Berichterstattung über die Brasilienreise Benedikts XVI.: Klärende Worte von Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone

Interview in der Tageszeitung „Avvenire“ der Italienischen Bischofskonferenz

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ROM, 4. Juni 2007 (ZENIT.org).- Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone SDB hat sich in einem Interview, das am Dreifaltigkeitssonntag in der italienischen Tageszeitung „Avvenire“ erschien, zu aktuellen Fragen geäußert. Die Bandbreite reichte von der Frage der Exkommunikation von Politikern, die aktiv an der Legalisierung der Abtreibung beteiligt sind, über die Vereinbarkeit der Missionstätigkeit der Kirche und der Achtung der indigenen Bevölkerungen Lateinamerikas bis zur Medienberichterstattung über die Pastoralreise des Papstes nach Brasilien. Kardinal Bertone kündigte zudem die baldige Veröffentlichung des Briefes des Heiligen Vaters an die katholischen Gläuigen in der Volksrepublik China sowie des Motu proprio zur Freigabe der „Alten Messe“ an.



Zur Frage, warum die Äußerungen, die der Heilige Vater während seines Fluges nach Brasilien machte, und die offizielle Niederschrift dieser Worte nicht deckungsgleich seien, erläuterte Kardinal Bertone, dass die so genannte Editio typica der Worte des Papstes und des Lehramtes des Öfteren einer ganz genauen Revision unterzogen würden. Dies treffe zum Beispiel auch für die Texte der Audienzen zu. Auf die Frage, aus welchem Grund der veröffentlichte Text des Interviews nicht die Aussage des Papstes enthalte, nach der Erzbischof Oscar Romero die Seligsprechung verdiene, antwortete der Kurienkardinal, dass es auf der Hand liege, dass Benedikt XVI. die Arbeit der zuständigen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse respektieren wolle.

Die Frage der Exkommunikation von Gesetzgebern, die Abtreibungsgesetze beschließen, liege in der Verantwortung der jeweiligen Bischöfe, erklärte der Kardinal-Staatssekretär mit Bezug auf eine andere Frage. Zudem kam er auf die Beziehungen zwischen Brasilien und dem Heiligen Stuhl zu sprechen, die im Großen und Ganzen positiv seien. Die Verhandlungen zu Vereinbarungen zwischen Brasilien und dem Vatikan seien an einem guten Punkt angelangt, was auch der Apostolische Nuntius in Brasilien bestätigt habe.

Kardinal Bertone hob dann ein wesentliches Problem bei der Kommunikation der Äußerungen des Heiligen Vaters hervor. Die internationale Presse habe den Ermahnungen, die Benedikt XVI. an die brasilianischen Bischöfe gerichtet habe, zu großes Gewicht gegeben. Deshalb betonte Kardinal Bertone: „Der Papst will niemandem, weder den Gläubigen noch den Bischöfen, unnötige Bürden auferlegen. Er darf allerdings nicht die anspruchsvollen Worte Jesu vergessen, die im Evangelium vorkommen. Dass dann die Presse diese Aspekte auf Kosten anderer, positiverer verstärkt hat, scheint mir fast unumgänglich. Es hat den Anschein, dass negative Nachrichten gegenüber den guten immer die Oberhand behalten.“

In seiner Ansprache anlässlich der Eröffnung der V. Generalversammlung des lateinamerikanischen und karibischen Episkopats hatte Benedikt XVI. bekräftigt: „Der Glaube befreit uns von der Isolation des Ich, weil er uns zur Gemeinschaft führt: Die Begegnung mit Gott ist in sich selbst und als solche Begegnung mit den Brüdern, ein Akt der Versammlung, der Vereinigung, der Verantwortung gegenüber dem anderen und den anderen. In diesem Sinn ist die bevorzugte Option für die Armen im christologischen Glauben an jenen Gott implizit enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen.“

Dazu erklärte Kardinal Bertone, dass der Katechismus einmal die Existenz von vier Himmel schreienden Sünden gelehrt habe, „die vor Gottes Angesicht nach Rache rufen: Mord, die Sünde der Unreinheit wider die menschliche Natur, die Unterdrückung der Armen sowie die Unterschlagung des Lohns für die Arbeiter“. All diese Sünden seien gerade hinsichtlich der aktuellen Lage in Lateinamerika höchst aktuell. Die Kirche dürfe angesichts dieser besonders verhassten Sünden nicht schweigen, „gegenüber keiner der vier“.

Zur Polemik um den vorgeblichen mangelnden Respekt, den Papst Benedikt XVI. den indigenen Bevölkerungen mit seiner Darlegung über die positiven Folgen der Evangelisierung erwiesen hätte – was gerade den Präsident von Venezuela, Hugo Chavez, dazu veranlasst hatte, von Papst Benedikt eine Entschuldigung zu verlangen –, meinte Kardinal Bertone, dass die Worte des Papstes anscheinend nicht richtig gehört worden seien. Zugleich verwies er auf das Eintreten des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen zugunsten der indigenen Bevölkerungen. Rom habe gerade in den Tagen, als die Kritik aufgekommen sei, seine Missbilligung über die Verschiebung „sine die“ der Verabschiedung einer Erklärung zu den Rechten der Ureinwohner zum Ausdruck gebracht.

„Der Heilige Stuhl will den Indios und ihren konkreten Problemen nahe stehen; er hat aber kein Interesse daran, sich jenen ideologischen Bewegungen anzuschließen, die gegenüber den Indios den Mund mit Worten der Solidarität voll nehmen und dann oft wunderliche Theorien propagieren, die aber im Licht der Tatsachen keine reale Hilfe für das sakrosankte Anliegen der indigenen Bevölkerungen bieten.“

Schließlich kündigte Kardinal Bertone die baldige Veröffentlichung des Briefes von Papst Benedikt an die Kirche in China an. „Der Text des Briefes ist vom Heiligen Vater definitiv approbiert worden; jetzt wird für die verschiedenen Übersetzungen sowie für die technischen Aspekte seiner Veröffentlichung gesorgt.“

Auf die Frage, wann das erwartete Motu proprio zur Freigabe der „Alten Messe“ käme, antwortete der Kardinal: „Ich glaube, dass man nicht mehr lange warten müssen wird, um seine Veröffentlichung zu erleben. Der Papst ist persönlich daran interessiert, dass das geschieht. In einem Begleitbrief wird er es erklären, und er hofft auf eine ausgeglichene Aufnahme.“