Besuch von Papst Benedikt XVI. im Haus der Gemeinschaft Sant'Egidio in Rom

Es lebe, wer alt ist

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ROM, 15. November 2012 (ZENIT.org/GSE) ‑ Am 12. November 2012 hat Papst Benedikt XVI. Vertreter der Gemeinschaft Sant’Egidio besucht. Ein alter Papst war bei Altersgenossen in einem innovativen Wohnprojekt der Gemeinschaft. In dem Haus mit dem Namen „Es lebe, wer alt ist“ leben selbständige und pflegebedürftige alte Menschen in kleinen familiären Wohneinheiten als eine Alternative zu anonymen Megastrukturen. Papst Benedikt XVI. wollte diese Einrichtung im Rahmen des Europäischen Jahres des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen besuchen, um auf den Wert der alten Menschen in einer Gesellschaft hinzuweisen, die oft nur auf Jugendlichkeit und Wettbewerb ausgerichtet ist. „Während ich das Haus verlasse, bin ich jünger geworden und gestärkt“, sagte der Papst sichtlich beeindruckt am Ende der Begegnung und fügte hinzu: „Es ist schön, alt zu sein!“

[Wir dokumentieren die Ansprache des Papstes in einer Übersetzung der Gemeinschaft Sant’Egidio:]

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Liebe Brüder und Schwestern,

ich bin wirklich froh, bei Euch in diesem betreuten Wohnen der Gemeinschaft Sant'Egidio für alte Menschen zu sein. Ich danke Eurem Präsidenten Prof. Marco Impagliazzo für die herzlichen Grußworte an mich. Mit ihm grüße ich Prof. Andrea Riccardi, den Gründer der Gemeinschaft. Ich danke dem Weihbischof für das Stadtzentrum Rom, Msgr. Matteo Zuppi, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Familie, Msgr. Vincenzo Paglia, und allen Freunden der Gemeinschaft Sant'Egidio für ihre Anwesenheit.

Ich komme als Bischof von Rom zu Euch, aber auch als alter Menschen, der seine Altersgenossen besucht. Es ist überflüssig zu sagen, dass ich die Schwierigkeiten, Probleme und Einschränkungen dieses Alters gut kenne und weiß, dass diese Schwierigkeiten für viele durch die Wirtschaftskrise noch schlimmer geworden sind. In einem bestimmten Alter geschieht es manchmal, dass man zurückblickt und der Jugendzeit nachtrauert, als man noch voller Energien war und Pläne für die Zukunft schmiedete. Dann wird der Blick ab und an mit Traurigkeit erfüllt, weil man diesen Lebensabschnitt als Zeit des Untergangs ansieht. Heute Morgen wende ich mich ideell an alle alte Menschen und möchte auch im Bewusstsein der Schwierigkeiten unseres Lebensabschnittes mit tiefer Überzeugung zu Euch sagen: Es ist schön, alt zu sein! In jedem Alter ist es notwendig, die Gegenwart und den Segen des Herrn und die darin enthaltenen Reichtümer entdecken zu können. Niemals darf man sich durch Traurigkeit lähmen lassen! Wir haben das Geschenk eines langen Lebens erhalten. Auch in unserem Alter ist das Leben schön trotz mancher Beschwerden und Einschränkungen. Unser Gesicht möge immer die Freude darüber ausstrahlen, dass wir uns von Gott geliebt wissen, und niemals Traurigkeit.

In der Bibel wird das lange Leben als Segen Gottes angesehen. Heute ist dies normal geworden und muss als Geschenk angesehen werden, das geschätzt und geachtet werden muss. Doch die von der Logik der Effizienz und des Profits beherrschte Gesellschaft kann diese Entwicklung nicht in dieser Weise begreifen. Oft lehnt sie diese Vorstellung sogar ab und betrachtet alte Menschen als unproduktiv und nutzlos. Häufig begegnet man dem Leid von Ausgegrenzten, die fern von der eigenen Wohnung oder in Einsamkeit leben. Ich glaube, dass mit größerem Engagement ausgehend von den Familien und öffentlichen Einrichtungen dafür gearbeitet werden muss, dass die alten Menschen in der eigenen Wohnung bleiben können. Die Lebensweisheit, die wir mitbringen, ist ein großer Reichtum. Die Qualität einer Gesellschaft, ich möchte sagen einer Kultur, ist auch daran zu ermessen, wie alte Menschen behandelt werden und welcher Platz ihnen im Gemeinschaftsleben eingeräumt wird. Wer alten Menschen Raum gibt, gibt dem Leben Raum! Wer alte Menschen aufnimmt, nimmt das Leben auf!

Die Gemeinschaft Sant'Egidio hat von Anfang an den Weg vieler alter Menschen begleitet und ihnen geholfen, in ihrem Lebensumfeld bleiben zu können. Sie hat verschiedene betreute Wohnungen in Rom und weltweit eingerichtet. Durch die Solidarität zwischen Jugendlichen und alten Menschen hat sie das Verständnis dafür verbreitet, dass die Kirche wirklich eine Familie für alle Generationen ist, in der sich jeder Zuhause fühlen soll und in der nicht die Logik des Profits und des Besitzes vorherrscht, sondern die Logik der Unentgeltlichkeit und der Liebe. Wenn das Leben in den Jahren des Alters gebrechlich wird, verliert es doch niemals seinen Wert und seine Würde. Jeder von uns ist in jedem Zeitabschnitt seiner Existenz von Gott gewollt und geliebt, jeder ist wichtig und notwendig (vgl. Homilie zur Amtseinführung, 24. April 2005).

Der heutige Besuch findet im Rahmen des europäischen Jahres des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen statt. In eben diesem Zusammenhang möchte ich wiederholen, dass die alten Menschen einen Wert für die Gesellschaft und vor allem für die Jugendlichen darstellen. Es kann kein wahres Wachstum der Menschlichkeit und Erziehung geben ohne fruchtbare Begegnung mit den alten Menschen, denn ihr ganzes Leben ist wie ein offenes Buch, in dem die jungen Generationen wertvolle Hinweise für den Lebensweg finden können.

Liebe Freunde, in unserem Alter machen wir oft die Erfahrung, Hilfe der anderen zu benötigen. Das gilt auch für den Papst. Im Evangelium lesen wir, dass Jesus zum Apostel Petrus sagt: „Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du diene Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). Der Herr bezog sich auf die Art, in der die Apostel ihren Glauben bis zum Martyrium bezeugen sollten. Doch dieser Satz lässt uns über die Tatsache nachdenken, dass das Bedürfnis nach Hilfe zum Leben des alten Menschen gehört. Ich möchte Euch aufrufen, auch darin ein Geschenk des Herrn zu erkennen, denn es ist eine Gnade, Hilfe und Begleitung zu erfahren und die Zuwendung anderer zu spüren! Das ist wichtig in allen Lebensphasen, niemand kann allein und ohne Hilfe leben. Das Menschsein ist auf Beziehungen ausgerichtet. In diesem Haus sehe ich mit Freude, dass die Helfenden und die Hilfsempfänger eine einzige Familie bilden, deren Lebensenergie die Liebe ist.

Liebe ältere Brüder und Schwestern, manchmal scheinen die Tage lang und leer zu sein voller Probleme, mit wenig Verpflichtungen und Begegnungen. Lasst niemals den Mut sinken, ihr seid ein Reichtum für die Gesellschaft, auch in Leid und Krankheit. Dieser Satz über das Leben ist ein Geschenk, um auch die Beziehung zu Gott zu vertiefen. Das Beispiel des Seligen Papstes Johannes Paul II. war für alle eindrucksvoll und wird es bleiben. Vergesst nicht, dass zu den wichtigsten und wesentlichsten Kräften eures Lebens das Gebet zählt. Werden Fürsprecher bei Gott, indem ihr voll Glauben und Ausdauer betet. Betet für die Kirche, auch für mich, für die Not in der Welt und für die Armen, damit sich keine Gewalt mehr auf der Welt ausbreitet. Das Gebet der alten Menschen kann die Welt beschützen und ihr viel wirkungsvoller helfen als die eilige Hektik vieler. Ich möchte heute Eurem Gebet das Wohl der Kirche und den Frieden auf der Welt anvertrauen. Der Papst liebt euch und zählt auf euch! Fühlt euch von Gott geliebt und werdet fähig, unserer so individualistischen und von Gewinnstreben geprägten Welt einen Strahl der Liebe Gottes zu bringen. Gott wird immer bei euch sein und mit allen, die Euch mit ihrer Zuneigung und ihrer Hilfe zur Seite stehen.

Alle vertraue ich der mütterlichen Fürsprache der Jungfrau Maria an, die unseren Weg immer durch ihre mütterliche Liebe begleitet. Gern spende ich jedem meinen Segen, allen ein herzliches Dankeschön!

[Am Ende seiner Rede fügte Benedikt XVI. frei sprechend Grußworte an die Anwesenden hinzu:]

„Liebe Freunde, während ich das Haus verlasse, bin ich durch diesen Besuch bei älteren Menschen jünger geworden und gestärkt. Denn ich habe gesehen, dass das Leben auch im Alter gut sein kann, weil es Engel gibt, die dir helfen, sichtbare Engel, die zu Besuch kommen, helfen und sich einsetzen. Auf diese Weise werden sie selbst bereichert, haben einen weiteren Horizont und ein volleres und schöneres Leben. Es war für mich wirklich eine wunderbare Erfahrung zu sehen, dass der Geist des Herrn, der Geist Christi die Augen für die anderen öffnet, dass er auch die Augen für die alten Menschen, die Kranken und Verlassenen öffnet und in ihnen das Antlitz Jesu entdecken lässt. So schafft er Liebe zwischen den Generationen, zwischen Arm und Reich, zwischen Gebildeten und weniger Gebildeten, und alle entdecken, dass sie Kinder Gottes und Schwestern und Brüder sind. Das ist eine sehr schöne Sache, denn man sieht wirklich den lebendigen Jesus, der Heilige Geist ist der Geist, der liebt, der Liebe ist, der gegenwärtig und in dieser Welt am Wirken ist. Wir hoffen, dass sich diese Kraft ausbreitet und die ganze Gesellschaft immer mehr verwandelt. Danke Euch allen und einen schönen Tag“.