Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg: Die Wahrheit des Lehramtes als Ausdruck der Nächstenliebe

Vortrag anlässlich der 47. Videokonferenz der Kongregation für den Klerus

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ROM, 7. Juni 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Impulsvortrag, den der Regensburger Diözesanbischof Gerhard Ludwig Müller während der letzten Videokonferenz der Kongregation für den Klerus am 30. Mai gehalten hat. Sie war dem Thema der Liebe und Treue zum päpstlichen Lehramt gewidmet.



Bischof Müller unterstrich: "Die apostolische Sendung der Kirche wird von allen getragen, die zur Gemeinschaft der Gläubigen gehören." Sie äußere sich im Dienst der Liebe (diakonia), in der Verkündigung des Wortes Gottes (martyria) sowie in der Feier der Sakramente (leiturgia). Aus diesem Grund habe sich das Lehramt der Kirche, von der Liebe Christi dazu gedrängt, mit gesellschaftlichen Fragen befasst, um zu einer immer menschlicheren Welt beizutragen.

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Schrift und Tradition sind in unterschiedlicher Weise Quelle und normative Orientierungspunkte der Theologie. Da die Offenbarung nicht in einem abstrakten Lehrsystem objektiviert werden kann, sondern nur in der lebendigen Verkündigung der apostolischen Urzeugen existiert, ist die Theologie an die Zeugenschaft derer verwiesen, die in der legitimen historischen Nachfolge der Apostel stehen und ihr Amt in der Kraft des der Kirche verheißenen Heiligen Geistes ausüben.

Die apostolische Sendung der Kirche wird von allen getragen, die zur Gemeinschaft der Gläubigen gehören. In je verschiedener, aber aufeinander bezogener Weise sind Laien, Ordensleute, Priester, Diakone und das vom Heiligen Vater geleitete Kollegium der Bischöfe Träger der einen apostolischen Sendung der Kirche. Diese erstreckt sich auf alle Dimensionen kirchlichen Lebens in Diakonia, Martyria und Leiturgia.

Mit der Enzyklika Deus caritas est hat der Heilige Vater Papst Benedikt XVI. einen besonderen Blick auf die Diakonie gelenkt. Das Liebestun der Kirche ist Ausdruck der trinitarischen Liebe. Mit den weiterführenden Worten der Enzyklika: "Die in der Gottesliebe verankerte Nächstenliebe ist zunächst ein Auftrag an jeden einzelnen Gläubigen, aber sie ist ebenfalls ein Auftrag an die gesamte kirchliche Gemeinschaft, und dies auf all ihren Ebenen" (20) Und so resümiert der Heilige Vater: "Auch die Kirche als Gemeinschaft muss Liebe üben" (ebd.). Der Liebesdienst der Kirche, den in der Geschichte so herausragende Gestalten wie zum Beispiel Mutter Theresa von Kalkutta konkret und mit hingebungsvollen Einsatz ausgeübt haben, gehört zum Wesen der Kirche, "ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst" (25).

So erscheint es plausibel, dass sich das Lehramt der Kirche mit den drängenden Fragen nach einer gerechten Struktur der Gesellschaft seit den im 19. Jahrhundert auftretenden Veränderungen in der Gesellschaft beschäftigt. Das päpstliche Lehramt vertrat erstmals mit der Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. seine eigene Position zu den herandrängenden Problemen. Und sehr schnell wurde deutlich, dass es nicht um eine rein irdische und materiell konzipierte Wohlfahrt gehen kann, sondern um die grundsätzliche Frage nach dem Menschen und sein Verhältnis zur Arbeit. Die Kirche ist "Gottes Familie in der Welt. In dieser Familie darf es keine Notleidenden geben" (25) – diese Worte aus der Enzyklika des Heiligen Vaters drücken die ernste Sorge des Lehramtes der Kirche um die Not der Hungernden, der Leidenden und Sterbenden aus. Das "Tun der Wahrheit", wie es der Evangelist Johannes (vgl. Joh 3, 21) so eindrücklich formuliert, gehört, weil es aus dem Wesen der Kirche selbst herkommt und unverzichtbarer Ausdruck ihres eigenen Wesens ist, zum großen Auftrag Jesu Christi selbst.

Die Wahrheit des Lehramtes liegt begründet in der Liebe Jesu Christi für seine Kirche. Denn Wahrheit und Liebe sind untrennbar aufeinander bezogen. Diesen Aspekt hat das Lehramt der Kirche immer deutlich herausgestellt.

[Von der Kongregation für den Klerus veröffentlichtes deutsches Original]