Bildungs- und Religionsfreiheit in Europa

Gespräch mit P. Duarte, Generalsekretär des CCEE

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ROM, 23. April 2009 (ZENIT.org).- Anlässlich des 60. Jahrestages seit der Gründung des Europarates und kurz vor den kommenden Europawahlen eröffnen die europäischen Bischöfe einen Dialog über die Bildungs- und Religionsfreiheit in Europa. Durch die Bekanntgabe der Ergebnisse einer europaweiten Studie am 4. Mai möchte ein runder Tisch in Strassburg die positiven Auswirkungen des Religionsunterrichtes auf die gesamte zivile Gesellschaft aufzeigen.



An dem Treffen zur Vorstellung der Studie „Der Religionsunterricht - eine Ressource für Europa“ wird zahlreiche Persönlichkeiten aus Kirche und Politik zusammenführen. Es findet unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Europaparlaments, Hans-Gert Pöttering, und des Mitglieds der Europäischen Kommission, Ján Figel, zuständiger Kommissar für allgemeine und berufliche Bildung, Kultur und Jugend, statt.

Den einleitenden Vortrag zum Thema „Religiöse Erziehung und Ausbildung des Menschen und des Bürgers Europas“ wird Kardinal Peter Erdö, Erzbischof von Esztergom-Budapest und Vorsitzender des Rates der europäischen Bischofskonferenzen, halten. An der anschließenden Round-Table-Diskussion mit dem Thema „Die Europäischen Institutionen und der Religionsunterricht“ werden neben Ján Figel auch Mario Mauro, Vizepräsident des Europäischen Parlaments; Gabriella Battaini Dragoni, Generaldirektorin für Erziehung, Kultur und Erbe, Jugend und Sport beim Europarat; P. Piotr Mazurkievicz, Generalsekretär der COMECE; und P. Duarte da Cunha, Generalsekretär des Rates der europäischen Bischofskonderenzen (CCEE), teilnehmen.

Um die Inhalte und Zielsetzungen dieser wichtigen Begegnung näher kennen zu lernen, führte ZENIT ein Gespräch mit dem Sekretär des Rates der europäischen Bischofskonferenzen, P. Duarte Nuno Queiroz de Barros da Cunha.

Ziel der Begegnung ist es nach seinen Worten, einen Bericht über den katholischen Religionsunterricht in den europäischen Schulen vorzulegen. Dabei handle es sich um eine mehrjährigen Studie, die nunmehr zu ihrem Abschluss gekommen sei und nicht nur Zahlen, sondern auch die relativen Problematiken und Methoden in den einzelnen Ländern präsentiere. Die Ergebnisse würden dem Europarat vorgelegt, da in einigen Ländern Europas die Freiheit des Religionsunterrichts nicht gewährleistet oder beschränkt sei. Darüber hinaus soll vor den bevorstehenden Europawahlen das Thema des Religionsunterricht in das Bewusstsein der öffentlichen Meinung gerückt werden.

Die Problematik betreffe Millionen von Familien, so P. Duarte weiter. Die augenblickliche Krisensituation mache die Wichtigkeit eines Erziehungsprojektes und dabei des Unterrichts und der Erneuerung der anthropologischen Wurzeln noch deutlicher, die für eine personalistische und solidarische Ethik tragend seien. „Dies ist die Lehre, die die katholische Religion vorschlägt. Ein Erziehungsprojekt, das sich nicht auf Katechese beschränkt, sondern einen Vorschlag für das Leben darstellt, der auf von allen anerkannten Werten basiert: Wahrheit, Güte, Schönheit.“ Es handle sich dabei um die Grundlagen jenes „christliche Humanismus“, der eine Begegnung der Gemeinschaft mit dem offenbarten Gott erlaube.

In einer Welt, die diese Werte anscheinend vergessen und alles auf wenige materielle Dinge verbunden mit viel Technik reduzieren will, sei die Dringlichkeit eines ganzheitlicheren Blickes auf den Menschen in seinen ihn konstituierenden Faktoren zu verspüren.

Für P. Duarte ist es wichtig zu betonen, dass eine immer größere Distanz zwischen den Vertretern des öffentlichen Lebens (Politiker, Journalisten) und dem Volk festzustellen sei. Gleichzeitig sei aber eine wahre Sorge um das Schicksal des Menschen und den Sinn des Lebens festzustellen, „auch wenn es noch schwierig ist, von Gott in der Öffentlichkeit zu sprechen, da dies als intolerant und wirklichkeitsfremd angesehen ist“.

Die jetzige Weltwirtschaftskrise mache deutlich, wohin eine Wirtschaft führt, der die ethische Dimension fehlt. So seien die Menschen bei allen Opfern dazu gezwungen, über vergessene oder bisher für lächerlich gehaltene Dimensionen nachzudenken.

„Die philosophische Reflexion beginnt auch in dem Moment, in dem der Mensch entdeckt, dass er etwas nicht weiß, wenn er die Vernunft und das Herz auch der Wahrheit des Glaubens und der Religion öffnet.“

Die Renaissance der Religion bedürfe allerdings einer Einordnung, insofern die religiöse Erfahrung neben der persönlichen Verwurzelung eine soziale und öffentliche Dimension besitze.

Aus diesem Grund stelle die Erziehung und Weitergabe der Tradition einen Vorschlag für das Leben und nicht allein eine Informationsvermittlung dar.

Europa sei ein Raum der Freiheit. Gerade deshalb aber „darf eine Weltanschauung, in der für Gott kein Platz ist, nicht allen aufgezwungen werden“.

„Die Auseinandersetzung zwischen dem Säkularismus oder intoleranten Laizismus und der Freiheit zur religiösen Erziehung läßt alte ideologische Kämpfe neu zutage treten, die bereits überholt schienen.“

Die Aufgabe des Rates der europäischen Bischofskonferenzen sieht P. Duarta darin, der Zusammenarbeit der einzelnen Konferenzen und so dem großen Werk der Kirche zu dienen: „Das Kulturprojekt der europäischen Bischofskonferenzen ist das der ganzen Kirche.“

Als Beitrag des Rates der europäischen Bischofskonferenzen zur Entwicklung eines neuen christlichen Humanismus sieht P. Duarte vor allem die Erziehungsfreiheit, die es den Eltern gewährleiste, ihren Kindern eine Welt- und Lebenssicht zu vermitteln, sowie die Religionsfreiheit, die auch die öffentliche Präsenz der Religion sowie die Möglichkeit, sie den anderen vorzuschlagen, garantieren müsse.

P. Duarte hebt hervor, dass diese beiden Freiheiten zu dem Raum gehören, der notwendig ist, um eine Gesellschaft von wahren Menschen aufzubauen.

„Die Kirche ist sich sicher, dass der Mensch allein in Christus voll sich selbst findet und lernt, dass der Sinn des Lebens in Gott besteht und nicht nur im Haben oder Tun.“

Indem die Kirche auf alle Lebensbereiche eine Antwort zu geben versuche, bringe sie ihre Überzeugung von der Wichtigkeit der Verkündigung Christi als Antwort auf die tiefsten Bedürfnisse des Menschen zum Ausdruck.

Von Antonio Gaspari