Bischof Hanke: Lesen wir die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Hirtenbrief „Identität und Kontinuität"

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EICHSTÄTT, 15. Februar 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Hirtenbrief, den Bischof Gregor Maria Hanke OSB aus aktuellem Anlass verfasst hat. Das Schreiben trägt den Titel „Identität und Kontinuität".

„Liebe Schwestern und Brüder! Ich bitte Sie um das Gebet für den Heiligen Vater und um die Treue zu ihm. Wir selbst sollten uns wieder verstärkt den Texten des II. Vatikanums zuwenden und nicht zulassen, dass über das Konzil nur in Schlagworten gesprochen wird. Lesen wir die Texte als Bereicherung für uns und bemühen wir uns um die Verwirklichung des II. Vatikanums."

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Liebe Schwestern und Brüder!

Die Ereignisse in jüngster Zeit veranlassen mich, dieses Hirtenwort heute an Sie zu richten.

IDENTITÄT und KONTINUITÄT sind zwei Kernbegriffe, die der Papst mit seinem Amt für die Kirche verbürgt. Sind Identität und Kontinuität durch die Ereignisse der letzten Wochen gefährdet?

1. Eine Entscheidung, die Aufsehen erregt

So mancher fragte mich in diesen Tagen, ob die jüngste Entscheidung des Heiligen Vaters, die Exkommunikation der vier illegal geweihten Bischöfe der Lefebvre-Bewegung zurückzunehmen, nicht eine Entfernung vom Zweiten Vatikanischen Konzil bedeutet und damit der Identität der Kirche schadet. Zeitgleich mit der Rücknahme der Exkommunikation wurden verwerfliche Ansichten eines der vier Bischöfe enthüllt: Er leugnet den Holocaust, was großes Entsetzen hervorrief.

Zu Richard Williamson und seiner Äußerung ist eindeutig festzustellen: Er hat mit seinen Aussagen die Opfer der Shoa verhöhnt und sich an ihnen versündigt. Er steht mit seiner zynischen Position im krassen Gegensatz zur Lehre des Papstes. In zahlreichen Ansprachen hat Papst Benedikt XVI. unmissverständlich betont, wie verwerflich jeglicher Antisemitismus ist. Papst Benedikt gehört überdies zu jenen Theologen, für die der Dialog mit der jüdischen Glaubenstradition eine Instanz christlicher Erkenntnisbildung bedeutet. Den Papst in die Nähe des Antisemitismus rücken zu wollen, zeugt entweder von völliger Unkenntnis seiner Schriften und Positionen oder von Böswilligkeit. Positionen wie die des Richard Williamson können keinen Platz haben in unserer um den Heiligen Vater gesammelten Gemeinschaft der Glaubenden.

Medien stellten die Rücknahme der Exkommunikation fälschlich als Rehabilitierung eines Holocaust-Leugners dar sowie als kirchliche Rehabilitierung der vier Bischöfe und deren Aufnahme in die Katholische Kirche. Es ist irrig, die Rücknahme der Exkommunikation mit einer kirchlichen Rehabilitierung gleichzusetzen. Dennoch wird immer noch diese falsche Interpretation wiederholt, die in eine von Emotionen getragene, aggressive und mitunter von Häme und Hass getragene Kampagne gegen den Papst mündete.

Lassen Sie mich einige Klarstellungen vornehmen:

Die Rücknahme der Exkommunikation, um die der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X. gebeten hatte, hebt keineswegs die Trennung der Pius-Bruderschaft von der Kirche auf. Die vier Bischöfe bleiben weiterhin suspendiert, was bedeutet, dass sie ihr Bischofsamt nicht ausüben dürfen. Durch die Rücknahme der Exkommunikation sollte die Möglichkeit eröffnet werden, offizielle Gespräche zu führen. Dabei ist klar, dass eine Einigung nicht ohne die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils möglich ist.

Gegenwärtig ist immer wieder zu hören, ob der Papst in der Frage der Pius-Bruderschaft nicht einseitig zu großzügig und im Blick auf das II. Vatikanum riskant vorgeht, ob er hier nicht die Linie seines Vorgängers Johannes Paul II. verlässt.

2. Das Bemühen des Papstes um Einheit

Liebe Schwestern und Brüder, der Dienst an der innerkirchlichen Einheit ist Papst Benedikt ein großes Anliegen und ein roter Faden dieses Pontifikates. Der Papst führt unter anderen den Titel „Pontifex Maximus“, das meint übertragen: Erster Brückenbauer.

Um eine Brücke der Einheit zu bauen, hat der Heilige Vater zum Beispiel vor mehr als eineinhalb Jahren eine Initiative auf China hin unternommen. Neben der katholischen Kirche im Untergrund, die immer wieder Bedrängnisse erfährt, existiert dort die so genannte patriotische Kirche, die sich von Rom abgespalten hat und von der Regierung abhängig ist. Ihre Bischöfe wurden und werden gleichfalls illegitim geweiht. Papst Benedikt hat ein hochherziges Zeichen gesetzt, das als Einladung zur Versöhnung und Einheit und zum gemeinsamen Weg in die Zukunft zu verstehen ist.

Ebenso ist die vom Generaloberen der Pius-Bruderschaft erbetene Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe Ausdruck der Sorge um die innerkirchliche Einheit und Versöhnung. Der Schritt enthebt die Bischöfe und die Pius-Bruderschaft freilich nicht, das II. Vatikanum anzuerkennen. Auch hierin wahrt Papst Benedikt die Kontinuität mit seinem Vorgänger. Ein Blick auf Ereignisse im zurückliegenden Pontifikat zeigt dies. Bald nach der Wahl zum Papst im Jahr 1978 empfing Johannes Paul II. Erzbischof Lefebvre in Privataudienz. Dem Hl. Vater lag die Einheit am Herzen. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre beauftragte der Papst den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, die Verhandlungen mit der Bruderschaft zu leiten. Im Mai 1988 hatte man sich auf eine Plattform geeinigt, auf deren Basis weiterführende Gespräche stattfinden sollten. Im letzten Moment zog jedoch Erzbischof Lefebvre zurück und weihte wenige Wochen später verbotenerweise vier Priester der Pius-Bruderschaft zu Bischöfen. Dieser Bruch mit der Kirche zog automatisch die Exkommunikation der geweihten Bischöfe nach sich. Dennoch behielt Papst Johannes Paul II. das Anliegen der Einheit im Blick. Als er im Heiligen Jahr 2000 die Peterskirche für eine Wallfahrt der Pius-Bruderschaft an das Grab des hl. Petrus öffnete, setzte er ein Zeichen. Noch gegen Ende seines Lebens empfing Papst Johannes Paul II. einen der vier Bischöfe in Privataudienz.

Papst Benedikt war und ist im Falle der Pius-Bruderschaft sowie gegenüber der Kirche in China um die Einheit bemüht. Gleiches gilt für seine Bereitschaft, ihm gegenüber kritisch eingestellten Theologen die Hand zu reichen. Zur Versöhnung und Einheit braucht es freilich stets beide Seiten. Richard Williamson hat dem Bemühen des Papstes einen schweren Schlag versetzt.

3. Die Verbindlichkeit des II. Vatikanischen Konzils

Liebe Schwestern und Brüder, Befürchtungen, es könnte zu einer „Rückwärtswendung“ hinter das Zweite Vatikanische Konzil kommen, sind nicht angebracht. Papst Benedikt hat das II. Vatikanum als Theologe nicht nur miterlebt, sondern auch aktiv mitgestaltet(1). Seine Lehre als Papst und seine Theologie sind getragen von den Anliegen und Beschlüssen dieses Konzils.

Wir sollten uns nicht der Terminologie von „vorkonziliar“ und „nachkonziliar“ bedienen. Die Gegner des Konzils nehmen mit dem Begriff „nachkonziliar“ die Abqualifizierung des Konzils und der Gegenwart vor. Umgekehrt wird mit „vorkonziliar“ oftmals alles vor dem Konzil als rückständig und überholt dargestellt. Beide Sprech- und Sichtweisen bedienen sich der „Hermeneutik des Bruchs“. Dem Konzil und dem Hl. Vater sind hingegen Kontinuität und Identität ein großes Anliegen.

Eine Denkweise in Kategorien der Trennung schneidet vom Ursprung der Kirche und von ihrer Zukunft ab. Die Kirche kommt von Christus her. Sie ist als Volk Gottes unterwegs durch die Zeit und immer schon in ihren Heiligen und allen Vollendeten beim Herrn. Als Pilgerin hat sie zu allen Zeiten auf ihrem Weg geistliche Schätze gesammelt und bewahrt und ist bereit, sie zu verschenken. Gewiss hat die Kirche auf dem Pilgerweg auch manche Bürde der Schuld auf sich geladen und bedarf stets der Umkehr. Vom Geist Gottes geführt soll sie sich in die Zukunft leiten lassen, dem Herrn entgegen. Identität und Kontinuität! Geistliche Schätze und Erfahrungen der Vergangenheit gilt es mit den neuen Herausforderungen des Pilgerweges durch die Gesellschaft und die moderne Zeit zu verbinden, auf dass auch heute ein neuer geistlicher Reichtum entstehe. Das ist eines der Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Liebe Schwestern und Brüder! Ich bitte Sie um das Gebet für den Heiligen Vater und um die Treue zu ihm. Wir selbst sollten uns wieder verstärkt den Texten des II. Vatikanums zuwenden und nicht zulassen, dass über das Konzil nur in Schlagworten gesprochen wird. Lesen wir die Texte als Bereicherung für uns und bemühen wir uns um die Verwirklichung des II. Vatikanums.

Dazu segne Euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Hl. Geist.

Eichstätt, am 12. Februar 2009

Ihr
Gregor Maria Hanke OSB
Bischof von Eichstätt


(1) Die von ihm verfasste Konzilsrede für den damaligen Kölner Kardinal Frings drückte nach dem Urteil von Papst Johannes XXIII. genau das aus, was das Ziel des Konzils sein würde.

© Pressestelle der Diözese Eichstätt