Bilanz über den Papstbesuch in Deutschland

Interview mit dem französischen Journalisten Jean-Marie Guénois

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KÖLN, 24. August 2005 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. prägt einen eigenen, neuen Stil und gibt seinen Botschaften eine besondere Ausrichtung. So beurteilt einer der führenden Experten des religiösen Journalismus in Frankreich, Jean-Marie Guénois, den am Sonntag zu Ende gegangenen Papstbesuch in Deutschland. Der Redakteur der Pariser Zeitung "La Croix" war ein Jahrzehnt als Korrespondent in Rom tätig, wo er die Nachrichtenagentur "I-Media" gründete. Er ist häufig zu Gast im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Frankreichs.



ZENIT: Konnte Papst Benedikt XVI. den Test bestehen?

Guénois: Der neue Papst wurde von der "Generation Johannes Pauls II." nicht wie ein Messias erwartet, sondern war zunächst einmal für alle ein deutscher Papst, der in sein Heimatland zurückkehrte. Die zurückhaltende und fast scheue Art, mit der Benedikt XVI. die Stufen vom Flugzeug auf das Rollfeld hinab stieg, ohne jegliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen und darauf bedacht, nicht auszurutschen, gab den Ton dieser Reise an.

Im Bewusstsein über die Bedeutung dieses Augenblicks trat er zuweilen mit Schüchternheit und unbeholfen vor der Menge auf. Dabei blieb er sehr menschlich und erwies jedem einzelnen, insofern es ihm möglich war, seine volle Aufmerksamkeit.

Benedikt XVI. las seine Ansprachen bedächtig vor, ohne aufgesetzte Rhetorik oder Effekthascherei. Er bemühte sich nicht darum, jemanden für sich zu vereinnahmen, sondern wählte maßvolle Worte. Er suchte keine unmittelbaren Reaktionen und hatte den Applaus nicht schon vorher eingeplant. Er setzte vielmehr auf die tiefe Einwurzelung seiner Worte. Wer da auf eine charismatische Zündung gehofft hatte, wird wohl enttäuscht worden sein, aber die Mehrheit hat den Papst gerade so, wie er ist, ins Herz geschlossen.

ZENIT: Gibt es jetzt eine "Generation Benedikts XVI."?

Guénois: Der Heilige Vater mag diesen Ausdruck überhaupt nicht. Aber es ist sicher noch zu früh, zu klären, welchen Eindruck der neue Papst bei den Jugendlichen hinterlassen hat. Es ist allerdings schon beeindruckend, wie dieser Heilige Vater sie angesprochen hat: Er hat sich nicht als Moralprediger versucht, sondern die Mitte des Glaubens und die Freude am Christsein durch eine grundlegende Katechese in das Zentrum seiner Predigt gestellt. An Stelle der "charismatischen Gesten" eines Johannes Pauls II., der die Massen so bewegte, finden wir bei Benedikt XVI. das "Charisma des Wortes", das Charisma eines verkündenden Lehrers. Er war sehr pädagogisch, sehr konkret. Und zudem fiel er durch einige pointierte und prägnante Formulierungen auf, wie etwa, als er erklärte, dass Anbetung eine "Berührung von Mund zu Mund" oder auch ein "Kuss" Gottes sei.

Man kann nicht behaupten, Benedikt XVI. hätte die Jugendlichen nicht angesprochen, aber eben auf andere Weise als sein Vorgänger. Die "Generation Benedikts XVI." gibt es – vor allem unter jenen Jugendlichen, die Johannes Paul II. kennen lernten, als seine Kraft dahingeschwunden war. "Es ist schon seltsam wieder einen Papst zu sehen, der gehen kann", meinte einer von ihnen.

ZENIT: Hat sich Deutschland mit Rom versöhnt?

Guénois: Tatsache ist doch, dass es bei der Planung des Weltjugendtages vor drei Jahren in Deutschland – dem Land, das dann zum Heimatland des neuen Papstes wurde – in erster Linie gar nicht darum gegangen ist. Drei Begegnungen waren es aber, die solide Bande möglich machten und die sich nun bewähren müssen: der Empfang am Flughafen, bei dem der Stolz des Bundespräsidenten die Stimmung der Leute widerspiegelte; der Besuch in der Kölner Synagoge, bei dem sich Benedikt XVI. erlaubte, die dunkle Seite der deutschen Geschichte vor der ganzen Welt anzusprechen; das Treffen mit den deutschen Bischöfen am vergangenen Sonntag, bei dem der Papst den Kirchenführern seine Verbundenheit zusagte und sie einlud, die für den Weltjugendtag mobilisierten Energien zu vervielfachen.

ZENIT: Was ist die bleibende Botschaft des Papstes in seiner Heimat?

Guénois: Auf politischer Ebene warnte er vor zwei Dingen: vor der Ausbreitung des Antisemitismus und vor dem religiös motivierten Terrorismus. Das machte er bei seinem Besuch in der Synagoge und seinem Treffen mit führenden Vertretern des Islam deutlich, wo er sich für eine Zivilisation des Friedens aussprach.

Auf pastoraler Ebene können wir zwei bestimmende Linien sehen: Zuerst die Ausrichtung auf die Einheit der Christen – in Kontinuität mit seinem Vorgänger und dem Zweiten Vatikanischen Konzil – sowie auf den Dialog mit dem Judentum und dem Islam, im Wissen um die grundlegenden Unterschiede. Und dann, als Zweites, gab es da eine Neuheit, die der Heilige Vater den jungen Menschen zeigte: In allen Begegnungen entfaltete er eine doppelte Idee, dass es nämlich um nicht mehr und nicht weniger gehe als darum, ”die Welt zu verändern“ – aber nicht durch Gewaltanwendung oder dank Weisungen von oben, sondern durch das Erlernen der Wege Gottes. Und Letzteres nicht dadurch, dass man sich "einen privaten Gott" für sich selbst bastelt, denn in der Kirche gibt es ja, wie Benedikt XVI. gesagt hat, keine privaten Wege. Die Jugendlichen lud er dazu ein, eine Sensibilität für die Nöte der anderen zu entwickeln, die sich in der Bereitschaft niederschlägt, zu teilen.