Bischof Egon Kapellari: Respekt vor dem kranken Menschen

Grußwort zum Grazer Kongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“

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GRAZ, 20. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Grußwort, das der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari zur Eröffnung des Kongresses „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (11.-13. Oktober 2007) gehalten hat.



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Zunächst gratuliere ich den Veranstaltern zu diesem interdisziplinären Kongress. Sie haben eine imponierende Leistung erbracht. Die große Zahl der am Kongress Mitwirkenden bestätigt die Aktualität seines Themas. Der Mensch als „homo religiosus“ steht in der Mitte des weiten Spektrums von Einzelthemen, die hier behandelt werden. Näherhin ist es vor allem der krank gewordene religiöse Mensch, insofern er sich – Heilung suchend – einerseits Instanzen der Psychiatrie und Psychotherapie zuwendet und/oder andererseits bei religiösen Quellen einkehrt. Der Respekt vor diesem Menschen ist ein humanes Gebot für alle in Medizin oder Religion heilend oder heilen wollend Tätigen. Dies kann auch zu helfenden Allianzen zwischen religiös geprägten Therapeuten einerseits und (entsprechend einem von Jürgen Habermas gern gebrauchten, aber auf Max Weber zurückgehenden Wort) religiös unmusikalischen Therapeuten andererseits führen.

Gerade die medizinische Wissenschaft weiß um die spezifische Pathologie, die allem anatomisch Fassbaren droht. Auch Religion kann krank werden und krank machen. Das rechtfertigt aber nicht jene Religionskritik in Geschichte und Gegenwart, die Religion generell als krank denunzieren wollte oder will. Und schließlich kann auch eine ideologisch verformte antireligiöse Position pathologische Züge annehmen.

Abschließend möchte ich ein Wort wiederholen, das Papst Johannes Paul II. im Jahr 1983 in der Wiener Hofburg den dort in großer Zahl versammelten Wissenschaftlern, Künstlern und Publizisten gesagt hat: „Übersehen und überhören Sie ihn nie: den hoffenden, liebenden, angsterfüllten, leidenden und blutenden Menschen. Seien Sie sein Anwalt, hüten Sie seine Welt: diese schöne, gefährdete Erde.“
Meine Damen und Herren! Ich denke, auch dieser Grazer interdisziplinäre Kongress kann Wichtiges dazu beitragen. Ich wünsche ihm ein gutes Gelingen.

[Von der Diözese Graz-Seckau veröffentlichtes Original]