Betrachtung Benedikts XVI. vor den Synodenvätern (3. Oktober 2005)

"Damit ein jeder wirklich die eigene Integrität, die eigene Funktionalität als Instrument Gottes finde"

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ROM, 7. Oktober 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Meditation, die Papst Benedikt XVI. am Montag nach der Lektüre der Terz oder der Dritten Stunde des Stundengebets vor den Synodenvätern im Vatikan gehalten hat. Er erinnerte sie an fünf Anweisungen des heiligen Paulus, die zu einem tiefen inneren Frieden und einer unerschütterlichen Freude führen.



"Das ist unser großer Trost: Gott geht uns voran. Er hat schon alles getan. Er hat uns Frieden, Vergebung und Liebe gegeben. Er ist mit uns. Und nur, weil er mit uns ist, weil wir in der Taufe seine Gnade erhalten haben, bei der Firmung den Heiligen Geist, im Sakrament des geweihten Lebens seine Sendung, können wir jetzt agieren, kooperieren mit seiner Präsenz, die uns voran geht."

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Liebe Mitbrüder,

dieser Text der Terz von heute enthält fünf Imperative und ein Versprechen. Lasst uns ein bisschen besser verstehen, was der Apostel uns mit diesen Worten sagen will.

Der erste Imperativ erscheint sehr häufig in den Briefen des Apostels Paulus, man könnte sogar sagen, dass er der "cantus firmus" seines Gedankens ist: "gaudete" ["Freut euch"].

In einem so gepeinigten Leben wie es das seinige war, einem Leben voller Verfolgungen, Hunger, Leiden aller Arten, bleibt ein Schlüsselwort dennoch immer gegenwärtig: "gaudete".

Hier erhebt sich die Frage: Ist es möglich, die Freude quasi zu befehlen? Die Freude, würden wir sagen, kommt oder kommt nicht, aber sie kann nicht erzwungen werden wie eine Pflicht. Und hier hilft es uns, an den bekanntesten Text der paulinischen Briefe über über die Freude zu denken, den der "Dominica Gaudete", im Herzen der Adventsliturgie: "Gaudete, iterum dico gaudete quia Dominus prope est" ["Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Denn der Herr ist nahe", vgl. Phil 4,4.5].

Hier hören wir den Grund, warum Paulus in all seinen Leiden, in all seinen Nöten, zu den anderen sagen konnte: "gaudete". Er konnte es sagen, weil in ihm selbst die Freude gegenwärtig war: "Gaudete, Dominius enim prope est."

Wenn der Geliebte – die Liebe, das größte Geschenk meines Lebens – mir nahe ist, wenn ich überzeugt sein kann, dass derjenige, der mich liebt, auch in Situationen der Not in meiner Nähe ist, bleibt im Grunde des Herzens die Freude, die größer ist als alle Leiden.

Der Apostel kann sagen "gaudete", weil der Herr in unser aller Nähe ist. Und so ist dieser Imperativ in Wirklichkeit eine Einladung, die Gegenwart des Herrn in unserer Nähe zu bemerken. Er ist eine Sensibilisierung hinsichtlich der Gegenwart des Herrn. Der Apostel will uns aufmerksam machen auf diese verborgene, aber sehr reale Gegenwart Christi, der in der Nähe eines jeden von uns ist. Für jeden von uns sind die Worte der Apokalypse wahr: Ich klopfe an deine Tür, höre mich an, öffne mir.

Es handelt sich folglich auch um die Einladung, sensibel zu sein für diese Gegenwart des Herrn, der an meine Tür klopft. Nicht taub zu sein ihm gegenüber, weil die Ohren unserer Herzen dermaßen voll sind von so vielem Lärm der Welt, dass wir nicht diese leise Gegenwart, die an unsere Türen klopft, hören können. Denken wir nach, ob wir jetzt wirklich bereit sind, die Türen unseres Herzen zu öffnen, oder ob dieses Herz nicht vielleicht voll von anderen Dingen ist, so dass für den Herrn kein Platz ist und wir im Augenblick keine Zeit für den Herrn haben. Wenn wir unsensibel und taub für seine Gegenwart und voll von anderen Dingen sind, können wir das Wichtige nicht hören: Er klopft an der Tür und ist uns nahe. So nahe ist die wahre Freude, die stärker ist als alle Traurigkeiten der Welt, alle Traurigkeiten unseres Lebens.

Lasst uns also beten im Kontext dieses ersten Imperativs: Herr, mach uns sensibel für deine Präsenz; hilf uns zu hören und nicht taub zu sein für dich; hilf uns, ein freies, offenes Herz für dich zu haben.

Der zweite Imperativ "perfecti estote" ["Seid vollkommen"], wie der lateinische Text sagt, scheint mit dem zusammenfassenden Wort der Bergpredigt zusammenzufallen: "Perfecti estote sicut Pater vester caelestis perfectus est" ["Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist"; vgl. Mt 5,48].

Dieses Wort lädt uns ein, das zu sein, was wir sind: Abbilder Gottes und Geschöpfe, die erschaffen sind in Bezug zu Gott; "Spiegel", in dem sich das Licht des Herrn widerspiegelt. icht gemäß dem Wort des Christentums zu leben, nicht die Heilige Schrift gemäß dem Wort zu hören, ist schwierig und geschichtlich fragwürdig, sondern über das Wort und die gegenwärtige Realität hinauszugehen auf den Herrn zu, der zu uns spricht, und mit ihm vereint zu sein.

Aber wenn wir den griechischen Text anschauen, finden wir ein anderes Wort, "catartizesthe", und dieses Wort bedeutet: "wieder herstellen", ein Instrument reparieren, ihm seine volle Funktionalität zurückgeben. Das häufigste Beispiel für die Apostel ist es, das Fischernetz zu reparieren, damit es von neuem ein Netz zum Fischen sein kann, um erneut zurückzukehren zu seiner Perfektion dieser Arbeit. Ein anderes Beispiel: Wenn ein musikalisches Saiteninstrument eine gerissene Saite hat, kann die Musik folglich nicht so wie gewollt gespielt werden. So erscheint bei diesem Imperativ unsere Seele wie ein apostolisches Netz, das trotzdem häufig nicht gut funktioniert, weil es von unseren eigenen Absichten zerfetzt ist; oder wie ein Musikinstrument, bei dem leider diese oder jene Saite gerissen ist und folglich die Musik Gottes, die aus der Tiefe unsere Seele tönen sollte, nicht gut klingen kann. Es geht darum, dieses Instrument zu reparieren, die Beschädigungen, die Zerstörungen und Vernachlässigungen zu erkennen und dafür zu sorgen, dass das Instrument perfekt, komplett ist, damit es diene, wozu es vom Herrn geschaffen wurde.

Und so kann dieser Imperativ auch eine Einladung sein zu einer regelmäßigen Gewissenserforschung: um zu sehen, wie es um dieses mein Instrument steht, bis zu welchem Punkt es vernachlässigt worden ist und nicht mehr funktioniert, und um zu versuchen, es zu seiner Vollkommenheit zurückzuführen.

Dieser Imperativ ist auch eine Einladung zum Sakrament der Versöhnung, in dem Gott selbst dieses Instrument überholt und uns von neuem die Ganzheit, die Perfektion, die Funktionalität schafft, damit in dieser Seele wieder das Lob Gottes erklingen kann.

Dann "exortamini invicem" ["Ermutigt euch gegenseitig"]. Die brüderliche Korrektur ist ein Werk der Barmherzigkeit. Keiner von uns sieht sich selbst gut, sieht gut seine Fehler. Und so ist es ein Akt der Liebe, einander zu helfen und einander zu korrigieren, damit man sich besser sehen kann. Ich denke, genau dass ist ein Wesenszug der Kollegialität, sich auch im Sinne des vorhergehenden Imperativs zu helfen, die Mängel zu erkennen, die wir selbst nicht sehen wollen – "ab occultis meis munda me", sagt der Psalm ["Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist!", vgl. Ps 18,13]; uns zu helfen, damit wir offen werden und diese Dinge sehen können.

Natürlich erfordert dieses große Werk der Barmherzigkeit, dass wir uns gegenseitig helfen, damit ein jeder wirklich die eigene Integrität, die eigene Funktionalität als Instrument Gottes finde, viel Demut und Liebe; ein demütiges Herz, das sich nicht über andere stellt und sich nicht als besser betrachtet, sondern allein als demütiges Instrument. Nur wenn man diese tief greifende und wahre Demut fühlt, wenn man fühlt, dass diese Worte aus der gemeinsamen Liebe kommen, aus der kollegialen Zuneigung, mit der wir gemeinsam Gott dienen wollen, können wir einander helfen mit einem großen Akt der Liebe.

Auch hier fügt der griechische Text manches Detail hinzu, das griechische Wort ist "paracaleisthe"; und es hat die gleiche Wurzel, von der auch das Wort "Paracletos, paraclesis" kommt – "trösten". Wir wollen nicht nur korrigieren, sondern auch trösten, die Nöte des anderen teilen, ihm bei Schwierigkeiten helfen. Und auch dies erscheint mir als ein großer Akt von wahrer kollegialer Zuneigung.

In den vielen schwierigen Situationen, die heute in der Seelsorge entstehen, ist wirklich mancher ein bisschen verzweifelt und erkennt nicht, wie er voran gehen kann. In einem solchen Augenblick braucht er Trost. Er braucht jemanden, der ihm bei seiner inneren Einsamkeit beisteht und das Werk des Heiligen Geistes, des Trösters, ausführt: Mut zu machen, gemeinsam zu tragen, sich gegenseitig zu stützen – mit der Hilfe des Heiligen Geist selbst, der der große Paraklet, der Tröster und unser Verteidiger ist, der uns hilft. Es handelt sich folglich um die Einladung, dass wir selbst "ad invicem" ["aneinander"] das Werk des Heiligen Geistes Paraklet vollziehen.

"Idem sapite": Wir hören hinter dem lateinischen Wort das Wort "sapor", "Geschmack". Habt den gleichen Geschmack an den Dingen, habt die gleiche grundlegende Vision der Wirklichkeit mit allen Unterschieden, die nicht nur legitim sind, sondern sogar notwendig, aber habt "eundem sapore": Habt die gleiche Sensibilität. Der griechische Text sagt dasselbe, "froneite", das heißt: Habt grundsätzlich den gleichen Gedanken. Wie könnten wir im Grunde einen gemeinsamen Gedanken haben, der uns hilft, gemeinsam die Heilige Kirche zu führen, wenn wir nicht gemeinsam den Glauben teilen, der von keinem von uns erfunden wurde, sondern der Glaube der Kirche ist – das gemeinsame Fundament, das uns trägt, auf dem wir stehen und arbeiten?

Dieser Imperativ ist also eine Aufforderung, dass wir uns immer wieder aufs Neue in diesen gemeinsamen Gedanken einfügen, in diesen Glauben, der uns voraus geht. "Non respicias peccata nostra sed fidem Ecclesiae tuae" ["Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche"]: Es ist der Glaube der Kirche, den der Herr in uns sucht und der auch die Vergebung der Sünden ist. Es geht darum, dass wir alle diesen gleichen Glauben haben.

Wir können, wir müssen diesen Glauben gemeinsam leben – jeder in seiner Einzigartigkeit, aber immer wissend, dass dieser Glaube uns voraus geht. Und wir müssen allen anderen diesen gemeinsamen Glauben mitteilen. Dieses Element führt uns schon zum letzten Imperativ, der uns tiefen Frieden gibt.

Und an diesem Punkt können wir auch an "touto froneite" denken, an einen anderen Text des Briefes an die Philipper, am Beginn der großen Hymne über den Herrn, wo der Apostel uns sagt: Habt die gleichen Gefühle wie Christus, tretet ein in die "fronesis", in das "fronein", in das Denken Christi. Folglich können wir alle den Glauben der Kirche haben, denn mit diesem Glauben treten wir ein in die Gedanken, in die Gefühle des Herrn und denken gemeinsam mit Christus.

Dies ist die letzte Vertiefung dieser Aussage des Apostels: denken mit dem Gedanken Christi. Und wir können das tun, indem wir die Heilige Schrift lesen, in der die Gedanken Christi Worte werden und zu uns sprechen. In diesem Sinne werden wir die "Lectio Divina" üben müssen, den Gedanken Christi in den Schriften fühlen und lernen, mit Christus zu denken, den Gedanken Christi zu denken, die Gefühle Christi.

Und so ist der letzte Imperativ quasi "pacem habete et eireneuete" die Zusammenfassung der vier vorhergehenden Imperative, die Folge der Vereinigung mit Gott, der unser Friede ist, und mit Christus, der uns gesagt hat: "Pacem dabo vobis." Wir sind im inneren Frieden, weil der Gedanke, in Christus zu sein, unser Dasein verbindet. Die Schwierigkeiten, die Kontraste in unserer Seele verbinden sich, man ist vereinigt mit dem Original, mit dem, von dem wir mit dem Gedanken Christi ein Abbild sind. So entsteht der innere Frieden, und nur, wenn wir auf einen tief greifenden inneren Frieden gegründet sind, können wir auch Menschen des Friedens in der Welt für die anderen sein.

Hier stellt sich die Frage, ob das Versprechen durch die Imperative bedingt ist? Ist es so, dass lediglich in dem Maße, in dem wir die Imperative realisieren können, dieser Gott des Friedens mit uns ist? Wie ist der Bezug zwischen Imperativ und Versprechen?

Ich würde sagen, dass er bilateral ist, das heißt, das Versprechen geht den Imperativen voraus und folgt auch der Verwirklichung der Imperative. Das bedeutet in erster Linie, so viel wir tun, ist der Gott der Liebe und des Friedens offen für uns, ist er mit uns. In der Offenbarung, die im Alten Testament begonnen hat, ist Gott uns mit seiner Liebe und mit seinem Frieden entgegen gekommen.

Bei der Inkarnation schließlich ist Gott in uns Gott geworden – Immanuel, dieser Gott des Friedens mit uns: Er ist Fleisch geworden mit unserem Fleisch, er ist Blut von unserem Blut. Er ist Mensch mit uns und umfasst den ganzen Menschen. Und bei der Kreuzigung und bei dem Niedergang zum Tod hat er sich völlig auf unsere Seite gestellt. Er geht uns mit seiner Liebe voran und umarmt unser ganzes Tun. Und das ist unser großer Trost: Gott geht uns voran. Er hat schon alles getan. Er hat uns Frieden, Vergebung und Liebe gegeben. Er ist mit uns. Und nur, weil er mit uns ist, weil wir in der Taufe seine Gnade erhalten haben, bei der Firmung den Heiligen Geist, im Sakrament des geweihten Lebens seine Sendung, können wir jetzt agieren, kooperieren mit seiner Präsenz, die uns voran geht. All dieses unser Tun, von dem die fünf Imperative sprechen, ist ein Kooperieren, ein Zusammenarbeiten mit dem Gott des Friedens, der mit uns ist.

Aber das gilt andererseits auch gerade in dem Maße, in dem wir wirklich eintreten in diese Gegenwart, die er gegeben hat, in dieses Geschenk, das schon in unserem Dasein vorhanden ist. Seine Präsenz wächst natürlich, sein Sein mit uns.

Lasst uns zum Herrn beten, dass er uns lehre, mit seiner vorhergehenden Gnade zusammenzuarbeiten, damit er wirklich immer bei uns sei. Amen!

[Vom Heiligen Stuhl veröffentlichte deutsche Übersetzung; geringfügige Änderungen durch ZENIT]