"Benedikt XVI. war für mich ein Held, der den Missbrauch bekämpfte"

Pater Hans Zollner über die Arbeit der Päpstlichen Kommission für den Schutz der Minderjährigen

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 535 klicks

Pater Hans Zollner SJ, Mitglied der Päpstlichen Kommission für den Schutz der Minderjährigen, gab in einem Interview mit ZENIT eine Stellungnahme zu der Anklage ab, es habe sich bei dem Empfang der Missbrauchsopfer durch Papst Franziskus lediglich um eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme gehandelt. Der Vorsitzende des internationalen Kinderschutzzentrums der Päpstlichen Universität Gregoriana legte außerdem dar, dass der von Papst Franziskus eingeschlagene Kurs in dieser Frage die Fortführung der von Benedikt XVI. gewählten Linie sei.

Pater Zollner erklärte, alle Mitglieder der Päpstlichen Kommission mit Ausnahme von Kardinal O’Malley hätten dieselbe Rolle. Er sei Koordinator der Gruppe, der Kommission, ihrer sieben Mitglieder und der Arbeit der Kommission zum Schutz der Minderjährigen. Alle seien gleichberechtigt. Sie hätten bereits den Heiligen Vater darum gebeten, Mitglieder aus Afrika, Asien, und Ozeanien aufzunehmen, da diese noch nicht in der Kommission vertreten seien. Alle Mitglieder verfügten über eine entsprechende Erfahrung und Kompetenzen, die sie bei ihrer Arbeit für die Kommission einbringen könnten.

Die Kommission, so Pater Zollner, verfolge mehrere Ziele. Sie hätten einige Hauptziele festgelegt. Erstens sei ihre Gegenwart und Arbeit in Rom ein Zeichen, dass der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen, Kindern oder Jugendlichen, ein Problem in vielen Ländern weltweit darstelle. „Wir wollen das Bewusstsein stärken,“ um für das Thema zu sensibilisieren und es dort zu diskutieren, wo es bislang an der ausreichenden Sensibilität mangele. In den USA oder in Kanada sei das Thema seit 30 Jahren in der Diskussion, in Irland seit 20 Jahren. Demgegenüber gebe es allerdings Gegenden, in denen wenig Bewusstsein für die Problematik und Erfahrungen damit vorhanden seien.

Ein weiteres Ziel der Kommission bestehe darin, das Bewusstsein dafür zu schaffen, wie man Missbrauchsopfern begegnen solle, wie man ihnen helfen könne und wie man ihnen eine Stimme geben könne, um ihrem Schmerz, ihrem Zorn und ihrer Einsamkeit Ausdruck zu verleihen. Das Treffen von sechs Missbrauchsopfern aus drei unterschiedlichen Ländern mit dem Heiligen Vater habe gezeigt, wie man vorgehen solle.

Die Opfer stünden stets an erster Stelle. Ziel der Kommission sei es deshalb, das Motto so in die Tat umzusetzen, dass es sich auf politische Entscheidungen, Einstellung und Verhalten der religiösen Superioren und Bischöfe auswirke. Zu diesem Themenbereich zähle auch die Frage nach der Verantwortung von Bischöfen und der Festlegung entsprechender Kriterien. Weitere Punkte seien die Prävention vor Missbrauch und die Verfolgung der Täter.

Die Stärke der Kommission liege darin, vor allem wenn sie erst vollständig sein werde, dass sie Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen und Gebieten mit sehr viel Erfahrung zusammenbringe. Alle Mitglieder verfügten über jahrzehntelange Erfahrung in der Forschung, der Therapie, im Versuch, das Phänomen des Missbrauchs unter unterschiedlichen Gesichtspunkten und Ebenen zu verstehen. Sie stammten alle aus unterschiedlichen Kulturen, Sprachräumen, aus unterschiedlichen professionellen und beruflichen Hintergründen. All das trage zu einem besseren Verständnis des Missbrauchs in der Kirche bei.

Es sei interessant, mit den Kollegen zu diskutieren, obwohl sie nicht immer einer Meinung seien. Er schätze besonders, so Pater Zollner, dass sie allen in einem Boot säßen und gemeinsam an konkreten Schritten arbeiteten. Auch wenn eine langfristige Änderung Jahre erfordere, müssten sie jetzt damit beginnen. Ihre Diskussionen seien offen, hoffnungsvoll und frei. Pater Zollner empfindet die Auseinandersetzung mit Kollegen aus anderen Kontexten als goße Bereicherung für seine Arbeit.

Die größte Herausforderung stelle die praktische, logistische Seite dar, wie und mit welchen Inhalten sie kommunizieren wollten. Das werde noch umfassender, wenn Menschen aus anderen Ländern und Kontexten einbezogen würden. Selbstverständlich würden sie auch die Menschen treffen, da man nicht alles per Mail oder anderer Kommunikationsmittel lösen könne. Darüberhinaus werde es Untergruppen geben, die sich nach Spezialgebieten zusammensetzten. Die Gruppen, so Pater Zollner, hätten festgesteckte Ziele bei ihrer Zusammenarbeit. Am Ende werde aber alles in der Kommission zusammenlaufen, die anschließend darüber diskutieren und eine eventuelle Überarbeitung vornehmen und Empfehlungen an den Heiligen Vater aussprechen werde.

Pater Zollner äußerte, dass Papst Franziskus vom Beginn seines Pontifikats an ein großes Bewusstsein für das Problem und besonders für das Leid der Opfer gezeigt habe. Bei seiner ersten Begegnung mit der Glaubenskongregation wenige Wochen nach seiner Wahl habe er bereits gefordert, dass die Kongregation die Linie von Benedikt XVI. fortsetzen solle. Anfang Mai 2013 habe er im Rahmen der Generalaudienzen mit Menschen gesprochen, die sich um Missbrauchsopfer kümmerten und sich für Präventionsarbeit in Italien einsetzten. Außerdem habe Papst Franziskus die Mitarbeiter des internationalen Kinderschutzzentrums der Gregoriana empfangen, um sie in ihrer Arbeit zu bestärken.

Über das Treffen am vergangenen Montag zeigte sich Pater Zollner sichtlich erfreut. Papst Franziskus zeige bei seiner Reformarbeit im Vatikan und seinem kontinuierlichen Einsatz für die Armen, Bedürftigen, Flüchtlinge, gegen Menschenhandel und Prostitution, dass man so hart wie möglich daran arbeiten müsse, um sich der Ungerechtigkeit, dem Leid und der Hoffnungslosigkeit zu widersetzen.

Der Heilige Vater gehe das Missbrauchsproblem in der Kirche an, wie Pater Zollner ausführte. Der Papst habe die Predigt auf Spanisch gehalten, d.h. selbst verfasst. Deshalb spiegle die Predigt die Gedanken und Ansichten des Heiligen Vaters wider. Die Predigte enthalte eindeutige Stellungsnahmen. Auf der Rückreise vom Heiligen Land habe er mit den Journalisten gesprochen und die härtesten Worte aus katholischer Sichte benutzt. Er habe sexuellen Missbrauch mit dem Missbrauch der Eucharistie gleichgesetzt. Das entspreche der Linie von Benedikt XVI., vor allem in dessen Brief an die Katholiken in Irland aus dem Jahr 2010. Papst Franziskus habe damit den Kurs seines Vorgängers und der Glaubenskongregation bestätigt, als er angekündigt habe, dass die Täter verfolgt würden. Das werde in die Tat umgesetzt, so Pater Zollner, wie der Fall eines Erzbischofs zeige, der nun den Status eines Laien habe und aus dem Klerus entlassen worden sei. Das sei für ein Mitglied des Klerus die größte Strafe, vor allem, wenn es sich wie im vorliegenden Fall um einen Nuntius handle.

Das Vorgehen entspreche der Linie von Benedikt XVI., auch schon als Präfekt der Glaubenskongregation. Mit der Unterstützung von Johannes Paul II. habe 2002 der damalige Kardinal Ratzinger alle US-Bischöfe einberufen, damit sie über die Missbrauchsfälle in den USA zu berichteten. Er habe außerdem das Amt des Förderers der Gerechtigkeit in der Kongregation geschaffen, das mit großer Macht ausgestattet sei, da es zur Verfolgung berechtige. Außerdem habe sich Benedikt XVI. für strengere Gesetze eingesetzt und betont, dass der gesamte Klerus und die Bischöfe in der Angelegenheit gemäß dem jeweiligen Landesgesetz, dem Straf- und Zivilrecht vor Ort, zusammenarbeiten müssten.

Pater Zollner stimmt nicht mit den Kritikern überein, die am aktiven Einsatz von Benedikt XVI. gegen Missbrauch in der Kirche zweifeln. Benedikt XVI. habe sowohl in seiner Funktion als Präfekt als auch später als Papst, was die Organisation und das Übernehmen von Verantwortung betreffe, eine Revolution durchgeführt.

Benedikt XVI. habe die Verantwortung für die Missbrauchsfälle der Kongregation für den Klerus entzogen und stattdessen der Glaubenskongregation übertragen. Er habe eine Zentralisierung in dem Bewusstsein vorgenommen, dass in den Diözesen auf lokaler oder nationaler Ebene wie auch in den Ländern weltweit wenig Kompetenz in der Anwendung des kanonischen Strafrechts vorhanden sei, auf dessen Grundlage eine Strafverfolgung mit ausreichend Personal, entsprechenden Strukturen und Kenntnis möglich sei.

„Deshalb war Benedikt XVI. für mich und für all diejenigen, die um die Angelegenheit wussten, ein Held, der den Missbrauch bekämpfte und alles Menschenmögliche tat, um Missbräuche in der Zukunft zu verhindern.“