Beten für die Christen im Nahen Osten

Kommentar zur Allgemeinen Gebetsmeinung

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Von Karl Neumann SVD

ROM, 1. Juli 2009 (ZENIT.org).- Sie haben es wahrscheinlich im Fernsehen miterlebt: in diesem Jahr trafen die ersten der christlichen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland ein. Bundesinnenminister Schäuble hatte sich entschieden für die Aufnahme von irakischen Christen eingesetzt, während aus der Opposition Stimmen laut wurden: „Warum gerade Christen?" Doch eine Delegation von Bundestagsabgeordneten hatte zuvor den Nahen Osten bereist und festgestellt, dass es für Christen „so gut wie keine sicheren Gebiete im Irak mehr gebe". Das Chaos, das nach der amerikanischen Invasion im Irak ausgebrochen war, traf die gesamte Zivilbevölkerung, aber vor allem die nichtmuslimischen Minderheiten, besonders die Christen. Sie gehören ja der gleichen christlichen Religion an wie die verhassten Amerikaner, also hat man an ihnen die Wut ausgelassen, die man an den Amerikanern nicht auslassen konnte. Christliche Kirchen gingen in Flammen auf. Häuser wurden geplündert. Christen wurden umgebracht.

Mord an Bischof
Das bisher prominenteste Opfer ist der chaldäische Bischof Paulos Faraj Raho. Schon seit längerer Zeit war er mit Mord bedroht worden und musste seinen Erpressern regelmäßig Geld zahlen. Als er nicht mehr zahlen konnte, wurde er kaltblütig umgebracht - im vergangenen Jahr. Mit dem Geld, das man ihm und anderen Christen raubte, wurden (welch ein Zynismus!) die Terroranschläge gegen Christen und Moslems mitfinanziert.

Der chaldäische Bischof ist nur das prominenteste Opfer. Auch andere hochrangige und unbekannte Christen fielen Mordanschlägen zum Opfer. Kein Wunder, dass die Christen im Irak nicht mehr leben können und wollen. Die allermeisten sind in den kurdischen Nordirak geflohen, wo sie einigermaßen sicher sind, andere nach Syrien, Jordanien - oder eben nach Deutschland. Damit geht eine uralte Geschichte des Christentums im Zweistromland Mesopotamien zu Ende.

Eine fast zweitausendjährige Geschichte hört auf
Der Irak ist ein besonders krasses Beispiel, aber er ist kein Einzelfall. In den meisten Ländern des Nahen Ostens gibt es christliche Minderheiten, die zumindest benachteiligt (wenn nicht gar verfolgt) werden. In Ägypten die koptischen Christen, im Libanon die christlichen Maroniten, im Heiligen Land die christlichen Araber oder Palästinenser, und so fort. Sie gehören z.T. zu den ältesten Schichten des Christentums überhaupt, leben sie doch in der Region, in der Jesus gelebt hat und das Christentum entstanden ist. Ich hatte einmal Gelegenheit, mit dem Bischof von Damaskus zu sprechen. „Unsere Kirche in Damaskus stammt aus der Zeit, in der Paulus sich vor den Toren von Damaskus bekehrte", sagte er voller Stolz.

Mehr als ein Jahrtausend lang hatten diese christlichen Minderheiten mit der muslimischen Mehrheit zusammen gelebt, in einem Verhältnis, das nicht frei von Spannungen, aber immerhin erträglich war. Mit dem Massenmord an den christlichen Armeniern 1915/16 begann diese Symbiose sich aufzulösen. Seit einigen Jahrzehnten kommt ein wachsender Nationalismus in vielen Nahoststaaten hinzu. Die wirtschaftliche Lage ist oft katastrophal, die Jugend hat keine Aussicht auf Arbeit und Aufstieg: ein idealer Nährboden für den überall wachsenden Islamismus, der die Christen vollständig aus der Gesellschaft herausdrängen will. So wird die Lage der Christen schlimmer und schlimmer, und viele sehen keine andere Möglichkeit als auszuwandern.

Die Christen verlassen das Heilige Land
Besonders hart betroffen sind hier die einheimischen Christen im Heiligen Land, also in Israel und in den Palästinensergebieten. Dort sind sie als Christen und als Araber sogar in einer doppelten Minderheitenposition. Entsprechend werden sie behandelt. In den Palästinensergebieten spüren die christlichen Palästinenser die ganze verzweifelte Lage: das Land ist mit jüdischen Siedlungen durchsetzt; eine acht Meter hohe Mauer, die in palästinensisches Gebiet einschneidet, nimmt vielen Menschen den Zugang zu ihren Feldern und Ölbäumen; eine schikanöse Besatzung mit vielen check points macht sie zu Gefangenen im eigenen Land; von der Verwüstung durch israelische Luft- und Bodenangriffe ganz zu schweigen. Das alles trifft die christlichen Palästinenser genauso wie die muslimischen. Doch dazu kommt, dass sie von den Islamisten und Terroristen (z.B. der Hamas) diskriminiert und von jeder gesellschaftlichen Position ferngehalten werden. Sie werden also von zwei Seiten in die Zange genommen. Wen wundert es, dass sie keine andere Möglichkeit sehen als dieses hoffnungslose Land zu verlassen?

Von den Palästinensergebieten habe ich keine Zahlen, so möchte ich das Verschwinden des Christentums im Heiligen Land am Beispiel der Stadt Jerusalem verdeutlichen. Im Jahre 1946 lebten in der heiligen Stadt etwas mehr als 31.000 Christen. Das waren 19 Prozent der damaligen Bevölkerung. Heute ist die Gesamtbevölkerung gewachsen, die Zahl der Christen dagegen auf etwa 10.000 gesunken, das sind nur noch etwa 2 Prozent.

Dieser Exodus der Christen aus dem Heiligen Land und aus dem Nahen Osten erfüllt den Heiligen Vater mit Sorge. Er hat in den letzten Jahren einen päpstlichen Brief über die Christen im Heiligen Land geschrieben, besuchte im Mai d.J. selbst das Heilige Land, und so ist diese Gebetsmeinung für die Christen im Nahen Osten sein ureigenstes Anliegen.

[Kommentar zur Allgemeinen Gebetsmeinung Juli 2009 aus der Zeitschrift "Die Anregung", Ausgabe 4/2009, Steyler Verlag, Nettetal]