Bischof Egon Kapellari über die Probleme europäischer Identität

„Europa ist ein Bauplatz, auf dem Zukünftiges gestaltet wird und wo die Christen mitbauen müssen“

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GRAZ, 17. November 2007 (ZENIT.org).- „Wer die humane und kulturelle Prägung Europas durch das Christentum verschweigen will, der übersieht den wesentlichen Beitrag, den das Christentum für den Wertehaushalt europäischer Gesellschaften nach wie vor leistet.“ Das betonte der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari, der am 30. Oktober ausführlich auf die Frage der Zukunft Europas zu sprechen kam.



Vor Vertretern des Österreichischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbundes (ÖAAB) ermutigte der stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz die Christen, an der Gestaltung Europas mitzuwirken und insbesondere drei Themenbereichen besondere Aufmerksamkeit zu schenken: Personenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit sowie Achtung und Förderung des menschlichen Lebens.

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I. Vorbemerkungen

Für die Einladung des ÖAAB der Stadt Graz zu einem Europathema aus der Sicht eines Bischofs zu sprechen, der – wie ich – von seiner Bischofskonferenz zur Befassung mit Europathemen besonders beauftragt ist, danke ich Ihnen. Dieser Abend steht in der Veranstaltungsreihe „Dialog im Kloster“ und soll dem Thema „Probleme europäischer Identität“ gewidmet sein. Für ein Gespräch über Europa, zumal auch aus christlicher Sicht, erscheint mir dieses alte Stadtkloster der Franziskaner als ein besonders inspirierender Ort. Der Franziskanerorden, der ungefähr ab dem Jahr 1200 Europa zumal in seinen Städten geprägt hat, war zur Zeit des Todes des heiligen Franziskus im Jahr 1226 schon in den meisten Ländern Europas und so auch in Österreich verbreitet und ist später zu einem weltweit ausgespannten Netz geworden und ein solches bis heute geblieben. Die Steine des Grazer Klosters hätten viel zu erzählen. Der heutige Konvent sieht dieses Erbe als Auftrag zu einem Gespräch mit gesellschaftsprägenden Kräften heute und in die Zukunft hinein und ist so auch ein kleines, aber feines europäisches Forum.

II. Anmerkungen zum Begriff „Europa“

„Europa? Probleme europäischer Identität“ lautet das mir hier aufgegebene Thema. Es kann dabei nicht nur um die Europäische Union in ihrer jetzigen oder allenfalls zukünftigen Ausdehnung gehen. Europa ist vielmehr das ganze Gebiet vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis Sizilien. So hat es Papst Johannes Paul II. immer wieder umschrieben. Die komplexe Identität dieses Kontinents war und bleibt Ergebnis eines historischen Prozesses, der nicht abgeschlossen und nicht abschließbar ist.

Die Europa-Bischofssynode vom Dezember 1991 hat über die europäische Kultur gesagt: „(Sie) ist aus vielen Wurzeln zusammengewachsen: Der Geist Griechenlands und die Romanitas, die Errungenschaften der lateinischen, keltischen, germanischen, slawischen und ugro-finnischen Völker, die hebräische Kultur und die islamischen Einflüsse gehören zu diesem komplexen Ganzen. Niemand kann aber leugnen, dass der christliche Glaube entscheidend zum Fundament Europas gehört, ohne dass damit behauptet wird, Europa und das Christentum gehörten schlechthin zusammen.“

Europa wird hier als die Heimat alter Kulturen angesprochen. Es ist aber auch die Wiege der heute weltweiten technischen Zivilisation und es ist auch der Kontinent der großen Kriege, der Revolutionen und des erobernden Ausgreifens auf alle anderen Kontinente. Und obwohl nicht Europa, sondern Westasien die Wiege des Christentums ist, hat das Christentum in seiner bisherigen Geschichte Europa am längsten und insgesamt am stärksten geprägt. In der Apostelgeschichte (16, 6-10), einem Buch des Neuen Testaments, wird berichtet, dass dem Apostel Paulus, als er im äußersten Westen Kleinasiens verweilte, im Traum ein Europäer, ein Grieche, erschien, der ihm zurief: „Komm herüber nach Makedonien und hilf uns.“ Der Apostel folgte diesem Rat. So ist mit Paulus das Christentum zuerst nach Europa gegangen. Es war bald und ist wohl immer noch eine der stärksten Stimmen in der Seele Europas. Eine oft übertönte und verratene Stimme und doch stark genug, um zwischen Sizilien und Skandinavien, zwischen Portugal und dem Ural in fast jeder Generation Menschen zu prägen wie Gregor den Großen, Franz von Assisi und in jüngster Zeit beispielsweise Mutter Teresa oder Papst Johannes Paul II.

Europa ist ein altes Haus, an welchem die Christen mitgebaut und in welchem sie ein Wohnrecht haben. Europa ist ein Bauplatz, auf dem Zukünftiges gestaltet wird und wo die Christen mitbauen müssen, wenn die Identität Europas bewahrt und entfaltet werden soll.
Der gesamtkulturelle Ertrag des Christentums für diesen Kontinent ist kontrovers, sowohl innerhalb der Kirche selbst wie im Kreis der Gegner des Christentums. Der oft gehörte Vorwurf freilich, die Kirche habe die Menschheit nicht kollektiv verwandeln können, weil Europa vom Ethos der Bergpredigt anscheinend immer noch so weit entfernt ist wie am Anfang des Christentums, verkennt, dass das Christentum von seiner Wurzel her keine Verheißung hat, ein innerweltliches Paradies herzustellen. Im Gegenteil sind die christlichen Kirchen im Ganzen immer utopiekritisch gewesen. Immanuel Kants nüchterne Anmerkung, der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt, entspricht einer christlichen Sicht auf den Menschen und seine Gebrochenheit zwischen Ideal und Realität. Theologisch spricht man in diesem Kontext von Erbsünde. Im am Evangelium geprüften Selbstverständnis des Christentums wirkt dieses wie ein geduldiges Ferment innerhalb der verschiedensten Gesellschaftsmodelle. Es ist ein beständiger eschatologischer Vorbehalt gegenüber der jeweiligen Gesellschaft.

III. Die Europäische Union – ihr Werden und ihr jetziger Stand


Die Geschichte des Projektes Europäische Gemeinschaft (EU) und der damit einhergehende Einigungsprozess in Europa nach dem II. Weltkrieg kann 50 Jahre nach den Römer-Verträgen nach meiner Überzeugung zu Recht als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Die bekannte und vielfach berechtigte Kritik am gegenwärtigen Zustand der EU und ihrer Institutionen sollte nicht übersehen lassen, was seither gelungen ist, was aber große weitere Anstrengungen nicht entbehrlich macht.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg erschien Europa als unaufhebbar gespalten in zwei Machtblöcke und als Westeuropa bedroht durch eine globale Marginalisierung. Als Remedium dagegen wurde das Projekt „Europäische Einigung“ vor allem von bekennend katholischen Gründergestalten wie Robert Schumann (um dessen Seligsprechung man sich eben bemüht), Alcide de Gaspari, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Gang gebracht. Dass einige Staaten, die einander in zwei Weltkriegen feindlich gegenüberstanden, nun in der Europäischen Union eine weiträumige europäische Friedenszone bilden, und dass trotz vieler alter und neuer sozialer Wunden der Wohlstand in den EU-Ländern im Ganzen sehr zugenommen hat, gehört zweifellos zu den großen Aktiva einer politischen Bilanz Europas im 20. Jahrhundert.

Der Vorgang der Gründung des europäischen Staatenbündnisses ist in der Geschichte ohne Parallele. In Kürze seien einige Stationen dieser Entwicklung benannt: Geprägt von der Erfahrung des II. Weltkrieges und seiner Vernichtungsspur inmitten Europas beschlossen im Jahre 1951 Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande und Luxemburg, ihre Kohle- und Stahlproduktion der Kontrolle einer supranationalen Behörde zu unterstellen und gemeinsam friedlich zu nutzen. Die Europäische Atomgemeinschaft und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft haben dann das „Projekt Europa“ durch eine gemeinsame Wirtschaftspolitik vertieft.

Der friedliche Aufbau eines internationalen Binnenmarktes war ein wesentliches Ergebnis dieser Gestalt Europäischer Gemeinschaft. Der zunehmende Erfolg dieser großen Idee wurde auch ermöglicht durch die Prinzipien einer sozialen Marktwirtschaft. Die Entwicklung des Binnenmarktes wurde unterstützt durch eine gefestigte politische Lage in den Mitgliedsländern der damaligen EG und ihre Einbindung in globale wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Bis auf die Bundesrepublik Deutschland waren alle Gründungsmitglieder der EG seit 1949 auch Mitglieder der NATO. Ansätze einer Friedenspolitik mit globalem Anspruch und Ausbildung eines Binnenmarktes ergänzten einander so im europäischen Einigungsprozess.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 ergab sich für die mittlerweile auf zwölf Mitgliederländer angewachsene Europäische Gemeinschaft eine fundamental neue Perspektive. 44 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 28 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer wurde Europa vom Eisernen Vorhang befreit und wurden Grenzen im Herzen Europas geöffnet. Die von Roosevelt, Churchill und Stalin in Jalta besiegelte Teilung Europas hatte Jahrzehnte lang die Nachkriegsordnung Europas dominiert und war damit überwunden. In den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes entstanden Demokratien nach westeuropäischem Vorbild. Die neu gewonnene persönliche Freiheit und die Verheißung wirtschaftlicher Prosperität wurden zu den bestimmenden Elementen eines Weges in die Zukunft eines gemeinsamen Europa.

Am 1. Mai 2004 wurden Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, die Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern in die Europäische Union aufgenommen. Dies wurde als ein weiterer und entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer Integration und Stabilisierung in Europa bezeichnet. Die historische Tragweite dieses Integrationsprozesses kommt erst dann voll in den Blick, wenn bedacht wird, dass es sich bei den meisten dieser Beitrittsländer um exkommunistische Staaten handelt. Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn sind nun bereits fünfzehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges zu voll integrierten Mitgliedern der Europäischen Union geworden. Bezogen auf diese Integrationsprozesse sprach der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski von einer „Wiederentdeckung Mitteleuropas“, wobei hier an gegenseitigem Verständnis und Kennenlernen freilich noch viel „nachzuholen“ sei. Bezogen auf den Einigungsprozess muss auch an den bedeutenden Beitrag von Papst Johannes Paul II. erinnert werden, der im Blick auf die Europäische Spaltung zwischen Ost und West schon 1980 metaphorisch von den zwei Lungenflügeln Europas gesprochen hat, deren Trennung nicht akzeptabel sei.

Mit dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien im Jahre 2007 wuchs die Europäische Union auf beinahe 500 Millionen Menschen an, die in einem Gebiet leben, das vom Atlantik bis zum östlichen Mittelmeer und vom Polarkreis bis zur afrikanischen Küste reicht. Niemals zuvor in der europäischen Geschichte war ein solches Werk auf der Grundlage von Freiheit, Menschenwürde und Demokratie gelungen. Die nun so groß gewordene EU braucht in den nächsten Jahren freilich große strukturelle Reformprozesse, um der mit Größe einhergehenden Fülle notwendiger administrativer Abläufe gewachsen zu sein.

Jedes der 27 Mitgliedsländer hat eine je eigene kulturelle und wirtschaftliche Prägung. Manche Analytiker sprechen deshalb im Blick auf die EU von einer gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit. Der Europäische Wahlspruch „In varietate concordia“ („Einheit in der Vielfalt“) sei deshalb Gabe und Aufgabe zugleich. Die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede innerhalb der Europäischen Staatengemeinschaft haben die Suche nach einem neuen einenden Verfassungsrahmen erzwungen. Bei der Diskussion um eine Verfassung für Europa kamen freilich viele tief in die Entstehungsgeschichte der Europäischen Union eingeschriebene und auf die Heterogenität in Kultur und wirtschaftlicher Entwicklung bezogene Probleme und Fragen ans Licht. Nach der Ablehnung des Entwurfes für einen Verfassungsvertrag bei Referenden in Frankreich und den Niederlanden 2005 wurde eine Nachdenkpause von zwei Jahren vereinbart.

Am 19. Oktober 2007 haben sich nun die Staats- und Regierungschefs der EU in Lissabon auf einen gemeinsamen Reformvertrag für Europa geeinigt. Damit setzten sie einen Schlusspunkt unter die lang andauernde und intensiv geführte Diskussion über eine vertiefte Grundlage für das Zusammenwirken von 27 verschiedenen Nationen. Eine rechtliche und institutionelle Erneuerung der Union ist mit diesem Reformvertrag möglich und soll nach Ratifikation in den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden. Die anstehenden Fragen und Probleme betreffen das Verhältnis von nationaler Eigenständigkeit und europäischen Verbindlichkeiten, die fundamentale Frage der Rolle Europas in der Welt (Außen- und Sicherheitspolitik) und die Frage wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit. All diese Fragen berühren aber auch die Frage nach einer gemeinsamen Basis im Sinne einer Europäischen Identität. Die benannten Aufgaben und Herausforderungen brauchen ein starkes und selbstbewusstes Europa mit stabilen Grundlagen für ein europäisches Miteinander.

Die Katholische Kirche hat den Prozess der Europäischen Einigung von Anfang an begrüßt und entscheidend unterstützt. So ist z.B. das Ja der polnischen Bevölkerung zum EU-Beitritt wesentlich auf den Einsatz von Papst Johannes Paul II. zurückzuführen.

Bei der Formulierung einer Präambel für den indessen überholten Entwurf eines EU-Verfassungsvertrages wurde trotz des Engagements der Kirchen und vieler Regierungen eine Nennung des Gottesnamens und sogar eine ausdrückliche Nennung des christlichen Erbes abgelehnt, und zwar vor allem durch das laizistische Frankreich. In der neuen polnischen Verfassung gibt es hingegen eine Formulierung, die sowohl religiös Glaubende wie auch Nichtglaubende respektiert. Sie lautet: „Das Grundgesetz achtet sowohl das Recht derer, die an Gott als Quelle des Guten, des Wahren, der Gerechtigkeit und des Schönen glauben, als auch derer, die diese Werte aus anderen Quellen schöpfen.“ Erwähnt sei hier, dass es im deutschen Grundsatz und in der erneuerten Schweizer Bundesverfassung sehr wohl eine Nennung des Gottesnamens gibt.

Geblieben war im Verfassungsentwurf lediglich ein Hinweis auf das geistig-religiöse Erbe Europas und geblieben ist im neuen Vertragswerk von 2007 eine Anerkennung des kulturellen, religiösen und humanistischen Erbes Europas. Wörtlich heißt es in der neuen Präambel: „Schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben.“ Die Ablehnung gegenüber einer ausdrücklichen Nennung der christlichen Religion ist insofern umso ungerechter, als ca. 80 % der EU-Bürger christlich getauft sind und als der Islam in ein Europa mit so wenig christlichem Selbstbewusstsein gewiss nicht leichter integrierbar sein wird. Immerhin ist aber als Artikel 15 b im neuen Vertragswerk der EU wie schon im vorausgehenden aber abgelehnten Entwurf (dort als Artikel 51) folgende sogenannte „Kirchenklausel“ enthalten. Ich zitiere: „Die Union achtet den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedsstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen und beeinträchtigt ihn nicht ... (und) Die Union pflegt mit diesen Kirchen und Gemeinschaften in Anerkennung ihrer Identität und ihres besonderen Beitrags einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog.“

Die COMECE, das ist die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, in der ich seit vielen Jahren Österreich vertrete, hat zum neuen EU-Vertrag in einer Pressemitteilung vom 19. Oktober Folgendes gesagt:

„Die COMECE begrüßt die Einigung auf ein neues Vertragswerk für die Europäische Union. Die Einigung, die in dieser Nacht von den 27 Staats- und Regierungschefs der EU anlässlich des Europäischen Rates von Lissabon erzielt wurde, beendet die vierjährige Phase fruchtloser Versuche und institutioneller Krise, die auf die Ablehnung des Verfassungsvertrags durch Referenden in Frankreich und den Niederlanden im Jahr 2005 folgte. Angesichts der nationalen Forderungen, welche die Verhandlungen bis zur letzten Minute zu gefährden schienen, begrüßt die COMECE die Tatsache, dass die Sorge um das Gemeinwohl und die Interessen von 500 Millionen Bürgern letztlich überwogen.

Die COMECE nimmt mit Interesse zur Kenntnis, dass der Reformvertrag eine Präambel in das Vertragswerk der Europäischen Union einführt, die das kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas anerkennt. Allerdings erinnert Prälat Treanor: ‚Die Debatte über die christlichen Wurzeln Europas ist untrennbar von der Reflexion über die europäische Identität; sie muss also fortgeführt werden.’

Der Reformvertrag soll offiziell am 13. Dezember in Lissabon von den Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten unterschrieben werden. Die Ratifizierung wird in Irland durch ein bindendes Referendum erfolgen und in den anderen Mitgliedstaaten voraussichtlich durch die Parlamente.

Das Sekretariat der COMECE ermutigt die Christen, sich in den nächsten Monaten mit den Fragen und Herausforderungen der europäischen Debatte vertraut zu machen. Der Reformvertrag bedeutet für die erweiterte EU trotz seiner Mängel und Komplexität eine befriedigende institutionelle Lösung; er leitet notwendige Reformen des Entscheidungsprozesses ein, die es erlauben sollten, die europäische Konstruktion auf effiziente und gerechte Weise voranzubringen.

Im Zusammenhang mit dem Ergebnis des Gipfeltreffens in Lissabon bietet es sich an, an die Worte von Papst Benedikt XVI. zu erinnern, die er am 7. September in seiner Ansprache in der Wiener Hofburg gesagt hat: „Auch wenn (...) es unter einigen Aspekten berechtigte Kritik an europäischen Institutionen geben kann, ist der Prozess der Europäischen Einigung doch ein Werk von großer Tragweite, das diesem früher von fortgesetzten Konflikten und unseligen Bruderkriegen zerfressenen Kontinent eine lange nicht gekannte Friedenszeit gebracht hat.“ Soviel zum Verhältnis der Katholischen Kirche zur Europäischen Union im Spannungsfeld zwischen einer früheren Europaeuphorie und einer jetzigen Europaskepsis in vielen Ländern Europas.

IV. Das Problem einer europäischen Leitkultur und europäischer Werte


In der renommierten deutschen Zeitschrift „Merkur“, herausgegeben bei Klett und Cotta in Stuttgart, hat Karl Heinz Bohrer im Januar 2001 den Begriff „Leitkultur“ in Verbindung mit dem Eigenschaftswort „deutsch“ gegen ältere linke Intellektuelle in Schutz genommen, denen er einen kulturellen Selbsthass bescheinigte. Aus berechtigtem Abscheu gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands sei man hier blind gegenüber der Tatsache, dass es so etwas wie eine Leitkultur als historische und mentale Dominante, als eine gesellschaftliche Grundnorm, in Frankreich und in den USA selbstverständlich gibt, während man in Deutschland das Wort „Leitkultur“ sogar zum „Unwort“ des Jahres 2001 erklären wollte, weil es die Kluft zwischen Ausländern und Deutschen erweitern könne. Dieser kulturelle Selbsthass bewirkt, so kann man in Weiterführung der Gedanken Bohrers sagen, bei vielen linken Intellektuellen eine irrationale Abneigung gegenüber dem Christentum, zumal in katholischer Vermittlung, und zugleich eine irrationale Blindheit z. B. gegenüber islamischen Fundamentalismen. Gegen eine solche Blindheit ist akkurat der moderate Moslem Professor Bassam Tibi, der in vielen Schriften für einen erst zu entwickelnden Euro-Islam eintritt, in Wort und Schrift immer neu zu Felde gezogen.

Auch ohne Bezug auf den Islam oder das Christentum ist der Begriff Leitkultur ein sehr brauchbares sozialdiagnostisches Instrument. Er sagt im Unterschied zu vielen Begriffsbastarden, was er meint, hat der schon zitierte Karl Heinz Bohrer in seinem Aufsatz abschließend angemerkt. Bassam Tibi betont, dass ein kulturell vielfältiges Gemeinwesen einen Konsens über Werte und Normen als eine innere Hausordnung benötige. Die zivilisatorischen Werte, die auch in der Grundrechte-Charta der Europäischen Union benannt werden, seien die Substanz einer solchen europäischen Leitkultur. Eine zivilisatorische Selbstverleugnung habe einen wertbeliebigen Multikulturalismus zur Folge, der zur Bildung von kulturellen und ethnischen Getto- und Parallelgesellschaften führen kann. Gettobewohner aber entwickeln Feindbilder, denen ein friedliches Gemeinwesen im Wege steht. Bassam Tibi plädiert für einen kulturellen Pluralismus, das aber getragen sei von der Verpflichtung auf gemeinsame europäische Werte und demokratische Regeln. Es gehe ihm – so der Göttinger Professor – um die Entwicklung eines europäischen Islam im Gegensatz zu einem Fundamentalismus, wie er zum Beispiel in der Wortmeldung eines niederländischen Moslems zum Ausdruck kommt, der bei einer Veranstaltung wörtlich sagte: „Solange Muslime in der Minderheit sind, befolgen sie europäische Gesetze, aber man kann von ihnen nicht verlangen, den Geist dieser Gesetze zu akzeptieren.“

Wenn in Europa von einer vor allem christlich geprägten Kultur Europas gesprochen wird, dann kann selbstverständlich nicht vergessen werden, dass Europa nicht nur christliche Wurzeln hat. Das jüdische, das griechisch-römisch-antike, das islamische Erbe und das Erbe der wesentlich auf dem Christentum beruhenden, wenngleich oft nur gegen kirchlichen Widerstand durchgesetzten Aufklärung gehören unbestreitbar ebenfalls zur „Seele Europas“, die der französische EU-Kommissionspräsident Jacques Delors, ein Sozialist und praktizierender Katholik, mit dem nun schon geflügelten Wort „Man muss Europa eine Seele geben“ angesprochen hat. Delors hat dieses geflügelte Wort vor allem an die christlichen Kirchen adressiert.

Wenn nach dem christlichen Beitrag zu einer europäischen Leitkultur gefragt wird, dann sei an ein Wort von Romano Prodi aus seiner Zeit als Präsident der Europäischen Kommission erinnert, der gesagt hat: „Die christlichen Werte haben uns viel gebracht. Vom Christentum stammen der Respekt vor dem Nächsten, das Verantwortungsgefühl für die demokratische Gesellschaft. Darüber hinaus haben wir aus der Geschichte des Christentums gelernt, dass eine perfekte Gesellschaft nicht existiert.“ In diesem Zusammenhang ist auch eine Auseinandersetzung mit einem geflügelten Wort des deutschen Kanzlers Otto von Bismarck angebracht, der gesagt hat: „Mit der Bergpredigt kann man keinen Staat regieren.“ Dieses realistische Wort bedarf aber der Ergänzung durch die komplementäre Wahrheit, dass ein Staat ohne eine Fülle von Fermenten gelebter, praktizierter Bergpredigt nicht gedeihen kann. Als „Civitas terrena“ entwickelt er sich dann nämlich entsprechend einer Wortprägung des heiligen Augustinus in Richtung auf „latrocinia magna“ – also eine große Räuberbande.

Wer die humane und kulturelle Prägung Europas durch das Christentum verschweigen will, der übersieht den wesentlichen Beitrag, den das Christentum für den Wertehaushalt europäischer Gesellschaften nach wie vor leistet. Die Kirchen werden nicht müde, daran zu erinnern, dass Europa nicht nur eine Wirtschafts- sondern auch eine kulturell-spirituelle Wertegemeinschaft ist und bleiben, ja noch mehr werden soll. Die christlichen Kirchen und Gemeinschaften in Europa haben trotz vieler Erosionen des sogenannten katholischen und christlichen Milieus nach wie vor große Ressourcen an Spiritualität, Solidarität und Barmherzigkeit. Europa hat allen Grund, sein christliches Erbe nicht zu verschweigen und es nicht zu verdrängen.

Abschließend zitiere ich, Bezug nehmend auf dieses christliche Erbe, drei Werte, die aus christlicher Sicht für eine Leitkultur in Europa unverzichtbar sind, nämlich Personwürde, Solidarität und Achtung des Lebens.

a) Die Personwürde
Die Absolutheit der Person- und Menschenwürde, wie sie in Artikel 1 der Menschenrechte-Charta als deren Grundlage benannt wird, wurzelt theologisch betrachtet im Glauben, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen ist. Auch der evangelische Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, hat wiederholt betont, dass eine europäische „Kultur der Anerkennung“ ohne die Unbedingtheit der Menschen- und Personwürde nicht auskommt und dass daher die Personrechte nicht von Voraussetzungen abhängig gemacht werden dürfen, „deren Definition dem Staat, den Eltern oder wem auch sonst überlassen“ würde. „Die Stärke des Personbegriffes würde damit gerade verspielt.“ Die Betonung des Personprinzips darf aber nicht mit einer Ideologie des Individualismus verwechselt werden, die das Menschsein als Mit-Sein vernachlässigt. Fundamental bedeutsam ist für das Personprinzip, dass der Mensch nicht auf eine Funktion für einen noch so wichtigen Zweck reduziert werden darf.

b) Der Grundwert Solidarität und soziale Gerechtigkeit
Die großräumige EU kann ein Garant dafür sein bzw. werden, dass die weltweit ziemlich einzigartigen sozialen und kulturellen Standards in Europa den Auswirkungen einer wilden, ungezügelten Globalisierung widerstehen können, gegen deren Dynamik man sich nicht mehr auf nationaler Ebene, sondern nur noch großräumig absichern kann. Die EU wird sich verstärkt in Richtung auf eine Sozialunion bewegen müssen, steht dabei aber unter der Herausforderung, unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Geschwindigkeiten zu integrieren und aufeinander abzustimmen. Fernziel ist aber nicht nur eine EU-Binnensolidarität, sondern eine weltweite Solidarität, zumal mit Völkern in großer sozialer Not. Das Christentum bewahrt, wie Carl Friedrich von Weizsäcker, Physiker und Philosoph, gesagt hat ein Wissen vom Wesen des Menschen, das tiefer wurzelt als die Rationalität der Neuzeit. In diesem Sinn ist gelebtes Christentum auch ein „Störenfried“ für einen ungehemmten Ökonomismus. Zum Gelingen eines gemeinsamen Europa und insbesondere beim Aufbau einer europäischen Sozialunion können die synthetische Kraft des Christentums und die Prinzipien der Katholischen Soziallehre Wesentliches beitragen.

c) Achtung und Förderung des Lebens
Die Würde des menschlichen Lebens ist unteilbar. Christen sind Freunde dieses Lebens in allen seinen Dimensionen, sei es geboren oder noch ungeboren, sei es entfaltet oder behindert, sei es zeitlich oder ewig. Die Unteilbarkeit der Würde des Lebens von der Zeugung bis zum Tod wird heute von verschiedenen Seiten her und aus verschiedenen Gründen auf beklemmende Weise in Frage gestellt. Ich nenne das Problem der Sterbehilfe. Die Debatte darüber und die in Holland bereits begonnene Praxis lassen befürchten, dass eines Tages ein sublimer oder auch starker Druck auf schwerkranke und alte Menschen ausgeübt werden wird, sich den Tod geben zu lassen oder selbst zu geben, weil eine ansehnliche gesellschaftliche Gruppe den organisierten Freitod gesellschaftsfähig gemacht hat. Die richtige Antwort auf das Leid am Ende des Lebens ist Zuwendung, Sterbebegleitung, besonders auch mit Hilfe der Palliativmedizin und im Rahmen der Hospizbewegung, auf die freilich nicht die ganze Last des Problems abgeleitet werden darf.

Um den Schutz des beginnenden Lebens muss heute im Horizont von Genforschung und Präimplantationsdiagnostik ebenfalls verstärkt gerungen werden. Was bedeuten Menschenwürde und Schutz der Person besonders im Blick auf die noch nicht entfaltete Personalität des Embryos? Ab welchem Zeitpunkt, unter welchen Bedingungen und nach welchen Kriterien der Güterabwägung stehen diese Individuen unter einem nicht kündbaren Schutz? Der ehemalige Präsident der deutschen Forschungsgemeinschaft und jetziger Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Professor Wolfgang Frühwald, ortet gegenwärtig in Fragen betreffend das Menschenbild einen Kulturkampf zwischen einem christlichen, zumindest kantianischen Menschenbild auf der einen Seite und einem szientistisch-sozialdarwinistischen Menschenbild auf der anderen Seite.

Die Frage des Menschenbildes betrifft auch eine der Hauptsorgen für unsere Gesellschaft, die sich aus der geringen Zahl an Kindern und an jungen Menschen überhaupt ergibt. Hier wird eine Rechnung präsentiert, an deren Zustandekommen gewiss viele Ursachen beteiligt sind. Man sollte sich eine diesbezügliche Analyse nicht zu leicht machen und die Erwartungen einer Wende zum Besseren nicht nur der Politik, zumal der Finanzpolitik, zuschieben. Fundamentaler ist die Frage, welches Menschenbild in unserer Gesellschaft dominiert. Je mehr eine Gesellschaft sich auf eine Spaßgesellschaft versteht, die als solche wenig Kraft hat, sich selbst in einer neuen Generation zu reproduzieren, desto weniger Aussicht gibt es auf eine weitreichende Trendwende. Inmitten dieser Situation sollten entschlossene Christen zäh festhalten am Ideal stabiler familiärer Beziehungen, auch wenn sie damit eine Minderheit sind. Sie sind nicht die Nachhut einer sterbenden, sondern die Avantgarde einer kommenden Gesellschaft, die Europa nicht zu einem müden Abendland, sondern zu einem Morgenland mit Zukunft werden lässt. Darüber hinaus sollen sich Christen aber auch für ein Europa als einen Raum einsetzen, indem der Auftrag Gottes an die Menschheit ernst genommen wird, sie möge die Umwelt als Mitwelt verstehen und sorgsam pflegen.

V.

Abschließend möchte ich daran erinnern, dass Europa durch lange Zeit als Abendland bezeichnet wurde. Gemeint war damit aber keine Müdigkeit am Ende einer Erfolgsgeschichte. Heute droht Europa aber in mancher Hinsicht ein wirkliches Abendland zu werden in einer Zeit, die kulturell als eine Spätzeit im Sinn von Dekadenztheorien verstanden wird. Alle wachen Europäer sind dadurch herausgefordert, diese Zeichen der Zeit zu erkennen und sich nicht einer Resignation zu ergeben, sondern Allianzen mit allen Kräften zu suchen, die Zukunft wollen und bereit sind, dafür einen großen Einsatz zu erbringen. Kirchlicherseits müssen wir für solche Allianzen offen sein und sie nach Kräften mittragen.

[Von der Diözese Graz-Sekau veröffentlichtes Original]