Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller: Die Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers

Vorstellung des Eröffnungsbandes im Vatikan

| 1583 klicks

ROM, 23. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Regensburger Diözesanbischof Dr. Gerhard Ludwig Müller gestern, Mittwoch, im Vatikan bei der Vorstellung des ersten Bandes der Gesammelten Schriften von Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. gehalten hat.

„Die vorliegende Ausgabe der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers versteht sich als 'Ausgabe letzter Hand' des Theologen Joseph Ratzinger in deutscher Sprache. Angezielt ist die möglichst vollständige Präsentation des gedruckten Werkes, ergänzt um bislang ungedruckte oder noch nicht auf Deutsch publizierte Texte in einer systematischen Ordnung, die chronologische und sachliche Gesichtspunkte miteinander verbindet“, so Bischof Müller.

Die Gesamtausgabe ist ein Projekt des Instituts Papst Benedikt XVI., das Bischof Müller ins Leben rief, um das Leben, Denken und Wirken des Theologen, Bischofs und Papstes umfassend zu dokumentieren.

„Auf den persönlichen Wunsch des Heiligen Vaters werden die Gesammelten Schriften unter dem Namen des Autors Joseph Ratzinger publiziert.“

* * *

Papst Benedikt XVI. ist einer der großen Theologen auf dem Stuhl Petri. In der langen Reihe seiner Vorgänger drängt sich der Vergleich mit der herausragenden Gelehrtengestalt des 18. Jahrhunderts, Papst Benedikt XIV. (1740-1758) auf. Ebenso wird man an Papst Leo den Großen (440-461) denken, der für das christologische Bekenntnis des Konzils von Chalkedon (451) die entscheidende Einsicht formulierte.

Papst Benedikt XVI. hat in den langen Jahren seines akademischen Wirkens als  Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik ein eigenständiges theologisches Werk erarbeitet, das ihn in die Reihe der bedeutenden Theologen des 20. und 21. Jahrhunderts hineinstellt. Seit mehr als 50 Jahren steht der Name Joseph Ratzinger für einen originalen Gesamtentwurf der systematischen Theologie.

Seine Schriften verbinden die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Theologie mit der lebendigen Gestalt des Glaubens. Als eine Wissenschaft, die ihren genuinen Platz innerhalb der Kirche hat, kann uns die Theologie die besondere Bestimmung des Menschen als Geschöpf und Bild Gottes aufzeigen.
Papst Benedikt XVI. hat in seinem wissenschaftlichen Arbeiten stets auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen können, die er so vermittelt hat, dass Gottes Vision vom Menschen, von der alles getragen wird, zum Leuchten kommt. Zugänglich wird dies für viele durch den Umgang Joseph Ratzingers mit Wort und Sprache. Komplexe Sachverhalte werden nicht durch eine komplizierte Reflexion der allgemeinen Verständlichkeit entzogen, sondern auf ihre innere Einfachheit transparent gemacht. Es geht immer darum, dass Gott zu jedem Menschen sprechen will und sein Wort zum Licht wird, das jeden Menschen erleuchtet (Joh 1, 9).

Die akademische Laufbahn hat den Theologieprofessor Joseph Ratzinger an die Hochschulen und Universitäten Freising, Bonn, Münster i.W., Tübingen und zuletzt nach Regensburg geführt, wo er von 1969 bis zu seiner Berufung als Erzbischof von München und Freising 1977 gewirkt hat. Mit Stadt und Diözese Regensburg fühlte sich Joseph Kardinal Ratzinger auch verbunden während der langen Zeit als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre (1982-2005). Regelmäßig besuchte er seinen Bruder Georg Ratzinger, den langjährigen Domkapellmeister der berühmten Regensburger Domspatzen (1964-1994). Unvergessen sind auch seine Predigten im Regensburger Dom, die er an den verschiedensten Festtagen gehalten hat. Das Grab der Eltern Josef und Maria Ratzinger und der Schwester Maria befindet sich auf dem Friedhof in Regensburg-Ziegetsdorf. Über seinen Wohnort Pentling vor den Toren der Bischofsstadt Regensburg sagte er einmal: Nach all den unruhigen Jahren an verschiedenen Wirkungsstätten „waren wir wieder daheim“.

Während des Pastoralbesuches 2006 in seiner bayerischen Heimat hat er mit seiner Regensburger Vorlesung, einer Sternstunde nicht nur der deutschen Universitätsgeschichte, noch einmal den inneren Zusammenhang von Glaube und Vernunft hervorgehoben. Weder die Vernunft noch der Glaube können unabhängig voneinander gedacht werden und zu ihrer eigentlichen Bestimmung gelangen. Vernunft und Glaube werden durch die wechselseitige Korrektur und Reinigung vor gefährlichen Pathologien bewahrt. Papst Benedikt XVI. knüpft dabei an die große Tradition der theologischen Wissenschaften an, die sich im Gesamtgefüge der Universität als das alles verbindende Element erweisen kann.

So wurde Regensburg gleichsam zum genius loci, der das theologische Gesamtwerk Joseph Ratzingers sammeln und sichern will. Der Regensburger Bischofstuhl steht mit seinen großen gelehrten Bischöfen, dem Hl. Albertus Magnus (1260-1262) und Johann Michael Sailer (1821-1832) für die Einheit von bischöflichem und akademischem Lehramt, die die Rationalität des Glaubens und die pastorale Fruchtbarkeit der Wissenschaft bestätigen. Diese Tradition wurde durch Erzbischof Michael Buchberger (1927-1961) fortgeführt, unter dessen Leitung das Lexikon für Theologie und Kirche  entstanden ist, das nunmehr als internationales Standardwerk in dritter Auflage vorliegt.
So bot sich diese Bischofsstadt als Sitz des Institutes-Papst-Benedikt XVI. an.

Der Heilige Vater hat mich als Bischof von Regensburg (seit 2002) persönlich mit der Herausgabe seiner Gesammelten Schriften in 16 Bänden beauftragt. Schon während meiner Studienzeit hatte ich mich in die theologischen Arbeiten Joseph Ratzingers vertieft und war besonders beeindruckt und nachhaltig geprägt durch seine geniale Einführung in das Christentum, die in den Stürmen der Studentenrevolution und der allgemeinen Desorientierung der Theologie einen sicheren Schlüssel zum tiefen Geheimnis der christlichen Offenbarung bot. Dies wird dem kundigen Leser leicht ersichtlich, wenn er einen Blick wirft in meine Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis, die seit 1995 in mehreren Auflagen im Verlag Herder erschienen ist.

In enger Absprache mit Papst Benedikt XVI. wurde der Gesamteditionsplan erarbeitet. Jeder Einzelband ist in seiner thematischen Konzeption, aber auch bei der Frage der Textauswahl durch den Heiligen Vater selbst autorisiert. Es wird Vollständigkeit angestrebt. Bei einzelnen kleineren Texten wird nur der Fundort angegeben. So ist es berechtigt von einem lebendigen Zeugnis der Theologie Joseph Ratzingers/Papst Benedikts XVI. zu sprechen, denn im Mittelpunkt steht nicht die bloße Sammlung und Archivierung der Texte, sondern die systematische Erschließung eines Themenbereiches der Theologie mittels einer neu konzipierten Anordnung, die Zusammenhänge freilegt und eine Gesamtschau ermöglicht.

Auf den persönlichen Wunsch des Heiligen Vaters werden die Gesammelten Schriften unter dem Namen des Autors Joseph Ratzinger publiziert.

Um dieses Projekt zu verwirklichen, habe ich in Regensburg das Institut-Papst-Benedikt XVI. gegründet. Es wird der Ort sein, an dem Leben, Denken und Wirken des Theologen, Bischofs und Papstes Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. umfassend dokumentiert wird. Durch die Bereitstellung seines gesamten gedruckten und ungedruckten Werkes, durch die Erhebung des biographischen und theologischen Kontextes und durch den Aufbau einer Spezialbibliothek sind die idealen Bedingungen für eine umfassende Erforschung des theologischen Gesamtwerkes gegeben.

Aufrichtig danken möchte ich dem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI. Der große Vertrauensbeweis, den er mir gegenüber in der Beauftragung zur Herausgabe seiner Werke zum Ausdruck bringt, ist für mich Freude und Verpflichtung zugleich.

Angaben über die Gesamtedition

Die vorliegende Ausgabe der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers versteht sich als „Ausgabe letzter Hand“ des Theologen Joseph Ratzinger in deutscher Sprache. Angezielt ist die möglichst vollständige Präsentation des gedruckten Werkes, ergänzt um bislang ungedruckte oder noch nicht auf deutsch publizierte Texte in einer systematischen Ordnung, die chronologische und sachliche Gesichtspunkte miteinander verbindet.

Sofern Monographien vorliegen, werden sie in sich unverändert in die Gesammelten Schriften aufgenommen, ergänzt allerdings jeweils um weitere thematisch verwandte Texte. Wie vom Autor auch früher selbst vielfach praktiziert, werden den ausdrücklich wissenschaftlichen Texten auch solche beigefügt, die anderen literarischen Gattungen angehören, wie beispielsweise Lexikonartikel, Buchbesprechungen und schließlich auch Predigten und Meditationen.

Die Aufsatzbände Joseph Ratzingers, die zu bestimmten Etappen des Wirkens des Theologen, Bischofs und Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre thematisch zusammengehörige Beiträge vereinen, werden aufgelöst und die einzelnen Schriften in die neue Systematik eingefügt.
Die Gesammelten Schriften werden eröffnet – hinsichtlich der Bandzählung, nicht unbedingt was den tatsächlichen Zeitpunkt des Erscheinens betrifft – mit den beiden wissenschaftlichen Qualifikationsschriften Joseph Ratzingers: seiner Dissertation über das Kirchenverständnis Augustins, und seiner Habilitationsschrift über das Offenbarungsverständnis Bonaventuras. Angefügt werden jeweils weitere Studien und Texte zu Augustinus bzw. Bonaventura.

Band III nimmt die Antrittsvorlesung von Professor Ratzinger Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen 1959 in Bonn zum Ausgangspunkt und ordnet ihr alle weiteren Texte im Themenbereich fides et ratio zu. Hierher gehören beispielsweise auch alle Reflexionen über die geistesgeschichtlichen Grundlagen Europas.

Band IV geht aus von der Einführung in das Christentum (1968) und schließt weitere Texte im Themenbereich von Bekenntnis des Glaubens, Taufe, Umkehr, Nachfolge und Christlicher Existenzvollzug an.

Die Bände V bis XII orientieren sich im weitesten Sinne am Themenkanon der systematischen Theologie.

Band V vereint die Texte, die den Traktaten Schöpfungslehre, Anthropologie und Gnadenlehre zuzurechnen sind, wobei die Mariologie als heilsgeschichtlich konkretisierte Gnadenlehre präsentiert wird.

Band VI stellt, ausgehend von Jesus von Nazareth (2007), die Studien zur Christologie zusammen.
Band VII und Band VIII decken mit der Ekklesiologie einen weiteren Arbeitsschwerpunkt Joseph Ratzingers ab, wobei Band VII zunächst alle Texte zusammenstellt: die im Zuge der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils entstandenen, dann aber auch die aus unmittelbarem Erleben geschriebenen Berichte sowie die im Anschluss verfassten Kommentare und nicht zuletzt eine Reihe von Wortmeldungen hinsichtlich der Rezeption der Konzilstexte. Band VIII bringt die ekklesiologischen Arbeiten im engeren Sinne und integriert vor allem auch Joseph Ratzingers Schriften zur Ökumene.

Am Schnittpunkt von Fundamentaltheologie und Dogmatik steht Band IX, der Joseph Ratzingers über den gesamten Zeitraum seines Wirkens entstandene Arbeiten zur Theologischen Erkenntnislehre und Hermeneutik versammelt, insbesondere auch seine Studien zum Schriftverständnis und zur spezifischen Zuordnung von Offenbarung, Tradition, Schrift und Lehramt.

Band X nimmt die Eschatologie (1977), das einzige von Joseph Ratzinger veröffentlichte dogmatisch-theologische Lehrbuch zum Ausgangspunkt und ordnet ihm alle weiteren Studien und Texte im Themenbereich Hoffnung, Tod, Auferstehung, Ewiges Leben zu.

Mit den Bänden XI und XII unterstreicht der Autor ausdrücklich weitere Hauptanliegen seines Denkens. Mit der Theologie der Liturgie in Band XI, womit der Heilige Vater die Veröffentlichung seiner Gesammelten theologischen Schriften eröffnen will, stellt er das Gesamtwerk unter das Vorzeichen einer konsequenten Theozentrik. Band XII versammelt eigens die ansonsten auch in die Ekklesiologie oder Sakramentenlehre zu integrierenden Texte zum Geistlichen Dienstamt und präsentiert sie als Band XII unter dem Titel Künder des Wortes und Diener eurer Freude.

Band XIII versammelt Joseph Ratzingers zahlreiche Interviews, sowohl frühe und kürzere wie auch die drei in Buchform erschienenen, wobei das Gespräch mit Vittorio Messori 1984/85 den Anfang machte und die beiden Bücher von und mit Peter Seewald (1996 und 2000) folgten.

Band XIV präsentiert eine möglichst große Auswahl aus dem umfangreichen homiletischen Werk Joseph Ratzingers, wobei auch weniger bekannte und bislang unveröffentlichte Ansprachen und Meditationen Berücksichtigung finden.

Band XV vereint, ausgehend von Joseph Ratzingers 1997/98 erschienenen Autobiographie Aus meinem Leben weitere biographische Texte und Beiträge persönlichen Charakters, beispielsweise die zahlreichen Wortmeldungen im Bezug auf seinen Vorgänger Papst Johannes Paul II., seinen Bruder Georg Ratzinger und viele weitere Ansprachen zu Jubiläen, Würdigungen etc.

Band XVI wird eine vollständige Bibliographie der Werke Joseph Ratzingers in deutscher Sprache bieten sowie ein ausführliches systematisches Register zu allen Bänden, welches das Gesamtwerk in seiner inneren Vernetzung erfassen lässt. Die einzelnen Bände werden jeweils durch ausführliche Inhaltsverzeichnisse sowie Personen- und Schriftstellenregister erschlossen.

[Vom Heiligen Stuhl veröffentlichtes Original]