Bischof Elio Sgreccia: Das Recht des Kranken auf Information

Ansprache während der diesjährigen Vollversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben

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ROM/WÜRZBURG, 6. März 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Bischof Elio Sgreccia, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, während der 14. Vollversammlung dieser Einrichtung gehalten hat, die von 25. bis 27. Februar 2008 im Vatikan stattfand.

Der Bischof bekräftigte, dass es durchaus richtig und angemessen sei, „über den Todesgedanken zu sprechen, der auch dann das innere Gleichgewicht der Menschen beeinflusst, wenn sie sich noch der Gesundheit erfreuen; gerade angesichts einer Versöhnung des Menschen mit diesem Gedanken, im Lichte der Wahrheit, noch bevor man von der Information des Patienten, der von einer schweren Krankheit mit einer möglicherweise ungünstigen Prognose bedroht wird, und schließlich von der dem Sterbenden mitzuteilenden Wahrheit (und der Art wie sie mitgeteilt wird) spricht.“

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1. Einleitung

Der für diesen Beitrag angegebene Titel ist von großer inhaltlicher Reichweite, da Information als Mitteilung der Wahrheit auf verschiedenen Ebenen – auf analoge und nicht eindeutige Weise, würde ich sagen – angesehen werden kann, auch wenn die Wahrheit wie ein großer Fluss ist, der in einem einzigen Strom das Wasser aufnimmt, das aus verschiedenen Nebenflüssen stammt. Es gibt Informationen, die klinische, diagnostische und therapeutische Aspekte betreffen, also den Ablauf einer Krankheit und ihre Prognose; es gibt natürlich Informationen, welche die Vorhersage des Todes und mögliche damit verbundene Schmerzen betreffen; es gibt dann jene Wahrheit, welche die psychologische Vergangenheit des Patienten und seine Erinnerung betrifft; und schließlich gibt es die moralische Wahrheit sowie jene theologische und eschatologische, welche, im Falle eines Gläubigen, die letzte Hoffnung eines Ankommens nach vollbrachter Reise bedeuten.

Solche Art von Information hat natürlich eine besondere Bedeutung und bringt Probleme und Ungewissheit für das Pflegepersonal mit sich, doch wir wissen, dass die Antwort, die zum Thema der Todesprognose gegeben werden soll, von vielen Umständen abhängt: zunächst davon, ob das Bewusstsein des Betroffenen sie positiv ertragen kann, und diese Bedingung hängt ihrerseits davon ab, was der Betroffene in dem präzisen Augenblick mit der Bedeutung seines Lebens und seiner Erfahrung verbinden kann, in seiner Vergangenheit und in dem präzisen Moment, in dem er uns befragt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Thema der Wahrheit gegenüber dem Patienten die Mitwirkung von Wissenschaften und Kenntnissen verschiedener Provenienz impliziert: Medizin, Psychologie, Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Ethik, Theologie usw.. Dieses Thema anzugehen, impliziert außerdem, dass verschiedene Berufsgruppen zur Mitarbeit – in Wahrheit und Wahrhaftigkeit – aufgerufen werden: das Licht der Wahrheit hat nicht nur Mühe, sich in der Seele des Patienten zu verbreiten, sondern auch in der Kultur des Arztes und des Pflegepersonals, der Verwandten und der Gesellschaft. Von daher versteht sich also das Bemühen, das heute diesem Thema gewidmet wird, das vor allem von den fünfziger Jahren an aufkam und sich wachsender Aufmerksamkeit erfreut.

2. Die Ablehnung des Todes in der heutigen Gesellschaft

Die Schwierigkeit, dem Kranken gegenüber die Wahrheit über den Tod und das Sterben zu äußern, wird heute auch in der Gesellschaft der Gesunden erlebt. Hier besteht eine „Ablehnung“, welche die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit sowie das Verhalten der Einzelnen mehr oder weniger bewusst charakterisiert.

Diese Tatsache ist als bezeichnend für eine Epoche beschrieben worden, in der sich aufgrund von Synergieeffekten verschiedener Faktoren (wie etwa die Säkularisierung der Kultur und der Gesellschaft, die Erfahrung des Wohlstands und die konkrete Möglichkeit eines materiellen Wohlstands, dessen man sich lange Zeit erfreuen kann, der Anstieg der Lebenserwartung) in der Welt der entwickelten Länder eine Verdrängung des Gedankens an den Tod sowie eine Flucht vor dem Leiden zeigt; gleichzeitig wird paradoxerweise das Leben der anderen leicht als eine Sache ohne Wert abgetan und genauso leicht wird der Tod verhängt, um die eigene kurzlebige Befriedigung und den Genuss der eigenen Freiheit zu bewahren.

Es handelt sich um eine Gesellschaft, die nicht nur das Gefühl für Leben und Tod verloren hat, sondern die mehrheitlich Angst davor hat, über diese Gegebenheiten nachzudenken und versucht, ihre Zeichen zu löschen. Es ist daher vom „Tabu“ des Todes die Rede, von der Skotomisation dessen, was im öffentlichen Zusammenhang an den Tod erinnert, von der „Verdunkelung“ seines Vorhandenseins. Stattdessen wird die Betonung auf Gesundheit, Produktivität und Freizeitgestaltung gelegt.

Der Ablehnung des Todes kann man auch in der zeitgenössischen medizinischen Praxis begegnen. In den westlichen Ländern hat die Entwicklung der medizinischen Wissenschaft immer mehr dazu geführt, dass sich eine wissenschaftliche und objektive Form der Medizin behauptet, die häufig die Grenze zwischen Forschung und medizinischer Fürsorge verwischt. Wenn diese Form der Annäherung einerseits zum Erwerb neuer und besserer Kenntnisse geführt hat, hat sie andererseits durch die Tendenz, die Krankheit zu objektivieren, dazu beigetragen, die traditionellerweise fürsorgliche Natur der Heilkunst zu modifizieren. Eine der Folgen war, dass der Tod, der vorher im Bereich der Medizin als ein natürliches Ereignis angesehen wurde, heute als Scheitern, als Grenze, als Misserfolg betrachtet wird.

3. Die Ablehnung des Todes im Bewusstsein des gesunden Menschen

Vor einer Zusammenfassung dessen, was die Literatur und die Erfahrung in diesem Bereich der menschlichen Seele erfasst haben, muss auf einige Unterscheidungen hingewiesen werden. Zunächst die Unterscheidung zwischen der Vorstellung des Todes, die im Alltag erlebt wird, und dem Vorgang des Sterbens im Bewusstsein des Sterbenden: Der Tod wird als eine Tatsache begriffen, eine Tatsache, die alle und daher auch jeden von uns angeht, doch er wird als noch fernliegend empfunden oder bei den Menschen, die uns nahestehen, erlebt: eine Tatsache, die Angst macht, die jedoch wie ein „Gedanke“ erlebt wird. Das Sterben ist ein menschlicher Akt, persönlicher als jeder andere: nicht nur, weil er von der Person erlebt wird, sondern weil er das Gelebte und den Sinn des gesamten persönlichen Lebens zusammenfasst und sich auf eine Wirklichkeit erstreckt, welche der Mensch erwarten oder zurückweisen kann, je nach der Einstellung der jeweiligen Person.

Dieser Vorgang wird in der Vorstellung vom Tod objektiviert, doch er wird immer als eine Bedrohung empfunden, auch wenn er als ein fernliegendes Ereignis gedacht wird: Er ist der wahre Grund der Angst, manchmal ist er ein Alptraum, der auch die Kindheit, den Schlaf, die Spiele der Jugend stört, gerade weil er uns, jeden von uns, betreffen wird.

Es ist daher richtig und angemessen, über den Todesgedanken zu sprechen, der auch dann das innere Gleichgewicht der Menschen beeinflusst, wenn sie sich noch der Gesundheit erfreuen; gerade angesichts einer Versöhnung des Menschen mit diesem Gedanken, im Lichte der Wahrheit, noch bevor man von der Information des Patienten, der von einer schweren Krankheit mit einer möglicherweise ungünstigen Prognose bedroht wird, und schließlich von der dem Sterbenden mitzuteilenden Wahrheit (und der Art wie sie mitgeteilt wird) spricht. Wenn wir diese Überlegung anführen, noch bevor wir über die Wahrheit sprechen, die dem schwerkranken oder sterbenden Menschen mitzuteilen ist, dann deswegen, weil die „Ablehnung des Todes“ und die „Angst vor dem Sterben“ sich zu Beginn unserer Kindheit tief in das Unterbewusstsein einschleichen (es scheint, dass die ersten Fragen über das Warum des Todes bereits im Alter von vier Jahren formuliert werden). Wenn sie in diesem Alter nicht erklärt oder unterdrückt werden, dann vergiften sie das Leben und die Freude am Leben, dann stören und entstellen sie das Verhalten und lassen die Augenblicke des Leidens oder des näherrückenden Alters oder schwerer Krankheiten als zunehmend unannehmbar erscheinen. Es ist notwendig, schon früh Frieden mit dem Tod zu schließen, um ein Empfinden für das Leben zu entwickeln und mit Gelassenheit das Näherrücken des Todes betrachten zu können, in dem gar der Zugang zu einem späteren, einem „reicheren“ Leben erkannt werden kann. Wir müssen uns vor allem darum kümmern, das Geheimnis des Todes in der kindlichen Seele, in der Seele der Jugendlichen und der Heranwachsenden sowie derjenigen, die gesund sind, mit der Wahrheit, die uns frei macht, zu erleuchten. Das Leben des Sterbenden bedarf des besonderen Trostes, der jedoch durch die positive Bedeutung des gelebten Lebens, vereinfacht werden sollte.

Diejenigen, die als Kinder und Jugendliche Frieden mit dem Leiden und mit dem Tod geschlossen haben, sind geneigt, denen zu helfen, die sich in einer konkreten Situation des Leidens oder des Todes befinden. Sie öffnen sich dem Dialog und dem Dienst. Es handelt sich um die Welt der positiven Solidarität, die sich aus denen zusammensetzt, die das eigene Kreuz durch die Kraft der Liebe in sich angenommen haben und den anderen dabei helfen, ihr Kreuz zu tragen. Neben dieser Welt und ihr entgegengesetzt zeigt sich eine andere, die aus denen besteht, welche vor dem Schmerz fliehen, vor einem Leben, das auf nicht wiedergutzumachende Weise durch das Näherrücken des Todes gefährdet ist, der vor unseren Augen die menschliche Gestalt derer, die uns nahestehen oder mit uns verwandt sind, auflöst.

Diese äußere und gesellschaftliche Flucht zeigt eine innere Flucht an und bleibt nicht ohne Auswirkungen. Die Auswirkung besteht nicht nur darin, dass sich um das Bett des unheilbar Kranken eine Leere verbreitet: diese Flucht entwickelt, aufgrund einer ihr innewohnenden Logik, eine unsoziale Haltung, eine Beziehung zum Negativen, eine Art zerstörerisches Potenzial.

In dieser Gesellschaft – in der westlichen, so müssen wir hinzufügen – geschieht es, dass die alten und behinderten Menschen ausgegrenzt werden. In dieser Gesellschaft stellt sich das Problem und die Tatsache der eugenischen Euthanasie für missgebildete Neugeborene und der endgültigen und sozialen Euthanasie für die unheilbar Kranken.

Wir könnten schließlich diesen letzten Schluss ziehen: Die Wohlstandsgesellschaft befindet sich an dem Punkt, die Flucht vor dem Leid mit dem programmierten Aufgeben derer zu planen, deren Pflege zu sehr auf den „Wohlhabenden“ lastet; dieses Aufgeben kann die legalisierte Form der Euthanasie annehmen oder jenes anonyme, generalisierte „therapeutische Aufgeben“, das jemand als „soziale Euthanasie“ bezeichnet hat. Um diesen negativen Schub zu verhindern und um in der Seele der jungen und erwachsenen Menschen einen „Frieden“ mit den Leiden und mit dem Tod zu schaffen, bedarf es eines pädagogischen Weges, der sich mit der Bemühung der Vernunft und des Willens auf der natürlichen Ebene verwirklicht, sowie auch mit einem Reifwerden des Glaubens auf übernatürlicher Ebene, in dem deutlichen Bewusstsein, dass sich in der Realität des formativen Prozesses, im „Ich“, das sich bereichert und sich öffnet, die beiden Komponenten – die natürliche und die übernatürliche – begegnen und sich synergetisch ergänzen.

Der unheilbar Kranke ist ein Test für die christliche Reife, da er den Wert des Lebens in sich trägt, das den Augenblick seiner größten existenziellen Aufgabe erreicht, der größten Gefahr psychologischer Destrukturierung oder der Öffnung zur letzten Reife. Seitens der Personen, die dem Kranken nahestehen, sollte dieser Moment in positivem Sinne ein Katalysator für intensive Solidarität werden, für reife ethische Verpflichtung, in der die brüderliche Liebe durch Aufopferung und selbstlosen Dienst bezeugt wird.

Ob die Nächstenliebe und die Solidarität authentisch sind oder nicht, ob die Achtung vor dem Leben auf der Wahrheit und nicht auf dem Nutzen gründet, ob die Gesellschaft solidarisch oder utilitaristisch ist, wird in diesen Stunden menschlichen Bemühens deutlich sichtbar. Ob schließlich die Medizin dazu dient, den Patienten in dem Moment auf seinem Weg zu heilen und zu unterstützen, in dem er „mehr Patient“ ist und in dem sie nicht Gesundheit für den „bien portant“ garantiert, all das kann sich in diesem entscheidenden Moment zeigen. Es stimmt, dass für diejenigen, die an den Wert des Erlösungsopfers Christi und des Christen glauben, für diejenigen, die auf die Auferstehung hoffen, für diejenigen, welche die Gewissheit besitzen, dass die Liebe Christi sowohl im Leidenden als auch in der Pflegeperson gegenwärtig ist („Das habt ihr mir getan“ – Mt 25), eine Kraft existiert, die jeden Sinn rein menschlicher Solidarität weit übersteigt; es ist jedoch auch bekannt, dass jeder, der den Menschen um seiner selbst willen liebt, und nicht aufgrund seines Nutzens, implizit die Transzendenz bestärkt und das Transzendente postuliert.

Es ist gewiss, dass die Wahrheit des Glaubens dort, wo sie verkündet und angenommen wird, die menschliche Reife stärkt, die in selbstloser Liebe besteht. Das geschieht durch das Vorbild Christi und mit seiner Hilfe.

4. Die Kommunikation mit dem Kranken in der diagnostischen und therapeutischen Phase

Bis jetzt haben wir von der Wahrheit in Bezug auf den Sinn des Lebens gesprochen, als Konstruktion und Vorbereitung, um dem Leiden und dem Tod einen positiven Sinn zu verleihen; jetzt nähern wir uns dem Kranken, um an die Funktion der Wahrheit zu erinnern, welche die Diagnose begleitet und Teil der globalen Therapie der Person ist.

Seit einigen Jahren ist dieses Thema, vor allem im Bereich der Palliativtherapie, ein besonderer Untersuchungsgegenstand geworden. Meistens handelt es sich um den Kontext von tumorkranken Patienten, bei denen die Kommunikation der Diagnose nicht einfach ist.

Wenn man die Angaben zusammenfasst, können nach dieser Darstellung der verschiedenen Modelle folgende Punkte im Licht der katholischen Moral herausgestellt werden.

Die Beziehung zwischen Arzt und Patient basiert auf dem Vertrauen. Daher besteht einerseits eine rechtliche Pflicht, dass der professionell qualifizierte Arzt die Wahrheiten offenbaren muss, die den Gegenstand des Berichtes selbst betreffen; von Seiten des Patienten hingegen besteht ein Recht auf Information, das nunmehr auch durch Gesetze und internationale Bestimmungen sowie durch deontologische Vorschriften bekräftigt wird.

Diese moralische Verpflichtung und dieses juridische Recht bedeuten nicht, dass der Arzt alles sagen muss, was er wissen kann, sondern dass er mitteilt, was für das Verständnis des tatsächlichen Zustands der Person und die Schwere der Situation relevant ist. Es ist daher selbstverständlich, dass Lügen vermieden werden müssen. Es ist notwendig, dass die wirkliche Situation in den Grenzen des überprüften Wissens dargelegt wird. Dabei ist eine drastische Form der Mitteilung zu vermeiden. Es soll vielmehr Anlass zur Hoffnung gegeben werden sowie die Garantie auf Nähe und Hilfe, denn wenn auch das Recht die Wahrheit verlangt, so ist doch auch wahr, dass diese Mitteilung von Liebe begleitet werden muss.

5. Die Mitteilung der Wahrheit nach einer ungünstigen Diagnose

In der Situation des nahen Todes ist das wichtigste Problem hinsichtlich der Information des Patienten die Art und Weise der Kommunikation.

Aus diesem Gesichtswinkel möchte ich das Thema behandeln, wie man erreichen kann, dass der Patient die Wahrheit annimmt und eventuell, wo dies möglich ist, zu einer letzten geistlichen Reife gelangt. Das Problem der Mitteilung oder Nicht-Mitteilung sehen wir hingegen in dem Sinne als gelöst an, dass die Mitteilung als verpflichtend angesehen wird.

Folgende Phasen sind allen bekannt, die sich um den psychologischen Beistand Schwerkranker bemühen: die Negation (es ist nicht möglich: hier muss ein Irrtum vorliegen, es ging mir niemals besser als jetzt!), der Zorn (warum gerade mir), Verhandeln (Verkürzung der negativen Aspekte, Suche nach positiven Anzeichen), Depression und Annahme.

Der Arzt muss diesen emotiven Zustand, den der Patient zu seinem Schutz aktiviert, in seiner Kommunikationsstrategie berücksichtigen. Im Patienten vermischt sich der Wunsch zu leben mit dem Wunsch in Ruhe zu sterben. Der Tod wird zumeist in einer hochemotionalen Gesamtheit von Gefühlen, Ängsten und Reaktionen erlebt, die es schwierig machen, einen Gedanken der Hoffnung zu fassen.

Alberto Caturelli hat die Beobachtung gemacht, dass es unzureichend ist, vom Tod als einer Tatsache zu sprechen. Man muss vielmehr vom Tod wie von einem Akt reden und zwar von einem menschlichen Akt. Dieser Akt, der sich vor allem auf den Todeskampf konzentriert, wird in seiner tiefgründigen Dichte betrachtet: der Mensch beginnt in dem Moment zu sterben, in dem sein Leben im Mutterleib beginnt. Sein gesamtes irdisches Leben mit seinen vielfältigen Handlungen und Entscheidungen ist – ob man daran denkt oder nicht – von diesem Zugehen auf den Tod gezeichnet. In einem gewissen Sinn ist der Mensch immer ein Sterbender, doch der Todeskampf bezeichnet den Höhepunkt dieses Weges zum Sterben hin und stellt einen unumkehrbaren Moment auf ihm dar. Die Ärzte registrieren die Tatsache, doch der Sterbende erlebt diesen Akt in seinem Bewusstsein: Der Sterbende nimmt um sich herum das Schweigen wahr, er empfindet seinen physischen Verfall, er stellt fest, dass ihm keine Zeit mehr bleibt.

Dazu schreibt unser Wissenschaftler Caturelli: „Jenes innere Zentrum, das außerhalb jeder Nachprüfung liegt, ist der Bereich des Kampfes – gegen den Tod – und des reinen Augenblicks ohne Vergangenheit und ohne darauf folgende Zukunft; in diesem Augenblick besteht keine folgende Dauer. An diesem Punkt ist der Arzt (der in seinem Berufsleben nichts anderes tut, als zu versuchen, jenen Augenblick hinauszuzögern) gezwungen zuzugeben (nunmehr definitiv außerhalb des Geschehens stehend, das er betrachtet), dass das Problem des Lebens enigmatisch bleibt [...]; die empirische Wissenschaft mit ihren Hilfsmitteln bleibt außerhalb dieses Kampfes und dieses letzten Bruchs. Sie beschränkt sich lediglich darauf, nach einem – stets umstrittenen – Kriterium des Todes die reine Tatsache der Beendigung des Lebens festzustellen, angesichts des Sterbeaktes jedoch muss sie schweigen.

Es handelt sich um einen feierlichen und heiligmäßigen Augenblick, den wir in innerer Sammlung und voller Liebe betrachten müssen. In jenem Augenblick ist die gesamte Zeit des Sterbenden enthalten, der in einem einzigen Akt die Gesamtheit seines Lebens sehen kann. Für den Gläubigen überträgt dieser Akt im Pascha Christi die Totalität des persönlichen Lebens von der irdischen Immanenz zur Transzendenz der Ewigkeit: es ist ein abschießender Akt und gleichzeitig der Akt eines neuen Anfangs: eine neue Geburt.

6. Schlussfolgerungen

Die große „Information“ welche das Bewusstsein der Menschen erleuchten und stärken soll, ist die Verkündigung des Todes und der Auferstehung Jesu, der den Zugang zum Ewigen Leben in Fülle öffnet. Die Eschatologie begründet und erleuchtet den gesamten Inhalt des Glaubens über die Schöpfung, über die Auferstehung, über das Wirken der Kirche und über das Schicksal jedes Menschen, der zum Glauben aufgerufen ist: Sie präsentiert uns die absolute Vormacht der Bestimmung zum Leben und zur ewigen Glückseligkeit im göttlichen Plan.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 6. März 2008