Bischof Hinder berichtet in Rimini vom Leben der Christen im arabischen Raum

„Weil wir niemand sind, sind wir die Protagonisten“

| 1107 klicks

ROM, 28. August 2008 (ZENIT.org).- „Wenn ich Bischof sein soll, so will ich es in Arabien sein.“ Mit diesen Worten erinnerte sich der schweizstämmige Bischof Paul Hinder OFMCap (66), seit 2005 Apostolischer Vikar der Arabischen Halbinsel, an seinen Wunsch, den er im Moment seiner Ernennung dem Heiligen Vater gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte.

Weihischof Hinder lebt in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Am 26. August schilderte er als Gast des Meetings von „Comunione e Liberazione“ („Gemeinschaft und Befreiung“) in der italienischen Hafenstadt Rimini die Lage der Christen in den arabischen Ländern.

Die Bischof Hinder anvertraute „Diözese“ ist in geographischer Hinsicht dank des drei Millionen Quadratkilometer umfassenden Territoriums die größte der Welt. In ihr sind Völker 90 verschiedener Nationalitäten vertreten. Sie umfasst Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrein, Oman, Yemen, Qatar und Saudi-Arabien. Das Apostolische Vikariat wurde im Jahr 1889 eingerichtet und ist dem Kapuzinerorden anvertraut.

Zu Beginn seiner Konferenz zeigte Hinder den Anwesenden Fotos, die anlässlich der Einweihung der ersten Kirche von Doha aufgenommen worden waren (St. Mary’s Church, 16. März 2008). Die Kirche bietet 4.000 Menschen Platz. Es folgten Bilder der Feiern der Karwoche 2008 in Abu Dhabi, an der in der Regel 70.000 Gläubige teilnehmen.

Am Ostertag werden in Dubai und Abi Dhabi nach Worten des Bischofs 19 Messen gefeiert: sechs auf Englisch, zwei auf Arabisch, dann Messen auf Philippinisch, Singalesisch, Tamil, Urdu, Malaysisch, Konkani, Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch und auch Deutsch. Die Gläubigen stammen vor allem aus den Philippinen und Indien, aber auch aus Indonesien, Nigeria, Europa und Nordamerika.

Aus den arabischen Ländern, die das Territorium des Apostolischen Vikariats ausmachen, kämen keine Christen. Die Kirche Arabiens sei eine „hundertprozentige Pilgerkirche“.

In jeder Pfarrei gebe es eine der Gottesmutter geweihte Kappelle, in der auch Moslems beteten. Die Kirchen seien von außen nicht als solche erkennbar. Die Gläubigen würden sich zum Gebet in Privatwohnungen versammeln, die oft in der Peripherie der Städte lägen. Die geringe Zahl von Priestern habe die lokalen Gemeinden in der jüngsten Zeit dazu veranlasst, die Leitung auch Laien anzuvertrauen.

Die Menschen, die im Gebiet von Hinders Verantwortungsbereich leben, sind nach Worten des Bischofs in der Regel sehr fromm; sie hätten einen tiefen Glauben, der den Bischof manchmal überrasche. Es handle sich um eine sehr lebendige, wenngleich nicht sehr sichtbare Kirche, so Hinder. „Weil wir niemand sind, sind wir die Protagonisten“, hob er hervor, und wandelte mit diesen Worten das diesjährige Motto des Rimini-Meetings „Entweder Protagonisten oder niemand“ um.

Die Christen in der arabischen Welt lebten in einem Zustand der „Freiheit auf Bewährung“, wenngleich dabei zwischen dem liturgischen Leben und dem im persönlichen Bereich gelebten Glauben zu unterscheiden sei. Die Lage sei in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Die Religionsfreiheit werde überall anerkannt außer in Saudi-Arabien, dem einzigen Land, wo es für die über 800.000 dort ansässigen Katholiken keine Kultstätte gebe. Der König von Saudi-Arabien verbiete es jedoch nicht, im Privaten zu beten, solange dies nicht zu „Störungen“ führe.

Auch wenn es nicht leicht sei, seinen Glauben in dieser Region zu bekennen, sei es erforderlich, Christus zu verkünden, „auch wenn dies wie eine Beleidigung des Korans klingen kann“.

Die Beziehungen zu den hohen Exponenten der islamischen Welt seien herzlich, so Hinder. Oft werde er zum gemeinsamen Mahl eingeladen, mit dem während des Fastenmonats Ramadan das tägliche Fasten unterbrochen wird.

Eine Gefahr stellte Bischof Hinder in den Vordergrund: „die Tendenz zur Arroganz, die wir in unserer Kultur haben – nicht nur gegenüber dem Islam.“

Im Westen gebe es die Tendenz, sich als den Höhepunkt der Entwicklung der Menschheit zu betrachten. Dies sei aber nicht richtig, da nicht alle Völker gezwungen seien, dieselbe Geschichte durchzumachen; es gebe auch andere Wege, die Dichotomie zwischen der technisierten Welt und der Vergangenheit der eigenen Geschichte und Religion zu leben.

Hinder brachte in Rimini die Überzeugung zum Ausdruck, dass sich die islamische Welt mehr der Vernunft öffnen müsse. Dies dürfe aber nicht bedeuten, dass sie zu demselben Säkularismus gelangen sollte wie der Westen. „Vielleicht sind wir es, die einen Fehler gemacht haben“, so der Bischof.

Der interreligiöse Dialog müsse in Aufrichtigkeit und Respekt geführt werden. Auf einer Gegenseitigkeit im mathematischen Sinne zu bestehen, funktioniere jedoch nicht. Vor allem der westliche Demokratiebegriff sei das Ergebnis eines langen Prozesses; auch die Kirche habe sich lange darum gemüht, ihn zu akzeptieren. „Ich kann Demokratie und Rechte, wie wir sie kennen, nicht aufzwingen, da sie Frucht eines Weges sind, von dem nicht gesagt ist, dass ihn auch die Arabischen Emirate beschreiten müssen.“

In den arabischen Ländern sei das politische Leben von der Religion durchdrungen. Gerade dies sei ein Hindernis zum Verständnis eines Begriffes, wie ihn der europäische liberale Staat darstelle. „Für die Muslime ist der Glaube ein integraler Bestandteil des Lebens“, so Bischof Hinder zum Schluss. Der Begriff „Gegenseitigkeit“ sei Träger eines zweideutigen Sinns, der schlecht toleriert werde.

Von Mirko Testa