Benedikt XVI. über Gregor von Nyssa (* um 335, † nach 394)

„Die volle Verwirklichung des Menschen besteht in der Heiligkeit“

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ROM, 29. August 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat.



Der Heilige Vater setzte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter fort und betrachtete Leben und Werk des heiligen Gregor von Nyssa. Dieser „originelle und tiefe Denker“, der sich im vierten Jahrhundert unermüdlich für die Weitergabe der Glaubenswahrheiten einsetzte, wurde auch „Vater der Mystik“ genannt, da er in seinen Schriften unter anderem „den Weg der Gläubigen zur Vollkommenheit“ darlegte.

„In seinem Inneren erkennt der Mensch den Widerschein des göttlichen Lichtes. Wenn er sein Herz reinigt, stahlt seine Ähnlichkeit mit dem Urbild neu auf“, erklärte Benedikt XVI. „Die volle Verwirklichung des Menschen besteht in der Schau Gottes, in der Heiligkeit.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

In den letzten Katechesen habe ich über zwei große Kirchenlehrer des vierten Jahrhunderts gesprochen: Basilius und Gregor von Nazianz, Bischof in Kappadozien in der heutigen Türkei. Heute fügen wir einen dritten hinzu, den Bruder des Basilius, den heiligen Gregor von Nyssa, der sich als Mann meditativen Charakters mit großen Fähigkeiten der Besinnung und von lebhafter Intelligenz gezeigt hat, die für die Kultur seiner Zeit offen war. So offenbarte er sich als ein origineller und tiefer Denker in der Geschichte des Christentums.

Er wurde um das Jahr 335 geboren; für seine christliche Bildung sorgten insbesondere sein Bruder Basilius – den er als „Vater und Meister“ bezeichnete (Ep. 13,4: SC 363,198) – und seine Schwester Makrina. Er schloss seine Studien ab und schätzte dabei besonders die Philosophie und die Rhetorik. In einem ersten Moment widmete er sich der Lehrtätigkeit und vermählte sich. Dann widmete er sich, wie sein Bruder und seine Schwester, ganz dem asketischen Leben. Später wurde er zum Bischof von Nyssa gewählt und erwies sich als ein eifriger Hirt, so dass er sich die Hochachtung der Gemeinde verdiente. Nachdem er von seinen häretischen Gegnern der Unterschlagung von Geldern angeklagt worden war, musste er seinen Bischofssitz für kurze Zeit verlassen, kehrte dann aber triumphierend zurück (vgl. Ep. 6: SC 363,164-170) und fuhr fort, sich im Kampf für die Verteidigung des wahren Glaubens zu engagieren.

So als nehme er das geistliche Erbe des Basilius auf, wirkte er vor allem nach dessen Tod am Siegeszug der Rechtgläubigkeit mit. Er nahm an verschiedenen Synoden teil und versuchte, die Gegensätze unter den Kirchen zu überwinden; er nahm aktiv an der kirchlichen Neuorganisierung teil und war als „Säule der Rechtgläubigkeit“ ein wichtiger Teilnehmer am Konzil von Konstantinopel des Jahres 381, das die Göttlichkeit des Heiligen Geistes definierte. Er erhielt verschiedene offizielle Aufgaben, die ihm Kaiser Theodosius anvertraute, hielt bedeutende Predigten und Grabreden und widmete sich der Abfassung verschiedener theologischer Werke. Im Jahr 394 nahm er noch einmal an einer Synode teil, die in Konstantinopel stattfand. Das Datum seines Todes ist unbekannt.

Gregor bringt den Zweck seiner Studien – das höchste Ziel, das er in seiner Arbeit als Theologe anstrebte – deutlich zum Ausdruck: das Leben nicht für eitle Dinge aufzuwenden, sondern das Licht zu finden, das es gestattet, das zu erkennen, was wirklich nützlich ist (vgl. In Ecclesiasten hom. 1: SC 416,106-146). Er fand dieses höchste Gut im Christentum, dank dessen „die Nachahmung der göttlichen Natur“ möglich ist (De professione christiana: PG 46, 244C).

Mit seiner scharfen Intelligenz und seinen weit reichenden philosophischen und theologischen Kenntnissen verteidigte er den christlichen Glauben gegen die Irrlehrer, die die Göttlichkeit des Sohnes und des Heiligen Geistes leugneten (wie Eunomius und die Makedonier) oder die vollkommene Menschheit Christi opferten (wie Apollinaris). Er kommentierte die Heilige Schrift und konzentrierte sich dabei auf die Schöpfung des Menschen.

Dies war für ihn ein zentrales Thema: die Schöpfung. Er sah im Geschöpf den Abglanz des Schöpfers und fand dort den Weg zu Gott. Er schrieb aber auch ein wichtiges Buch über das Leben des Moses, den er als einen Mann vorstellt, der unterwegs zu Gott ist: Dieser Aufstieg auf den Berg Sinai wird für ihn zum Bild unseres Aufstiegs im Leben des Menschen hin zum wahren Leben, hin zur Begegnung mit Gott. Er legte auch das Gebet des Herrn, das Vaterunser, und die Seligpreisungen aus.

In seiner „Großen Katechese“ (Oratio catechetica magna) trug er die Grundlinien der Theologie vor, nicht für eine akademische, in sich selbst verschlossene Theologie, sondern um den Katecheten ein Bezugssystem zu bieten, das sie bei ihren Unterweisungen beachten konnten; gleichsam einen Rahmen, innerhalb dessen sich dann die pädagogische Interpretation des Glaubens bewege.

Darüber hinaus ist Gregor für seine geistliche Lehre berühmt. Seine ganze Theologie besteht nicht in einer akademischen Erörterung, sondern ist Ausdruck eines geistlichen Lebens, eines Lebens des gelebten Glaubens.

Als großer „Vater der Mystik“ legte er in verschiedenen Abhandlungen – wie in seinen De professione christiana und De perfectione christiana – den Weg dar, den die Christen einschlagen müssen, um das wahre Leben, die Vollkommenheit zu erreichen. Er pries die geweihte Jungfräulichkeit (De virginitate) und bot dazu ein hervorragendes Beispiel im Leben seiner Schwester Makrina, die für ihn immer eine Lehrmeisterin, ein Vorbild gewesen war (vgl. Vita Macrinae). Er hielt verschiedene Reden und Predigten und schrieb zahlreiche Briefe. In seinem Kommentar zur Schöpfung des Menschen stellt Gregor heraus, dass Gott, „der beste der Künstler, unsere Natur derart formt, dass sie zur Ausübung der Königswürde geeignet ist. Durch die von der Seele festgelegte Überlegenheit und durch die Gestaltung des Leibes selbst bestimmt er die Dinge so, dass der Mensch sich wirklich zur Königsmacht eignet“ (De hominis opificio 4: PG 44,136B).

Wir sehen jedoch, dass der im Netz der Sünden verstrickte Mensch oft an der Schöpfung Missbrauch treibt, keine wahre Königswürde ausübt. Dazu nämlich, das heißt: um eine wahre Verantwortung den Geschöpfen gegenüber auszuüben, muss er von Gott durchdrungen sein und in seinem Licht leben. Der Mensch ist nämlich ein Widerschein jener ursprünglichen Schönheit, die Gott ist: „Alles, was Gott geschaffen hat, war sehr gut“, schreibt der heilige Bischof. Und er fügt hinzu: „Dies bezeugt der Schöpfungsbericht (vgl. Gen 1,31). Unter den sehr guten Dingen war da auch der Mensch, geziert mit einer bei weitem größeren Schönheit als die aller schönen Dinge. Was anderes nämlich hätte in demselben Maß schön sein können, als der es ist, der ähnlich war der reinen und unvergänglichen Schönheit? … Widerschein und Bild des ewigen Lebens – er war wirklich schön, mehr noch: wunderschön, mit dem strahlenden Zeichen des Lebens auf seinem Antlitz“ (Homilia in Canticum 12: PG 44,1020C).

Der Mensch ist von Gott geehrt und über jedes andere Geschöpf gestellt worden: „Nicht der Himmel ist nach Gottes Ebenbild geschaffen worden, nicht der Mond, nicht die Sonne, nicht die Schönheit der Sterne, keines der anderen Dinge, die in der Schöpfung aufscheinen. Nur du (die Seele des Menschen) bist zum Ebenbild der Natur gemacht worden, die jede Vernunft übersteigt, Ähnlichkeit der unvergänglichen Schönheit, Abguss der wahren Göttlichkeit, Gefäß des seligen Lebens, Abbild des wahren Lichtes, auf das schauend du das wirst, was Er ist, da du durch den gespiegelten Strahl, der aus deiner Reinheit hervorgeht, den nachahmst, der in dir glänzt. Kein Ding, das ist, ist so groß, dass es mit deiner Größe vergleichbar wäre“ (Homilia in Canticum 2: PG 44,805D).

Betrachten wir diese Lobrede auf den Menschen. Sehen wir auch, wie der Mensch durch die Sünde herabgewürdigt wird. Und versuchen wir, zur ursprünglichen Schönheit zurückzukehren: Nur wenn Gott gegenwärtig ist, gelangt der Mensch zu dieser seiner wahren Größe.

Der Mensch erkennt also in sich selbst den Widerschein des göttlichen Lichts. Indem er sein Herz läutert, kehrt er dazu zurück, wie am Anfang ein klares Abbild Gottes zu sein, Ebenbild der Urschönheit (vgl. Oratio catechetica 6: SC 453,174). So kann der Mensch, wenn er sich läutert, Gott sehen – wie die, die ein reines Herz haben (vgl. Mt 5,8).

„Wenn du mit einem sorgsamen und aufmerksamen Lebenswandel den Schmutz wegspülst, der sich auf deinem Herzen abgelagert hat, so wird in dir die göttliche Schönheit aufleuchten… Wenn du dich selbst betrachtest, so wirst du in dir den sehen, der die Sehnsucht deines Herzens ist, und du wirst selig sein“ (De beatitudinibus, 6: PG 44,1272AB). Also: den Schmutz wegspülen, der sich auf unseren Herzen abgelagert hat, und in uns selbst das Licht Gottes wiederfinden.

Dem Menschen eignet demgemäß als Ziel die Betrachtung Gottes. Nur in ihr wird er seine Genugtuung finden können. Um dieses Ziel bis zu einem gewissen Grad schon in diesem Leben vorwegzunehmen, muss er unaufhörlich zu einem geistlichen Leben fortschreiten, zu einem Leben im Gespräch mit Gott. Mit anderen Worten – und das ist die wichtigste Lehre, die uns der heilige Gregor von Nyssa gibt: Die volle Verwirklichung des Menschen besteht in der Heiligkeit; in einem Leben, das sich in der Begegnung mit Gott vollzieht, das so auch für die anderen, für die Welt leuchtend wird.

[Benedikt XVI. bediente sich bei der Zusammenfassung seiner Katechese auf Deutsch des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heilige Gregor von Nyssa ist neben seinem Bruder Basilius und neben Gregor von Nazianz die dritte große Bischofsgestalt Kappadoziens im vierten Jahrhundert. Um 335 geboren, schlug Gregor zunächst eine weltliche Laufbahn ein, folgte aber dann dem Beispiel seiner Geschwister Makrina und Basilius und wählte ebenso das asketisch-monastische Leben. Später wurde Gregor Bischof von Nyssa und wirkte an der Überwindung der Irrlehren seiner Zeit mit. Er zählte zu den Hauptfiguren auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 und nahm auch wichtige öffentliche Aufgaben wahr, die ihm Kaiser Theodosius anvertraute.

Gregor besaß umfassende philosophische Kenntnisse und einen scharfen Geist und erwies sich als ein origineller Denker. Neben seinen dogmatischen und exegetischen Schriften tat sich Gregor als „Vater der Mystik" vor allem durch seine spirituelle Lehre hervor. In verschiedenen Werken behandelte er den Weg der Gläubigen zur Vollkommenheit. Der Mensch, der im Zentrum der Schöpfung Gottes steht, ist mit einer Schönheit ausgestattet, die ein Abglanz der ursprünglichen Schönheit ist, die Gott selber ist. In seinem Inneren erkennt der Mensch den Widerschein des göttlichen Lichtes. Wenn er sein Herz reinigt, stahlt seine Ähnlichkeit mit dem Urbild neu auf. Die volle Verwirklichung des Menschen besteht in der Schau Gottes, in der Heiligkeit. Dazu muss er unaufhörlich auf dem Weg zu einem immer vollkommeneren geistlichen Leben voranschreiten.

Sehr herzlich heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher willkommen. Besonders grüße ich die Bürgermeister aus dem Landkreis Altötting sowie die Seminaristen aus dem Bistum 's-Hertogenbosch in den Niederlanden gemeinsam mit ihrem Bischof. Gregor von Nyssa erinnert uns an unsere Berufung zur Heiligkeit. Bemühen wir uns täglich neu um ein Leben im Einklang mit Gott. Dazu schenke der Herr uns seine Gnade.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]