheidet zwischen der hierarchischen sichtbaren Kirche und der mystischen unsichtbaren Kirche, er erklärt aber kraftvoll, dass die Kirche eine einzige ist, die auf Petrus gründet. Er wird nicht müde zu wiederholen, dass „wer den Stuhl Petri verlässt, auf dem die Kirche gegründet ist, sich vormacht, noch innerhalb der Kirche zu stehen“ (Über die Einheit der katholischen Kirche, 4). Cyprian weiß gut, und er hat es mit starken Worten formuliert, dass es „außerhalb der Kirche kein Heil“ gibt (Brief 4,4 und 73,21) und dass „nicht Gott zum Vater haben kann, wer nicht die Kirche zur Mutter hat“ (Über die Einheit der katholischen Kirche, 4).

Unverzichtbares Merkmal der Kirche ist die Einheit, die im nahtlosen Gewand Christi symbolisiert ist (ebd., 7): Einheit, von der er sagt, dass sie ihr Fundament in Petrus (ebd., 4) und ihre vollkommene Verwirklichung in der Eucharistie findet (Brief 63,13). „Nur einen Gott gibt es, und nur einen Christus“, mahnt Cyprian; „nur eine Kirche und nur einen Glauben, und nur ein christliches Volk, das durch den Kitt der Eintracht zu fester Einheit verbunden ist: Und es lässt sich nicht spalten, was eins ist durch sein Wesen“ (Über die Einheit der katholischen Kirche, 23).

Wir haben von seinem Denken über die Kirche gesprochen; schließlich darf aber nicht Cyprians Lehre vom Gebet vernachlässigt werden. Ich liebe insbesondere sein Buch über das Vaterunser, das mir sehr geholfen hat, das „Gebet des Herrn“ besser zu verstehen und es besser zu beten: Cyprian lehrt, dass gerade im Vaterunser dem Christen die rechte Art des Betens geschenkt ist; und er hebt hervor, dass dieses Gebet im Plural ist, „damit etwa einer, wenn er betet, nicht nur für sich allein betet. Unser Gebet“ – so schreibt er – „ist öffentlich und gemeinschaftlich, und wenn wir beten, so beten wir nicht für einen einzigen, sondern für das ganze Volk, weil wir mit dem ganzen Volk eins sind“ (Über das Gebet des Herrn, 8). Persönliches und liturgisches Gebet erscheinen so auf mächtige Weise miteinander verbunden. Ihre Einheit stammt von der Tatsache her, dass sie auf dasselbe Wort Gottes Antwort geben. Der Christ sagt nicht „mein Vater“, sondern „Vater unser“, und er tut dies bis hinein in die Abgeschiedenheit des verschlossenen Zimmers, da er weiß, dass er an jedem Ort, in jeder Lebenslage Glied desselben Leibes ist.

„Lasst uns also beten, geliebteste Brüder“, schreibt der Bischof von Karthago, „wie Gott unser Meister es uns gelehrt hat! Ein trautes und inniges Gebet ist es, wenn man zu Gott mit dem flehen kann, was sein ist, wenn Christi Gebet zu seinen Ohren emporsteigt. Der Vater möge seines Sohnes Worte wieder erkennen, wenn wir unser Gebet verrichten: Er, der in unserer Seele wohnt, soll auch auf unseren Lippen gegenwärtig sein…Wenn wir aber beten, so sollen unsere Worte und unser Flehen in aller Zucht Ruhe und Ehrerbietung miteinander vereinigen. Wir müssen daran denken, dass wir unter dem Blick Gottes stehen. Zu gefallen gilt es da den Augen Gottes sowohl in der Haltung unseres Körpers als auch durch den Ton unserer Stimme… Und wenn wir gemeinsam mit unseren Brüdern zusammenkommen und die göttlichen Opfer mit dem Priester Gottes feiern, müssen wir der Ehrerbietung und Zucht gedenken und dürfen nicht so ohne Weiteres unsere Bitten in nachlässigen Worten hinwerfen oder unser Anliegen, das wir in aller Bescheidenheit Gott anheim zu stellen haben, in geräuschvoller Geschwätzigkeit heraussprudeln. Denn Gott ist nicht Hörer der Stimme, sondern des Herzens (non vocis sed cordis auditor est)“ (ebd., 3-4). Es sind dies Worte, die auch heute gültig bleiben und uns helfen, die Heilige Liturgie gut zu feiern.

Schließlich steht Cyprian an den Ursprüngen jener fruchtbaren theologisch-spirituellen Tradition, die im „Herzen“ der vorzüglichen Ort des Gebets erkennt. Für die Bibel und die Väter nämlich ist das Herz das Innere des Menschen, der Ort, an dem Gott wohnt. In ihm erfüllt sich jene Begegnung, in der Gott zum Menschen spricht und der Mensch Gott hört. Der Mensch spricht zu Gott, und Gott hört den Menschen: all dies durch das einzige göttliche Wort. Genau in diesem Sinn bezeugt Smaragdus, Abt von Saint-Mihiel an der Maas, in den ersten Jahren des neunten Jahrhunderts, in einem Widerhall der Worte Cyprians, dass das Gebet „Werk des Herzens ist, nicht der Lippen, da Gott nicht auf die Worte schaut, sondern auf das Herz des Betenden“ (Das Diadem der Mönche - Diadema monachorum, 1).

Meine Lieben, machen wir uns dieses „hörende Herz“ zu Eigen, von dem die Bibel (vgl. 1 Kön 3,9) und die Väter zu uns sprechen: Wir brauchen es so sehr! Nur so werden wir in Fülle erfahren können, dass Gott unser Vater und dass die Kirche, die heilige Braut Christi, wirklich unsere Mutter ist.

[Folgendes Manuskript diente dem Papst als Grundlage, als er seine Ausführungen in seiner Muttersprache zusammenfasste:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heilige Märtyrerbischof Cyprian, dem die heutige Katechese gewidmet ist, stammte aus einer wohlhabenden heidnischen Familie in Karthago. Nach einer ausschweifenden Jugend bekehrte er sich mit 35 Jahren und wurde schon kurz nach seiner Taufe zum Bischof geweiht. In seine Amtszeit fielen zwei schwere Christenverfolgungen. Damals gaben viele Christen dem Druck nach und opferten den heidnischen Göttern. Wegen der Wiederaufnahme dieser lapsi – der vom Glauben Abgefallenen – spaltete sich die Christengemeinde in Karthago. Bischof Cyprian erwies sich hier als ein gerechter Hirte, der die Apostaten nicht verdammte, sondern zur Umkehr und Buße aufrief. Als dann eine Pest ausbrach, ermahnte er die Christen zu brüderlicher Hilfe.

Die Briefe und Schriften des heiligen Cyprian befassen sich vor allem mit der Kirche und mit dem Gebet. Die sichtbare Kirche hat viele Ämter, und doch bildet sie eine Einheit, die auf Petrus gründet und ihre vollkommene Verwirklichung in der einen Eucharistie findet. Zudem lebt die Kirche durch das Gebet, das – auch wenn es privat verrichtet wird – immer einen Gemeinschaftsbezug hat. Auch als einzelne beten wir: „Vater unser“, und nicht etwa „mein Vater“, weil wir wissen, dass wir immer und überall Glieder des einen Leibes der Kirche sind. Christus selbst hat uns dieses Gebet gelehrt: Es ist ein Zeichen inniger Vertrautheit, Gott mit den von ihm selbst offenbarten Worten anzusprechen.

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Ganz herzlich heiße ich die Audienzbesucher deutscher Sprache willkommen, besonders die Pilgergruppe des internationalen Hilfswerks „Kirche in Not“ wie auch den „Fränkischen Kreis“ katholischer Unternehmer. Bitten wir Gott, dass er uns ein hörendes Herz gebe (vgl. 1 Kön 3, 9), dass wir seinen Willen erkennen und verstehen lernen, dass Gott unser Vater und die Kirche, die Braut Christi, wirklich unsere Mutter ist. Euch alle schütze und führe der gütige Herr in diesen Tagen mit seiner Gnade und seinem Segen!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 - Libreria Editrice Vaticana]