Bindungslose Selbstbestimmmung: Zum 100. Geburtstag von Simone de Beauvoir, Begründerin der Gendertheorie

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

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WÜRZBURG, 9. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Das 20. Jahrhundert erlebte vor allem im deutschen Sprachraum einen neuen Höhepunkt in der philosophischen Anthropologie mit dem großen Dreigestirn Scheler, Plessner, Gehlen. Sie antworteten auf die bahnbrechenden Arbeiten Darwins und Freuds, die den Menschen „entthront“ hatten. Das jahrhundertealte Selbstverständnis als Krone der Schöpfung oder als aufgeklärt mündiger Mensch musste nach dieser Beraubung neu bestimmt werden.



Das Wesen der Frau

Diese Diskussion fragte nach dem Menschen, nicht nach der Geschlechterdifferenz, außer in eher naiv-beschreibender Weise nach der besonderen Berufung der Frau als Mutter. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine geschlechtsspezifische Auseinandersetzung, die nicht mehr vom Menschsein, sondern vom Mann- und Frausein ausgeht, es aber zugleich anfragt. Diese Nachkriegs-Phase der alten Frauenbewegung ist nach 1945 unter dem Stichwort Feminismus zu fassen, und sie ist wesentlich an einem einzigen Namen festzumachen: an Simone de Beauvoir.

Geboren am 9. Januar 1908 im Pariser Viertel Montparnasse, stirbt sie am 14. April 1986 im selben Stadtteil. Als Tochter aus gutbürgerlichem Hause erhielt sie eine standesgemäße (katholische) Erziehung; da das elterliche Vermögen in der Nachkriegszeit der 20-er Jahre verloren ging, musste sie einen Beruf ergreifen. Sie hatte ursprünglich Literatur und Mathematik studiert, wechselte dann aber an der Sorbonne zur Philosophie, um dieses Fach an einer laizistischen Schule zu unterrichten. 1929 schrieb sie ihrer Abschlussarbeit über Leibniz und lernte im selben Jahr in einer Gruppe von Kommilitonen auch Jean-Paul Sartre (den Neffen von Albert Schweitzer) kennen. Damit beginnt eine Lebensgemeinschaft, die außer dem lebensnotwendigen Schulunterricht vor allem dem Schreiben gewidmet ist.

Sartre veröffentlicht 1938 seinen Roman „Der Ekel“ und propagiert 1945 den Existenzialismus als philosophische Richtung; Beauvoir, die ebenfalls Romane und Essays mit weniger Aufsehen schreibt, macht in Vorträgen nach 1945 in Europa und darüberhinaus dieses Denken bekannt. Mit ihrem Buch „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“ (Le deuxième sexe, deutsch bei Rowohlt 1952) gelang ihr 1949 ein ungemein einflussreiches Werk, mit dem sie sich schriftstellerisch von Sartre emanzipierte und einen Welterfolg landete. Worauf gründet sich der fast schon mythische Ruf dieses Buches?

Während die Frauen im 19. und im frühen 20. Jahrhundert nur um gleichen Lohn für gleiche Arbeit, um Bildungschancen und um politische Rechte (Wahlrecht) kämpften, entwickelte Simone de Beauvoir vorrangig ein theoretisches Konzept, aus denen erst zweitrangig gesellschaftliche und politische Folgerungen zu ziehen waren. Sie reflektierte die gesellschaftliche und individuelle Bestimmung der Frau als Mutter, Gattin und sozial zuständigem Wesen, um aus bisherigen Festschreibungen zu weitgehend selbstbestimmten Frauen überzuleiten, die sich nicht mehr aus einem „Frausein“ oder einem „Wesen der Frau“ verstehen wollten.

Sexualität in Widersprüchen

Als „Gründerin“ eines Egalitätsfeminismus verficht Beauvoir die These, Frausein sei eine Erfindung männlicher List zur Abwälzung unangenehmer Aufgaben. Schon Sigmund Freud hatte die Differenz der Geschlechter bezweifelt: Wer den Schleier des Weiblichen lüfte, treffe auf das Nichts (des Unterschieds). Nach Simone de Beauvoir sind nur noch strukturelle Fragen zugelassen: Wie wird man zur Frau gemacht?, aber keine Wesensfragen mehr: Was ist eine Frau?

Zur Frau wird man ihrer Ansicht nach gemacht durch zwei „Fallen“, und diese seien abzuschaffen: das Kind und der Bindungswille an den Mann und die Familie; beide führten zu (angeblich) bleibender Verantwortung und dauerhafter Übernahme von Pflichten. Die Unterscheidung von Bewusstsein und Körper ordnet dem Mann den aktiven geistigen Freiheitsentwurf zu, während die Frau durch ihre Körperlichkeit bestimmt wird, die ihr ein Selbstsein verwehrt, ja sie sogar sich selbst entfremdet durch die zu erduldende passive ,Tätigkeit‘ der Reproduktion. Beauvoir verlangt daher eine „Vermännlichung“ der Frau im Sinne bindungsloser Selbstbestimmung. Das bedeutet einerseits Verweigerung eines (ungewollten) Kindes; Abtreibung zählt sie zu den „Errungenschaften“ einer Frauenbefreiung. Das bedeutet aber auch wechselnde sexuelle Beziehungen, auch gleichgeschlechtlicher Art, im Sinne einer „Freiheit“ von bürgerlichen Zwängen, insbesondere der Ehe.

Dieser Ansatz, der auch im eigenen Leben repräsentiert wird, bleibt jedoch trotz seiner betonten Freisetzung von Sexualität nicht frei von vertrackten Widersprüchen: Beauvoir ordnet als betonte Intellektuelle den Körper einer Selbstverwirklichung im geistigen Sinn unter und entwertet dabei den weiblichen Körper bis zur Leibvergessenheit, ja zur Leibverachtung. Das Spezifische des Menschseins vollzieht sich bei Beauvoir jenseits der leiblichen (weiblichen) Sphäre. Damit bleibt sie hinter den Entwürfen etwa von Edith Stein Ende der 20-er und Anfang der 30-er Jahre zurück, die den Leib und die emotionale, eben auch gemeinschaftsbezogene Begabung von Frauen in ihrer Anthropologie herausstellt, ohne die Ebene des Geistes und die Individualität jeder Frau außer Acht zu lassen.

Letzlich bleibt die These Beauvoirs darauf beschränkt: „Frau muss Mann werden, um Mensch sein zu können.“ Diese Einbuße einer frauenspezifischen Betrachtung bestimmte die erste Diskursphase des Feminismus nachhaltig und fast ausschließlich, etwa bei Betty Friedan. Er wurde aber von den feministischen „Enkelinnen“ wie etwa der Französin Luce Irigaray kritisiert, zumal nach Bekanntwerden von Beauvoirs eigener biographischer Unterwerfung unter Sartres sexuelle Forderungen, die sie selbst in Briefen und Tagebüchern preisgibt. So besaß Beauvoir ein eigenes Klingelzeichen, um Sartre nicht beim tète à tète mit anderen Freundinnen zu überraschen – und sie beugte sich dieser Forderung. Auch die Abtreibung eines gemeinsamen Kindes mit Sartre und wechselnde Amouren mit (zum großen Teil jüngeren) Männern und Frauen – oft getrieben von einer Art Rache an Sartres ebenfalls wechselnden Frauen – enthüllten an der „Ikone“ der Frauenbefreiung dunkle und sogar gequälte Züge. Gefühlsmäßig und intellektuell blieb sie an Sartre gebunden, dem sie seine polygamen Züge nachsah oder nachsehen musste.

Seit den 90-er Jahren behauptet eine neue These, dass auch Sexualität nicht mehr gegeben, sondern konstruiert sei. Als Wortführerin dieser Theorie kann Judith Butler aus Berkeley gelten mit dem Werk „Gender Trouble“ (1991, dt. Das Unbehagen der Geschlechter 1992). Sie glaubt, einen Widerspruch in der bisherigen feministischen Argumentation zu erkennen: auf der einen Seite sei das Geschlecht ein Ergebnis sozialer Festlegung (und somit durch kritischen Diskurs auflöslich), auf der anderen Seite aber biologisch unhintergehbar (und somit unauflöslich). Der Widerspruch lasse sich jedoch beheben: Es gebe überhaupt keinen „natürlichen“ Körper „vor“ der Sprache und kulturellen Deutung. Körperliche Geschlechtsunterschiede seien allesamt sprachlich bearbeitet. Radikalisiert bedeutet es, dass der Unterschied zwischen sex und gender pure Interpretation sei. Schlichter: Auch „Biologie“ sei Kultur. Um emanzipatorisch weiterzukommen, sei daher ein subjektives und offen pluralistisches Geschlecht zu „inszenieren“.

Beauvoir leitete ein solches leibvergessenes Denken ein. Ihm gegenüber ist dringend eine leibfreundliche, frauenfreundliche Anthropologie zu entwickeln, die ausgehend von Leib und Geschlecht nicht eine Trennung, sondern die Zusammengehörigkeit von Fleisch und Geist, von Denken und Fühlen herausarbeitet. Inkarnation, Fleischwerdung wäre die heutige Devise einer neuen Anthropologie.

[© Die Tagespost vom 8. Januar 2008]