Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller von Regensburg über die Gefährdung des priesterlichen Zölibats in der heutigen Gesellschaft

Impulsreferat anlässlich der Weltvideokonferenz der Kongregation für den Klerus am 28. April 2006

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ROM, 5. Mai 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Kurzvortrag von Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg, der am Freitag während der letzten Weltvideokonferenz der Kongregation für den Klerus verlesen wurde.



Der Bischof zeigte auf, dass der priesterliche Zölibat, der auf den ungeteilten Dienst für Gott und die Menschen abzielt, seitens der Gesellschaft keinerlei Unterstützung erfährt, sondern vielmehr einer großen Bedrohung ausgesetzt ist. Diese beruhe auf bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen, einer entfremdenden Anthropologie sowie einer defizitären Theologie.

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In der katholischen Kirche sind die Bischofs- und die Priesterweihe mit der Verpflichtung zum Zölibat verbunden, das heißt mit der Pflicht, ehelos und in vollkommener Keuschheit zu leben. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dieses Gesetz erneut gebilligt und erneut bekräftigt: "Die Kirche hat die vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen, die von Christus dem Herrn empfohlen, in allen Jahrhunderten bis heute von nicht wenigen Gläubigen gern angenommen und lobenswert geübt worden ist, besonders im Hinblick auf das priesterliche Leben immer hoch geschätzt... Die priesterliche Sendung ist nämlich gänzlich dem Dienst an der neuen Menschheit geweiht... Durch die Jungfräulichkeit und die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen werden die Priester in neuer und vorzüglicher Weise Christus geweiht; sie hangen ihm leichter ungeteilten Herzens an, schenken sich freier in ihm und durch ihn dem Dienst für Gott und die Menschen" (Presbyterium ordinis, 16).

Wenn aus diesem Blickwinkel eine Gefährdung des Zölibats in der heutigen Welt und Gesellschaft zu vermerken ist, so gibt es dafür Gründe in mehrfacher Hinsicht.

Zum einen ist die geistig-religiöse Grundlage der Welt des 21. Jahrhundert – trotz erfahrbarer Aufbrüche – von einer Skepsis bedroht, die in Begriffen wie Dienst, Enthaltsamkeit, sexuelle Zurückhaltung eine Einschränkung persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung erkennen möchten. Ihnen ist die befreiende Erfahrung der Zurückhaltung, der Demut und der Enthaltsamkeit für ein höheres Ziel in ihrem Denken nicht präsent.

Die permanente Präsenz sexueller Mitteilung in den Medien, der Werbung und in der Sprache sind Elemente, die die persönliche Entscheidung zur zölibatären Lebensform gefährden und einer grundsätzlichen Lebensentscheidung oftmals im Wege stehen. Der Mensch wird hier zum Opfer unkontrollierter Öffentlichkeit und der Priester in seinem Zölibat ernsten Gefahren ausgesetzt. Vernehmlich kann sich die zölibatäre Lebensform als kaum von der Gesellschaft gestützt betrachten. Leider war auch die Theologie in den letzten Jahren mehr ein Faktor der Verunsicherung als der echten Hilfestellung.

Die gefährliche Reduktion des Menschen auf die Summe seiner biologischen Zusammensetzung, also auf das, was für die Anthropologie des strengen Materialismus gilt, erkennt in der Sexualität nur die biologisch bedingten Abläufe des Menschen. Damit wird der Druck auf den Zölibat deutlich ausgesprochen: Es wäre gegen die natürliche Bestimmung des Menschen – der Weg zu einer reinen Psychologisierung ist auch damit nicht weit. Dem entspricht die rein funktionale und soziologisch begründete Sicht des Priestertums der Kirche: der Priester als Erfüllungsgehilfe einer Funktion innerhalb der Kirche, die soziologisch und gesellschaftspsychologisch definiert ist. Hier wird die sakramentale Dimension völlig ausgeblendet.

Die realen Gefahren für den Zölibat sind also in den gesellschaftlichen Entwicklungen, der entfremdenden Anthropologie und in einer defizitären Theologie des Amtes zu sehen. Wer jedoch seine priesterliche Berufung annimmt und im Gebet und wahrer Demut seinen Dienst an den Menschen verrichtet, das Evangelium verkündet und seine Sendung innerlich erfüllt lebt, wird diesen Gefahren mit Blick auf das Himmelreich widerstehen können.

[Von der Kongregation für den Klerus veröffentlichtes Original]