Bergoglios Christologie

Papst Franziskus und die christliche Identität

Rom, (ZENIT.org) P. Alfonso M. A. Bruno FI | 347 klicks

Mit einer feierlichen heiligen Messe auf dem Petersplatz hat der Papst am Christkönigstag das Jahr des Glaubens abgeschlossen. In der Liturgie hören wir, dass Christus „Alpha“ und „Omega“ ist: Die Heilsgeschichte beginnt mit seinem Kommen in die Welt und wird mit seiner Rückkehr enden. Deshalb ist das Hochfest, das seine Zentralstellung im Weltall und in der Geschichte feiert, auf den Abschluss des Kirchenjahrs gelegt worden: Wenn der Zeitpunkt kommt, eine Bilanz des soeben beendeten Jahres zu ziehen, muss man sich fragen, wie weit man in der Errichtung von Gottes Reich fortgeschritten ist.

Die ersten Christen, die die Messe abends feierten, warteten bis spät in die Nacht auf die „Parusie“, d.h. die Wiederkehr Christi. Der Papst sagt uns, dass Christus schon unter uns ist, sowohl durch sein Wort als auch in der Eucharistie. Und dann befasst er sich mit der Frage, welche Bedeutung wir seiner Gegenwart eigentlich geben wollen, jetzt da uns das Jahr des Glaubens im Idealfall in unserer Überzeugung gestärkt hat, dass diese Gegenwart real und wirksam ist.

In seiner Predigt hat Papst Franziskus darauf hingewiesen, dass Christus im Mittelpunkt der Schöpfung steht, aber auch im Mittelpunkt der Menschheits- und der Heilsgeschichte. Dann hat er aber noch etwas anderes gesagt, was wir in Europa weniger gewohnt sind zu hören, was aber fester Bestandteil der Christologie Lateinamerikas ist: Christus steht im Mittelpunkt des Volkes.

Wenn wir diese Worte des Papstes hören, schließen wir daraus wie von selbst, dass Christus das gründende, entscheidende, spezifische Element unserer kollektiven Identität ist. Tatsächlich ist dieses Wort, „Identität“, auch weniger später aus dem Mund des Papstes über den Petersplatz gegangen.

Man musste am Sonntag nur gelegentlich einmal auf einen anderen Fernsehsender schalten, um festzustellen, dass die am meisten wiederholte Nachricht die vom Abkommen zum iranischen Atomprogramm war. Ein Abkommen, das den endgültigen Verzicht seitens des Westens auf jeden Versuch bedeutet, die Entwicklung der Atomtechnik in diesem Land zu hemmen. Damit wird auch der politische Einfluss des Iran auf der internationalen Ebene zunehmen. Nur noch das Wort der Regierung in Teheran, bzw. ihr Interesse an der Verhinderung eines Krieges, kann uns jetzt noch vor den Folgen eines solchen Konflikts schützen.

Der christliche Westen ist nicht mehr in der Lage, die Welt zu beherrschen; er ist nicht einmal mehr in der Lage, sich vor dem wirtschaftlichen, kulturellen und jetzt auch militärischen Aufschwung jener Mächte zu schützen, die ihm nicht angehören.

Die Versuchung, angesichts dieser Entwicklung Zuflucht in unserem Identitätssinn zu suchen, ist groß. Wenn wir unsere Identität jedoch im ethnischen Sinn als Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk oder Nation auffassen, wird daraus eine unvermeidliche Zerstückelung des Abendlandes folgen, die unsere Bedeutungslosigkeit nur noch offensichtlicher sein lassen wird. Wenn wir hingegen unsere Identität auf den gemeinsamen geistigen Grundlagen stützen, wird sie umfassender sein und daher einen größeren Einfluss auf die Welt haben.

Ganz sicher meint der Papst diesen Identitätssinn nicht als Abgrenzung gegen andere Kulturen; als ein Mensch, der aus dem Süden der Welt stammt, hat Bergoglio die historischen Ungerechtigkeiten, die der Kolonialismus fremden Völkern unter dem Vorwand der „Bürde des weißen Mannes“ aufgezwängt hat, in eigener Haut erfahren.

Schließlich ist die christliche Identität ja auch kein dem Abendland eigenes Faktum, erstens, weil sie eher aus dem Orient stammt, zweitens, weil sie keine rassistischen Abgrenzungen kennt und auch nicht duldet, und drittens, weil sie immer wieder in den verschiedensten Kulturen Wurzeln geschlagen hat. Man kann im Gegenteil sagen, dass, während die anderen großen Weltreligionen ihren Ursprung außerhalb Europas haben und wenig Einfluss auf unserem Kontinent genommen haben, das Christentum in allen Weltgegenden autonom verbreitet ist.

Genau deshalb ist es unmöglich, dass der christliche Glaube jemals zu einem Instrument für eine Erneuerung der abendländischen Vormacht über die Welt werden könnte. Die Tatsache jedoch, dass das Christentum in Europa besonders tiefe Wurzeln geschlagen hat, ermöglicht es uns, anderen Kulturen den Reichtum unserer Erfahrungen zur Verfügung zu stellen.

Auch wenn der Kampf um die wirtschaftliche Vormacht bereits verloren ist und der Kampf um die militärische Vorrangstellung demselben Ausgang entgegensieht, bleibt uns doch das Prestige unserer geistigen Identität.

Nie zuvor haben sich so viele Nicht-Katholiken, sogar Nicht-Christen und Menschen, denen Religion völlig gleichgültig ist, um die Figur des Papstes geschart, die Kraft seiner Gesten und seinen Kampf für Gerechtigkeit bewundernd und in gewissem Grad seine Führung akzeptierend.

Wie können wir, die wir Europäer und Katholiken sind, ihm helfen? Indem wir unseren Glauben konsequent leben; jenen Glauben, der uns lehrt, dass Christus im Mittelpunkt des Volkes steht, wie der Papst es ausdrückte. Diese Einstellung zum Leben enthält etwas Revolutionäres, denn heute scheinen dem Volk nur egoistische, materielle Interessen wichtig zu sein. Wenn diese Krise uns wieder zu Christen macht, wird sie sich am Ende positiv ausgewirkt haben.