Bischof Kapellari: Die Kirche dient der Zivilgesellschaft

Die Welt wäre kalt, würden die „Herdfeuer des Glaubens“ erlöschen

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GRAZ, 24. März 2008 (ZENIT.org).- Die Kirche im Dienst der Gesellschaft: Dieses Thema stand im Mittelpunkt der Ansprache des Grazer Diözesanbischofs Dr. Egon Kapellari beim traditionellen Medienempfang der Diözese Graz-Sekau am 19. März im Grazer Priesterseminar

Papst Benedikt provoziere dazu, „tiefer zu denken und tiefer zu graben, um Quellen freizulegen, aus denen nicht nur Christen schöpfen können“, und die Kirche suche und finde für ihr gesellschaftliches Engagement faire Allianzen. Dabei gehe es vor allem „um den Schutz des menschlichen Leben von der Zeugung bis zum natürlichen Tod“ sowie „um Ehe und Familie als Schutz- und Entfaltungsräume für dieses Leben“.

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Der Mensch und seine Welt sind der universale Horizont, in welchem sich die Medien suchend, deutend und bewertend bewegen. Wort und Bild sind dabei die wichtigsten Instrumente.
Der Mensch und seine Welt, das sind auch zwei große Themen der Kirche, aber diesen beiden Themen die Rede über Gott als drittes und alles umfassendes und transzendierendes Thema hinzufügt.

„Ecce homo“-„Seht da, der Mensch“ hat Pontius Pilatus zum versammelten Volk gesagt und dabei auf den geschundenen Jesus hingewiesen. „Ecce homo“ das sagen auf je ihre Weise auch alle Medien, gleichviel ob sie säkular oder religiös sind, indem sie Menschen in ihrer Großartigkeit, Mittelmäßigkeit oder auch Monstrosität ins Licht setzen. Jüngste Beispiele für eine solche Monstrosität in Österreich haben zunächst vielen Verantwortlichen in Politik, Medien und auch Kirchen fast die Rede verschlagen. Diese Beispiele geben dem Kirchenvater Augustinus recht, der den Menschen als „grande profundum“, als großen Abgrund bezeichnet hat. Der Bischof von Hippo hat daher in einem Gebet zu Gott gesagt „Nimm du mein Herz, ich kann es dir nicht schenken…und rette mich vor mir selbst“.

Zur Doppeldeutigkeit des Wortes „Ecce homo“ im weiten Bogen zwischen Heiligkeit und Bestialität fügt sich die Doppeldeutigkeit der Welt: „Ecce mundus“. Diese Welt ist für den Menschen einerseits ein bergender Raum und andererseits immer wieder ein Ort zerstörerischer Katastrophen wie jüngst in Burma und in China.

In diese Doppeldeutigkeit hinein sagen die christlichen Kirchen ihr „Ecce Deus“ – „Seht da, Gott“. Das ist ein leicht verletzbares und verdrängbares Wort, denn Gott ist immer wieder ein „Deus absconditus“, ein verborgener Gott. Aber zugleich ist er für unzählige Menschen, die sich auf ein Leben mit ihm profund einlassen, eine unversiegbare Quelle von Kraft für das Gute.

In unserer Menschenwelt gibt es viel kranke Religion. Der Berliner evangelische Bischof Wolfgang Huber hat vor kurzem im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ auf Gewalt im Islam aber auch im Christentum hingewiesen. Wörtlich sagte Wolfgang Huber: „Um Osama Bin Laden, der im Namen Allahs tötet, kommt man so schlecht herum, wie um George W. Bush, der im Kriegsfall um Gottes Beistand bittet“. Mit dem Mut zur Unterscheidung fügte der evangelische Kirchenführer dann aber hinzu: „Mohammed war nicht nur Prophet, er war auch Kriegsherr. Wenn man dagegen an die Geschichte des Christentums denkt, dann gibt es viele beklagenswerte Konstellationen, in denen Glaube und Gewalt verbunden waren. Aber das ist keineswegs die generelle Grundlinie des Glaubens“ (In „Der Spiegel“ 20/2008, Seite 46).

Im Gegensatz zu kranker Religion gibt es weltweit unzählige edle Menschen, die ihre Kraft dazu aus Religion schöpfen. Und es gibt unzählige Christen, die wahre Ikonen Jesu Christi sind. Vor diesem globalen Hintergrund und in ständiger Beziehung mit ihm lebt die katholische Weltkirche weltweit und auch in Österreich und in der Steiermark.

Die katholische Kirche ist heute auf dem Bauplatz der jeweiligen Gesellschaft massiv mitbetroffen von allen Abbrüchen und Umbrüchen. Sie ist aber ebenso an vielen neuen Aufbrüchen beteiligt. Von einem Stillstand kann daher nur eine oberflächliche Diagnose sprechen. Der betagte Papst versetzt weltweit viele Menschen in ein respektvolles oder dankbares Staunen. Er gibt der Kirche selbst, aber auch der säkularen Gesellschaft und dem vielgestaltigem Islam viel Stimulierendes und auch Unbequemes zu denken. Er provoziert dazu, tiefer zu denken und tiefer zu graben, um Quellen freizulegen, aus denen nicht nur Christen schöpfen können.

In der Spannung zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Verbindlichkeit und Beliebigkeit, zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit entfaltet der Katholizismus auch heute eine große synthetische Kraft. Darauf hat beispielsweise der Chefredakteur einer Wiener Tageszeitung in einem Leitartikel zum Ostersonntag des heurigen Jahres hingewiesen.

Ohne die bestehenden Probleme kleinreden zu wollen, kann man sagen, dass die Katholische Kirche in der Steiermark und in Österreich sehr lebendig ist. Sie kann und will dabei nicht nur für sich selbst da sein, sondern dienend und helfend für die ganze Zivilgesellschaft in Solidarität mit der gesamten Christenheit und der Menschheit im Ganzen. Die Kirche sucht und findet dazu immer wieder faire Allianzen mit anderen gesellschaftstragenden Kräften und so auch mit den Medien. Bei diesen Allianzen geht es besonders auch um den Schutz des menschlichen Leben von der Zeugung bis zum natürlichen Tod und es geht um Ehe und Familie als Schutz- und Entfaltungsräume für dieses Leben, es geht weiters um Verantwortung für die Umwelt als Mitwelt des Menschen. Und es geht um eine einfühlsame Wegweisung für Gottsucher in einer Welt, die kalt wäre, wenn die Herdfeuer des Glaubens erlöschen.

Deshalb gestaltet die Diözese Graz-Seckau das Jahr 2008 als Jahr für ein Leben in größerer Fülle, als „Lebensjahr 2008“. Und deshalb gibt es auch heuer wieder am 30. Mai die „Lange Nacht der Kirchen“ und es gibt auch vielfältige Initiativen für junge Christen, die immer weitere Kreise ziehen. Das Projekt des Bischöflichen Zentrums für Berufung und Bildung in der Grazer Grabenstrasse ist eine große Investition von Kraft aber auch Geld für jeweils ungefähr 1.000 junge Menschen und ihre Zukunft in Gesellschaft und Kirche.

Ihnen, sehr geehrte Medienschaffende, und Ihren Institutionen danke ich für die interessierte, kompetente und faire Begleitung, die Sie unserem kirchlichen Wirken immer wieder zuteil werden lassen, und bitte darum auch für die Zukunft.

[Von der Diözese Graz-Seckau veröffentlichtes Original]