„Betet ohne Unterlass!“: Benedikt XVI. beschließt 100. Gebetswoche für die Einheit der Christen

Die Einheit mit Gott und mit den anderen entsteht vor allem durch das Gebet

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ROM, 2. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am 25. Januar während des ökumenischen Vespergottesdienstes zum Abschluss der 100. Weltgebetsoktav für die Einheit der Christen in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern gehalten hat.

„Wir danken Gott für die große Gebetsbewegung, die seit hundert Jahren alle Menschen, die an Christus glauben, in ihrer Suche nach Einheit begleitet und unterstützt“, bekräftigte der Heilige Vater. „Das Schiff des Ökumenismus wäre niemals aus dem Hafen ausgelaufen, wenn es nicht von dieser umfassenden Gebetsströmung in Bewegung gesetzt und vom Wehen des Heiligen Geistes angetrieben worden wäre.“

Die zentrale Botschaft des Bischofs von Rom war die vorrangige Bedeutung des Gebetes: „In jeder Epoche der Geschichte sind durch das Wort Gottes und das Gebet geformte Männer und Frauen Baumeister der Versöhnung und der Einheit gewesen... Es gibt daher keinen echten Ökumenismus, der nicht im Gebet verwurzelt wäre.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Das Fest der Bekehrung des hl. Paulus führt uns wieder die Gestalt dieses großen Apostels vor Augen, der von Gott dazu auserwählt wurde, »vor allen Menschen sein Zeuge« zu sein (Apg 22,15). Für Saulus aus Tarsus markierte der Augenblick der Begegnung mit dem auferstandenen Christus auf dem Weg nach Damaskus die entscheidende Wende seines Lebens. Da vollzog sich seine vollkommene Verwandlung, eine regelrechte geistliche Bekehrung. Der unerbittliche Verfolger der Kirche Gottes war in diesem Augenblick zu einem im Dunkeln herumtappenden Blinden geworden, aber mit einem großen Licht im Herzen, das ihn schon bald dahin bringen würde, ein glühender Apostel des Evangeliums zu werden. Das Bewußtsein, daß allein die göttliche Gnade eine derartige Bekehrung hatte bewirken können, hat Paulus nie mehr losgelassen. Als er durch die unermüdliche Verkündigung des Evangeliums bereits sein Bestes gegeben hatte, schrieb er neuerlich voll Seeleneifer: »Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir« (1 Kor 15,10). Unermüdlich, als hinge das Werk der Mission ganz von seinen Kräften ab, war der hl. Paulus jedoch zutiefst davon überzeugt, daß seine ganze Kraft aus der in ihm wirkenden Gnade Gottes stammte.

Heute abend erhalten die Worte des Apostels über das Verhältnis zwischen menschlichem Bemühen und göttlicher Gnade eine ganz besondere Bedeutung. Am Ende der Gebetswoche für die Einheit der Christen sind wir uns noch mehr dessen bewußt, wie sehr das Werk der Wiederherstellung der Einheit, das alle unsere Kraft und Anstrengung erfordert, unsere Möglichkeiten indessen unendlich übersteigt. Die Einheit mit Gott und mit unseren Brüdern und Schwestern ist ein Geschenk, das von oben kommt, das aus der Liebesgemeinschaft zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist entspringt und in ihr wächst und sich vervollkommnet. Die Entscheidung, wann und wie sich diese Einheit voll verwirklichen wird, liegt nicht in unserer Macht. Gott allein wird es vollbringen können! Wie der hl. Paulus setzen auch wir unsere Hoffnung und unser Vertrauen »in die Gnade Gottes zusammen mit uns«. Liebe Brüder und Schwestern, dies will das Gebet erflehen, das wir gemeinsam zum Herrn erheben, damit er uns bei unserer ständigen Suche nach Einheit erleuchte und beistehe.

Und da erhält nun die Aufforderung des Paulus an die Christen von Thessalonich, die als Thema der diesjährigen Gebetswoche gewählt wurde, ihre volle Bedeutung: »Betet ohne Unterlaß!« (1 Thess 5,17). Der Apostel kennt jene Gemeinde gut, die aus seiner Missionstätigkeit entstanden ist, und hegt große Hoffnungen für sie. Er kennt ihre Verdienste ebenso wie ihre Schwächen. Unter ihren Mitgliedern fehlt es nämlich nicht an Verhaltensweisen, Einstellungen und Debatten, die Spannungen und Konflikte auslösen können, und Paulus greift ein, um der Gemeinde zu helfen, in Einheit und Frieden ihren Weg zu gehen. Am Schluß des Briefes fügt er mit fast väterlicher Güte eine Reihe ganz konkreter Anweisungen hinzu, indem er die Christen bittet, sich um die Teilnahme aller zu kümmern, sich der Schwachen anzunehmen, geduldig mit allen zu sein, niemandem Böses mit Bösem zu vergelten, immer Gutes zu tun, sich immer zu freuen und in jeder Situation zu danken (vgl. 1 Thess 5,12–22). In den Mittelpunkt dieser Anweisungen stellt er das Gebot: »Betet ohne Unterlaß! « Die anderen Ermahnungen würden nämlich ihre Kraft und Konsequenz verlieren, wenn sie nicht vom Gebet getragen wären. Die Einheit mit Gott und mit den anderen entsteht vor allem durch ein Gebetsleben im ständigen Suchen nach dem »Willen Gottes für uns in Christus Jesus« (vgl. 1 Thess 5,18).

Die Aufforderung des hl. Paulus an die Thessalonicher ist immer aktuell. Angesichts der Schwächen und Sünden, die die volle Gemeinschaft der Christen noch immer verhindern, hat jede dieser Ermahnungen ihre Gültigkeit beibehalten, aber besonders gilt das für das Gebot »betet ohne Unterlaß«. Was würde aus der ökumenischen Bewegung werden ohne das persönliche oder gemeinsame Gebet, auf daß »alle eins seien, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir« (Joh 17,21)? Wo würden wir den »zusätzlichen Schwung« des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung finden, den unsere Suche nach Einheit heute besonders braucht? Unsere Sehnsucht nach Einheit sollte sich nicht auf gelegentliche Situationen beschränken, sondern zu einem integralen Bestandteil unseres ganzen Gebetslebens werden. In jeder Epoche der Geschichte sind durch das Wort Gottes und das Gebet geformte Männer und Frauen Baumeister der Versöhnung und der Einheit gewesen. Der Weg des Gebets hat die Straße zur ökumenischen Bewegung, wie wir sie heute kennen, geöffnet. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind nämlich verschiedene geistliche Erneuerungsbewegungen entstanden, die den brennenden Wunsch hatten, durch das Gebet zur Förderung der Einheit der Christen beizutragen. Angeregt von herausragenden religiösen Persönlichkeiten, haben Gruppen von Katholiken von Anfang an bei derartigen Initiativen mitgewirkt. Unterstützt worden ist das Gebet für die Einheit auch von meinen verehrten Vorgängern, wie etwa von Papst Leo XIII., der bereits im Jahr 1895 die Einführung einer Gebetsnovene für die Einheit der Christen empfahl. Absicht dieser Bemühungen, die entsprechend den Möglichkeiten der Kirche der Zeit durchgeführt wurden, war es, die von Jesus selbst im Abendmahlssaal ausgesprochene Bitte »alle sollen eins sein« (Joh 17,21) zu verwirklichen. Es gibt daher keinen echten Ökumenismus, der nicht im Gebet verwurzelt wäre.

In diesem Jahr begehen wird das hundertjährige Bestehen der »Gebetsoktav für die Einheit der Kirche«, aus der später die »Gebetswoche für die Einheit der Christen« wurde. Vor hundert Jahren hatte Pater Paul Wattson, damals noch Angehöriger der Episkopalkirche, die Idee einer Gebetsoktav für die Einheit, die zum ersten Mal vom 18. bis 25. Januar 1908 in Graymoor (New York) durchgeführt wurde. Mit großer Freude begrüße ich heute abend den Generalminister und die internationale Delegation der Brüder und Schwestern der franziskanischen Gemeinschaft des Atonement, der von Pater Paul Wattson gegründeten Kongregation, die sein spirituelles Erbe pflegt. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts erfuhr die Gebetsoktav vor allem auf Anregung des Abbé Paul Couturier von Lyon, der gleichfalls ein großer Förderer des spirituellen Ökumenismus war, wichtige Anpassungen. Seine Einladung, »für die Einheit der Kirche, wie Christus sie will, und mit den Mitteln, die er will, zu beten«, ermöglichte Christen aller Traditionen, sich in einem einzigen Gebet für die Einheit zu verbinden. Wir danken Gott für die große Gebetsbewegung, die seit hundert Jahren alle Menschen, die an Christus glauben, in ihrer Suche nach Einheit begleitet und unterstützt. Das Schiff des Ökumenismus wäre niemals aus dem Hafen ausgelaufen, wenn es nicht von dieser umfassenden Gebetsströmung in Bewegung gesetzt und vom Wehen des Heiligen Geistes angetrieben worden wäre.

In Verbindung mit der Gebetswoche haben viele religiöse und monastische Gemeinschaften ihre Mitglieder dazu eingeladen und ihnen geholfen, »ohne Unterlaß« für die Einheit der Christen »zu beten«. Aus diesem Anlaß, der uns hier zusammengeführt hat, erinnern wir besonders an das Leben und Zeugnis von Schwester Maria Gabriella dell’Unità (1914–1936), Trappistin des Klosters von Grottaferrata (jetzt in Vitorchiano). Als ihre Oberin, ermutigt von Abbé Paul Couturier, die Schwestern aufforderte, für die Einheit der Christen zu beten und sich aufzuopfern, fühlte sich Schwester Maria Gabriella unmittelbar angesprochen und zögerte nicht, ihr junges Leben diesem großen Anliegen zu widmen. Genau heute ist der 25. Jahrestag ihrer Seligsprechung durch meinen Vorgänger Papst Johannes Paul II. Jenes Ereignis hat hier in dieser Basilika am 25. Januar 1983 beim Abschlußgottesdienst der Gebetswoche für die Einheit stattgefunden. Der Diener Gottes hat in seiner Predigt die drei Elemente hervorgehoben, auf denen die Suche nach der Einheit beruht: die Bekehrung, das Kreuz und das Gebet. Auf diese drei Elemente gründeten sich auch das Leben und Zeugnis von Schwester Maria Gabriella. Der Ökumenismus braucht gestern wie heute dringend das große »unsichtbare Kloster«, von dem Abbé Paul Couturier sprach, jene umfassende Gemeinschaft von Christen aller Traditionen, die, ohne Aufsehen zu erregen, beten und ihr Leben darbringen, auf daß die Einheit Wirklichkeit werde.

Außerdem erhalten seit genau vierzig Jahren die christlichen Gemeinschaften auf der ganzen Welt für die Gebetswoche Meditationen und Gebete, die gemeinsam von der Kommission für »Glaube und Kirchenverfassung« des Ökumenischen Rates der Kirchen und vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen vorbereitet werden. Diese gelungene Zusammenarbeit hat ermöglicht, den großen Gebetskreis zu erweitern und seine Inhalte angemessener vorzubereiten. Heute abend begrüße ich hier herzlich Rev. Dr. Samuel Kobia, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, der nach Rom gekommen ist, um sich uns am hundertsten Jahrestag der Gebetswoche anzuschließen. Ich freue mich über die Anwesenheit der Mitglieder der »Gemischten Arbeitsgruppe«, die ich herzlich begrüße. Die Gemischte Arbeitsgruppe ist das Instrument der Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche und dem Ökumenischen Rat der Kirchen bei unserer gemeinsamen Suche nach Einheit. Und wie jedes Jahr richte ich meinen brüderlichen Gruß auch an die Bischöfe, Priester, Pastoren der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die hier in Rom ihre Vertreter haben. Eure Teilnahme an diesem Gebet ist greifbarer Ausdruck der Bande, die uns in Christus Jesus verbinden: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen« (Mt 18,20).

In dieser historischen Basilika wird am 28. Juni das Jahr eröffnet, das dem Zeugnis und der Lehre des Apostels Paulus gewidmet ist. Möge uns sein unermüdlicher Eifer beim Aufbau des Leibes Christi in Einheit helfen, ohne Unterlaß für die volle Einheit aller Christen zu beten! Amen!

 

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