"Berufen und begnadet ein sichtbares Zeichen des Herrn vor den Menschen zu sein"

Predigt von Kardinal Meisner in der heutigen Eucharistiefeier zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Fulda, (DBK PM) | 378 klicks

Wir dokumentieren im Wortlaut die Predigt von Kardinal Joachim Meisner in der heutigen Eucharistiefeier in Fulda zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz.

***

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,

liebe Schwestern und Brüder!

1. „Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen …“ (Lk 10,23-24). Kronzeuge dafür ist im heutigen Evangelium ausgerechnet König Herodes, dem man nun wirklich kein Übermaß an Frömmigkeit nachsagen kann. Aber auch ihn lässt nicht kalt, was die Leute über Jesus erzählen und spekulieren. Es weckt in Herodes das Verlangen und den Wunsch, Jesus „einmal zu sehen“. Darin steht Herodes nicht allein. Einst traten Griechen an Philippus heran und baten: „Herr, wir möchten Jesus sehen“ (Joh 12,21). Und als die ersten beiden Jünger dem Herrn nachlaufen und Jesus fragt: „Was wollt ihr?“, geben sie die Antwort: „Meister, wo wohnst du?“ (Joh 1,38). Und der Herr antwortet darauf: „Kommt und seht!“ (Joh 1,39). Der Mensch hat das Sehvermögen vom Schöpfer mitbekommen, damit er sich im Leben orientieren kann. Und wie wichtig diese Fähigkeit des Menschen ist, betont eindrücklich Johannes in seinem ersten Brief, wenn er schreibt: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkündigen wir: das Wort des Lebens“ (1 Joh 1,1).

2. Diese Anziehungskraft, die Jesus auf die Menschen damals ausübte, besteht schon darin, dass sie das Geheimnis Gottes in der Person Jesu Christi ahnten. Er selbst bekennt ja: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Darum wurde dieser Jesus einerseits zum Faszinosum, andererseits zugleich aber auch zum Tremendum.

Den Menschen drängt es immer wieder, mit Gott in sinnenfälligen Kontakt zu treten. Das teilt Herodes mit den Menschen aller Zeiten und aller Orte. Es liegt in unserer wirklich leib-seelischen Natur begründet, dass wir nach sichtbaren Zeichen verlangen – und Gott antwortet darauf, er berücksichtigt dies, wenn er sich uns zuwendet. Mehr denn je werden unsere Zeitgenossen und unsere Landsleute von diesem Verlangen des Herodes bewegt: Sie möchten Jesus sehen. Das äußert sich in so vielen Fragestellungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Die Frage nach Gott ist für den Menschen konstitutiv für sein volles Menschsein. Herodes ist überall, auch bei uns. Sie möchten Jesus sehen. Aber wo ist er zu sehen?

Zunächst sei betont, dass wir selbst zu diesen Jesus-Suchern gehören. Auch wir brauchen einige Zeit, bis unser Auge ihn sieht, bis wir ihn in Erfahrung bringen. Wir können liturgische Texte betrachten: „Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters“ oder „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott von wahrem Gott“ oder „Du sitzest zur Rechten des Vaters“, „Du wirst wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und Toten“, „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“ oder „Alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde werden ihre Knie beugen, und jede Zunge wird bekennen: Jesus Christus ist der Herr“ oder „In dir ist alle Weisheit und Wissenschaft beschlossen“.

Indem wir sein Antlitz suchen, wird das Auge in uns sehend. Wenn wir uns um diesen gläubigen Aufblick zum Herrn bemühen, werden wir mit der Zeit öfter die Augen zum Herrn erheben. Für solch einen Augen-Blick genügt schon ein Augenblick. Vielleicht wird sich mit dem Aufblick wie von selbst der liebende Anruf verbinden: „Mein Herr und mein Gott!“. Wenn er für uns sichtbar geworden ist, können und sollen wir ihn sichtbar werden lassen für die Augen der vielen Menschen, die ihn suchen und oft gar nicht wissen, dass sie ihn suchen.

3. Aber eines werden wir doch bestätigen können, wenn wir mit Menschen in neutralen Räumen, zum Beispiel im Zug, im Omnibus oder im Flugzeug, ins Gespräch kommen, werden wir nach kürzester Zeit in lange Gespräche über den Sinn des Lebens, über den Tod und was danach kommt, über die Frage nach Gott einbezogen. Darin besteht doch unser Zeugnis, dass wir den Herrn gelegentlich sichtbar machen können, sodass manchen die Augen aufgehen, wie den Jüngern in der Herberge von Emmaus. Aber wo ist denn der Herr in unserer Kirche anzutreffen und zu sehen? Ich stelle fest, dass oft die Geistlichen, auch geistliche Schwestern, ihre geistliche Kleidung ablegen, sodass er fast nicht mehr in dieser Weise sichtbar wird.

Am Kölner Hauptbahnhof, so sagte mir ein Bahnhofsvorsteher, war eine erkennbare Ordensfrau auf dem Bahnsteig für viele Frauen der Zufluchtsort, bei dem sie ihre Kinderwagen abstellen konnten, um im Bahnhofsgebäude nachzulösen. Diese Chance ist weg, weil man keine Schwestern mehr sieht. Sie sind schon noch am Bahnhof, bloß tragen sie ihr Ordenskleid nicht mehr. Und mit uns Priestern ist es ebenfalls so, obwohl wir berufen und begnadet sind, ein sichtbares Zeichen des Herrn vor den Menschen zu sein.

In der Apostelgeschichte werden die vier Existentiale der Kirche aufgezeichnet, indem es heißt: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42). Und kurz darauf heißt es: „Sie waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten“ (Apg 2,47). Wie steht es denn mit diesen vier Existentiale bei uns? Uns Bischöfen ist an erster Stelle das Verharren in der Lehre der Apostel aufgetragen, die wir in aller Vitalität und Überzeugungskraft an die Menschen heute heranzutragen haben, die wirklich darauf warten. Ich höre heute mitunter, dass die Menschen sagen: Wir haben manchmal den Eindruck, dass die Verkündiger, auch wenn sie eine Mitra tragen, sich gleichsam entschuldigen, wenn sie den katholischen Glauben in aller Konsequenz verkünden. Es fehle ihnen das nötige katholische Sendungsbewusstsein, das aus einer vitalen Überzeugung der Glaubenswahrheit fließt. Es wird uns mancherorts nachgesagt, dass wir Bischöfe noch nicht einmal in Grundfragen von Glaube und Leben eine Einheit bilden. Ich will hier niemanden anklagen und halte mir selbst diese Predigt.

Es heißt weiter: „Sie verharrten in der brüderlichen Gemeinschaft“. Wie sieht denn das auch bei uns Bischöfen aus? Es wird uns Bischöfen ebenfalls nachgesagt, dass es mit unserer gebotenen brüderlichen Kollegialität auch nicht weit her ist. Wir nennen uns zwar Mitbrüder, aber lassen den einen oder anderen allein, wenn er unter öffentlichen Druck gerät. Hier sollte keiner einen Zweifel haben, wo dann sein Platz ist.

Die Menschen möchten Jesus sehen, damals Herodes, dann die Menschen Palästinas, die mit der ersten Gemeinde, die normativ bis heute geworden ist, in Kontakt kamen. Sie waren beim ganzen Volk beliebt und täglich führte ihnen der Herr neue Mitglieder zu. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). Die eucharistische Gemeinschaft und die Gebetseinheit im urchristlichen Gemeindemodell haben das einmütige Verharren in der Lehre der Apostel und der brüderlichen Gemeinschaft zur Voraussetzung. Lassen wir wieder die Kirche im Dorf sein, damit es auch über unsere große Ortskirche heißt: Sie waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.

Unsere Welt ist voller „Herodesse“, die Jesus sehen wollen. Sie suchen ihn unter den verschiedensten Fragen und Vorbehalten. Sie können ihn nicht finden, weil sie ihn nirgendwo sehen. Wir singen in unserem Gesangbuch das Lied, „dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind“: in der Lehre der Apostel, in der brüderlichen Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. Amen.