Bischof Adrianus von Luyn: Die Herausforderungen Europas

Ansprache zum Auftakt der COMECE-Vollversammlung in Brüssel

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ROM, 11. November 2008 (ZENIT.org) .- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Bischof Adrianus von Luyn, Vorsitzender der Kommission der Bischofskonferenzen im EU-Raum (COMECE), heute, Mittwoch, zum Auftakt der COMECE-Herbstvollversammlung in Brüssel gehalten hat.

Im Mittelpunkt der dreitägigen Arbeitsgespräche stehen die aktuellen Herausforderungen, mit denen sich Europa auseinanderzusetzen hat. Bischof Luyn hob hervor, dass man dabei stets die folgende Frage im Hinterkopf haben sollte: „Was können wir tun, um den Glauben verstehbarer weiterzugeben und glaubwürdiger vorzuleben?“

* * *

Liebe Mitbrüder,
liebe Teilnehmer an dieser Vollversammlung der COMECE!

1.

Wer von uns hätte bei der letzten ordentlichen Vollversammlung vorausgesagt, dass die Europäische Union nach dem irischen Referendum im Juni erneut in eine tiefe Vertragskrise gerät?

Wer hätte zu behaupten gewagt, dass Russland und Georgien, also zwei Vollmitglieder des Europarates im Sommer Krieg führen?

Wer hätte damit gerechnet, dass die Welt seit dem Bankrott der amerikanischen Bank Lehman Brothers von einer dramatischen Finanzkrise erschüttert wird, deren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Konsequenzen wir heute noch nicht ausmachen können?

Die europäische Einigung und ihre Institutionen sind durch diese Entwicklungen auf eine harte Probe gestellt worden. Bislang ist die Europäische Union standfest und stabil geblieben, die französische EU-Ratspräsidentschaft, die mit dem EU-Mittelmeer Gipfel sehr protokollarisch aber ohne greifbare Ergebnisse begann, hat neben der planmäßigen Ratstagung im Oktober inzwischen bereits zu zwei weiteren informellen Gipfel im September und gerade letzte Woche eingeladen. Zudem gab es erstmals in der Geschichte der Währungsunion ein Treffen der Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder. Bislang hat Frankreich die einander abfolgenden Krisen mit Unterstützung von Kommission und Parlament gemeistert, aber vor unseren Augen hat sich während der dramatischen Kriegstage im Kaukasus und bei der rasanten Talfahrt aller Börsen der Welt ein Abgrund aufgetan, den wir – vielleicht allzu vertrauensselig - nicht erwartet hatten, und der auch die Tragfähigkeit der zuletzt in der Berliner Erklärung von 2007 beschworenen europäischen Wertegemeinschaft einem Härtetest unterziehen wird.

2.

Dabei überlagert die Finanzkrise im Augenblick fast alle weiteren Themen. Viele sagen, dass wegen der jetzt drohenden Weltwirtschaftskrise gerade den Ärmsten das Schlimmste noch bevorsteht. Noch sind weder Sorgen noch Nöte gebannt, und wer sagt, er hätte schon den Boden des Abgrunds gesehen, an dem nicht nur Europa sondern die ganze Welt heute steht, verdient gegenwärtig kein Vertrauen. Vertrauen, liebe Mitbrüder, ist indessen das Schlüsselwort. Wie lässt sich das schwer erschütterte Vertrauen in die Fundamente der Wirtschafts- und Sozialordnung wieder herstellen? Es fehlt heute zunächst Vertrauen in die Zulänglichkeit des bestehenden Regelwerks, das weiterhin vor allem national gedacht wird, wo jeden Tag Geldströme in Milliardenhöhe fließen. Wir brauchen deshalb bessere Regeln und Gesetze und sicher mehr Zuständigkeiten für die europäische und die internationale Ebene, um einem erneuten Überhitzen der global vernetzten Finanzwirtschaft vorzubeugen.

Das Austrocknen von Steueroasen, die Beschneidung der Aktivitäten so genannter Hedge-Funds, die Modernisierung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank - darüber haben unsere Staats- und Regierungschefs in Vorbereitung auf das Treffen der G20 am letzten Freitag gesprochen. Das Treffen der G20 in Washington jetzt am kommenden Samstag wird unter dem Eindruck der Wahl von Barack Obama ein Signal für eine bessere Ordnung der Weltwirtschaft. Das hoffen wir alle, und all das ist sicher notwendig. Im Einzelnen können wir als Bischöfe darüber nicht befinden, auch wenn wir als COMECE auf den Bericht „Global Governance“ zurückgreifen können, den eine internationale Expertengruppe schon im Jahr 2001 für uns verfasst hat. Aber diese Bemerkung sei gestattet: Wer die Ursache der Finanzkrise allein in einem Mangel an Transparenz und juristischer Zurechenbarkeit sieht, übersieht möglicherweise, dass vielmehr unser Gesellschaftsmodell selbst in Frage steht. Ein Wirtschaftsmodell, das auf dem fortgesetzten und unbegrenzten Konsum begrenzter Ressourcen, führt in die Irre. (1)

3.

Die tiefere Ursache der Finanzkrise liegt in einer falschen Werteordnung, gegen die die beste Wirtschaftsordnung machtlos bleiben muss. Wir haben in den vergangenen Monaten Beispiele gesehen, die von einem Mangel an Verantwortlichkeit zeugen. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf Banker und Trader, sondern auch auf Vertreter der Politik, die mehr Versprechen gegeben haben, als sie halten wollen – ich denke hier besonders an die Millenium Development Goals. Es ist immer das Gleiche: Als erfolgreich gilt nicht derjenige, der sich um die gemeinsame Sache bemüht, sondern der seine privaten Interessen befördert. (2) Partikulare Ziele stehen über dem Gemeinwohl, dem „Bonum commune“. Deshalb fehlt heute das Vertrauen in viele der handelnden Personen in Wirtschaft und Politik, und das ist besorgniserregender als das fehlende Vertrauen in unzureichende Regeln. Die Finanzkrise offenbart eine geistige Krise und eine falsche Hierarchie der Werte. Das Geld ist der Kompass, doch am Nordpol angelangt, stellen wir fest, dass die Kompassnadel sich dreht. Und sie dreht sich immer schneller.

Dabei wussten die Weisen, die großen Philosophen, schon seit Menschengedenken, dass dieser Kompass für die Lebensreise nicht taugt. Sie haben es uns immer wieder gesagt und geschrieben. Hören wir nur Aristoteles: „Das auf Gelderwerb ausgerichtete Leben hat etwas Unnatürliches und Gezwungenes an sich, und der Reichtum ist das gesuchte Gut offenbar nicht. Denn er ist nur für die Verwendung da und nur Mittel zum Zweck.“ (3) Oder denken wir an Hannah Arendt, die uns in ihrem philosophischen Hauptwerk „Vita Activa“ gelehrt hat, welche Konsequenzen die Abwertung der ‚vita contemplativa’ zugunsten der ‚vita activa’ und die Verkehrung der Ordnung von Arbeiten, Herstellen und Handeln innerhalb der ‚vita activa’ für unsere zeitgenössische Vorstellung vom guten Leben hat. Der innere Sinn und Wert menschlicher Arbeit ist im allgemeinen Streben nach Gewinn in den Hintergrund getreten. Der Schriftsteller Milan Kundera beschreibt diese Gleichgültigkeit für die Arbeit als „die einzige große Leidenschaft unserer Zeit“. (4)

Ein schwacher Abglanz dieser Einsichten findet sich sogar in den Dokumenten selbsternannter Unternehmensphilosophen. In meinem eigenen Land habe ich mit Managern aus national und international tätigen Unternehmen über das ‚Corporate Social Responsibility’ des Weltkonzerns Shell einen Dialog geführt. Dieses Konzept von ‚Corporate Social Responsibility’ steht unter der Überschrift: „People - profit - planet“. Mit dem Wort ‚People’ soll gesagt werden, dass es dem Konzern auch um die soziale Situation der Menschen geht, mit denen und in deren Ländern er tätig ist. Mit dem Wort ‚Planet’ wird auf das Engagement für die Umwelt verwiesen. Diese beiden Begriffe rahmen das Wort ‚Profit’ ein, das dadurch in seiner Bedeutung eingeschränkt werden soll. „People – Profit – Planet“ - das lässt sich auch auf unsere Gesellschaft und vor allem Werteordnung übertragen, doch die gegenwärtige Krise offenbart, dass die Suche nach Profit letztlich alles andere überlagert. Personen und Planet werden am Ende doch nur funktional betrachtet. Sie sind Humanressource und natürlicher Rohstoff.

Warum wird die Weisheit der Philosophen und ihrer Epigonen in den Kommunikationsabteilungen der Unternehmen ignoriert? Warum werden die Empfehlungen unserer eigenen Soziallehre überhört? In der Diskussion über das Konzept von Shell habe ich die Frage in den Raum gestellt, ob es nicht daran liegen könnte, dass in der Aufzählung der drei ‚P’ von People – Profit - Planet ein viertes ‚P’ fehlt. Ich habe vorgeschlagen ein viertes ‘P’ hinzuzufügen, das P für Pneuma/Geist, mit dem nicht eine funktionelle sondern eine relationelle, nicht eine materielle sondern eine spirituelle Dimension ausgedrückt wird, um die ganze menschliche Person in den Blick zu nehmen. Die Menschenwürde ist das Fundament der katholischen Soziallehre. Sie gilt nicht nur für alle menschlichen Personen ohne Unterschied und über alle Grenzen von Nation, Sprache, Kultur, Rasse hinweg, sie meint auch die ganze menschliche Person. Der Mensch ist mehr als Konsument oder Produzent, der Mensch ist ein soziales und relationelles, moralisches und spirituelles Wesen. Zum ganzen Menschsein gehören die Beziehungen zum Mitmenschen, zur Natur und zur Transzendenz, zum Schöpfergott, der uns nach Seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat. (5)

‚P’ wie Pneuma, mit dem eine relationelle und geistliche Dimension ausgedrückt wird, um die ganze menschliche Person in den Blick zu nehmen.

4.

Die Frage, warum die Ratschläge der Weisen oder die Einsichten der katholischen Soziallehre keine Beachtung finden, ist indessen nicht länger eine Frage de Philosophie. Sie ist eine religiöse Frage. Warum handeln die Menschen wider besseren Wissens und besserer Einsicht? Warum wird aus einer Meinung kein fester Habitus? Warum setzen sie sich so viele den Reichtum als Lebensziel wohl wissend, dass er für ein authentisches Leben nicht taugt? ‚Zwar sind alle Menschen bereit, ihr Geld zu investieren, aber warum erwarten fast alle eine Dividende? ’, fragte schon der Dichter Thomas S Eliot. (6) Dazu werden wir vom Treffen der G20 in New York am Wochenende keine Antworten hören, und das aus guten Gründen, denn das gehört nicht in die Zuständigkeit der Politik. Doch dazu werden Antworten erwartet, und sie werden insbesondere von jenen erwartet, die in den Medien gerne als ‚religiöse Autoritäten’ apostrophiert werden. Also auch von uns Bischöfen.

Was können wir dazu sagen? Dazu kommen mir heute vor allem selbstkritische Gedanken an uns als Kirche, als Bischöfe und als Christen, die „eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist“. (7) Wir müssen uns sicher mit mehr Eifer und Kreativität darum bemühen, den Glauben verstehbarer zu machen, und ich bin dankbar für den Impuls der gerade beendeten Synode, die neuen Kommunikationsmittel stärker zu nutzen und eine angemessene und spezifische Pädagogik gerade für die junge Generation zu entwickeln. (8) Das allein wird aber nicht reichen.

Von Kommunikationswissenschaftlern wissen wir, dass bei konkurrierenden Botschaften, die von einem Sender ausgehen, der non-verbalen Botschaft mehr Glauben geschenkt wird als der gesprochenen. Für uns Christen heißt das, dass das konsequent vorgelebte Beispiel mindestens ebenso viel gilt wie das ‚Wort’, wie die gesprochene Verkündigung. Hier sind unsere Schwächen vielleicht noch schmerzlicher erfahrbar als bei der Suche nach einer zeitgemäßen Verkündigung. Nicht nur die Bilanzen der Banken sind im Ungleichgewicht, nicht nur die Bilanz der Welt ist nicht mehr ausgeglichen, auch unsere eigene religiöse Bilanz befindet sich in einer Schieflage, wenn die Welt in eine tiefe wirtschaftliche und soziale Krise gerät. Auch wir stehen in dieser Krise mit unserer Veranwortung für das religiöse Wohl und Wehe der Menschen nicht besonders gut da. Die Finanzkrise kann deshalb kein Anlass zur selbstzufriedenen Feststellung sein, wir hätten es immer schon gewusst und gesagt. Sie muss uns zur Frage führen, warum heute nicht mehr Menschen in der christlichen Botschaft mit ihrer Aufforderung zum Teilen und zur maßvollen Beschränkung den Schlüssel zum Geheimnis für ein gutes und letztlich glückliches Lebens sehen. Was können wir tun, um den Glauben verstehbarer weiterzugeben und glaubwürdiger vorzuleben? Diese Programmfrage sollten wir im Hinterkopf behalten wenn wir uns in den vor uns liegenden Tagen beraten.

Die institutionelle Zwickmühle, der Kaukasuskonflikt, die Finanz- und Wirtschaftskrise, die morgen auf unserem Programm stehen, aber auch der Expertenbericht zum Klimawandel und zur europäischen Klimapolitik sowie der Austausch mit Jacques Barrot, dem Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, über die europäische Migrationspolitik erhalten vor dem Hintergrund dieser Frage ihr spezifisches Relief für uns.

5.

Liebe Mitbrüder, wir treffen uns erstmals in unserem neuen Haus, das noch nicht ganz fertig ist, und deshalb werden wir wohl noch die eine oder andere Unannehmlichkeit in Kauf nehmen müssen. Die offizielle Einweihung und die Segnung unserer neuen Kapelle werden erst im März erfolgen. Die Freude überwiegt jedoch schon jetzt und der Dank an jene Bischofskonferenzen, die es ermöglicht haben, dass es jetzt in Brüssel ein Haus der europäischen Bischöfe gibt. Wichtiger aber noch als Räume, Mauern und Fenster sind die Personen, deshalb auch ein großer Dank an die polnische Bischofskonferenz, die einen ihrer besten Priester für das Amt des Generalsekretärs der COMECE zur Verfügung gestellt hat, und ein erneuter Dank an Piotr Mazurkiewicz, der sich jetzt gleich selbst vorstellen wird. Daran anschließend folgt die traditionelle Aussprache, bei der ich Sie bitten möchte, jeweils in wenigen Minuten einige Zeichen der Beunruhigung aber auch Zeichen der Hoffnung in Kirche und Gesellschaft ihres Landes anzusprechen, die mit den Themen unserer Vollversammlung zusammenhängen.

AvL

Brüssel, 12.11.2008


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(1) Vgl. Kardinal André Vingt-Trois: „Si la redistribution des revenus et des richesses peut séduire par son intention généreuse, nous ne pouvons pas éluder une question beaucoup plus radicale qui est celle de notre modèle de société. Partager des richesses est une attitude altruiste, mais le moment vient où nous devons prendre en compte les limites des richesses à partager. Comment pouvons-nous aider nos contemporains à intégrer dans leurs attentes le fait que notre planète n'est pas un réservoir indéfini de consommation possible?“ (Rede zur Eröffnung der Vollversammlung der französischen Bischöfe am 4. November 2008).

(2) Vgl. demgegenüber die Augustinus-Regel, in der wir lesen: „Ihr seid also umso weiter vorangekommen, je mehr ihr um die gemeinsame Sache bemüht seid, statt um eure privaten Interessen.“ (V,2).

(3) Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1096a5.

(4) „Ich würde sagen, die Menge an Langeweile, falls Langeweile messbar ist, ist heute viel grösser als früher. Jeder Beruf hatte seine eigene Mentalität, seine eigene Seinsweise geschaffen. Ein Arzt dachte anders als ein Bauer, ein Soldat verhielt sich anders als ein Lehrer. Heute sind wir alle gleich, alle durch die gemeinsame Gleichgültigkeit für unsere Arbeit geeint. Diese Gleichgültigkeit ist eine Leidenschaft geworden. Die einzige große Leidenschaft unserer Zeit.“ in: Milan Kundera, Die Identität, Fischer-Verlag 2000, 81.

(5) Vgl. die Rede von Erzbischof Celestino Migliore, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls vor dem zweiten Ausschuss der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 31. Oktober 2008: „A third, and perhaps even more basic, observation has to do with the general public and its choice of values and lifestyles. A lifestyle, and even more an economic model, solely based on increased and uncontrolled consumption and not on savings and the creation of productive capital, is economically unsustainable. It also becomes unsustainable from the standpoint of concern for the environment and, above all, of human dignity itself, since the irresponsible consumer renounces his own dignity as a rational creature and also offends the dignity of others.“

(6) „All men are ready to invest their money, but most expect dividends“, in: T. S. Eliot, Selected Poems, Choruses from the Rock, 1954, 98.

(7) Gaudium et spes, Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, 2.

(8) Vgl. Abschluss-Erklärung der Ordentlichen Bischofssynode im Vatikan zum Thema Wort Gottes, Nr.12 : „…Sicher muss das göttliche Wort eine erste Transparenz und Verbreitung durch den gedruckten Text erhalten, mit Übersetzungen in die reiche Vielzahl der Sprachen unseres Planeten. Aber die Stimme des göttlichen Wortes muss auch im Radio erklingen, in den Informationskanälen des Internet, der virtuellen Verbreitung on line, den CDs, DVDs, den ipods und so weiter; es muss auf den Fernsehschirmen und Kinoleinwänden sichtbar sein, in der Presse, in den kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen. … Vor allem die jungen Generationen, die Kinder und die jungen Menschen, müssen die Adressaten einer angemessenen und spezifischen Pädagogik sein, die sie dazu anleitet, die Faszination der Gestalt Christi zu verspüren.“

[Von der COMECE veröffentlichtes Original]