Bischof Egon Kapellari über die zeitgenössische Kunst als Herausforderung an die Kirche

Vortrag anlässlich des Festakts zur Verleihung des Ehrendoktorats der Katholisch-Theologischen Privatuniversität in Linz an Prof. Arnulf Rainer (18. Mai 2006)

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LINZ/GRAZ, 24. Mai 2006 (ZENIT.org).- Aus gegebenen Anlass veröffentlichen wird den Vortrag des Grazer Diözesanbischofs Egon Kapellari bei der Verleihung des Ehrendoktorats der Linzer Katholisch-Theologischen Privatuniversität an Prof. Arnulf Rainer.



Dem Grazer Diözesanbischof wurde heute, Mittwoch, in der Wiener Hofburg das Ehrenkreuz der Republik Österreich für Wissenschaft und Kunst verliehen. Bereits gestern, Dienstag, wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz zuteil.

Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien und Vorsitzender der österreichischen Bischofskonferenz, der bei dieser Gelegenheit die Laudatio hielt, würdigte seinen Amtsbruder als einen Menschen, der unermüdlich danach Ausschau halte, "was Menschen bewegt, was sie denken, schaffen, ausdrücken". Sein großes Interesse an "Dichtern, an Kunstwerken, wird stets übertroffen vom Interesse an den Menschen", bekräftigte der Kardinal. Das Denken von Bischof Kapellari werde vom "innersten Quellegrund seines Lebens und seiner Berufung" gespeist: Jesus Christus. Von daher verstehe man auch, dass es ihm vor allem um die "Vergegenwärtigung Christi in Wort und Zeichen" gehe.

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Zunächst gratuliere ich Herrn Professor Arnulf Rainer herzlich zur Laurea Doctoris. Für die Einladung, bei diesem Festakt zu seinen Ehren einige Gedanken zum Thema "Zeitgenössische Kunst als Herausforderung an die Kirche" vorzutragen, danke ich dieser Universität. Mit Herrn Professor Rainer verbindet mich besonders auch die Tatsache, dass jeder von uns beiden auf seine Weise durch viele Jahre mit Monsignor Otto Mauer verbunden war.

Otto Mauer hat sich mit der weitgehenden Entfremdung der katholischen Kirche von jeweils neuerer und neuester Kunst nicht abgefunden. Er hat streitbar und oft von beiden Seiten umstritten Brücken zwischen Kunst und Kirche, ja zwischen Kunst und Religion überhaupt, zu bauen versucht. Dabei ist ihm auch Nachhaltiges gelungen. Dass es dieses neue Institut für Kunstwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität in Linz gibt, ist indirekt – oder bezogen auf Herrn Professor Rombold auch direkt – gewiss auch der Wirkungsgeschichte von Theologen wie Otto Mauer, Günter Rombold und Friedhelm Mennekes zuzuschreiben. Diese Theologen haben die öffentliche Meinung der Kirche in Bezug auf zeitgenössische Kunst doch entscheidend mitgeprägt und einen Prozess des Dialogs zwischen Kirche und solcher Kunst eingeleitet, der mit – wie mir scheint – steigender Intensität weiterhin im Gange ist.

"Kunst und Kirche kommen nicht mehr zusammen; es ist gut, wenn sie sich von ferne freundlich grüßen", hat Arnulf Rainer vor zwölf Jahren in einem Pressegespräch angemerkt. Ich denke, dass ein heutiger Rundblick mindestens in Ländern wie Österreich, Deutschland und der Schweiz eine weitaus günstigere Diagnose und Prognose ermöglicht, auch wenn es ein "Zusammenkommen" von Kunst und Kirche in jener Intensität, die bis in die Zeit des Barock allgemein gegeben war, wohl nie mehr geben wird.

Die bisherige Kirchengeschichte war in einem hohen Maße auch Kunstgeschichte. Und die europäische Kunstgeschichte als Ganze war in einem hohen Maß auch Kirchen- und Religionsgeschichte. Vor etwa 200 Jahren hat es diesbezüglich eine tiefe Zäsur gegeben. Theodor Haecker hat dies – bezogen auf die Dichtkunst – in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in einem Aufsatz über den englischen Dichter Francis Thompson in der ihm eigenen poetisch hohen Sprache beklagt. Seine Klage kann auch auf die bildende Kunst bezogen werden. Haecker schrieb: "Die Kirche, welche einstmals die Mutter der Dichter war, nicht weniger als der Heiligen, hat während der letzten beiden Jahrhunderte die Herrlichkeiten der Dichtkunst Fremdlingen überlassen, wenn sie auch die Herrlichkeiten der Heiligen für sich behalten hat. Sie hat die Palme (des Martyriums) behalten, aber den Lorbeer (der Dichtkunst) eingebüßt … zu stark und allgemein ist unter den Katholiken das Gefühl gewesen, dass die Dichtkunst im besten Fall überflüssig, im schlimmsten Fall verderblich sei." Soviel aus dem Aufsatz Haeckers. In etwas nüchternerer Sprache ausgedrückt wird hier eine Reduktion des Christentums auf die ethische Dimension kritisiert.

Die Dissoziation der Kirche von jeweils neuerer Kunst aller Gattungen kann aber nie endgültig sein. Ebenso wird die Kunst im Ganzen auch in Zukunft nicht auf die Befassung mit Religion und mit dem Christentum verzichten können, wenn dieses stark genug ist, um die Gesellschaft deutlich mitzuprägen. Leben und Tod, Glück und tragische Vergeblichkeit, Frieden und Krieg, Schönheit und Schrecken – diese großen Themen des Menschseins waren und bleiben ja in jeder Epoche Herausforderungen sowohl an die Kunst wie an die Religion. Und der Frage Immanuel Kants, ob ein Gott sei, wird sich die Kunst – davon bin ich überzeugt – auch in Zukunft immer wieder stellen: auch in Zeiten verbreiteter religiöser Gleichgültigkeit oder eines weit verbreiteten "Odium Dei". Die Herausforderung durch diese großen Themen wird Kunst und Religion auch immer wieder zu Gesprächen zusammen führen und wohl auch kirchliche Aufträge an Künstler veranlassen.

"Die Kirche braucht die Kunst", hat man in den letzten fünfundzwanzig Jahren oft sagen gehört. Auch der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat dies wiederholt gesagt, so in München und in Wien. In seiner Rede an Wissenschaftler, Künstler und Publizisten am 12. September 1983 in der Wiener Hofburg hat der Papst konkretisierend hinzugefügt: "Die Kirche braucht die Kunst nicht vor allem, um ihr Aufträge anzuvertrauen und so ihren Dienst zu erbitten, sondern um mehr und Tieferes über die 'Conditio humana', über Glanz und Elend des Menschen zu erfahren. Sie braucht die Kunst, um besser zu wissen, was im Menschen ist: in jenem Menschen, dem sie das Evangelium verkünden soll." Soviel aus der Wiener Papstrede.

Prälat Bernhard Hanssler, ein wichtiger Vermittler zwischen Kirche und Kultur in Deutschland und Gründer des Cusanuswerkes, hatte in derselben Intention wie der Papst ein Jahr vorher Folgendes geschrieben, ich zitiere: "In der Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Kunst verbirgt sich die umfassende Frage nach dem Verhältnis der Kirche zur modernen Kultur überhaupt… Es ist für die Kirche lebenswichtig, dass sie eine zustimmende Einstellung zu allen Künsten hat: auch zu Musik, Literatur, Theater, Film und Funk… Die Kirche hätte keine Aussicht, das Ohr des modernen Menschen mit ihrer Botschaft zu erreichen, wenn sie nicht dem Lebensgefühl dieses Menschen verbunden wäre. Dieses Lebensgefühl einer Epoche spricht sich aber nirgends so elementar und so gewaltig bis gewalttätig aus wie in den Künsten. Nichts wäre so verhängnisvoll wie ein katholischer Kulturseparatismus… Zwar können wir als Kirche nicht allen kulturellen und künstlerischen Erscheinungen zustimmen. Aber wir müssen sie alle, selbst die ungebärdigsten und rätselhaftesten, als eine Anfrage an die Kirche verstehen, und wir müssen bereit sein, uns mit ihnen allen in einen offenen Dialog einzulassen, wo immer sie selber dazu bereit sind." Dies aus einem Text von Prälat Hanssler.

Ein Rundblick auf das gegenwärtige kirchliche Leben und seine Institutionen zum Beispiel in Österreich zeigt, dass solche Appelle seither nicht nur von zahlenmäßig kleinen Eliten in der Kirche wahr- und ernst genommen worden sind, sondern dass sie auch viele Pfarren und Klöster erreicht haben und dass sie im Programm kirchlicher Bildungshäuser und im Inhalt kirchlicher Printmedien, aber auch im Religionsunterricht präsent sind. Man wird natürlich sagen können, dass all das noch weitaus nicht zufrieden stellend ist und dass vor allem Banalisierungen der Liturgie auch deshalb noch so häufig sind, weil den Liturgen und ihren Gemeinden eine nachhaltig läuternde Begegnung mit alter und neuer Kunst noch nicht zuteil geworden ist.

Nach diesen Anmerkungen über die Notwendigkeit der Offenheit von Kirche für die Kunst aller Gattungen nicht nur bezogen auf Werke aus einer vielhundertjährigen Vergangenheit, sondern auch auf Werke der jeweiligen Gegenwart soll in Kürze über eine doppelte Frage gesprochen werden, die heute nicht selten gestellt wird. Es ist die Frage: "Was kann und was darf Kunst?"

"Was kann die Kunst?" Auf diese Frage findet sich eine Antwort in sirenenhaft schöner Sprache am Ende der Ersten Duineser Elegie von Rilke. Der Dichter redet über den griechischen Mythos vom Ursprung der Musik. Der Mythos erzählt, dass eine Totenklage um einen Frühverstorbenen den leeren Raum in jene Schwingung geraten ließ, "die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft". Was hier über die Musik gesagt ist, gilt wohl für Kunst aller Gattungen. Das an ihr Hinreißende und Tröstende ist vor allem das Schöne. Auch wenn Kunst nicht auf Schönheit reduzierbar ist, so kann doch die Schönheit nie endgültig aus ihr vertrieben werden. Anrufen und reichlich helfen (um beim Text Rilkes zu bleiben) kann auch eine Kunst, die provoziert, ja destruiert, die falschen Schein entlarvt und das Schreckliche im Menschen und seiner Welt ernüchternd ans Licht bringt. Eine solche Kunst kann reinigend, kathartisch wirken. Sie kann aber auch umschlagen in destruktive Inhumanität. Die tröstende Kraft der Kunst ist jedenfalls vor allem an das Schöne an ihr, in ihr gebunden.

Dostojewski lässt den Fürsten Myschkin in seinem Roman "Der Idiot" ein kühnes Wort sagen. Es lautet: "Das Schöne wird die Welt erlösen." Alexander Solschenizyn hat dieses Wort in seine Rede zum Empfang des Nobelpreises 1970 aufgenommen, die in Stockholm in seiner Abwesenheit verlesen werden musste. Dostojewski und Solschenizyn können nicht als Ästheten im landläufig abwertenden Sinn dieses Wortes angesehen werden. Beide haben reichlich das Grauen erlebt: Dostojewski in der sibirischen Katorga und Solschenizyn im Archipel Gulag. Das Schöne inmitten und trotz des Grauens war für sie ein Abglanz des Göttlichen, das auch in die Hölle scheinen kann.

Maria Luise von Kaschnitz hat in einem großen Theodizeegedicht mit dem verhüllenden Titel "Tutzinger Liedkreis" die typische Glaubensnot vieler ihrer Zeitgenossen auf Gott hin zur Sprache gebracht. Sie redet Gott an, ungewiss, ob er ist, und zählt litaneiartig Vieles auf, das den Glauben an ihn schwer macht. Dann aber beginnt sie vom Schönen zu reden, das den Unglauben stört. Das Schöne in der Natur drängt sie zur Dankbarkeit. Auf Gott hin sagt sie: "Das (aber) ist Deine Verwirrung, dass Du das Schöne nicht fort nimmst von unseren Augen", und sie redet von Rose und Rittersporn, von der lieblichen Zeichnung des Windes im Dünensand, von der alten Wanderung der Fische quellwärts und vom Aufbruch der Schwalben zu Mariä Geburt. Das Naturschöne verwirrt, stört den Unglauben, hält die Welt offen auf einen Gott hin. Vom Kunstschönen redet Kaschnitz hier nicht, aber für dieses gilt das von ihr Gesagte analog. Es tröstet und hilft, hat Rilke gesagt.

Kunst kann also ungemein viel. Salopp wird aber heute manchmal gesagt: "Kunst kann alles." Das ist natürlich eine Übertreibung. Jedenfalls kann und hat aber Kunst nicht nur Schönes darzustellen, sondern sie öffnet sich für die ganze ihr erreichbare Wirklichkeit von Welt und Geschichte, auch für das Schreckliche, das Tragische und das absurd Erscheinende. Denn "das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen", hat ebenfalls Rilke gesagt. Dies am Anfang der Ersten Duineser Elegie. Schon in der Antike hat Kunst auch das Schreckliche bis zu Hässlichkeit dargestellt. Sie hat es im Mittelalter wieder getan – man denke an den gekreuzigten Christus auf dem Isenheimer Altar – und sie hat es in der Zeit der Moderne in bildender Kunst und Literatur immer häufiger getan. Als ein Beispiel sei hier nur das Bild "Der Schrei" des Norwegers Edward Munch genannt, und bezogen auf Literatur ein Ausspruch von Eugène Ionesco, der gesagt hat, der biblische Kohelet sei der Ahnvater der modernen Literatur.

Zur Frage, was Kunst denn kann, fügt sich die andere Frage, was Kunst denn darf. Dazu gibt es heute nicht selten die generalisierende Antwort, dass Kunst alles dürfe. Monsignor Otto Mauer hat dies in seinem Text "Über Kunst zu reden" im Jahr 1971 entschieden bestritten, und gesagt, er hätte Verständnis dafür, dass Staat und Gesellschaft sich gegen eine menschenverachtende, rassendiskriminierende, antisemitische und dergleichen Kunst zur Wehr setzen, auch wenn es sich dabei um formal sehr qualitätsvolle Kunst handelte.

In den letzten Jahren hat es bekanntlich seitens islamisch-religiöser Instanzen radikalen Widerstand gegen Werke von Literatur oder bildender Kunst gegeben, die als schwerwiegende Verletzung islamischer religiöser Gefühle empfunden wurden. Über den Literaten Salman Rushdie wurde ein Todesurteil in Gestalt einer Fatwa ausgesprochen, und die Mohammed-Karikaturen eines dänischen Zeichners, die man freilich nur in einem sehr weiten Wortsinn als Kunst bezeichnen kann, haben ein politisches Erdbeben ausgelöst. Wer aber als Künstler gleich welchen Ranges mit der Gestalt Jesu Christi blasphemisch umgeht, riskiert in westlichen Demokratien wie der unseren keinerlei Gefahr für Leib und Leben und zieht daraus manchmal auch erheblichen finanziellen Gewinn. Verantwortungsvolle, kultivierte Christen werden in der Auseinandersetzung mit Kunst jede Gewalt sowohl selbst strikt vermeiden, wie auch solche Gewalt seitens anderer Christen zurückweisen. Das sollte uns als Christen aber nicht eine kompetente und couragierte Auseinandersetzung mit solchen Artefakten ersparen. Es geht dabei nicht nur um die Verteidigung unseres Glaubens, sondern auch um die Bewahrung oder Wiedergewinnung eines für eine Hochkultur nicht verzichtbaren ethischen Standards.

Am Ende dieser Überlegungen über die Herausforderungen an die Kirche durch alte und neue Kunst möchte ich an ein Wort von Max Reinhardt, dem Begründer der Salzburger Festspiele, erinnern. Er hat im Jahr 1917, also in der furchtbaren Zeit des Ersten Weltkrieges, in einer Denkschrift zur Errichtung eines Festspielhauses in Hellbrunn gesagt: "Neben vielen höchst bedeutungsvollen Erscheinungen, die unsere Zeit uns offenbart, ist auch die bemerkenswerte Tatsache zu verzeichnen, dass die Kunst, insbesondere die Kunst des Theaters, sich in den Stürmen dieses Krieges nicht nur behauptet, sondern ihr Bestehen und ihre Pflege geradezu als unumgängliche Notwendigkeit erwiesen hat. Die Welt des Scheines, die man sich durch die furchtbare Wirklichkeit dieser Tage ursprünglich aus allen Angeln gehoben dachte, ist völlig unversehrt geblieben, sie ist eine Zuflucht geworden für die Daheimgebliebenen, aber ebenso für viele, die von draußen kommen und auch für ihre Seele Heimstätten suchen. Es hat sich gezeigt, dass sie nicht nur ein Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern ein Lebensmittel für die Bedürftigen ist."

Ein Lebensmittel zu sein, das verbindet Kunst mit Religion, denn auch Religion ist ein Lebensmittel und sie ist es auch heute für Milliarden von Menschen.

[Von der Diözese Graz veröffentlichtes Original]