Berater, Begleiter, Bibelwissenschaftler: Papst Benedikt XVI. über den heiligen Hieronymus

„Was können wir vom heiligen Hieronymus lernen? … Das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu lieben“

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ROM, 7. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Mittwochvormittag während der Generalaudienz gehalten hat.



Der Heilige Vater setzte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter fort und betrachtete Leben und Werk des heiligen Sophronius Eusebius Hieronymus (* 347 in Stridon (heute Štrigova, Kroatien); † 30. September 419/420 in Bethlehem), den er nicht nur als einen „gebildeten Mann, Asketen und Seelenführer“ würdigte, sondern auch als „großen Bibelwissenschaftler“:

Hieronymus ist für die „Vulgata“ hauptverantwortlich, jene Bibelübersetzung, die – wie der Papst erklärte – „nach einer unlängst vorgenommenen Revision der ‚offizielle‘ lateinische Text der Kirche bleibt“. Vor allem aber bemühte er sich darum, aus der Heiligen Schrift heraus zu leben. In diesem Sinn lehre er die Gläubigen heute, „das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu lieben“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute werden wir den heiligen Hieronymus in den Blick nehmen, einen Kirchenvater, der die Bibel in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hat: Er übersetzte sie ins Lateinische, kommentierte sie in seinen Werken und bemühte sich vor allem darum, sie während seines langen Lebens auf Erden ganz konkret zu leben, trotz seines wohl bekannten schwierigen und feurigen Charakters, den er von Natur aus hatte.

Hieronymus wurde um das Jahr 347 in Stridon in einer christlichen Familie geboren, die ihm eine sorgfältige Ausbildung zukommen ließ und ihn dann nach Rom schickte, um seine Studien zu vervollkommnen. Als junger Mann verspürte er die Anziehungskraft des weltlichen Lebens (vgl. Ep 22,7); es überwog jedoch in ihm die Sehnsucht nach der christlichen Religion und das Interesse für sie. Um 366 empfing er die Taufe und richtete sich nach einem asketischen Lebensstil aus; er begab sich nach Aquileia, und schloss sich dann einer Gruppe eifriger Christen an, die er gleichsam als „Chor von Seligen“ bezeichnete (Chron. ad ann. 374), der sich um den Bischof Valerian scharte. Er brach dann in den Osten auf und lebte als Eremit in der chalcidischen Wüste, im Süden von Aleppo (vgl. Ep. 14,10). Dort widmete er sich ernsthaft dem Studium. Er vervollkommnete seine Griechischkenntnisse, begann Hebräisch zu studieren (vgl. Ep 125,12) und transkribierte Codices und patristische Werke (vgl. Ep 5,2).

Die Meditation, die Einsamkeit, die Berührung mit dem Wort Gottes ließen sein christliches Empfindungsvermögen reifen. Er fühlte stärker die Qual der Last seiner jugendlichen Vergangenheit (vgl. Ep. 22,7) und verspürte eindringlich den Gegensatz zwischen heidnischer Denkart und christlichem Leben: ein Gegensatz, den die dramatische und lebhafte „Vision“ berühmt gemacht hat, die er uns in einer Erzählung hinterließ. In ihr erschien es ihm, als würde er vor dem Angesicht Gottes gegeißelt, da er „ein Ciceronianer und kein Christ“ war (vgl. Ep. 22,30).

Im Jahr 382 siedelte er nach Rom über: Da Papst Damasus seinen Ruf als Asket und seine Sachverständigkeit als Gelehrter kannte, ernannte er ihn hier zum Sekretär und Berater. Er ermutigte ihn, aus pastoralen und kulturellen Gründen eine neue lateinische Übersetzung der biblischen Texte in Angriff zu nehmen. Einige Vertreter der römischen Aristokratie, vor allem Edelfrauen wie Paula, Marcella, Asella, Lea und andere, die den Wunsch hegten, sich um den Weg der christlichen Vollkommenheit zu bemühen und ihr Wissen in Bezug auf das Wort Gottes zu vertiefen, wählten ihn als ihren geistlichen Begleiter und Lehrer bei der methodischen Annäherung an die heiligen Texte. Diese Edelfrauen lernten auch Griechisch und Hebräisch.

Nach dem Tod von Papst Damasus verließ Hieronymus 385 Rom und unternahm eine Pilgerreise. Diese führte ihn zunächst ins Heilige Land, dem stillen Zeugen des Erdenlebens Christi, dann nach Ägypten, Wahlheimat vieler Mönche (vgl. Contra Rufinum 3,22; Ep. 108,6-14). Im Jahr 386 kam er nach Bethlehem, wo dank der Großzügigkeit der Edelfrau Paula für die Pilger, die sich in das Heilige Land begaben, ein Männerkloster, ein Frauenkloster und ein Hospiz errichtet wurden – „im Gedenken daran, dass Maria und Josef keine Unterkunft gefunden hatten“ (Ep. 108,14). In Bethlehem blieb er bis zu seinem Tod, wobei er seine intensive Arbeit fortsetzte: Er kommentierte das Wort Gottes, verteidigte den Glauben und widersetzte sich kraftvoll den verschiedenen Irrlehren. Er mahnte die Mönche zur Vollkommenheit, führte seine jungen Schüler in die klassische und christliche Kultur ein und nahm die Pilger, die das Heilige Land besuchten, in pastoraler Gesinnung auf. In der Nähe der Geburtsgrotte Jesu verstarb in seiner Zelle am 30. September 419/420.

Seine literarische Ausbildung und seine breit angelegte Gelehrsamkeit gestatteten Hieronymus die Durchsicht und Übersetzung zahlreicher biblischer Texte: eine wertvolle Arbeit für die lateinische Kirche und die abendländische Kultur. Auf der Grundlage der griechischen und hebräischen Urtexte im Vergleich mit vorhergehenden Versionen unternahm er die Durchsicht der vier Evangelien in lateinischer Sprache, dann die des Psalters und eines Großteils des Alten Testaments. Hieronymus trug dem hebräischen und griechischen Original, der Septuaginta – der klassischen griechischen Version des Alten Testaments, die auf vorchristliche Zeit zurückgeht – und den vorhergehenden lateinischen Versionen Rechnung; so konnte er dann zusammen mit weiteren Mitarbeitern eine bessere Übersetzung bieten: Sie stellt die so genannte Vulgata dar, den „offiziellen“ Text der lateinischen Kirche, der als solcher vom Konzil von Trient anerkannt wurde und nach einer unlängst vorgenommenen Revision der „offizielle“ lateinische Text der Kirche bleibt.

Es ist interessant, die Kriterien herauszustellen, an die sich der große Bibelwissenschaftler in seinem Übersetzungswerk gehalten hat. Er selbst offenbart sie, wenn er erklärt, er respektiere sogar die Anordnung der Worte der Heiligen Schrift, da in ihr, so sagt er, „auch die Anordnung der Worte ein Mysterium ist“ (Ep. 57,5), das heißt eine Offenbarung. Er bekräftigt darüber hinaus die Notwendigkeit, auf die Originaltexte zurückzugreifen: „Sollte es aufgrund der nicht übereinstimmenden Lehren der Handschriften unter den Lateinern zu einer Diskussion über das Neue Testament kommen, greifen wir auf das Original zurück, das heißt auf den griechischen Text, in dem der Neue Bund geschrieben worden ist. Ebenso beim Alten Testament: Treten Abweichungen zwischen den griechischen und lateinischen Texten auf, so berufen wir uns auf den Originaltext, den hebräischen; so können wir all das, was der Quelle entspringt, in den Bächen wieder finden“ (Ep. 106,2).

Hieronymus kommentierte des Weiteren auch viele Texte der Bibel. Für ihn müssen die Kommentatoren vielfältige Meinungen bieten, „so dass der besonnene Leser, nachdem er die verschiedenen Erklärungen gelesen und die vielfältigen Ansichten kennen gelernt hat – die anzunehmen oder zu verwerfen sind –, urteile, welche die zuverlässigste ist, und wie ein erfahrener Geldwechsler die falsche Münze ablehne“ (Contra Rufinum 1,16).

Kraftvoll und lebhaft widerlegte er die Irrlehrer, die die Überlieferung und den Glauben der Kirche bestritten. Er bewies auch, wie wichtig die christliche Literatur war und welchen Stellenwert sie hatte, die zu einer wahren Kultur geworden war, würdig, mit der klassischen verglichen zu werden: Er tat dies mit der Verfassung des De viris illustribus, eines Werkes, in dem Hieronymus die Biographien von über 100 christlichen Schriftstellern vorlegt. Er verfasste zudem Biographien von Mönchen und erläuterte damit – neben anderen geistlichen Wegen – auch das monastische Ideal. Außerdem übersetzte er verschiedene Werke griechischer Autoren. Schließlich sticht Hieronymus im bedeutsamen Epistularium, einem Hauptwerk der lateinischen Literatur, mit den Merkmalen eines gebildeten Mannes, Asketen und Seelenführers hervor.

Was können wir vom heiligen Hieronymus lernen? Mir scheint, vor allem dies: das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu lieben. Der heilige Hieronymus sagt: „Die Heilige Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen.“ Deshalb ist es wichtig, dass jeder Christ in Berührung und in persönlichem Dialog mit dem Wort Gottes lebt, das uns in der Heiligen Schrift geschenkt ist.

Dieser unser Dialog mit ihr muss immer zwei Dimensionen haben: Einerseits muss er ein wirklich persönlicher Dialog sein, da Gott mit einem jeden von uns durch die Heilige Schrift spricht und eine Botschaft für jeden hat. Wir dürfen die Heilige Schrift nicht als Wort der Vergangenheit lesen, sondern als Wort Gottes, das auch an uns gerichtet ist, und wir müssen versuchen zu verstehen, was uns der Herr sagen will. Um aber nicht dem Individualismus zu verfallen, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass das Wort Gottes uns gerade deshalb gegeben ist, um Gemeinschaft zu schaffen, um uns in der Wahrheit auf unserem Weg hin zu Gott zu vereinen. Obwohl es also immer ein persönliches Wort ist, ist es auch ein Wort, das Gemeinschaft errichtet, das die Kirche errichtet. Deshalb müssen wir es in Gemeinschaft mit der lebendigen Kirche lesen.

Der vorzügliche Ort der Lesung und des Hörens des Wortes Gottes ist die Liturgie, in der wir durch die Feier des Wortes und die Vergegenwärtigung des Leibes Christi im Sakrament das Wort in unserem Leben verwirklichen und es unter uns gegenwärtig machen. Wir dürfen nie vergessen, dass das Wort Gottes über die Zeiten hinausgeht. Die Meinungen der Menschen kommen und gehen. Was heute sehr modern ist, wird morgen sehr alt sein. Das Wort Gottes hingegen ist Wort des ewigen Lebens, es trägt die Ewigkeit in sich, das, was für immer gilt. Indem wir in uns das Wort Gottes tragen, tragen wir also in uns das Ewige, das ewige Leben.

Und so schließe ich mit einem Wort des heiligen Hieronymus an den heiligen Paulinus von Nola. In ihm bringt der große Exeget gerade diese Wirklichkeit zum Ausdruck, dass wir im Wort Gottes die Ewigkeit empfangen, das ewige Leben. Der heilige Hieronymus sagt: „Versuchen wir, auf der Erde jene Wahrheiten zu lernen, deren Beschaffenheit auch ich Himmel weiter bestehen bleiben wird“ (Ep. 53,10).

[Um seine Katechese auf Deutsch zusammenzufassen, bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der heutigen Katechese möchte ich den Kirchenvater Hieronymus in den Blick nehmen. Er wurde 347 in Stridon, dem heutigen Štrigova in Dalmatien (Kroatien), in einer christlichen Familie geboren. Nach seiner Taufe im Jahr 366 wählte er bald einen asketisch-monastischen Lebensstil. Nach Aufenthalten in Antiochien und Konstantinopel, wo er sich sehr gute Kenntnisse der griechischen und hebräischen Sprache aneignete, stand er von 382 bis 385 in Rom als Sekretär und Berater im Dienst von Papst Damasus. Nach dessen Tod bewegten ihn verschiedene Spannungen und Konflikte, die auch charakterlich bedingt waren, zur Übersiedlung nach Bethlehem, wo er im Kreis von monastischen Gefährtinnen und Gefährten die letzten drei Jahrzehnte vor seinem Tod im Jahr 419 oder 420 verbrachte.

Im Mittelpunkt von Leben und Werk des heiligen Hieronymus stand die Bibel: Er übersetzte mit viel Sorgfalt und in Treue zu den Originaltexten einen großen Teil der Heiligen Schrift in die lateinische Sprache, schrieb Kommentare zu vielen biblischen Büchern und bemühte sich vor allem, auch sein Denken und Handeln ganz nach dem Wort Gottes auszurichten.

[Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum begrüßte Benedikt XVI. mit den Worten:]

Mit Freude begrüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz. Einen besonderen Gruß richte ich dabei an die Kreisräte und Bürgermeister des Landkreises Freising. Auch heute spricht Gott zu uns in der Heiligen Schrift. Öffnen wir uns für diesen großen geistlichen Schatz und folgen wir in der eifrigen und gläubigen Schriftlesung dem Beispiel des heiligen Hieronymus. Der allmächtige Gott segne euch und eure Familien.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]