Bischof Bode regt dazu an, sich Paulus insbesondere in vier Bereichen zum Vorbild zu nehmen

Schöpfung bewahren, menschliches Leben schützen, christliche Spiritualität entdecken, Kirche bauen

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OSNABRÜCK, 10. Juli 2008 (ZENIT.org).- „Kaum einer hat sich von Gott so in die Weite führen lassen wie Paulus“, schreibt Bischof Franz-Josef Bode in seinem Hirtenbrief zum Jubiläumsjahr anlässlich der Geburt des heiligen Apostels Paulus vor 2000 Jahren.

Der Hirte von Osnabrück blickt dankbar auf den Katholikentag zurück und ermutigt die Gläubigen anschließend, sich mit Leben und Glauben des heiligen Paulus vor allem „in vier wichtigen Bereichen unserer Zukunft“ auseinanderzusetzen: im Umgang mit der Schöpfung, in der Anwaltschaft für das menschliche Leben, in der Suche nach einer wahren christlichen Spiritualität und im Aufbau einer zukunftsfähigen Kirche.

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Liebe Schwestern und Brüder,

Vor gut einem Monat ging der 97. Deutsche Katholikentag feierlich in Osnabrück zu Ende. Seitdem ist die Welle der Dankbarkeit und der freudigen Erinnerung nicht abgeebbt. Überall erfahren wir, welch großes Geschenk der Katholikentag für unser Bistum und für unser Land war. Die Auswertungen, die inzwischen auf verschiedenen Ebenen stattgefunden haben, bestätigen das. Wir dürfen stolz darauf sein, dass wir so gute Gastgeber sein konnten - freilich gestützt durch hervorragendes Wetter.

Ich sage bewusst WIR, denn nur aus einem guten Miteinander innerhalb des Bistums und im Zusammenspiel mit vielen anderen Kräften kann so etwas entstehen. Durch die pastoralen Zukunftsgespräche, das Bibeljahr, die Erfahrungen des Weltjugendtags 2005 in Köln und nicht zuletzt durch die vielen Gespräche um den Perspektivplan 2015 waren wir bereitet zu diesem Unternehmen, auf das wir uns beherzt eingelassen hatten. Deshalb drängt es mich als Bischof, Ihnen allen in den Gemeinden und an all den Orten der Pastoral, der Caritas und der Bildung des geistlichen Lebens im Bistum, aber auch den Förderern aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik von Herzen DANKE zu sagen für diesen gemeinsamen Einsatz, an welcher Stelle auch immer. Nicht vergessen möchte ich die vielen Beterinnen und Beter, die auf ihre Weise den Katholikentag mitgetragen haben.

Wir haben uns von Gott in die Weite und in die Tiefe führen lassen, in seine Gegenwart und in die Freiheit, die aus der Bindung an ihn erwächst. Die einprägsamen Bilder und die zu Herzen gehenden Worte, die frohmachenden Begegnungen und auch das Ringen um die Frage der Zukunft in Gesellschaft und Kirche - das alles gibt uns nachhaltig Ermutigung und Stärkung im Glauben, Hoffen und Lieben, macht uns dem Alltag gewachsener und trägt weit über die Tage hinaus.

Viele bewegende Momente und Erfahrungen gab es, von denen ich nur einige wenige ausdrücklich erwähnen möchte: die richtungweisende Botschaft des Papstes, der uns auffordert, das öffentliche Leben nicht nur den anderen zu überlassen, sondern uns einzumischen; der mit Einsatz und Hingabe vorbereitete Abend der Begegnung unter dem Motto „Kiek in bi de Weser, bi de Hase, bi de Ems un de Vechte, vör'n und achtern Diek"; das Festhochamt an Fronleichnam mit den reich gestalteten Pilgerstäben aus dem ganzen Bistum; die christlich-jüdische Begegnung, die ein deutliches Zeichen für die Zukunft gesetzt hat durch die Umarmung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Zollitsch, und des Rabbiners Henry G. Brandt; der überfüllte ökumenische Gottesdienst im Dom und der anschließende Gang zu Marienkirche und Rathaus, wo Tausende wie vor 360 Jahren bei der Verkündung des Westfälischen Friedens sangen: „Nun lob, mein Seel, den Herren..."; die starke Beteiligung der jungen Menschen, die das Gesicht des Katholikentags besonders prägten; der Besuch des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin und der feierliche Schlussgottesdienst mit dem beeindruckenden Fürbittgebet in alle vier Himmelsrichtungen hinein.

Für all das können wir nur dankbar sein. Die Lichtseiten überwiegen manche kleine Schattenseite so sehr, dass wir ermutigt in die Zukunft gehen dürfen. Durch die gute Vorbereitung im Bistum, an der so viele von Ihnen beteiligt waren, ist auch eine gute Nachwirkung mit ermöglicht, da gerade die Beteiligten die Erinnerung und Wirksamkeit wach halten. So wird aus der Frage: „Was bleibt?" die wichtigere Frage: „Was wächst?"

Wie ich schon in der Silvesterpredigt 2007 gesagt habe, soll uns auf dem weiteren Weg nach dem Katholikentag der Apostel Paulus ein besonderer Begleiter sein. Sein Fest feiern wir heute zusammen mit dem der anderen „Schlüsselfigur" der Kirche, des heiligen Petrus. Mit diesem Tag beginnt das Paulusjahr, das der Heilige Vater 2000 Jahre nach der Geburt des Völkerapostels ausgerufen hat.

Kaum einer hat sich von Gott so in die Weite führen lassen wie Paulus. Er musste in seiner Bekehrung durch Christus und auf seinen großen Missionsreisen lernen, dass die weit ausgebreiteten Arme Gottes alle Menschen erreichen und umfassen wollen, so dass geradezu ein Zwang auf ihm lag, den Menschen die Liebe Christi und die Kraft seines Geistes zu verkünden und sich selbst davon bis in die innerste Existenz prägen zu lassen.

In vier wichtigen Bereichen unserer Zukunft sollten wir uns mit Leben und Glauben des Paulus tiefer auseinandersetzen:

- im Umgang mit der Schöpfung angesichts der globalen Herausforderungen für Welt
und Umwelt

- in der Anwaltschaft für das menschliche Leben angesichts der Vermarktung und
Missachtung eben dieses Lebens

- in der Suche nach einer christlichen Spiritualität aus dem Geist Jesu angesichts der
vagen und diffusen Religiositäten, die heute kursieren

- im Aufbau einer zukunftsfähigen Kirche angesichts eines Christentums und einer
Spiritualität, denen Kirche eher als Hindernis denn als Hilfe erscheint.

Auf verschiedene Weise sollten wir uns dem Leben und der Verkündigung des Apostels nähern, zumal auch eine starke ökumenische Herausforderung darin steckt. Denn gerade die Begegnung mit den Paulusbriefen hat Martin Luther in die Auseinandersetzung mit der damaligen Situation von Kirche und Welt gebracht. Ich würde mich sehr freuen, wenn die kirchlichen und geistlichen ,Angebote‘ wie geistliche Akzente, Bildungsveranstaltungen und auch kulturelle Ereignisse im Paulusjahr angenommen würden.

Wie uns das Leitwort des Katholikentags „Du führst uns hinaus ins Weite" (vgl. Ps 18,20) in der Vorbereitung begeistert hat, so sollten uns gewichtige Worte des Paulus in diesem Paulusjahr begleiten. Seine Briefe sind nicht die leichteste Kost, aber wer diese Worte verkostet, wenn er sie manchmal auch hart kauen muss, wird ihre Kraft erfahren. Ebenso sind die Berichte und Reden aus der Apostelgeschichte - von Lukas gestaltet - eine wichtige Hilfe, Paulus zu verstehen.

Mit einem sehr persönlichen Text aus dem Philipperbrief möchte ich schließen. Paulus schreibt: „Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt."

Liebe Schwestern und Brüder, lassen auch wir uns aus der Erinnerung an den Katholikentag von Christus neu ergreifen und strecken wir uns nach dem aus, was vor uns liegt. Mit Christus werden wir der - sicher oft nicht leichten - Zukunft gewachsen sein. Gehen wir weiter - gemeinsam wie bisher - im Vertrauen, dass Gott uns führt durch Jesus Christus und in der Kraft seines lebendigen Geistes. Denn wir wissen, so Paulus, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt (vgl. Röm 8,28).

Zu einem solchen Weg mit Gott in die Zukunft segne Euch der dreifaltige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Osnabrück, im Juni 2008

Dr. Franz-Josef Bode

Bischof von Osnabrück

[Vom Bistum Osnabrück veröffentlichtes Original]