Benedikt XVI. über die Religion und das Leben in Gesellschaft und Staat

Ein zentrales Thema in den ersten Monaten seines Pontifikats

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ROM, 26. September 2005 (ZENIT.org).- Das Leben in Gesellschaft und Staat bedarf des religiösen Elements, betonte Benedikt XVI. am 14. September anlässlich seiner wöchentlichen Generalaudienz am Mittwoch. Er sagte, es muss "im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens eine Präsenz geben, die das Mysterium des transzendenten Gottes wachruft und wach hält (…) Gott und Mensch sind in der Geschichte miteinander auf dem Weg."



Bei zahlreichen Gelegenheiten sprach der Heilige Vater über den wertvollen Beitrag, den das Christentum und die gläubigen Menschen für die heutige Gesellschaft leisten können. In einer seiner ersten ausführlicheren Ansprachen erklärte er am 12. Mai vor dem beim Heiligen Stuhl akkreditierten diplomatischen Korps, die Kirche werde nicht aufhören, "die elementaren Menschenrechte zu verkünden und zu verteidigen", die in vielen Ländern der Welt verletzt würden.

Im Bewusstsein der Konflikte, die manchmal entstehen, wenn Religion und Politik aufeinander einwirken, präzisierte der Papst, dass die Kirche, wenn sie diese fundamentalen Rechte einfordere, "keine Sonderrechte für sich beansprucht, sondern lediglich die legitimen Bedingungen für ein Handeln in Freiheit, um ihren Auftrag erfüllen zu können." Die Kirche ihrerseits werde sich bemühen, die Würde jeder Person zu schützen und sich für das Gemeinwohl einsetzen.

Als der Stellvertreter des Apostels Petrus am 24. Juni den italienischem Staatspräsidenten Carlo Ciampi besuchte, ging er besonders auf das Thema der Beziehungen zwischen Kirche und Staat ein und verteidigte die Rolle der Religion in einem säkularen, modernen Staat. "Christus ist der Erlöser des ganzen Menschen, des Leibes und der Seele, seiner spirituellen, ewigen Bestimmung ebenso wie seines zeitlichen, irdischen Lebens", sagte Benedikt XVI. damals "Wenn daher seine Botschaft gehört wird, wird sich auch die bürgerliche Gemeinschaft mehr für das Gemeinwohl verantwortlich fühlen, mehr auf seine Verwirklichung bedacht sein und mehr Solidarität mit den Armen, den im Stich Gelassenen und den Ausgegrenzten beweisen."

Ausgehend von der Konzilskonstitution "Gaudium et spes" (76) betonte der Nachfolger von Papst Johannes Paul II., dass Kirche und Staat autonom und unabhängig voneinander seien, dass sie aber beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise, dem Wohl des Menschen dienten. In diese Bemühen gebe es Raum für eine "gesunde Säkularität des Staates", was aber nicht bedeute, dass die Religion davon ausgeschlossen werden dürfe, eine legitime Rolle bei ethischen Fragen zu spielen. Die Kirche wolle, so der Papst, "einen Geist der herzlichen Zusammenarbeit und des Verständnisses im Dienst am spirituellen und moralischen Wachstum des Landes bewahren und fördern".

Jeder Versuch, die über Jahrhunderte währenden historischen Bande zwischen dem Christentum und der heutige Gesellschaft zu schwächen, würde nicht nur der Kirche Schaden zufügen, sondern wäre auch für Italien abträglich, mahnte Papst Benedikt.

Säkularisierung und Relativismus, Gefahren für die Freiheit

Anlässlich des Antrittsbesuchs verschiedener neuer Botschafter beim Heiligen Stuhl kam Benedikt XVI. immer wieder auf das Thema Religion und Staat zu sprechen. Gegenüber Geoffrey Kenyon Ward, dem neuen Botschafter von Neuseeland, wies der Papst am 16. Juni auf den "besorgniserregenden Prozess der Säkularisierung" hin, der in vielen Teilen der Welt voranschreite.

"Wo die christlichen Fundamente der Gesellschaft vergessen zu werden drohen, wird die Aufgabe, die in jeder Kultur vorhandene transzendente Dimension zu bewahren und die echte authentische Ausübung der individuellen Freiheit gegen den Relativismus zu stärken, zunehmend schwieriger", warnte der Papst. Möglicherweise dachte er daran, dass Neuseeland kürzlich gleichgeschlechtliche Vereinigungen offiziell anerkannt hat, als er die Notwendigkeit hervorhob, sich wieder bewusst zu werden, dass staatliches und moralisches Gesetz in Beziehung zueinander stehen – eine Tatsache, von der nicht nur die christliche Tradition spricht, sondern auch die großen Rechtstraditionen der Menschheit. Wenn man sich dessen bewusst sei, so der Papst, so könnten wir erkennen, wo die Ansprüche auf Rechte, die mit Wahrheit und echter Freiheit zu tun haben, ihre Grenzen haben sollten.

Am 25. August erinnerte der Heilige Vater in seiner Grußadresse an den neuen offiziellen Vertreter von Venezuela, Iván Guillermo Rincón Urdaneta, an die weit zurück reichenden katholischen Traditionen in diesem Land sowie an das beständige Bemühen der Kirche, bei der Entwicklung seiner Bevölkerung zu helfen.

Ohne Zweifel dachte er an die erbitterten nationalen Konflikte und Spannungen zwischen Kirchenführern und der venezolanischen Obrigkeit, wenn er betonte, dass Dialog, Achtung, Vergebung und Versöhnung grundlegende Elemente in jeder Gesellschaft seien. Die Kirche dürfe nicht aufhören, die menschliche Würde zu verkünden und zu verteidigen. Aus diesem Grund "fordert sie, dass sie stets den unverzichtbaren Raum und die nötigen Möglichkeiten hat, ihren Auftrag und ihren humanisierenden Dienst zu erfüllen".

Außerdem würde die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat beiden Seiten einen besseren Dienst an der Bevölkerung ermöglichen. Benedikt XVI. machte dem venezolanischen Botschafter auch klar, dass die Kirche frei sein müsse, um ihrem Auftrag nachkommen und die Gläubigen orientieren zu können. Der Staat brauche seinerseits vor der Kirche keine Angst haben, denn, so versicherte der Papst: "Wenn sie ihre Freiheit ausübt, ist sie nur darauf bedacht, ihren religiösen Auftrag zu erfüllen und zum spirituellen Fortschritt eines jeden Landes beizutragen."

Am darauf folgenden Tag rief der Heilige Vater beim Empfang des neuen Botschafters von Guatemala, Francisco Salazar Alvarado, die Bevölkerung und die politischen Verantwortlichen des südamerikanischen Landes dazu auf, eine "wahre" Demokratie zu entwickeln – eine Demokratie, "die der menschlichen Würde entspricht"; eine Demokratie in der die Nation "von den obersten, unveränderlichen Werten inspiriert wird, die dem Volk kulturellen Reichtum und die allmähliche Entwicklung der Gesellschaft ermöglichen".

Benedikt XVI. zitierte in diesem Zusammenhang aus der aus der Enzyklika "Centesimus Annus" von Papst Johannes Paul II: "Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich leicht in offenen oder fadenscheinig verbrämten Totalitarismus" (46).

Ethische Grundlagen

Welche Rolle die Religion im öffentlichen Leben spielt, darüber äußerte sich Papst Benedikt auch immer wieder vor Priestern und Bischöfen. In seiner Ansprache am 2. Juli ging er vor den Bischöfen aus Simbabwe auf die Wahlen in ihrem Land ein und bestärkte sie, geeint und mutig aufzutreten. Er unterstrich die Richtigkeit dessen, was die Bischöfe in einem Hirtenbrief vor der Wahl geschrieben hatten, dass nämlich "die Verantwortung für das Gemeinwohl es verlangt, dass alle Mitglieder des Gemeinwesens darin zusammenarbeiten, die ethischen und spirituellen Grundlagen für die Zukunft der Nation festzulegen".

Vor den Priestern der Diözese von Aosta (Norditalien) bedauerte der Papst am 25. Juli "die Meinung so vieler, es sei möglich, ohne Kirche zu leben, die als ein Relikt aus der Vergangenheit empfunden wird". Weiter erklärte er, dass nur durch die Hilfe moralischer Werte und starker Überzeugungen wahrer Fortschritt beim Aufbau einer gerechteren Gesellschaft möglich sei. "Wenn in den Seelen keine moralische Kraft ist, wenn es keine Bereitschaft gibt, für diese Werte zu leiden, wird keine bessere Welt gebaut; im Gegenteil, die Welt wird von Tag zu Tag schlechter, die Selbstsucht dominiert und zerstört alles." Ihre Wurzel müsse diese moralische Kraft in der Liebe haben, fuhr Benedikt XVI. fort. "Am Ende ist es in Wirklichkeit nur die Liebe, die uns fähig macht zu leben, und Liebe bedeutet immer auch Leiden: Sie reift im Leiden und gibt die Kraft, für das Gute zu leiden, ohne in dem aktuellen Moment an sich selbst zu denken."

Benedikt XVI. erklärte, er hoffe, dass man sich der Bedeutung dieser Wahrheit immer bewusster werde. Die Priester ermutigte er im Bemühen, diese Botschaft allen Menschen zu überbringen und den Dialog mit der säkularen Welt engagiert weiterzuführen.

Am 15. August, dem Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, sprach der Papst in seiner Festpredigt davon, dass die Präsenz Gottes im öffentlichen Leben dringend notwendig sei. Diese Präsenz – zum Beispiel in der Form der Kreuze, die in vielen italienischen öffentlichen Gebäuden hängen – sei von entscheidender Bedeutung, "denn nur, wenn Gott präsent ist, haben wir eine Orientierung, eine gemeinsame Ausrichtung; wenn nicht, werden Dispute nicht gelöst werden können, da unsere gemeinsame Würde nicht mehr anerkannt wird".