Berufen, Gott zu den Menschen zu bringen

Impuls zm Fest Verkündigung des Herrn

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 26. März 2012 (ZENIT org). - Eines der beliebtesten Gebete der Christen ist der Angelus.

„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft….“ Nicht zuletzt beliebt wegen seiner Kürze. Mitten am Tag kann man sich ohne großen Zeitaufwand (knapp fünf Minuten) mit diesen sehr intensiven Worten das Geheimnis der Menschwerdung Gottes vor Augen führen. Fantastisch: der allmächtige Gott wird ein Mensch wie wir „in allem uns gleich außer der Sünde“. Wahrscheinlich sind wir viel zu sehr an dieses Geheimnis gewöhnt, als dass wir es noch richtig zu würdigen wüssten. Daher die Empfehlung, sich dieses Gebet zur Gewohnheit zu machen, jeden Tag an dieses Geheimnis zu denken und Gott und Maria dafür zu danken.

Zwar ist die Menschwerdung Gottes praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgt – sie wurde nicht nur verkündigt, sie ist auch sofort erfolgt – dennoch ist sie das wichtigste Geschehen der Weltgeschichte. Und es ist angemessen, dass die Geschichte der Menschheit sich buchstäblich um dieses Geheimnis dreht. Auch wenn manche Diktaturen meinten, man solle diese einseitige Bevorzugung der Christen eliminieren, indem man, statt „vor Christus“ oder „nach Christus“ zu sagen, es so ausdrücken sollte: „vor“ oder „nach unserer Zeitrechnung“, oder noch besser, allerdings provinzieller, nach dem Amtsantritt des jeweiligen Machthabers (Französische Revolution, Napoleon u.a.).

„Und sie empfing vom Heiligen Geist“. Der Sohn Gottes, der Gottmensch, hat einen göttlichen Vater und eine menschliche Mutter. Da ist kein menschlicher Vater im physischen Sinne. Natürlich waltet über diesem Geschehen ein Geheimnis, und zu Lebzeiten Jesu und Mariens war dieses Geheimnis niemandem bekannt. Wir wüssten es auch nicht, wenn nicht Maria die Einzelheiten der Kindheit Jesu dem Evangelisten Lukas mitgeteilt hätte. “Geheimnis ist das Wort, das durch die ganze Schöpfung geht”. Wir haben das Glück, dieses Geheimnis zu kennen und sollten dafür danken und es respektieren.

„Maria sprach: siehe ich bin die Magd des Herrn“. Diesem Wort geht ein kurzer, aber inhaltsreicher Dialog mit dem Engel voraus. „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Nicht etwa, dass Maria bezweifelt, dass „bei Gott kein Ding unmöglich ist“. Im Hintergrund steht vielmehr das Gelöbnis Mariens, dass sie sich Gott als Jungfrau geweiht hatte. In einem ähnlichen Gespräch zwischen dem gleichen Erzengel und dem Priester Zacharias hatte dieser eingewendet, dass er und seine Frau betagt seien und Elisabeth ohnehin bislang unfruchtbar. Diese Bemerkung wird ihm verübelt, weil er damit an der Allmacht Gottes implizit zweifelte. Daher seine Stummheit bis zur Geburt des Johannes. Bei Maria dagegen liegt etwas vor, das eine Erklärung erforderlich machte.

“Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten”. In diesem feierlichen Ausdruck wird deutlich, dass es sich um ein trinitarisches Geschehen handelt: die Kraft des Höchsten ist der Vater, die Überschattung geschieht durch den Heiligen Geist, und das, was da erscheint, ist der seit Ewigkeit existierende Sohn, nunmehr aber mit der neuen menschlichen Natur.

“Mir geschehe nach deinem Wort!” Vergessen wir nicht, dass Maria der schlechthin vollkommene Mensch ist. Hätte Gott als Mutter seines Sohnes eine vollkommenere Frau erschaffen können, hätte er es ja getan. Somit ist Maria in jeder Weise vollkommen. Das bedeutet konkret, sie ist nicht nur die ganz Reine, die ganz Schöne, die Demütigste und Gehorsamste – sie ist auch die intelligenteste Frau, die es je gegeben hat. Sie hat den großen Zusammenhang dieses Geschehens so vollständig erfasst, dass sie in diesem Augenblick stellvertretend für die ganze Menschheit entscheiden und handeln kann. Gewiss ist Maria nicht Schauende wie Christus, sie ist, genau wie wir, Glaubende. Aber sie hat die Bedeutung des Augenblicks erkannt und ihr „Fiat“ nicht nur als ihre persönliche Angelegenheit betrachtet, sondern sich als Repräsentantin des Menschengeschlechts gesehen. Dass der „Sohn Gottes“, den sie in ihrem jungfräulichen Schoß empfängt, der lang ersehnte Messias und Erlöser der Menschen sein wird, sagt der Gottesbote nicht ausdrücklich, aber sicher hat sie es geahnt.

Das große Geschehen, das sich da unbemerkt in der beschaulichen Kammer der Jungfrau Maria abspielt, die Berufung Mariens als Muttergottes, ist etwas absolut Einmaliges. Dennoch können wir uns insofern mit Maria identifizieren, als wir alle von Gott berufen sind. Zwar nicht dazu, ihm das menschliche Leben zu geben, wohl aber dazu, ihn zu den Menschen zu bringen.

Daher die Bedeutung des Angelus-Gebetes für einen jeden von uns.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.