Bischof Kapellari: Gott sucht Menschen, die gegen alle Herzenskälte „anlieben“

Dankgottesdienst zum 50-Jahr-Jubiläum des Malteser Hospitaldienstes Austria

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WIEN, 18. Juni 2007 (ZENIT.org).- „Gott will Mit-Liebende“, bekräftigte der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari am Samstag beim Festgottesdienst anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Malteser Hospitaldienstes Austria im Wiener Stephansdom. „Gott ist auf der Suche nach Menschen, die bereit sind, mit ihm gleichsam ‚anzulieben‘ gegen alle Herzenskälte, Gleichgültigkeit, Bosheit und Ungerechtigkeit in dieser Welt.“



Der immer aktuelle und stets neue Grundauftrag des Christen bestehe darin, ein „Herz für Notleidende zu haben und menschliche Not zu lindern“, so der Bischof, der den Mitarbeitern des Hospitaldienstes der österreichischen Malteser für ihren freiwilligen und unentgeltlichen Einsatz im Dienst an Behinderten, Kranken, Alten und Einsamen dankte. Bischof Kapellari ist oberster Kaplan des Malteser-Großpriorates Österreich.

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„Unsere Bruderschaft wird unvergänglich sein, weil der Boden, auf dem diese Pflanze wurzelt, das Elend der Welt ist und weil es, so Gott will, immer Menschen geben wird, die daran arbeiten wollen, dieses Leid geringer, dieses Elend erträglicher zu machen.“ Dieses fast 1000 Jahre alte Wort des seligen Gerhard, des Gründer des Malteser Ordens, hat sich als prophetisch erwiesen. Bis heute finden sich mitfühlende Menschen, die unter dem Zeichen des Malteserkreuzes ihre spirituellen, ideellen, emotionalen, zeitlichen und auch finanziellen Ressourcen dafür einsetzen, menschliche Not zu lindern und Notleidenden neue Lebenschancen zu eröffnen. Eine Frage aus dem ersten Johannesbrief des Neuen Testamentes hat christliche Männer und Frauen immer wieder aufgerüttelt und zu tatkräftiger Nächstenliebe bewegt. Diese Frage lautet: „Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben?

Mit dem Herz-Jesu-Fest, das gestern begangen wurde, erinnert die Kirche daran, dass Gott in seinem menschgewordenen Sohn Christus ein menschliches Herz hat: ein Herz, das in den Notleidenden, die seine Brüder und Schwestern sind, nach Liebe ruft, und ein Herz, das sich auch durch uns diesen Not leidenden Mitmenschen öffnen will. Vom großen Franziskanertheologen des späten 13. Jahrhunderts, Johannes Duns Scotus (+ 1306), stammt das Wort: „Deus vult condiligentes“ – Gott will Mit-Liebende, Gott ist auf der Suche nach Menschen, die bereit sind, mit ihm gleichsam „anzulieben“ gegen alle Herzenskälte, Gleichgültigkeit, Bosheit und Ungerechtigkeit in dieser Welt.

Die Kirche begeht heute, einen Tag nach dem Herz-Jesus-Fest, den Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens. Diese Reihenfolge ist theologisch und spirituell profund begründet, denn Maria ist wie niemand sonst dem Herzen Christi verbunden; sie hat als erste ihr Herz dem Heilswerk Christi aufgetan und ist so zur großen Mit-Liebenden geworden. Zu diesem großen Ja war sie fähig, weil ihr Herz durch besondere Gnade Gottes vom ersten Augenblick ihres Daseins an „unbefleckt“, das heißt: ganz lauter, frei von jeder Verstellung und Bosheit, frei von jedem Nein zu Gott geblieben ist. Sie ist ihren irdischen Weg in „unbefleckter“, ungetrübter Freundschaft mit Gott gegangen. Auf niemanden sonst trifft das Wort Jesu besser zu als auf sie: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8) Und weil Maria jetzt bei Gott vollendet ist und von seiner Liebe und Barmherzigkeit durchdrungen ist, kann sie für alle, die sie anrufen, zur „mater misericordiae“, zur „Mutter der Barmherzigkeit“ werden.

Aber auch Maria blieb der Weg des Lernens nicht erspart. Im Evangelium des heutigen Gedenktages wird uns deutlich gezeigt, wie die besorgte Mutter lernen muss, dass sie ihren Sohn nicht in ihrer Fürsorge festhalten darf, sondern ihn seinen Weg gehen lassen muss. „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Die Sendung Jesu geht weit über die Liebe und Zuneigung, die man der eigenen Familie schuldet, hinaus. Jesus gehört vor allem und in einzigartiger Weise Gott. Und weil er ganz eins ist mit Gott, seinem Vater, muss sein menschliches Herz auch so weit sein wie die universale Liebe Gottes. Am Ende des gehörten Evangeliumsabschnittes heißt es: „Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ Der Evangelist Lukas zeigt uns hier Maria als Urbild wahrer Jüngerschaft. Ihr offenes Herz bewahrt, was sie von Christus erfahren hat, ihr liebendes Herz ist bereit, vom Herzen ihres Sohnes zu lernen. Später als erwachsener Mann wird Christus unzählige Menschen in die „Schule seiner Barmherzigkeit“ rufen: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig!“ (Mt 11,28), hat er ihnen gesagt.

Die Malteser haben sich im Lauf ihrer wechselvollen Geschichte auf vielfältige Weise bemüht, dieser Einladung Christi zu folgen und von der Liebe Christi, die Familien- und Freundeskreis übersteigt und auch den Fremden, ja sogar den Feind einschließt, zu lernen. Viele wurden wohl zu solchen glaubwürdigen „Mit-Liebenden“, die nach dem oben zitierten Wort des Johannes Duns Scotus Gott sucht, um seine Barmherzigkeit in der Welt spürbar und sichtbar werden zu lassen.

Mit besonderer Dankbarkeit können wir heute bei diesem Jubiläumsgottesdienst auf fünf Jahrzehnte des Malteser Hospitaldienstes Austria zurückblicken. Dieses Hilfswerk des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens, Großpriorat von Österreich, begann als Hilfsorganisation für Flüchtlinge aus Ungarn, die nach der brutalen Niederschlagung des dortigen Aufstandes von 1956 in unser Land gekommen waren. Später folgten andere Notsituationen, darunter auch kriegerische Auseinandersetzungen und große Naturkatastrophen, in denen Menschen der Hilfe der Malteser bedurften. Tausende Männer und Frauen haben sich seit der Gründung des Hospitaldienstes als aktive Mitglieder in unzähligen Arbeitsstunden – ausnahmslos freiwillig und unentgeltlich – in den Dienst zahlloser behinderter, kranker, alter und einsamer Menschen gestellt. Ihnen allen gebührt großer Dank für ihren Einsatz und ihr Zeugnis gelebter christlicher Nächstenliebe. Manche von ihnen sind uns schon in die Ewigkeit vorausgegangen. Gott lohne ihre Mühe. Auch allen, die dem Malteser Hospitaldienst in dieser Zeit ihre Freundschaft erwiesen und ihn ideell und finanziell unterstützt haben, sei anlässlich dieses Jubiläums Dank gesagt. In dieser Eucharistiefeier danken wir über all das hinaus Gott dafür, dass er immer wieder Menschen beruft, die wie Maria und der selige Gerhard „Mit-Liebende“ seiner Liebe werden. „Condiligentes“.

Auf die Fürbitte der Gottesmutter Maria und des heiligen Johannes des Täufers, des Patrons des Malteserordens, schenke Gott uns allen ein offenes, reines, liebesfähiges Herz und dem Malteser Hospitaldienst Austria auch in Zukunft seinen reichen Segen.

[Von der Diözese Graz-Sekau veröffentlichtes Original]