Bischof Boccardo über den Apostel der göttlichen Barmherzigkeit

Interview mit Bischof Renato Boccardo, Generalsekretär des Vatikanstaates

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ROM, 4. April 2005 (ZENIT.org).- Johannes Paul II. starb unmittelbar nach der Heiligen Messe vom Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit. Dieses Fest hatte er im Jahr 2000 selbst eingeführt, damit die Welt die Großartigkeit des göttlichen Verzeihens immer besser verstehen könne.



Bischof Renato Boccardo, seit Februar Generalsekretär des Vatikanstaates, leitete unmittelbar nach der Bekanntgabe des Todes des Heiligen Vaters in der Nacht vom 2. April das Gebet der Tausenden von Gläubigen, die sich auf dem Petersplatz eingefunden hatten. Für ihn war dieser Papst aus Polen ein wahrer "Apostel der göttlichen Barmherzigkeit".

Zu diesem Thema wird der italienische Bischof auf internationalen Exerzitien für Priester und deren Pastoralteams aus aller Welt, die vom 20. bis 24. Juli in Krakau abgehalten werden, einen Vortrag halten. Ziel dieser von den Missionaren der Barmherzigkeit organisierten Einkehrtage ist es, die Aktualität der göttlichen Barmherzigkeit neu in Erinnerung zu rufen (Detaillierte Informationen unter m.misericorde@wanadoo.fr bzw. unter der Telefonnummer +49 69 21655667).

Mit ZENIT sprach Bischof Boccardo über die göttliche Barmherzigkeit und die Transzendenz dieser Botschaft, die Christus durch die heilige polnische Ordensfrau Faustina Kowalska (1905-1938) der ganzen Menschheit auf den Weg mitgegeben hat.

-- In Krakau werden Sie vor Priestern aus aller Welt über Johannes Paul II. als Apostel der Barmherzigkeit sprechen. Was werden Sie ihnen sagen?

-- Bischof Boccardo: Im Verlauf seines fast 27-jährigen Pontifikats war der Papst auf zweierlei Weise Apostel der Barmherzigkeit: Vor allem durch seine Lehre, besonders mit seiner Enzyklika "Dives in misericordia". Dann aber auch mit seinen Gesten: Einige von ihnen haben sich fest ins Gedächtnis der Kirche eingeprägt und reichen weiter als seine Worte.

Ich denke in diesem Zusammenhang besonders daran, wie er seinem Attentäter verziehen und ihn im Gefängnis besucht hat. Und ich denke an die Nähe, die er bei den verschiedenen Anlässen all jenen zuteil werden ließ, die der göttlichen Barmherzigkeit besonders bedürfen, an seine Treffen mit Aidskranken oder mit allein gelassenen alten Menschen. Ich denke daran, wie der Papst in den vergangenen Jahren die Pilger am Karfreitag in der Basilika von Sankt Peter willkommen geheißen hat, um sie im Bußsakrament, einem ganz besonderen Mittel der Barmherzigkeit Gottes, mit Gott zu versöhnen.

Mir scheint, Papst Johannes Paul II. hat es verstanden, Worte und Geste der Barmherzigkeit miteinander zu verbinden. Diese Barmherzigkeit drückt sich auch in Zärtlichkeiten aus, im Zuhören und im interessierten Blick vor allem für jene, die leiden müssen.

Ich denke auch an ein anderes Beispiel für Barmherzigkeit, nämlich an die Bitte um Vergebung im Heiligen Jahr 2000. Durch seine Person und seine Lehre hat Johannes Paul II. die Kirche an diese fundamentale Dimension des christlichen Lebens erinnert.

-- Johannes Paul II. nannte die göttliche Barmherzigkeit die "einzige Hoffnung für die Welt". Weshalb hat er ihr einen derart bedeutenden Stellenwert eingeräumt?

-- Bischof Boccardo: Unsere moderne oder postmoderne Welt bemüht sich zwar, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um das Leben zu verbessern und den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt voranzutreiben, erlebt aber dabei eine sehr große Armut.

Denken wir an die Worte aus dem Evangelium: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert? Unsere Welt ist so modern und hat so viele wissenschaftliche und technische Errungenschaften verbucht und zahlreiche Entdeckungen gemacht, ist aber trotzdem nicht in der Lage, der eigenen Existenz Sinn zu verleihen. In ihrem Inneren ist die Welt gespalten und wird von Hass, Krieg und Tod beherrscht. Sie muss wieder nach den Kräften und den Argumenten suchen, die Leben und Hoffen möglich machen.

Wir Christen glauben daran und bejahen, dass solche Argumente und Kräfte nur im Herzen Gottes zu finden sind. Deshalb bedarf unsere postmoderne Welt, die ihre eigene Armut erfährt, mehr denn je eine Botschaft der Gnade und Barmherzigkeit. Sie muss von außen kommen, denn in sich selbst findet die Welt nicht die Antwort auf ihre Fragen. Wenn sie das größte Geheimnis annimmt, dass man – dank der Barmherzigkeit – ohne Vorbedingung und Gegenleistung erfahren darf, dann können die Sehnsüchte der Welt gestillt werden.

-- Welche Wirkung hat das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit im Leben der Kirche?

-- Bischof Boccardo: Vor allem, glaube ich, ist dieses Fest ein Geschenk von Johannes Paul II. an die Kirche. Ein Geschenk, das wahrscheinlich auch auf die Erwartungen unserer Welt antworten will, die mehr denn je der Barmherzigkeit und der Güte bedarf. Wir wissen, dass die Quelle der Barmherzigkeit und der Güte das Herz Gottes ist. Die Kirche muss sich immer wieder neu bekehren, wie es der Papst ja oft gesagt hat, damit sie diese Barmherzigkeit und diese Güte Gottes verwalten kann.

Die Feier und Verkündigung der göttlichen Barmherzigkeit, die über das Opfer Christi zu allen Menschen gelangt, ist ein Werk der Evangelisierung. Deshalb ist dieser Tag ein unschätzbares Geschenk für die Weltkirche und durch die Kirche ei Geschenk für die ganze Menschheit.

-- Weshalb haben sich zwei Kardinäle (Christoph Schönborn und Philippe Barbarin) und zwei Bischöfe (Albert-Mariede Monleon und Renato Boccardo) dazu entschlossen, Exerzitien für Priester aus aller Welt zu halten?

-- Bischof Boccardo: Bei der feierlichen Einweihung des neuen Heiligtums von Krakau-Lagiewniki stand ich in der Nähe des Papstes. Mich hat es tief beeindruckt, als er sagte: "Wer hätte geglaubt, dass dieser Mann mit den Holzpantoffeln eines Tages die Basilika von der Göttlichen Barmherzigkeit in Lagiewniki bei Krakau weihen wird." Das bedeutet, die göttliche Vorsehung wirkt im menschlichen Leben auf ganz geheimnisvolle Weise. Es waren sehr intensive und bewegende Momente.

Es ist uns bekannt, dass sich die Andacht zur göttlichen Barmherzigkeit von diesem Ort, von diesem Heiligtum aus in die ganze Welt verbreitet hat – ein großer Gnadenschatz und ein großer Segen. Ich hoffe und glaube, dass auch diese internationalen Exerzitien ein Vergießen der Gnade und des Segens werden, für die Teilnehmer und über sie für die Kirche.