Benedikt XVI. und die Säkularisierung

Die Entwurzelung des Menschen von heute

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ROM, 15. März 2008 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. setzte Ende letzter Woche in seiner Ansprache vor der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Kultur den Akzent auf das eigentliche Drama der Moderne. Die Gottvergessenheit entfremdet die zeitgenössische Kultur. Diese Gottesvergessenheit spart die Kirche, das Leben der Gläubigen und der Hirten nicht aus, so der Papst.



Die Worte des Papstes rufen das Wort des Auferstandenen an die Gemeinde von Laodizea in Erinnerung (Offb 3,14-22): „So spricht Er, der ‚Amen’ heißt, der treue und zuverlässige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien. Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt.“

Die Säkularisierung verformt für Benedikt XVI. eine an sich positive Säkularität zum Säkularismus und führt in den Kulturen zum Entstehen einer Auffassung von Welt und Menschsein ohne Bezug zur Transzendenz. Die Welt lebe „etsi Deus non daretur“ – als ob es Gott nicht gäbe. Gott verschwinde so aus dem Dasein und des Bewusstsein des Menschen ganz oder teilweise.

Diese Analyse der Moderne und der Spätaufklärung ist bei Benedikt XVI. nichts neues. Sie gehört zu den Leitfäden dieses Pontifikats, das der säkularen und auch der säkularisierten Welt im Gegenzug den Versuch eines Lebens in der Dimension des Glaubens vorschlägt, gewissermaßen um zu sehen, was unter den Annahme passiert, „dass es Gott wohl gibt“, um dann diesen Gott seiner wahren Fülle in Jesus Christus sehen zu lassen. Bereits im Jahr 1984 hatte der damalige Kardinal Ratzinger gesagt: „Glauben bedeutet, einen Boden gefunden haben, an die wirkliche Substanz aller Dinge herankommen.“ Der Glaube führt dazu, so der Kardinal, „aus dem Schattenspiel der zerfallenden Dinge herauszutreten“.

Das wahrlich Neue der Ansprache vom letzten Samstag aber, das gerade in der Kirche, bei den Gläubigen, Priestern und Bischöfen einen nachdenklichen Alarm auslösen müsste, bestand darin, dass Benedikt XVI. in die Gefahr der zunehmenden Säkularisierung die Gläubigen einschloss.

 „Dieser Säkularismus ist nicht nur eine von außen kommende Bedrohung für die Gläubigen“, sagte der Papst, „sondern er zeigt sich seit geraumer Zeit auch innerhalb der Kirche. Er entstellt vom Kern her und in der Tiefe die Natur des christlichen Glaubens und, als Folge davon, den Lebensstil und das tägliche Verhalten der Gläubigen. Diese leben in der Welt und sind nicht selten von der Kultur der Bilder, die widersprüchliche Modelle und Impulse auferlegt, gezeichnet, wenn nicht sogar geprägt: Man braucht Gott nicht mehr, man muss nicht mehr an ihn denken und zu ihm zurückkehren.“

 „Darüber hinaus“, so Benedikt XVI. weiter, „begünstigt die hedonistische und konsumorientierte Mentalität bei den Gläubigen wie bei den Hirten ein Abdriften zur Oberflächlichkeit und zur Egozentrik, das dem kirchlichen Leben schadet.“

Nicht nur die Welt, der „gewisse Intellektuelle“ seit langem den „Tod Gottes“ gepredigt hatten, droht sich mit in der Schau des eigenen Bauchnabels zu verrennen. Gerade einer Kirche, die sich nur allzu oft an säkularen Schemata misst, ohne der Wesensnatur des Glaubens nachzuforschen, droht der geistige Verfall und die Genügsamkeit eines „vagen Spiritualismus“.

Benedikt XVI. warnte erneut vor der „geistlichen Atrophie“ und „Leere des Herzens“, auf die er die Menschen und die Gläubigen bereits in seiner Weihnachtsbotschaft „Urbi et Orbi“ 2005 mit diesen Worten aufmerksam gemacht hatte: „Der Mensch des technologischen Zeitalters ist jedoch in Gefahr, Opfer ebendieser Erfolge seiner Intelligenz und der Ergebnisse seiner Handlungsfähigkeit zu sein, wenn er sich auf eine geistliche Atrophie, auf eine Leere des Herzens zubewegt.“

Für Benedikt XVI. ist es vordringliche Aufgabe, gerade innerhalb der Kirche der globalisierten Verbreitung des positivistischen, materialistischen, hedonistischen und konsumorientierten Modells der westlichen Kultur einen Riegel vorzuschieben, um zum Wesentlichen der christlichen Botschaft und zum Kern der erforderlichen Neuevangelisierung vorzudringen.

In den von Benedikt XVI. vorgegebenen Spuren machte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, Erzbischof Gianfranco Ravasi, in einem Gespräch mit der Zeitung „Avvenire“ (9.3.2008) die beiden Grundproblematiken aus, mit denen sich die Kirche zu konfrontieren hat. Zum einen, so Ravasi, werde deutlich, dass sich der Einsatz für die Neuevangelisierung nicht auf rein katechetische Aspekte beschränken darf, sondern von einem soliden kulturellen Programm begleitet werden muss. Zum anderen müssen die christlichen Gemeinden aufgefordert werden, nicht zu resignieren und dem säkularen Druck zu verfallen.

Auch in einer Zeit der Säkularisierung seien Räume festzustellen, in die hinein das Evangelium getragen werden kann und wo dieses dann als Sauerteig wirkt. Der Papst habe in seiner Warnung an die Gläubigen und Hirten von der Gefahr der Angleichung der Christen an das herrschende Weltbild gesprochen.

Für Ravasi ist es wichtig zu sehen, dass das Evangelium immer ein „alternatives Modell“ ist, was der Papst kraftvoll hervorhebe. Christen müssen „Sauerteig in der Masse sein und dürfen nicht zum Spiegel der Zeit werden“, so der Präsident.

Eine Gelegenheit für diese „Injektion von Sauerteig“ in die moderne Gesellschaft sieht Ravasi darin, dass festgestellt werden kann, dass der moderne Mensch „satt“ und somit in einer gewissen Hinsicht „blockiert“ und gleichzeitig entleert ist. Dies betreffe vor allem die Werte und die Hoffnung. Diese Leere mit dem Evangelium zu erfüllen – „das ist die große Herausforderung der Zeit“.

Für Ravasi ist der Prozess der Säkularisierung nicht unumkehrbar. Es sei eine Nachfrage nach Räumen festzustellen, die sich von denen eines „gleichmacherischen Säkularismus“ unterscheiden. „Die Kirche kann und muss dieser Raum sein“, so der Erzbischof, „andernfalls besteht die Gefahr, dass die Menschen sich an anderes wenden und sich das, was sie brauchen, bei den Sekten, im New Age und in den Formen von Religiosität suchen, die am meisten ‚in’ sind.“

Deshalb sei es Hauptpflicht der Christen, sich nicht von einem Abdriften in den Säkularismus absorbieren zu lassen. Der Kern der Sendung der Christen besteht für Ravasi darin, dem Papst in seinem Aufruf zur Wiederentdeckung der hohen Werte des Daseins zu folgen, die weder in der Predigt noch in der Katechese vernachlässigt werden dürfen. Auf diese Weise könne die Kirche auch in einer säkularisierten Gesellschaft einen neuen christlichen Humanismus erblühen und so die „Wüsten der Gleichgültigkeit und der Oberflächlichkeit“ fruchtbar werden lassen.

Von Armin Schwibach