„Beten Sie zu unserer Lieben Frau, zu Maria!“ - die Antwort auf die sieben Schmerzen Chinas

Interview mit Theologieprofessor und Autor Mark Miravalle

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ROM, 20. November 2007 (ZENIT.org).- Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen die Religionsfreiheit sind in China nach wie vor weit verbreitet, stellt der Autor eines Buches über dieses asiatische Land fest.



Dr. Mark Miravalle, Professor für Theologie und Mariologie an der franziskanischen Universität Steubenville in den USA, reiste im vergangenen Sommer in die Volksrepublik China, wo er die täglichen Kämpfe der Bevölkerung und der Gläubigen hautnah miterlebte.

Im vorliegenden Interview der englischsprachigen ZENIT-Redaktion spricht Miravalle über seine Eindrücke, ein Privatgespräch mit einem Untergrundbischof und über sein neuestes Buch „The Seven Sorrows of China“ („Die sieben Schmerzen Chinas“), das bei „Queenship Publications“ erschienen ist.

ZENIT: Was veranlasste Sie dazu, China zu besuchen und dieses Buch zu schreiben?

Miravalle: Ich reiste nach China mit der einzigen Absicht, einigen Freunden, die dort leben, zu helfen. Sie nehmen todkranke, verlassene Waisen auf und kümmern sich nach Art von Mutter Teresa um sie.

Doch jeder Tag konfrontierte mich mit den entsetzlichen Verletzungen der Menschenwürde und der Religionsfreiheit, die im Bild des „neuen, demokratischen, offenen Chinas“, wie es säkulare Medien vermitteln, bezeichnenderweise ignoriert werden. Ich habe gesehen, dass dieses Bild der Wirklichkeit diametral widerspricht.

Frauen werden in allen Provinzen von der Bevölkerungspolizei zur Abtreibung gezwungen. Bischöfe und Priester, die sich weigern, mit der von der chinesischen Regierung verwalteten patriotischen Kirche zusammenzuarbeiten, werden oftmals verfolgt, zur Strecke gebracht, festgenommen, ins Gefängnis geworfen und manchmal auch gefoltert.

Die Seminare der Untergrundkirche sind zuweilen bloß noch verlassene Gebäude ohne Elektrizität und Heizung. Verletzungen der Religionsfreiheit und der Menschenrechte sind allgegenwärtig.

ZENIT: Welches sind die „sieben Schmerzen“, auf die Sie im Titel Ihres Buches hindeuten?

Miravalle: Die „sieben „Schmerzen“ stehen für sieben Kategorien beziehungsweise konkrete Fälle von Unterdrückung, die das chinesische Volk gegenwärtig erleidet. Einer dieser sieben Schmerzen bezieht sich zum Beispiel auf den Bericht einer Frau, die ich in einem Haus für geflohene schwangere Frauen traf, die ihre Babys trotz des entsprechenden Regierungsverbots austragen wollen. Mit einem Auto, das von einer katholischen Ordensschwester bereitgestellt worden war, hatte sie in ihrem Klinikhemd aus dem Krankenhaus fliehen müssen, um ihr Baby vor der Abtreibung zu retten.

Ein weiterer Schmerz hat mit einem Untergrundbischof zu tun, der sein Leben aufs Spiel setzte, um ein Interview zu geben, damit der Westen die wahre Geschichte über die Religionsverfolgung in China erfährt. Eine andere Sorge wiederum betrifft ein kleines katholisches Dorf, das durch katholische Solidarität auf chinesische Art, trotz der Ein-Kind-Politik und des Widerstands der Regierung gegen ungenehmigte öffentliche Versammlungen, große Familien hat und öffentlich katholische Liturgie feiert.

Die Liebe zu unserer heiligsten Mutter Maria wurde von den Mitgliedern der Untergrundkirche immer wieder erwähnt. Unwillkürlich musste ich an die sieben Schmerzen Mariens denken: daran, wie ihr Herz hier auf Erden sieben Mal um des unschuldigen Leidens ihres göttlichen Sohnes willen durchbohrt wurde, und wie es immer noch auf geheimnisvolle Weise durchbohrt wird, jedes Mal wenn sie das ungerechte Leiden des edlen chinesischen Volkes sieht. Sie sieht Jesus in jedem unschuldigen chinesischen Menschen, der gefoltert, misshandelt, abgetrieben wird. So sollten auch wir empfinden.

ZENIT: Was hat es mit der Tatsache auf sich, dass Peking die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2008 zuerkannt wurde? Versucht nicht die chinesische Regierung, den Westen davon zu überzeugen, dass es jetzt freiheitlicher und demokratischer sein will?

Miravalle: Genau diese Frage habe ich dem Untergrundbischof gestellt, den ich interviewen konnte.

Wir trafen uns insgeheim bei einer verarmten Familie, die in der Nähe seiner Bischofskirche wohnte, da die Kathedrale von einem starken Polizeiaufgebot bewacht wurde. Seine Antwort war: „Die chinesische Regierung ist wie der Fuchs, der zu dem Küken hinaufsteigt, ihm ein ‚frohes Neues Jahr‘ wünscht und es dann auffrisst. Wir haben nicht die Freiheit, unseren katholischen Glauben zu praktizieren. Ich war im Ganzen 20 Jahre im Gefängnis, wo ich schwere Arbeit verrichten musste und Zeuge der Folterung und Tötung von Priestern und Laien war.“

Als ich ihm nahelegte, ob es nicht vielleicht unvorsichtig wäre, auch seinen 20jährigen Gefängnisaufenthalt zu erwähnen und damit seine Anonymität zu gefährden, meinte er, es sei kein Problem, auch diese Tatsache zu erwähnen, da alle Untergrundbischöfe wegen ihrer Weigerung, ihren katholischen Glauben und ihre Treue zum Heiligen Vater zu verraten, ungefähr 20 Jahre im Gefängnis verbracht hätten.

ZENIT: Machte der Untergrundbischof irgendeine Bemerkung zum Brief Benedikts des XVI. an die Katholiken in China?

Miravalle: Ja, der Bischof hatte gerade wenige Tage vor unserem Interview eine Kopie des Briefes erhalten. Die chinesische Regierung habe zwar alle Internetseiten gesperrt – auch die Webseite des Vatikans, auf der der Brief des Heiligen Vaters stand –, aber die Untergrundkirche verfüge über ihre Informations-Netzwerke.

Der Bischof lobte den Brief Benedikts des XVI. wegen seiner Klugheit und Vorsicht. In der Tat wurde mein Interview mit dem Bischof zehn Minuten nach Beginn unterbrochen, weil die regionale Polizei zur Kathedrale kam, auf der Suche nach dem Bischof. Die Leute im Haus fürchteten, dass sie den Bischof zurück ins Gefängnis bringen würden.

Eine halbe Stunde später kehrte der Bischof zu unserem heimlichen Treffpunkt zurück und sagte mir, dass die Polizei gekommen war, um ihn davor zu warnen, in der Öffentlichkeit irgendetwas über den Brief des Papstes zu sagen. Dann lächelte der Bischof und erläuterte, dass das Unvermeidliche nicht mehr zu stoppen sei, das heißt, dass dieser Brief unweigerlich überall in der Untergrundkirche verbreitet werde.

ZENIT: Wie steht es mit der Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung? Wie wird sie durchgesetzt?

Miravalle: Ich erlebte Zeugnisse von Frauen, die nach neunmonatiger Schwangerschaft mit Wehen, aber ohne das Zertifikat der Regierung für die Geburt ins Krankenhaus gekommen waren. Nach Rücksprache mit der Bevölkerungspolizei kam regelmäßig ein Arzt oder eine Schwester mit einer Injektionsnadel in das Zimmer und injizierte eine Substanz in den Unterleib der Frau, die das ungeborene Kind sofort tötete.

Andere verheiratete Paare kamen mit ihrem zweiten Kind vom Krankenhaus zurück nach Hause, und mussten feststellen, dass ihr Haus bis auf den Grund niedergebrannt worden war. Wieder andere wurden gezwungen, hohe Gebühren zu zahlen oder in Häuser zurückzukehren, aus denen alles ausgeräumt war, sogar Fenster und Türen – alles bis auf den Küchentisch.

Klingt das nach einer neuen, demokratischen Regierung, die die Religion respektiert? Was wäre, wenn eine von unseren westlichen Familien eine derartige Behandlung erfahren würde, wenn sie sich bemühten, ein weiteres wunderbares Baby zur Welt zu bringen?

Anfang September starb ein weiterer Untergrundbischof im Gefängnis, und sein Leichnam wurde sechs Stunden später mitten in der Nacht verbrannt. Gab es da etwas zu verbergen? Was würde geschehen, wenn man so mit einem unserer westlichen Bischöfe umginge?

ZENIT: Konnten Sie während Ihres Besuchs irgendwelche Hoffnungszeichen für die Kirche in China sehen?

Miravalle: Ja, in einigen wenig beachteten Dörfern in Provinzen, die dafür bekannt sind, dass sie unter unsäglicher Verfolgung ein heroisches Zeugnis für unseren katholischen Glauben abgelegt und das Martyrium erlitten haben, hatten zahlreiche Familien viele Kinder. Außerdem wurden dort viele öffentliche Heilige Messen gefeiert und Prozessionen zum Lob und Dank an Maria abgehalten.

Ich flog zu einem dieser Dörfer, wo ich einen Gemeindepfarrer interviewte. Ich fragte ihn, wie das möglich sei angesichts der Ein-Kind- Politik Pekings. Er antwortete: „Hier stehen wir zusammen. Die Priester würden für den Bischof sterben, und die Gläubigen würden für ihren Bischof und ihre Priester sterben, und sie haben es getan. Und der Bischof steht vollkommen loyal zum Heiligen Vater. Wir halten so zusammen, dass sie uns alle ausrotten müssten, und das wollen sie in diesem Augenblick nicht.“

Ich fragte den Pfarrer und die Ordensfrau, die für uns dolmetschte, was diese Gemeinde so anders mache. Sie erwiderte: „Wir vertrauen auf die Eucharistie, auf Unsere Liebe Frau sowie auf das Blut und die Gebete der Märtyrer, die uns vorangegangen sind. Hier sind wir katholisch. Wenn man nicht dem Heiligen Vater folgt, dann ist man nicht katholisch.“

Zenit: Was kann die Kirche im Westen tun, um der Kirche in China zu helfen?

Miravalle: Wenn wir von der täglichen Not unserer katholischen Brüder und Schwestern hören, sollten wir in unseren Herzen wie Maria das „Schwert des Schmerzes“ spüren. Und das sollte uns zu einem inständigen Gebet für die Kirche in China und das chinesische Volk veranlassen.

Auch ich habe dem Untergrundbischof diese Frage gestellt. Er sagte: „Betet, betet, betet für die chinesische Kirche. Geld kann helfen, aber vor allem: Betet!“

Der Bischof sagte uns auch, dass der Kommunismus nicht das einzige Übel sei, das sein Volk bedrohe. „In den letzten Jahren“, so vertraute er uns an, „beginnen meine Gläubigen von einer diesseitigen, weltlichen Vorstellung von Glück angesteckt zu werden; von der Vorstellung, dass sie ihre höchste letzte Glückseligkeit in diesem Leben finden können. Sie haben ihr Verlangen nach Gebet und Opfer verloren. Dies ist eine noch größere Gefahr als die kommunistische Regierung.“

Dann mahnte der Bischof eindringlich: „Beten Sie zu unserer Lieben Frau, zu Maria! Sie ist das Heilmittel für die Situation in China. Es ist wie mit dem Kampf im Buch der Offenbarung, dem Kampf zwischen der Frau und dem Drachen. Es ist in erster Linie ein geistlicher Kampf; ein Kampf, der die ganze Welt betrifft. Beten Sie zu unserer Lieben Frau für China.“