Bischof Genn: Die Geschichte des Christentums soll jetzt neu beginnen

Predigt beim Abschlussgottesdienst der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

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FULDA, 28. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Essener Diözesanbischof Dr. Felix Genn am Donnerstag beim Abschlussgottesdienst der diesjährigen Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda gehalten hat.



Bischof Genn ermutigte seine Mitbrüder im Hirtenamt, die sich am Grab des heiligen Bonifatius versammelt hatten, das Erbe dieses Heiligen fortzuführen und „dem kostbaren Gut des Glaubens Raum zu geben, es an andere Menschen weiterzutragen und sie mit Jesus Christus in Berührung zu bringen“. Mit Worten Johannes Pauls II. betonte er, dass die Geschichte des Christentums in Deutschland jetzt neu beginnen müsse – durch die Bischöfe und ihr im Geist des heiligen Bonifatius geformtes Zeugnis!

Der Hirte von Essen wies darauf hin, dass es zu einer „neuen Christianisierung für unser Land“ erforderlich sei, aus einer „ganz bewussten Entschiedenheit“ heraus zu leben; der Entschiedenheit, „Jesus Christus als den Weg und die Wahrheit und das Leben zu bekennen“.


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Liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Mitbrüder im priesterlichen und Diakonenamt,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

es ist eine eher stille Geste, die am Ende dieser Gebetsstunde steht: Die Bischöfe treten vor einen ihrer Mitbrüder – dieses Mal ist es Kardinal Wetter. Er legt jedem Einzelnen schweigend eine Reliquie des heiligen Bonifatius auf den Kopf, um zu segnen und die Fürsprache dieses Apostels der Deutschen zu erbitten. Jeder von uns Bischöfen wird in diesem Augenblick mit einer ganz bestimmten Bitte diesen Segen empfangen. Er wird sicherlich dabei an seine eigenen Anliegen und Sorgen im Blick auf die ihm anvertrauten Menschen in seinem Bistum denken.

Wenn wir uns Jahr für Jahr am Grab des heiligen Bonifatius versammeln, so stellen wir uns damit nicht nur in die Tradition, die Mitbrüder vor 140 Jahren hier begonnen haben, sondern in die Überlieferung des Glaubens in unserem Land. Diese Gemeinschaft durch die Zeiten und die Verbundenheit in der Aufgabe, an unterschiedlichen Orten unseres Landes denselben Auftrag zu erfüllen, wie es der heilige Bonifatius getan hat; sie ist getragen vom tiefen Glauben daran, dass wir uns in der Gemeinschaft der Kirche, die wir auch die Gemeinschaft der Heiligen nennen, gegenseitig stützen und tragen. Um wie viel mehr kann es der, der für den Glauben an Christus sein Leben vor über 1250 Jahren gegeben hat! Deshalb wird diese Fürbitte ebenso mächtig sein, wie die Geste und das Gebet sich in aller Stille vollziehen.

Der Abschluss unserer Bischofskonferenz mit dieser Andacht und der Anrufung des heiligen Bonifatius birgt in sich aber auch eine große Verpflichtung, an die ich immer wieder erinnert werde, wenn ich hier in Fulda bin und ich den Segen mit der Bonifatiusreliquie empfange. Sehr eindrücklich hat diese Verpflichtung Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1980 zum Ausdruck gebracht. Er erinnerte damals daran, dass die Geschichte des Glaubens in unserem Land mit dem heiligen Bonifatius einen bedeutsamen Neuanfang erfahren hat. Dann fuhr der Papst fort: „Viele sagen, diese Geschichte neige sich jetzt ihrem Ende zu. Ich sage euch: Diese Geschichte des Christentums in eurem Land soll jetzt neu beginnen, und zwar durch euch, durch euer im Geist des heiligen Bonifatius geformtes Zeugnis!“ (Predigt von Papst Johannes Paul II. am 18. November 1980).

In der Tat: Diese Worte haben an Gewicht nicht verloren, sondern ihre Bedeutung hat vielmehr gewonnen. Auch heute haben viele den Eindruck, als ob die Geschichte des Glaubens in unserem Land sich dem Ende zuneigt. Die Verpflichtung, sie weiterzuschreiben und dem kostbaren Gut des Glaubens Raum zu geben, es an andere Menschen weiterzutragen und sie mit Jesus Christus in Berührung zu bringen, gilt in unserer Stunde noch verstärkter.

Wir erleben, dass der Glaube zu verdunsten scheint, dass viele Menschen ihm den Rücken zuwenden, in den Familien, in den Gemeinden, vielleicht in den unterschiedlichen Regionen unseres Landes nicht in gleicher Intensität. Um so mehr bedrängt uns die Sorge, wie auch Menschen morgen glauben können, wie unsere Jugendlichen in einem vielfältigen Angebot, ja in einem Überangebot von Modellen, Leben zu gestalten, die Perle und den Schatz des Evangeliums finden. Dass es junge Menschen gibt, die sich anderen Religionen zuwenden, muss uns stark herausfordern. Es stellt uns vor die Frage, warum sie nicht bei uns Christen finden, was ihrem Leben Sinn gibt, der Leben füllt.

Im nächsten Jahr feiern wir im Bistum Essen den 50. Geburtstag. Wir haben uns entschieden, dieses bescheidene Jubiläum unter das Leitwort zu stellen: „Leben im Aufbruch“. Wir wollen bezeugen, dass wir trotz aller negativen Signale in der Botschaft des Evangeliums gegenüber anderen Sinnangeboten und Religionen die Alternative sehen, die Leben in Fülle schenkt.

Freilich braucht es dafür Frauen und Männer nicht nur in unserer Region, sondern in unserem Land, die vom Eifer für das Evangelium erfüllt sind und aus Liebe zu Christus seine Botschaft ausstreuen, um Menschen für ihn zu gewinnen. Ähnlich beschreibt die Präfation vom Fest des heiligen Bonifatius dessen Wirken. Hier gibt es keinen Unterschied trotz der großen Zeitspanne, die uns voneinander trennt.

Die deutschen Bischöfe haben in ihrem Schreiben über die Mission der Weltkirche ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Dialog mit den anderen Religionen uns nicht davon entbindet, Zeugnis für Christus zu geben, weil es um das Zeugnis von der universalen Reichweite der Liebe Gottes geht. „Gott will dem konkreten Menschen in seiner ganz persönlichen Suche nach Heil, auch im Leiden und sogar über den Tod hinaus, so konkret und unmittelbar wie nur irgend möglich begegnen“ (S. 50). Wir sprechen von der „einzigartigen Freundschaft“ (S. 51), zu der Gott die Menschen in Jesus Christus einlädt.

Eben haben wir aus dem Johannesevangelium gehört, wie Jesus davon spricht: Intimer kann Jesus gar nicht seine Sendung beschreiben. Er ordnet sie in das Geheimnis der Freundschaft ein. Die Kirche hat diesen Text als Evangelienabschnitt zum Fest des heiligen Bonifatius ausgewählt. Auch Johannes Paul II. hat in seinem Wort in Fulda sowohl in der Predigt wie auch in seiner Ansprache an die Priester, Diakone und Seminaristen auf diese Stelle Bezug genommen. Als Freunde Jesu Christi sind wir herausgerufen, den Menschen von heute Zeugnis zu geben von dem, was Jesus Christus der Welt gebracht hat.

Die entscheidende Frage ist: Sind wir uns dieses Schatzes bewusst? Wissen wir in der Tiefe unseres Herzens zu würdigen, was Jesus uns schenkt, wenn er uns seine Freunde nennt?

Meines Erachtens liegt hier der entscheidende Ansatzpunkt einer neuen Christianisierung für unser Land und der Wendepunkt, an dem wir uns abwenden von einem oberflächlichen religiösen Bewusstsein hin zu einer ganz bewussten Entschiedenheit, Jesus Christus als den Weg und die Wahrheit und das Leben zu bekennen. Wenn wir in dieser Weise nicht mit Herz und Sinn fest werden, können wir weder die Auseinandersetzung, in die wir gestellt sind, bestehen, noch Menschen zeigen, dass es sich lohnt, Christ zu sein, dass es schön ist, wahr und gut, von diesem Bekenntnis her das Leben zu gestalten.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn der Evangelist Johannes in die Abschiedsstunde Jesu diese Worte legt, dann will er damit zum Ausdruck bringen, wie sehr der Herr vor seinem Tod in diese Beziehung und in dieses Geheimnis der Freundschaft sein Wirken, Handeln und Reden einbindet. So persönlich ist der allmächtige Gott! Ja gerade in dieser persönlichen Beziehung zu jedem Einzelnen eröffnet er uns, worin seine Allmacht und Größe besteht: dass er das kann, mit jedem Einzelnen eine persönliche Bindung eingehen.

Er schenkt uns Jesus, diesen einzelnen Menschen, in dem er sich ganz und gar in seiner Wahrheit offenbart und zeigt. In Ihm schenkt er uns seinen eigenen Sohn. Er wählt Menschen aus zu Freunden, und wir haben die Gnade empfangen, ihn zu entdecken. Wir sind keine Knechte, die nicht wissen, was ihn bewegt und umtreibt, sondern er offenbart uns das innerste Geheimnis seiner Person.

Er teilt uns alles mit, was er aus der Gemeinschaft mit dem Vater empfangen hat: Er teilt uns die innersten Herzensabsichten Gottes mit. Wo wird das klarer, dichter, voller als in der Eucharistie – denn kann er uns mehr schenken als seinen Leib und sein Blut? Gerade an diesem Kernpunkt, dem Höhepunkt unseres Glaubens und unseres feiernden Bekenntnisses, wird uns bewusst: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16a).

Deshalb kann er auch etwas von uns erwarten. Aber er erwartet nicht mehr von uns, als Freunde voneinander erwarten können: Er möchte, dass wir sein Werk fortsetzen, dass wir uns aufmachen, Frucht bringen, dem folgen, was er uns aufgetragen hat. Das ist nichts anderes, als zu vertrauen, dass man mit der Liebe wirklich die Welt umgestalten kann. Ja, dass man sich dabei sogar verlieren kann, ohne unterzugehen, aufreiben kann, ohne unnütz verbraucht zu werden, gehasst werden kann, ohne zerstört zu werden, verfolgt werden kann, ohne die Heimat, bei ihm zu sein, zu verlieren. Sich aufmachen und Frucht bringen – das hat im Ruhrbistum eine Geschichte in der Sorge für die Schwachen, im Einsatz, Welt mitzugestalten in Bergbau und Industrie. Auch heute behält dieser Auftrag Jesu seine Aktualität – und jeder von uns wird ihm sein Gesicht geben.

Vom Eifer für das Evangelium erfüllt war der Mann, mit dessen Reliquie wir berührt werden, den Sie hier in Fulda immer wieder verehren dürfen. Vom Eifer für das Evangelium erfüllt – das ist die Anfrage und Herausforderung unserer Tage. Brennt es in uns, oder überwiegen doch Zweifel und Skepsis, es mit der Christengeschichte jetzt einmal gut sein zu lassen oder sie so zu glätten, dass sie plausibler und angenehmer wirkt. Papst Benedikt hat in Österreich eindringlich gemahnt, dass wir uns angesichts des kostbaren Schatzes unseres Glaubens nicht selbst aufgeben. Wir haben es nicht nötig, denn wir leben als Freunde des Auferstandenen.

Die schönen Stunden, die wir immer wieder hier bei Ihnen im Dom zu Fulda erfahren dürfen, die mächtige Feier des Glaubens am Ende unserer Konferenz, sind ein ermutigender Impuls, den Worten Papst Johannes Paul II. zu folgen, der Geschichte des Christentums in unserem Land einen neuen Aufbruch zu schenken. Jeder von uns kann Zeuge dieser froh machenden Botschaft sein, weil er weiß und erfahren hat, wie kostbar es ist, dem Freund Jesus anzugehören.

Ich wünsche es Ihnen, liebe Schwestern und Brüder. Vielleicht ist es am schönsten zusammengefasst, wenn man ihn täglich darum bittet: „Lass nicht zu, dass ich jemals von dir getrennt werde.“ Amen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz zur Verfügung gestelltes Redemanuskript]