Bergoglio war nie ein Komplize der Diktatur: Er ging den Weg der stillen Diplomatie

Friedensnobelpreisträger Perez Esquivel dementiert Vorwürfe gegen Papst Franzisku

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 1088 klicks

„Bergoglio hat weder mit der Junta kollaboriert, noch war er einer jener Bischöfe, die sich an vorderster Front im Kampf für die Menschenrechte engagierten. Vielmehr setzte er auf stille Diplomatie zugunsten der während der Diktatur Verhafteten und der Desaparecidos.“ Mit diesen Worten weist Nobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel die Anschuldigung gegen den damaligen Provinzial der argentinischen Jesuiten, mit den Machthabern der Diktatur kompromittierende Verbindungen unterhalten zu haben, entschieden zurück.

Gestern Vormittag wurde der 81-jährige argentinische Menschenrechtsaktivist, der im Jahr 1980 aufgrund seiner öffentlichen Anklage der vom Regime Videlas (1976-83) verschuldeten Missbräuche und Gewaltakte den Friedensnobelpreis erhalten hatte, in der Privatbibliothek des apostolischen Palastes vom Heiligen Vater in Audienz empfangen. Msgr. Carlos Maria Nannei und der emeritierte Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“, Kardinal Paul Josef Cordes, waren ebenfalls zugegen. Nach der Audienz traf Esequivel mit Journalisten zu einer kurzen Konferenz auf der Terrasse der wenige Gehminuten vom Heiligen Stuhl entfernen christlichen Menschenrechtsorganisation „Servicio Paz y Justicia“ 1 (Serpaj) zusammen.

In der über die Rolle Bergoglios zur Zeit der Militärdiktatur entfachten Polemik hatte der Friedensaktivist bereits in den vergangenen Tagen die Wogen geglättet, indem er die Unwahrheit der Vorwürfe gegen den neuen Papst betont und jegliche Verbindung oder Komplizenschaft desselben mit den damaligen Machthabern ausgeschlossen hatte.

Im gestrigen Gespräch mit den Pressevertretern wies Esequivel darauf hin, dass auch laut Angaben des Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in Argentinien niemals Vorwürfen gegen Bergoglio erhoben worden seien. Die argentinische Kirche der damaligen Zeit habe keine einheitliche Linie verfolgt. Die unterschiedlichen Haltungen innerhalb katholischen Obrigkeit beschrieb der Nobelpreisträger mit folgenden Worten: „Manche Bischöfe waren Komplizen der Diktatur, andere haben uns in unserem Kampf unterstützt, doch Bergoglio war niemals darunter!“

Insbesondere bezog sich Esquivel auf den Journalisten Horacio Verbitsky, den schärfsten Kritiker von Papst Franziskus in Fall der beiden vom Regime verhafteten und gefolterten Jesuitenpriester Orlando Yorio und Francisco Jalics. In mehreren Büchern und Artikeln hatte Verbitsky dem damaligen Superior der argentinischen Jesuiten „Passivität, wenn nicht sogar Komplizenschaft mit den repressiven Organen der Diktatur“ zur Last gelegt.

Auf die Frage eines Chronisten nach seiner Meinung zu den betreffenden Dokumenten antwortete Esquivel folgendermaßen: „Ich weiß nicht, ob Irrtümer oder Fälschungen vorliegen. Fest steht, dass keine Zusammenarbeit zwischen Bergoglio und dem Regime bestand. Ich halte die Vorgehensweise des Journalisten, derartige Beschuldigungen gegen den Papst vorzubringen, für äußerst inkorrekt.“ Esquivel zufolge habe Verbitsky zudem am 21. März 2013 eingeräumt, dass die jüngsten Stellungnahmen des Jesuitenpriesters Francisco Jalics den damaligen Provinzial Bergoglio von jeglicher Verantwortung im Zusammenhang mit seiner Verhaftung und Folterung durch das Militär entbunden hatten.

In jedem Fall seien Verallgemeinerungen bei der Beschäftigung mit einem derart tragischen Kapitel der Geschichte Lateinamerikas unangebracht, so der Menschenrechtsaktivist.

Perez Esquivel betonte, dass der Papst selbst mit großer Klarheit auf die Wichtigkeit der Wahrheitsfindung, der Herstellung von Gerechtigkeit und der Wiedergutmachung in Zusammenhang mit den in Argentinien begangenen Verbrechen hingewiesen habe. Er fügte hinzu: „Die Menschenrechte sind allumfassend. Wir dürfen uns nicht auf die Morde der Diktatur beschränken, sondern müssen auch gegen die Armut und gegen die Bedrohungen der Umwelt und des Lebens des Volkes vorgehen.“

Zur Audienz vom Vormittag des 21. März 2013 äußerte sich Esquivel folgendermaßen: „Unsere Begegnung war kein einfaches Treffen, sondern vielmehr eine Wiedervereinigung, denn wir kannten uns bereits. Dennoch war der Augenblick des Wiedersehens mit dem Papst erfüllt von Bewegung und Ergriffenheit.“ Der Friedensaktivist betonte, dass der Papst sich noch an seine Rolle und den neuen Rhythmus gewöhnen müsse. Er suche nach Wegen, den internen Schwierigkeiten des Vatikans zu begegnen. Außer Zweifel stehe jedoch „seine Überzeugung und Entschlossenheit, den apostolischen Weg fortzusetzen“, so Esquivel. Er führte aus: „Er hat mich darum gebeten, ihn im Gebet zu begleiten, auf dass seine Arbeit ein Dienst an den Armen sei. Ich habe mich für ihn verpflichtet.“

Was dem Papst am meisten Sorge bereite, sei die Armut in der Welt. Nicht ohne Grund habe er den Namen Franziskus gewählt. Dieser Name stehe für ein Lebensprogramm.

Im Rahmen der Unterhaltung mit dem Heiligen Vater sei auch „die Zufriedenheit und Freude über die erste Wahl eines lateinamerikanischen und argentinischen Papstes“ zur Sprache gekommen. Diese Wahl sei für die Weltkirche ein bedeutsames Ereignis, das eine Überwindung des Euro-Zentrismus bewirke und der Kirche eine neue Form verleihe.

Die Wahl von Papst Franziskus sei in diesem Sinne eine Herausforderung für die Welt. Sein Pontifikat sei laut dem Friedensaktivisten eine „positive Erneuerung für die gesamte Kirche“. Als Papst werde er viele Taten für die Welt vollbringen, nicht nur für Argentinien. Ihm müsse jedoch die Hilfe von Menschen mit der gleichen Gesinnung zuteilwerden. „Ich glaube – und das ist meine persönliche Meinung – dass er für die Bewältigung der Schwierigkeiten und die Ausübung des Hirtenamtes für die Weltkirche eine verantwortungsbewusste Mannschaft benötigt. Alleine dürfte er Mühe haben, doch mit Unterstützung kann ihm die Fortsetzung des Weges gelingen.“, gab Perez Esquivel abschließend bekannt.

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Fußnote

1 Dienst für Frieden und Gerechtigkeit