Benedikt XVI. und Benedikt von Nursia

Leuchtender Stern für Europa – Die Liebe zu Christus ist immer das erste

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ROM, 10. Juli 2008 (ZENIT.org).- Am 1. April 2005, einen Tag vor dem Heimgang Papst Johannes Pauls II., wurde Kardinal Joseph Ratzinger in Subiaco, dem Ort, an den sich der hl. Benedikt von Nursia zunächst als Einsiedler in die Verborgenheit zurückgezogen hatte, mit dem „Heiligen-Benedikt-Preis zur Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ ausgezeichnet. Die Vorsehung hatte es dann gewollt, dass der Patron Europas etwas mehr als zwei Wochen später eindrucksvoll in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Welt und Kirche rückte, als der Camerlengo der Heiligen Römischen Kirche am 19. April desselben Jahres feierlich verkündete: Der neue Papst „nomen sibi imposuit BENEDICTUM“.



Am Ende seines Festvortrages in Subiaco mit dem Thema „Europa in der Krise der Kulturen“ kam der künftige Papst Benedikt XVI. direkt auf seinen späteren Namenspatron zu sprechen: „Wir brauchen Menschen wie Benedikt von Nursia, der in einer Zeit der Auflösung und des Untergangs bis in die äußerste Einsamkeit hinab gestiegen ist und nach allen Reinigungen, die er durchlitten hatte, ans Licht treten, wieder hinaufsteigen und in Montecassino die Stadt auf dem Berg gründen konnte, die durch alle Untergänge hindurch die Kräfte sammelte, aus denen sich eine neue Welt bildete. So ist er wie Abraham Vater vieler Völker geworden.“

Für Kardinal Ratzinger war es klar: Die Kirche muss in der Welt der wissenschaftlichen Rationalität und der postmodernen Gesellschaft den Mut aufbringen, den „öffentlichen Rang ihres Menschenbildes“ deutlich zu machen. Als Benedikt XVI. betont er dann weiter eindringlich an allen Stellen: Gott darf nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeschlossen werden. Versagt sich Europa des Bewusstseins seiner christlichen Wurzeln, so kommt es zur Bedrohung durch den „Zynismus einer säkularisierten Kultur, welche ihre eigenen Grundlagen leugnet“. Der Mensch bedarf hinsichtlich aller ihn bestimmenden Grundbegriffe (Werte, Ideale, Vernunft, Gerechtigkeit, Liebe, Hoffnung, Vertrauen…) stets der Reinigung durch einen Horizont, der sie selbst übersteigt, damit nicht Macht und Interessen ihren Anspruch verblenden.

Gerade diese Sicht zeigt, wie sehr Kardinal Ratzinger und Benedikt XVI. den Geist des hl. Benedikt von Nursia als Grundpfeiler für das gesamte Leben der Kirche vorstellen und die Regel des hl. Benedikt zur Grundstruktur von Kirche selbst wird.

Der hl. Benedikt versteht das Kloster als „ecclesiola“, als Kirche im Kleinen, deren Wesen ihrem Sein als „Dominici scola servitii“, Schule im Dienst des Herrn liegt. Der eine Mittelpunkt der Kirche ist Christus, dessen Liebe „nichts vorzuziehen ist“.

Der Leib Christi, die Kirche, findet seine Mitte und seinen Zusammenhalt in der Liturgie. Für den hl. Benedikt wird die Kirche allererst durch die Liturgie zu Kirche In der Liturgie blicken die Gemeinschaft der Mönche und die ganze Kirche auf den Auferstandenen, der wieder kommen wird und schon in der Eucharistie wirklich da ist. Liturgie ist die Vorwegnahme des neuen und endgültigen Kommens Christi. So ist die Feier des Liturgie kein Machen, sondern der Zugang zur ewigen Liturgie des Himmels: sie ist göttliche Liturgie.

Am 9. April 2008 stellte Benedikt XVI. den großen heiligen Patron Europas während der Generaludienz erneut in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Das Leben und Wirken des Begründers des christlichen Mönchtums im Westen mache deutlich, so der Heilige Vater, dass ein wahrer Humanismus sich gegen allzu menschliche Egozentrik und Selbstverwirklichung durchsetzen kann. In einem Europa, das auf der Suche nach seiner Identität ist, könne allein der „Lebenssaft“ der „christlichen Wurzeln“ jene „neue und dauerhafte Einheit“ sicherstellen, welche die begrenzten Horizonte wirtschaftlicher und politischer Natur übersteigt.

Benedikt XVI. stellte seinen Namenspatron mit einem Wort des hl. Gregor des Großen als „leuchtenden Stern“ vor, der den Ausweg aus der „dunklen Nacht der Geschichte“ zu zeigen vermag. Gerade seine „Regel“ habe sich als der große Sauerteig erwiesen, der das Antlitz Europas verändert hatte.

Für den Papst ist es dabei wichtig festzuhalten, dass die die Spiritualität Benedikts keine Innerlichkeit außerhalb der Wirklichkeit war. Indem der Heilige auf Gott sah, habe er die Wirklichkeit des Menschen und seine Sendung verstanden.

Benedikt hat für den Papst ein Leben als „fruchtbare Symbiose zwischen Aktion und Kontemplation vorgeschlagen, ‚damit in allem Gott verherrlicht werde“: „Im Gegensatz zu einer heute oft gepriesenen leichten und ichbezogenen Selbstverwirklichung ist die erste und unverzichtbare Pflicht des Schülers des hl. Benedikt die aufrichtige Suche nach Gott auf dem vom demütigen und gehorsamen Christus vorgezeichneten Weg , dessen Liebe er nichts vorziehen darf, und gerade auf diese Weise, im Dienst am anderen, wird er ein Mann des Dienstes und des Friedens.“

Der Heilige Vater verwies auf die Regel des hl. Benedikt, die dieser selbst als eine „einfache Regel als Anfang“ bezeichnet hatte, als Vorbild für all jene, die auf ihrem Weg zu Gott eine Anleitung suchen: „Durch ihr Maß, ihre Menschlichkeit und ihre nüchterne Unterscheidung zwischen dem Wesentlichen und dem Zweitrangigen im geistlichen Leben konnte sie ihre erhellende Kraft bis heute aufrechterhalten.“

Europa bedarf für Benedikt XVI. bei seiner Suche nach Identität und nach einer neuen und dauerhaften Einheit der Einkehr in seine christlichen Wurzeln, wodurch eine ethische und geistliche Erneuerung errungen werden könne. Denn: „Ohne diesen Lebenssaft bleibt der Mensch der Gefahr ausgesetzt, der alten Versuchung zu erliegen, sich selbst erlösen zu wollen.“

Die „Regel“ des hl. Benedikt und der benediktinische Geist repräsentieren für den Papst das Licht auf dem Weg der Menschen bei ihrer Suche nach Wahrheit, Leben und Gerechtigkeit.

Von Armin Schwibach