Benedikt XVI. zum europäischen Projekt: Einheit vertiefen, Verantwortung für die Welt übernehmen

Ansprache vor dem neuen finnischen Botschafter Pekka Ojanen beim Heiligen Stuhl

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ROM, 1. Dezember 2005 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. empfing heute, Donnerstag, anlässlich der Übergabe ihrer Akkreditierungsschreiben nacheinander die neuen Botschafter aus Tansania, Nepal, Finnland, Santa Lucia, El Salvador, Dänemark, Südafrika, Algerien, Eritrea, Togo und Andorra im Vatikan. In seiner Ansprache vor dem offiziellen Vertreter der Republik Finnland beim Heiligen Stuhl, dem 59-jährigen verheirateten Vater dreier Kinder Pekka Ojanen, erklärte der Papst, dass sich die Europäische Union nur aus der Kraft ihrer kulturellen, philosophischen und religiösen Wurzeln heraus weiterentwickeln und ihrer Verantwortung für die Familie der Menschheit gerecht werden könne.



Benedikt XVI. erinnerte daran, dass Finnland seit zehn Jahren Vollmitglied der EU ist und maßgeblich am europäischen Erweiterungsprozess mitgewirkt habe. \"Wie Sie wissen, hat der Heilige Stuhl diese Öffnung der Europäischen Union in Richtung der osteuropäischen Staaten wohlwollend begleitet, da sie die im vergangenen Jahrhundert willkürlich auferlegte Teilung Europas, die der wahren Identität des Kontinents zuwiderlief, überwinden half. Heute gilt es, diese wieder gefundene Einheit sorgfältig zu bewahren und zu vertiefen.\" Der Papst hob hervor, dass sich das europäische Projekt nicht \"auf die Erschließung eines großen gemeinsamen Wirtschaftsraums beschränken\" dürfe. Vielmehr gelte es zu beachten, dass dieses Projekt \"aus seiner jahrtausendlangen Geschichte und aus seinen kulturellen, philosophischen und religiösen Wurzeln beständig Kraft und Elan für seine eigene Zukunft und für seinen Auftrag in der Welt schöpft\".

Dieser Auftrag bestehe darin, den Frieden in die ganze Welt zu bringen und nachhaltige Entwicklungspolitik zu betreiben. Nur eine \"echte Entwicklungspolitik\" könne \"den zahlreichen alarmierenden Ungerechtigkeiten Abhilfe schaffen, unter denen viele unserer Mitmenschen leiden und die sehr leicht zum Nährboden für Gewalt und Terrorismus werden können\", eine Entwicklungspolitik nämlich, \"die auf gerechteren Beziehungen zwischen den reichen und armen Ländern gründet\". In diesem Sinn könne die Republik Finnland \"in der Europäischen Union dazu beitragen, dass diese ihrer Verantwortung in der weltweiten Familie der Nationen gerecht wird. Der Heilige Stuhl wird sich seinerseits bei den Internationalen Organisationen und wo immer in der Welt Spannungen unter Völkern und Staaten auftreten, für einen Weg des Dialogs einsetzen, um auf diese Weise an der Lösung der Probleme mitzuarbeiten, die zwischen menschlichen Gruppen oder Staaten auftreten.\"

Europa könne bei der Erfüllung dieses Auftrags auf eindeutige Stärken zurückgreifen: \"Europa stellt in unserer brüchigen und mit Gefahren belasteten Welt einen Lebensraum des Wohlstands und der Sicherheit dar. Ebenso handelt es sich in wirtschaftlicher Hinsicht um einen reichen Kontinent, der auch in Zukunft vor allem aus den benachteiligten Regionen der südlichen Halbkugel viele ärmere Menschen anziehen wird.\" Zudem könne die Europäische Union zu Recht den Anspruch erheben, \"eine Vereinigung von demokratischen Staaten zu sein, die sich in einer neuartigen Form miteinander verbunden haben. Das stellt für andere Staatengruppen ein möglicherweise nachzuahmendes Modell dar, da es immer notwendiger erscheint, die konstruktiven Kräfte zu vereinen, um den Anforderungen der Globalisierung gerecht werden zu können.\"

Nach einer klaren Bekräftigung der Bereitschaft seitens der Kirche, auf der Suche nach dem wahren Gut jedes Menschen und der Gesellschaft auch weiterhin \"Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen zu bauen\", rief Benedikt XVI. alle Gläubigen dazu auf, sich \"klar und bestimmt\" dagegen auszusprechen, \"dass die Religion zu einem Vorwand für ein nicht zu rechtfertigendes gewalttätiges Verhalten wird, das die Würde des Menschen verletzt und sich damit auch gegen den Schöpfer allen Lebens richtet.\" In diesem Zusammenhang versicherte der Heilige Vater seinem Gast, \"dass die katholische Kirche ihrerseits keine Anstrengungen scheuen wird, um sich auf allen Ebenen für den Frieden und für die Würde eines jeden Menschen einzusetzen, der nach dem Abbild Gottes geschaffen wurde\".