Benedikt XVI. und die Sendung der Frau

Interview mit Sr. Marcella Farina FMA, Dozentin für Fundamentaltheologie in Rom

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ROM, 5. Mai 2006 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. besitze ein besonderes Gespür für die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft, erläutert Schwester Marcella Farina FMA, Lehrbeauftragte für Fundamentaltheologie an der Päpstlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften "Auxilium", im folgenden Gespräch mit ZENIT.



Die Don Bosco Schwester zeigt auf, wie Benedikt XVI. in Bezug auf die Sendung der Frau den Spuren von Karol Wojtyla folgt und dessen Lehraussagen in seiner Enzyklika Deus caritas est vertieft.

Die Ordensschwester ist Mitglied der Päpstlichen Theologischen Akademie und des Interdisziplinären Marianischen Verbands. Außerdem ist sie Mitbegründerin der Italienischen Gesellschaft für Theologische Forschung.

ZENIT: Johannes Paul II spricht vom "Genius der Frau". Glauben sie, dass Papst Benedikt XVI. mit Gesten und Aussagen in Bezug auf die Frauen überraschen wird?

Sr. Farina: Papst Benedikt XVI. folgt den Spuren von Johannes Paul II., und zwar in der ihm eigenen Art, mit vortrefflicher Einfühlsamkeit und klarem Zeugnis.

Mit seiner ersten Enzyklika gewährt er uns einen Einblick in seine tiefe Verbundenheit mit der zeitgenössischen Welt und folglich auch mit der Frau; er macht deutlich, in welche Richtung er geht und was er nicht nur der Kirche, sondern allen Menschen guten Willens vorschlagen möchte.

Wenn man die Liebe Gottes in Einfachheit und ihrer ganzen Radikalität annimmt, verändert sich die Welt und es entsteht gewissermaßen ein "neuer Frühling". Jedes Geschöpf – insbesondere der Mensch, der Ebenbild Gottes ist – spiegelt den Glanz Gottes, seine Schönheit, wider.

Benedikt XVI., hat uns in diesem ersten Jahr seines Pontifikats ein reiches Erbe an anthropologischen Lehren geschenkt – man denke nur an seine Audienzen, Ansprachen und Botschaften, oder an die päpstlichen Initiativen, die Begegnungen des Heiligen Vaters mit Leuten verschiedenster Einrichtungen, mit Gläubigen und Nichtgläubigen.

Der Papst verfügt über eine Nüchternheit, die mit einem gewissen Maß an Vorsicht und evangeliumsgemäßen Eifer einhergeht. Ihn zeichnen große Demut und großer Mut, großzügiger Einsatz und Einfachheit aus.

Ich glaube nicht, dass es bei ihm "überraschende" Gesten im phänomenologischen Sinn geben wird. Das Erstaunen, das denjenigen erfasst, der ihm begegnet und ihm zuhört, kommt aus seiner freundlichen, aufrichtigen Nähe.

ZENIT: Das "Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt" (2004) wurde veröffentlicht, als der jetzige Papst der Kongregation für die Glaubenslehre als Kardinal Joseph Ratzinger vorstand. Worum geht es in diesem Dokument?

Sr. Farina: Das Schreiben trägt das Datum vom 31. Mai 2004, dem Fest Mariä Heimsuchung [das im deutschen Sprachraum am 2. Juli begangen wird, Anm. d. Red.]. Dieser Tag sagt besonders viel über die Weitergabe von anthropologischen Werten aus, wie sie vor allem der Frau zukommt.

Der marianische Gedenktag lässt an die Jungfrau Maria denken, die sich aufmacht, um ihre Base Elisabeth zu besuchen. Zu ihr trägt sie das Leben, das ja Jesus selbst ist. Hier kommt zum Ausdruck, dass mit Maria die Morgendämmerung einer neuen Menschheit anbricht, einer Menschheit, die dem Plan Gottes entspricht; und dass mit diesem Ereignis den Frauen und Männern der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Generationen die messianische Freude angeboten wird. Diese Botschaft, die eine bestimmte Perspektive und eine Verpflichtung beinhaltet, wird hier der gesamten Menschheit angeboten, und folglich auch den Frauen.

In gewisser Weise knüpft Benedikt XVI. an die Lehre von Johannes Paul II. über die Würde und Sendung der Frau an, und die Enzyklika Deus caritas est vertieft sie weiter.

Wenn wir alle Texte durchgehen, in denen der Vorgänger Benedikts XVI. über den "Genius der Frau" spricht, können wir feststellen, dass ein solcher Genius insbesondere in der Annahme und Weitergabe jener Liebe zum Tragen kommt, die aus dem Herzen Gottes hervorgeht und im menschlichen Herzen aufstrahlt.

ZENIT: Benedikt XVI. hat vor kurzem von den großen Frauen in der Kirche gesprochen, etwa von Katharina von Siena oder Hildegard von Bingen – Frauen, denen bereits Johannes Paul II. große Wertschätzung entgegenbrachte.

Sr. Farina: Papst Johannes Paul II. hat am 19. Oktober 1997 die heilige Theresia vom Kinde Jesu zur Kirchenlehrerin erhoben. Es war schon einzigartig, dass ihr hundertste Todestag auf diese Weise gefeiert werden konnte.

Im apostolischen Schreiben Divini amoris scientia spricht er vom "Genius der Frau" und stellt einen schönen Vergleich zwischen der kleinen Theresia und Katherina von Siena an: Beide sind Kirchenlehrerinnen, und zwar dank der Gabe des Heiligen Geistes, der ihnen Weisheit schenkte und ihnen erlaubte, die grundlegende Bedeutung der menschlichen und christlichen Erfahrung zu verstehen, die ja die Liebe ist.

In der Enzyklika Evangelium vitae vertraut er der Frau die Aufgabe an, einen neuen Feminismus zu entwickeln, ein Auftrag, den sie mit Hilfe ihres weiblichen Instinkts tatkräftig angehen kann.

Benedikt XVI. bedient sich bei seiner Lehrtätigkeit häufig dieses lehramtlichen Vermächtnisses seines Vorgängers und unterstreicht auch für den Nichtgläubigen die Bedeutung dieses anthropologischen Sinngehalts, der im Evangelium als menschliche Selbstverständlichkeit sichtbar wird. Somit trägt der Papst auch zu einem tieferen und reiferen weibliches Selbstbewusstsein bei.

Ich möchte an dieser Stelle nur an die herausragende Bedeutung im Sinne einer menschlicheren Gesellschaft erinnern, wenn die Menschen tatsächlich so dächten und lebten, "veluti si Deus daretur" – als ob es Gott gäbe. Der Papst erklärt diesbezüglich, dass ein Denken ohne transzendente Weite, ohne Offenheit für das göttliche Geheimnis, kein wahrhaft freies, fruchtbares Denken ist.

Auf diese Weise ruft er Gläubigen und Nichtgläubigen gleichermaßen ihre ethische Verpflichtung ins Gedächtnis, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, und er erinnert in diesem Zusammenhang alle an die Berufung zur Heiligkeit, die sich ja auch an unseren Verstand richtet. Denn wie sonst könnte man Gott mit "ganzem Herzen und ganzer Seele, mit jedem Gedanken und aller Kraft" lieben (vgl. Mk 12,30)?

Wenn also sogar die Nichtgläubigen dazu berufen sind, so zu denken und zu leben "veluti si Deus daretur" (als ob es Gott gäbe), dann sind wir, die Gläubigen, dazu berufen, so zu denken und zu leben, dass wir der moralischen Pflicht entsprechen können, über unseren Glauben Auskunft zu geben. In dieser Hinsicht hat die Frau eine einzigartige Stellung, denn sie hat ja im Lauf der Geschichte immer wieder Vernunft und Beziehung, das Denken und das Gefühl miteinander vereinen können.

Wir gläubige Frauen sind besonders dazu aufgefordert, bei der Begründung unseres Glaubens mittels vernünftiger Argumente alle Tiefen auszuloten und nach dem Weg, der in "Divini amoris scientia" gewiesen wird, aus der Theologie eine Theophanie und aus der Christologie eine Christophanie werden zu lassen.

Der auferstandene Jesus begegnet Maria von Magdala, um sie auf den Weg der österlichen Liebe zu führen. Möge er auch uns begegnen und uns diesen Weg zeigen, damit wir mit seinem Eifer die Osterbotschaft verkünden.