Bischof Kapellari: Kirche als Einladung

Eröffnungsansprache bei der Pfarrerwoche am 15. September 2008

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BERLIN, 20. September 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Grazer Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari zum Auftakt der diesjährigen Pfarrerwoche in der Steiermark gehalten hat.

Die Themen, die bei der Pfarrerwoche, die seit 1985 Tradition ist, bearbeitet werden, haben immer einen direkten Bezug zur Seelsorge in den steirischen Pfarren. Im heurigen „Lebensjahr 2008“ setzen sich die steirischen Pfarrer und die Diözesanleitung mit lebensethischen Problemen und Fragen auseinander. Der Moraltheologe Univ.-Prof DDr. Walter Schaupp wird den Seelsorgern fundiertes aktuelles Wissen zu schwierigen Themen wie pränatale Diagnostik, Sterbebegleitung, Sterbehilfe, Suizid-Prävention oder Krisenintervention vermitteln. Praxisnahe Statements von Verantwortlichen verschiedener Einrichtungen – u.a. Krankenhausseelsorge, Beratungszentrum für Schwangere, Telefonseelsorge, Hospizverein – werden die intensive Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen anregen und bereichern.

Bischof Kapellari sagte zu den Pfarrern: „Wir alle leben von der damit ausgesprochenen Wirklichkeit und können dazu beitragen, dass andere mehr davon leben können. Die Mitte dieses 'SYN' ist für uns Jesus Christus selbst. Versuchen wir dies jedes Mal vertieft zu bedenken, wenn wir am Schluss des eucharistischen Hochgebetes allein oder als Konzelebranten sagen: 'Durch ihn, und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, alle Herrlichkeit und Ehre.'“

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Liebe Brüder, die als Pfarrer im priesterlichen Dienst stehen, und in Eurer Mitte liebe Bischöfe Johannes und Franz, lieber Generalvikar, liebe Bischofsvikare und liebe Äbte!

Es ist schön, dass auch zu unserer 51. steirischen Pfarrerwoche wieder so viele Priester gekommen sind. Das stärkt uns und stärkt unsere ganze große Diözese, die uns unverwechselbar als ein Stück des weltweit ausgedehnten Weinbergs Christi anvertraut ist. Von einer Zusammenkunft wie dieser erwarten wir und dürfen wir erhoffen, dass sie unser Miteinander stärkt, dass sie uns Mut macht für unseren Weg und Dienst, dass sie unsere Freude am Christsein und Priestersein vermehrt, dass sie uns den Blick schärft für den Zustand von Gesellschaft und Kirche und zugleich Impulse für unseren Dienst an beidem mitgibt.

Das mir aufgegebene einleitende Referat steht unter dem Titel „Kirche als Einladung“. Ich gliedere es in folgende Kapitel:
I. Christsein als Mitsein
II. Ein Rundblick auf die Gesellschaft
III. Ein Rundblick auf die Kirche
IV. Konkrete Themen und Ratschläge


I. Christsein als Mitsein

Vor kurzem ist ganz unerwartbar der noch nicht sehr betagte Bischof von Bozen-Brixen, Wilhelm Egger, gestorben. Bei der Nachricht von seinem jähen Tod ist mir die Erinnerung an seine Bischofsweihe im Jahr 1986 im Dom von Brixen wachgeworden, an der ich als Nachbarbischof aus Kärnten teilgenommen habe. Dem neuen Bischof wurde damals ein künstlerisch wertvoller, in moderner Kunst gestalteter Stab überreicht, in dessen Krümme das einsilbige alt- und auch bibelgriechische Wort „Syn“ – auf Deutsch „mit“ – eingefügt war. Dieses Wort war der Wahl- und Wappenspruch von Bischof Egger, der bekanntlich mit freundlicher, frommer Zähigkeit entsprechend seinem Motto in seiner dreisprachigen alten Diözese gelebt und gewirkt hat.

„Syn-Mit“ das ist ein wichtiges Wort im Leben eines jeden Menschen und sehr vertieft auch im Leben eines jeden Christen und aller christlichen Gemeinschaften. Unser Dasein ist ja notwendigerweise auch ein Mit-Sein. Dies wird einerseits immer wieder als Geschenk empfunden und andererseits als Belastung, weil man sich die Zeitgenossen und auch Glaubensgenossen im Ganzen ja nicht aussuchen kann. Für bewusste Christen hat das „Syn“, das Dasein als Mit-Sein, eine tiefere Wurzel als für andere Menschen und für religiös anders glaubende Menschen wie z.B. Juden und Muslime, weil der Glaube an Gott als den Dreifaltigen, Dreieinigen das Zentrum und Fundament des christlichen Glaubens ist. „Es ist ein Gott, und er hat keinen Sohn“, bekennen die Muslime in polemischer Abgrenzung vom Christentum. Wir Christen aber glauben, dass der eine Gott in sich kein einsamer Gott ist, sondern dass die höchste Einheit, die es gibt, zuinnerst auch Gemeinschaft ist: Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Darüber predigen wir zu selten, obwohl das Ineinander von Einheit und Gemeinschaft in Gott vielen unserer Hörer Anlass zu einem neuen, staunenden Nachdenken sein könnte. In Ausdeutung des Mysteriums von Gott als dem Dreieinigen sagt eine altchristliche Kirchenordnung, die Bischöfe sollten möglichst viel gemeinsam tun, und fügt diesem Appell die heute zunächst überraschende Begründung hinzu: „damit die Heiligste Dreifaltigkeit geehrt werde“. Dieses Postulat gilt gewiss nicht nur für die Bischöfe und für ihre Konferenzen und Synoden, sondern auch für die Priester, für ihre Konferenzen und andere Konveniats und natürlich auch für das Leben der Pfarren, Klöster und ganzer Diözesen. Es ist der tiefste Grund auch für unser Zusammensein hier im Schloss Seggau.

Dieses Fundamentalste über unser Dasein als Mit-Sein hat uns Jesus Christus erschlossen. Auf allen Kreuzbildern, die mit seinem Korpus verbunden sind, breitet er einladend die durchbohrten, angenagelten Arme aus. Seine Henker haben unwissend prophetisch gehandelt, als sie ihn zwangen, die Arme zur Kreuzigung auszubreiten, denn das war er drei Jahre lang auf seinen Wegen durch das Heilige Land: der Menschen- und Gottessohn mit den offenen Armen. Er hat Menschen wie ein Magnet an sich gezogen und viele heil, ganz gemacht hat. Und als auferstandener Christus bleibt er in der Kirche inmitten der Menschheit als der erhöhte Herr mit den ausgebreiteten Armen und verklärten Wunden, der im Johannesevangelium von sich prophetisch sagt: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle (alles) an mich ziehen“ (Joh 12,32).

Kirche ist Gemeinschaft rings um diesen Christus mit den offenen Armen und dem durchbohrten, ausgeronnenen Herzen. Er hat uns, liebe Mitbrüder, als Priester in die Fußspur der Apostel gerufen. Und er will auch uns immer wieder an sein Herz nehmen, damit wir neue Herzkraft gewinnen und andere Menschen zu ihm führen können; damit das „Syn“ das „Mit“ stärker wird in der Kirche und durch die Kirche auch in dem, was wir Gesellschaft oder biblisch ausgedrückt Welt nennen.

Bei einem Firmgottesdienst in einem kleinen Dorf nahe bei Oberdrauburg habe ich an der Nordwand der Kirche ein seltsames  Kruzifix gesehen. Der daran geheftete Korpus Christi war verstümmelt, seine Arme und Beine waren auf Stummel reduziert, an denen man noch Spuren von einem Brand sehen konnte. Die Kirche war nämlich nach dem II. Weltkrieg infolge von Unachtsamkeit eines Handwerkers durch einen Brand zerstört und dann in gotischen Umrissen wieder aufgebaut worden. Das genannte Kruzifix war vom Feuer beschädigt und der Torso des Leibes Christi dann auf einem neuen Kreuzesholz befestigt worden. Und nun sagt dieses Kruzifix noch eindringlicher als viele andere Kreuzbilder, was in einem weithin bekannten Text als fingierte Rede Jesu Christi vom Kreuz herab ungefähr so gesagt wird: „Ich habe heute (und heute ist eigentlich immer) keine anderen Hände und keine anderen Füße als deine Hände und Füße, um zu den Menschen zu gehen, sie zu umarmen und sie heilend zu berühren. Gib mir, leihe mir deine Hände, deine Füße, deine Augen, deine Stimme – und alles zusammenfassend – gib mir dein Herz. Dies ist ein sanfter, nicht moralisierender, aber deutlicher Appell Christi an jeden Betrachter eines solchen Kreuzbildes, aber besonders ein Appell an uns Priester. Er will uns nicht daran hindern, Müdigkeit und Enttäuschung über Mangel an Erfolg einzubekennen und darüber zu seufzen. Er will uns aber, wie er es zu Petrus gesagt hat, einladen, das Netz dennoch immer wieder auszuwerfen. Und dann geschehen immer wieder auch kleine und auch große Wunder wie damals am See Genezareth.

Vor kurzem hat mir unser Mitbruder Kole Gjergji, der aus dem Kosovo stammt und in Trofaiach Kaplan ist, von solchen erfolgreichen Netzwürfen erzählt. Der Pfarrer und er gehen zu Taufgesprächen in die Wohnung der davon betroffenen Familien. Viele Väter und manchmal auch Mütter sind dort aus der Kirche ausgetreten. Der Pfarrer und er haben bei solchen Begegnungen in eineinhalb Jahren 50 Reversionen erreichen können. Noch mehr Rücktritte gab es in Knittelfeld und Kapfenberg. Das sind in der Steiermark keine einzigartigen Beispiele, denn es gibt hier zwar nach wie vor viele Kirchenaustritte, aber es gibt nun auch jährlich mehr als 1000 Wiedereintritte in die Kirche. Vor einigen Jahren haben wir uns diese Zahl 1000 als Ziel vorgenommen. Dass dies nun erreicht ist, kann zeigen, dass Vorgaben eines den Pfarren gemeinsamen Zieles hilfreich sind.

Kirche ist Einladung, hat ein Bischof beim II. Vatikanischen Konzil gesagt. Das heißt nicht, dass unsere Kirchenschwellen zu flach werden dürfen. Prüfung und Unterscheidung der Geister ist und bleibt geboten. Unsere Türen müssen aber offen bleiben und das immer neue Hinausgehen vor diese Türen und das Einladen für Christus und zu ihm ist ein unkündbarer Dauerauftrag, bei dem uns Gottes Geist begleitet und stärkt, wenn wir uns ihm wirklich anheimgeben.


II. Ein Rundblick auf die Gesellschaft

Im Hamlet-Drama von Shakespeare stellt der dänische Prinz um Mitternacht seinem Freund in Erwartung einer Begegnung mit dem Geist seines ermordeten Vaters die berühmte Frage „Was ist die Uhr, Horatio?“. Die Frage, wie spät es ist, stellt sich immer wieder auch in größeren Zusammenhängen. Dies vor allem in Wendezeiten und dann bezogen auf eine ganze Epoche und ebenso in regionalen, kontinentalen und globalen Dimensionen. Wie spät ist es auf der Weltuhr? Wir wissen es im Ganzen nicht. In mancher Hinsicht und betreffend manche Themen sind wir überinformiert. In anderen Bereichen sind wir unterinformiert. Angesichts des globalen Themas „Gefahr durch Klimawandel“ kennen wir z.B. nicht genau den von Menschen verursachten und daher steuerbaren Anteil an diesem Problem. Der tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus hat in einem Buch gegen die Überschätzung menschlicher Möglichkeiten zur Milderung dieses Klimawandels polemisiert. Mehrheitlich wird aber von Fachleuten in Europa und zunehmend auch in den USA die Möglichkeit zu menschlicher Gegensteuerung postuliert und zur Übernahme von Verantwortung dafür aufgerufen. So hält es auch die Leitung der katholischen Weltkirche mit dem Papst an der Spitze.

Andere große Themen mindestens für Europa ergeben sich aus der geringen Zahl von Kindern bei der angestammten Bevölkerung, aus dem weiteren Abbau von Schranken gegen Abtreibung und aktive Sterbehilfe, aus biotechnischer Manipulation am Menschen wie Klonen und Züchtung von Chimären und aus dem raschen Anwachsen der Zahl von Muslimen, die im Gegensatz zu vielen Europäern an lebensschützenden Schranken festhalten.

Generaldiagnostisch wird man sagen können: Der einzelne Mensch, zumal in Europa, und die Menschheit als ganze sind heute in vielfacher und oft widersprüchlicher Weise herausgefordert. Die Möglichkeiten zur Lebensbewältigung sind gewachsen, zugleich aber auch damit verbundene Gefahren und Ängste. Es gibt weithin so etwas wie eine Überforderung durch Globalität. Die stärker gewordene Praxis, politisch, ökonomisch und ökologisch in globalen Zusammenhängen zu denken, führt zur Wahrnehmung kaum bewältigbar erscheinender Probleme betreffend Energiehaushalt, Klimawandel, Friedenssicherung, Bevölkerungsentwicklung, Migration und Unkontrollierbarkeit von Finanzströmen. Diese Probleme erscheinen zwar grundsätzlich lösbar zu sein, aber der Zeithorizont wird enger und die Wahrscheinlichkeit einer effektiven internationalen Steuerung gilt als gering. In einem Kleinstaat wie Österreich entsteht dann leicht ein besonders starkes Gefühl von Ohnmacht gegenüber den globalen Entwicklungen. Daraus resultiert die Tendenz, sich mental abzuschotten, Gefahren zu verdrängen und Mitverantwortlichkeit von sich zu weisen. Es drohen Gleichgültigkeit und Zynismus.

Im alltäglichen Leben entsteht auch im Mittelstand viel Unzufriedenheit durch die Struktur der modernen Wirklichkeitserfahrung. Die Standards für alle Lebensbereiche – Beziehungen, Bildung, Wohnen, Kinderspielzeug, Gesundheit – sind hoch. Damit verbunden gibt es aber oft das Gefühl, sie seien unerfüllbar. Immer neue Güter und Dienstleistungen werden offeriert. Die Unterhaltungsindustrie und alle Formen psychischer Betreuung wachsen an, ebenso der Drang, sich perfekt zu präsentieren. Die Medien verstärken diesen Komplex von Unzufriedenheit durch anfordernde Werbung einerseits und durch die übermäßige Dokumentation von Scheitern andererseits. Als ein Ausweg für viele erscheint dann der Rückzug in ein unbeobachtetes und halbwegs übersichtliches Privatleben mit Verdrossenheit gegenüber der Außenwelt. Leserbriefseiten mancher Zeitungen dokumentieren dies reichlich.

Wie können wir aber als Kirche mit diesem Problem ohne generelle Verdrängung umgehen? Mit vielen nachdenklichen Christen bin ich davon überzeugt, dass der christliche Glaube dem Problem globaler und alltäglicher Überforderung nicht durch die Reduktion von Idealen begegnen darf. Ebenso verhängnisvoll wie eine solche falsche Preisgabe von Prinzipien, die wie Fixsterne Orientierung geben, wäre aber eine weniger auf Nachdenken als auf entlastender Emotion beruhende Radikalisierung christlicher Gesellschafts- und Konsumkritik. Eine solche Simplifikation würde lediglich den auf vielen Menschen lastenden normativen Druck und die Gefühle der Überforderung verstärken.
Christliche Gemeinden, zumal auch Pfarren, dürften sich als ganze daher weder auf zu enge, quasi private Gemeinschaften reduzieren, noch sich in ihrer Öffnung nach außen zu sehr der Wohlfühl-Event-Industrie angleichen. Auch hier ist Qualität gefragt.

Ich nehme einen Gedanken von Herrn Dr. Baloch auf, wenn ich zusammenfassend sage: Gegenüber aller Überforderung und Unzufriedenheit sollte in unserer Kirche theologisch und pastoral eine Kultur der Dankbarkeit mit der Eucharistiefeier als Mitte entwickelt werden: Dankbarkeit für die Schönheit der Schöpfung, für das Kommen Gottes in diese Welt, für seine Gegenwart in Natur, Sakrament und im Nächsten. Dankbarkeit für das alltäglich erfahrbare Gute und die Hoffnung auf Vergebung von Schuld und auf ewiges Leben.

Im gesellschaftlichen Leben sollten sich einzelne Christen und kirchliche Organisationen darauf konzentrieren, gelungene Initiativen (auch die anderer!) als Modelle fest zu schreiben und zu multiplizieren, ohne durch den Anspruch auf Flächendeckung erneut mögliche Unzufriedenheit zu erzeugen. In einer älter werdenden Gesellschaft können sich Christen besonders auch dadurch auszeichnen, dass sie die Würde und das Lebensglück des Alters wahren. Aus diesem Grund muss es uns eine besondere Sorge sein, dass unsere älteren Priester Dankbarkeit erfahren und in ihren persönlichen Stärken unterstützt werden.


III. Ein Rundblick auf die Kirche

Jeder von uns weiß viel über unsere katholische Weltkirche inmitten der gesamten Christenheit. Wir kennen viele ihrer Freuden und Sorgen. Wie jederzeit ist sie auch heute eine verfolgte Kirche, so in China und teilweise auch in Indien und in Afrika. Sie ist sehr vital in Indien, auf den Philippinen, in Indonesien, Korea, in vielen Ländern Afrikas und weiterhin auch in Polen und recht lebendig auch vielerorts in Italien. Sie ist angefochten durch den Säkularismus in vielen Ländern Europas, aber auch z.B. in Kanada und Australien. Unsere Weltkirche hat, bildhaft gesprochen, ein Antlitz mit vielen Runzeln. Sie ist aber zugleich in vieler Hinsicht auch jung und schön. Ihr ist einerseits die Schönheit der Jugend eigen, wie sie bei den Weltjugendtagen erlebbar wird und andererseits die Schönheit des edlen Alters. Und die Kirche ist in all dem und über all das hinaus beschenkt mit viel Heiligkeit: Zu ihr gehören auch heute viele verborgen oder offenkundig heilige Frauen und Männer, wahre Ikonen Christi und seiner siegreichen Gnade. Das Maß dieser Heiligkeit ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen, und davon gibt es auch heute so viel, dass es nicht hochmütig ist, wenn man von der Kirche als einer Großmacht der Barmherzigkeit spricht. In dieser Kirche geht heute besonders vom Petrusdienst viel Licht aus, weil – wie der Journalist Dr. Hans Winkler im Vorjahr aus Anlass der Apostolischen Reise nach Österreich treffend geschrieben hat – Papst Benedikt XVI. ein Weltdenker ist, der ebenso westlichen Meisterdenkern, z.B. Jürgen Habermas, wie auch dem Islam nachhaltig zu denken gibt. Der Papst hilft der katholischen Kirche, inmitten der christlichen Ökumene tiefer zu graben und zu denken und in bleibend gebotener Demut auch selbstbewusster zu werden inmitten einer modernen oder postmodernen Gesellschaft. Besonders wichtig ist, dass dieser Papst der Christenheit durch seine Schriften und Reden das Antlitz Jesu Christi wieder leuchtender zu zeigen vermag.
Angesichts dieser großen weltkirchlichen Perspektiven sollte sich die Ungeduld vieler Katholiken angesichts gegebener Nöte und Defizite relativieren können.

Dieser Rundblick auf die Kirche führt schließlich zu uns, liebe Mitbrüder, zurück: zu unserer Diözese und zu unseren Pfarren. Es gibt bei uns trotz aller Schwierigkeiten viel Heiligkeit, Barmherzigkeit, Klugheit und Tapferkeit, für die wir dankbar und auf die wir recht verstanden auch stolz sein dürfen. Kurz gesagt, es gibt auch viel Grund zur Freude, weil uns mit Gottes Hilfe nicht wenig an Gutem gelingt. Unsere Fehler und Sorgen dürfen wir deswegen trotzdem nicht kleinreden oder wegreden.


IV. Konkrete Themen und Ratschläge

Es gibt einen breiten Fächer von Themen, die uns immer wieder in Anspruch nehmen oder in Anspruch nehmen sollten. Hier und heute kann nur eine kleine Auswahl davon angesprochen werden.

1. Der Einsatz für das Leben

In der Botschaft des Mitteleuropäischen Katholikentages 2004 in Mariazell finden sich die fast schon geflügelten Worte „Christen sind Freunde des Lebens – des geborenen und des noch nicht geborenen, des entfalteten und des behinderten, des zeitlichen und des ewigen Lebens“. Das ist nicht nur eine Parole, sondern ein nie ausreichend, aber doch immer schon reichlich praktizierter Imperativ. Lang ist oder wäre die Liste dessen, was wir weltweit, österreichweit und in unserer Diözese zum Schutz und zur Förderung dieses Lebens tun. Zur Verstärkung dessen haben wir diözesan dieses Jahr 2008 als Jahr für das Leben oder Lebensjahr 2008 proklamiert. Im Advent wird es eine auf das Weihnachtsfest hin ausgerichtete Hausbesuchsaktion geben, bei der eine Plakette, die das Christuskind in der Krippe mit Maria und Josef zeigt, verteilt wird. Ich lade alle Pfarren herzlich ein, sich daran zu beteiligen. Wir werden das „Lebensjahr 2008“ mit einer am 12. und 13. Dezember von der Katholischen Aktion ausgerichteten Tagung symbolisch beschließen. Abtprimas Notker Wolf aus Rom wird dabei referieren. Zum Großthema Leben gehören vordringlich die Themen Ehe und Familie und die Sorge um Kinder als Garanten der Zukunft. Wir müssen uns auch als Priester darüber laufend informieren, kompetent mitreden und die uns anvertrauten Christen zur darauf bezogenen Mitgestaltung der Politik und der öffentlichen Meinung ermutigen. Über alles notwendige Reden hinaus sind aber konkrete Taten notwendig. Schon bisher wurden schwangere Mütter von der Kirche auf verschiedene Weisen unterstützt. Ich werde darüber hinaus im Dezember einen Bischöflichen Hilfsfonds für Schwangere einrichten, der vorerst mit 50.000 Euro pro Jahr dotiert sein wird und dessen Leitung ich zwei Familienmüttern übertragen werde. Das soll so etwas wie eine konkrete neue Frucht aus dem diözesanen Lebensjahr 2008 sein.

Freunde des Lebens sind wir auch, wenn wir für unsere kranken und betagten Mitbrüder sorgen. Im letzten Jahr hat eine von mir beauftragte Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Prälat Kroisleitner die Fragen der Betreuung pflegebedürftiger Priester und der Zukunft des Priestervereines umfassend studiert. Diese Arbeitsgruppe hat einen Vorschlag erarbeitet, der vorsieht, das Priesterheim neu in einem Zubau des Annaheimes zu errichten. Diese Lösung sichert eine gute Wohnversorgung, aber auch, wenn es notwendig ist, Pflege für die Priester. Es werden 14 Wohneinheiten errichtet. Die Finanzierung erfolgt mit dem Vermögen des Priestervereines. Der Priesterverein ist Vertragspartner der Kreuzschwestern und ist in der Führung des Hauses (z.B. Aufnahme) eingebunden. Das neue Haus wird ab dem Jahre 2010 zur Verfügung stehen.
Die Arbeitsgruppe hat auch vorgeschlagen, das Statut des Priestervereines zu überarbeiten, um unter anderem abzusichern, dass die Vertretung der Anliegen und Interessen des Priestervereines durch ein kleines kollegiales Organ gesichert wird. Dieser mir sehr sinnvoll erscheinende Vorschlag wird noch im Priesterrat diskutiert werden.

2. Wir und die jungen Menschen

Es gab in den letzten Jahrzehnten soziologische Generaldiagnosen bezogen auf die Arbeiter, die Frauen und die Jugend. Gemeinsam war diesen Diagnosen das Urteil, die Kirche hat die Arbeiter verloren, sie hat die Jugend verloren und sie ist dabei, die Frauen zu verlieren. Diese plakativen Behauptungen sollten aufwecken und das ist eine nie ganz entbehrliche Absicht. Sie waren in dieser Allgemeinheit aber nie richtig. Was die Jugend betrifft, so gibt es nicht die Jugend, sondern jeweils mehrere typische, aber sehr unterschiedliche Milieus. Der verstorbene Papst ist unerschrocken in die globale Welt der Jugend hineingegangen und hat viele Netzwürfe mit reicher Ernte vollzogen. Das wirkt bis heute weiter und wird in Österreich und in der Steiermark oft wenig bemerkt fortgesetzt. Es gibt da viel Aussaat und auch nicht wenige kleinere und größere Ernten. Unser Herr Weihbischof konnte z. B. 750 junge Leute aus Österreich zur Teilnahme am Weltjugendtag in Sydney gewinnen, davon 200 aus der Steiermark. Und 600 Ministranten und Ministrantinnen aus der Steiermark waren vor kurzem mit ihm auf einer Wallfahrt in Rom. Solche Ereignisse und dazu die Sternsingeraktion, die Pastoral im Bischofsvikariat für Jugend und Jungschar, das Pöllauer Jugendtreffen im Sommer, die Hochschulseelsorge, die katholischen Korporationen des CV, KV und MKV, die Schulen der Orden, die in vielen Pfarren integrierten Kinder und Jugendlichen und das BZBB – all das bildet ein weites wenngleich nicht flächendeckendes Netz für das wir dankbar sein und denen danken sollen, die es immer wieder ausspannen, tragen und offen halten. Ich danke hier besonders dem Herrn Weihbischof und allen Mitbrüdern und Laienchristen, die dies tun, und bitte Euch, liebe Mitbrüder, um Eure Unterstützung dafür. An dieser Stelle möchte ich etwas ausführlicher über das große und bereits in Verwirklichung begriffene Projekt BZBB (Bischöfliches Zentrum für Berufung und Bildung) sprechen. Es ist eine in die Zukunft weisende Institution für jeweils mindestens 1000 junge Menschen vom Volksschulalter bis zur Matura und zu einem Hochschulabschluss. Ein Herzstück dieses Verbundes von sechs Institutionen ist das Kleine Seminar und die ihm angeschlossene Initiative für geistliche Berufungen die von vier Priestern mit Regens Dr. Wilhelm Krautwaschl an der Spitze geleitet wird. Dieses BZBB braucht, wie unsere Seminare von jeher, das Getragensein besonders durch die Priester und ich bitte Euch herzlich darum. Ich unterbreche nun für einige Minuten meinen Vortrag, indem ich Herrn Regens Dr. Krautwaschl das Wort gebe, damit er uns über das BZBB näher informiert und dafür motiviert.

Herzlichen Dank, Herr Bischof, für die Gelegenheit, auch heuer wied das BZBB uns Priestern und Pfarrern wie schon im vergangenen Jahr ans Herz zu legen.

Zuallererst möchte ich an dieser Stelle allen danken, die in den vergangenen Monaten Großar-tiges geleistet haben. In einer Bauzeit von Mitte April bis Anfang September wurden über 40 Prozent aller notwendigen Arbeiten im Hauptgebäude durchgeführt. Um einen Volums-vergleich anzustellen: in etwa 20 Kalenderwochen wurden 45 Einfamilienhäuser gebaut. Bis zu 200 Arbeiter waren damit beschäftigt, das Haus soweit in Schuss zu bringen, dass das Bi-schöfliche Gymnasium in diesem Schuljahr mit seinen 27 Klassen wieder untergebracht wer-den kann. Durch Vorgriffe auf eigentlich später gedachte Bauetappen wurde es sogar mög-lich, dass die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums während der Schulzeit in denselben Räumen bleiben können. Das sehr gute Zusammenspiel zwischen dem Bauherrn, dem Gene-ralplaner, der örtlichen Bauaufsicht, dem externen Controlling und den ausführenden Firmen hat fast ein Wunder vollbracht. Und das obwohl wir wegen starker Wassereinbrüche im Kel-lergeschoß gezwungen waren, mitten in den Ferien eine für diesen Abschnitt nicht vorgesehe-ne Etage zusätzlich umzubauen.

Namentlich möchte ich hier besonders Herrn Dr. Manfred Fuchsbichler und Herrn Dr. Josef Groß erwähnen, die alle wichtigen Fragen koordiniert haben sowie Herrn Diakon Siegfried Röck, der als Kenner des Hauses viele Synergien bewirken konnte. Darüber hinaus ist ein großes Lob an jene auszusprechen, die diese logistische Meisterleistung seitens des General-planers koordiniert haben und jenen, die höchst motiviert Hand und "Gerät" angelegt haben. Nicht vergessen möchte ich an dieser Stelle die Lehrenden des Gymnasiums mit Direktor HR Dr. Justinus Greifeneder an der Spitze, die große Flexibilität an den Tag legten und dazu auch in diesem Schuljahr gezwungen sein werden, und besondern Professor Prenner, der alle nöti-gen Schritte der mehrfachen notwendigen Siedelungsmaßnahmen durch großen persönlichen Einsatz unterstützt hat. Gegen Ende unserer "olympischen Spiele" in der Grabenstraße muss-ten dann auch noch unsere Angestellten in der Reinigung all ihre Kunst aufbieten, damit ein einigermaßen störungsfreier Betrieb von Anfang an gewährleistet wurde.
Näheres und Bilddokumente können in der Präsentation beim Tisch von Frau Steffi Fuchs oben im Foyer eingesehen werden.

Was genau ist passiert? Das Bischöfliche Gymnasium ist in große Teile des fertig gestellten Nord-Traktes eingezogen und bevölkert dort das Erdgeschoß, den 1., 2. und 3. Stock. Dabei nutzt es auch heuer Räumlichkeiten der KPH, der Praxisschule und des Konservatoriums.

Ich möchte nicht verabsäumen, allen zu danken, die für das Gelingen unseres Vorhabens be-ten. Überall wo ich hinkomme lade ich Menschen ein, dies zu tun. Während der Bauphase habe ich bereits von mehreren gehört, dass dies auch "spürbar" sei. Ich werde nicht müde, landauf und landab zu sagen, dass wir als Kirche mit diesem Projekt wirklich viel wagen und damit ein deutliches Zeichen setzen: Wir lassen das Feld der Bildung und die Fragen rund um die Berufung des Menschen nicht unbestellt. Morgen werde ich mit dem Seelsorger der Jun-gen Kirche, Herrn Mag. Dietmar Grünwald, erste Initiativen vorstellen, die wir schon heuer - noch ohne die Geborgenheit eines gemeinsamen Daches - gemeinsam mit der "Jungen Kir-che" ausgearbeitet haben und über den engen Kreis unseres Gebäudes hinaus durchführen werden. Wir tun dies, um Erfahrungen zu sammeln, die in die Planung weiterer Aktivitäten der kommenden Jahre einfließen sollen.

Abschließend möchte ich Folgendes hinzufügen: neben Überlegungen zur Namensgebung für den gesamten Gebäudekomplex bereiten wir unter der Mithilfe des Pastoralassistenten von Graz Herz-Jesu, Herrn Mag. Peter Rinofner, Initiativen zur medialen und ideellen Begleitung vor. Dabei soll das BZBB als wichtige Zukunftsinvestition und innovative Idee auf dem Bil-dungssektor unserer Heimat positioniert werden. Ich zähle bei diesem Großprojekt besonders auf die geistliche und tatkräftige Unterstützung von Euch, den Priestern unserer Diözese. An-gefangen von Möglichkeiten, die Baustelle zu besuchen - wir überlegen hier auch spezielle Termine für Priester - bis hin zu Aktionen vor Ort - so etwa bei Bildungswerksvorträgen, zu denen ich schon eingeladen wurde, bis hin zur Möglichkeit uns Priester zu "Pfarrsonntagen" einzuladen - und fundraising-Aktionen wird einiges angedacht. Wir hoffen, dies unter Mithil-fe derer verwirklichen zu können, denen dieses Haus ein Anliegen ist.

Sicher ist, dass wir das Haus um den 15. November 2009 eröffnen.

Liebe Mitbrüder! In das Syn, das Mit, von dem ich am Anfang meines Vortrages gesprochen habe, sollten wir also besonders das BZBB hineinstellen als eine unserer wichtigen in die Zukunft weisenden Unternehmungen.

3. Wir und das pastorale Netz in unserer Diözese

In unserer Diözese gibt es ca. 500 Priester und eine sehr gute Kooperation von Diözesan- und Ordensklerus. Die Zahl der Berufungen für Weihepriestertum und Ordensstand ist hier zwar bei weitem nicht ausreichend, aber relativ viel größer als in anderen Diözesen. Sieben Priester wurden heuer geweiht, davon fünf aus unserem Seminar und zwei aus Admont. Drei weitere Priester aus dem Weltklerus kommen wieder von auswärts hinzu. Der jährliche Zuwachs von Priestern lag in den letzten Jahren ziemlich konstant bei zehn. Das Stift Rein hat drei Novizen, Admont zwei, Vorau hat zwei Temporalprofessen und die Karmeliter in Graz haben zwei Novizen. Geistliche Berufungen aus der Steiermark gab und gibt es immer wieder auch für Klöster und geistliche Bewegungen außerhalb der Diözese. Unser Seminar hatte im Vorjahr 30 Alumnen und wird auch im neuen Studienjahr diese Zahl aufweisen.

In der Seelsorge wirken mit uns Priestern und mit unseren 65 Diakonen, auch 170 in der Pastoralassistenz tätige Männer und Frauen, darunter 24 Ordensfrauen. Hinzu kommt der im Grunde auch pastorale Dienst von ca. 1.000 Religionslehrerinnen und –lehrern und von 174 Pfarrsekretärinnen und -sekretären. Tausende Frauen und Männer unterstützen darüber hinaus ehrenamtlich die Pfarren. Das kirchliche Leben im Ganzen wird zusätzlich besonders von den Orden – weiblich und männlich –, von den beiden Seminaren, der Theologischen Fakultät, den Bildungshäusern, der Hochschulseelsorge und dem organisiertem Laienapostolat, zusammengefasst in Katholischer Aktion und dem Diözesankommitee Katholischer Organisationen, getragen.

Das ergibt insgesamt ein so dichtes Netz, wie es nur in wenigen Ländern der Weltkirche existiert. Eine gute Organisation, die wir zweifellos haben, garantiert freilich noch nicht Freude am Glauben und Liebe zu Gott und zu den Menschen. Erst das beseelt aber die Kirche und macht sie einladend und dafür ist unverzichtbar auch das Presbyterium zuständig.

Liebe Mitbrüder! Ich möchte nun auch die Spannungen ansprechen, die sich aus dem Priestermangel ergeben, und erinnere an Initiativen, die auf Veränderungen der Bedingungen für die Zulassung zum Weihesakrament drängen. Ich kenne die diesbezüglichen Wortmeldungen und Gruppenbildungen und begegne ihnen mit Respekt. Ich weiß auch nicht, wie die Weltkirche mit großen pastoralen Notständen auf Grund des Priestermangels z.B. in Frankreich außerhalb von Paris längerfristig umgehen wird, und möchte keines dieser Probleme kleinreden. Wir haben aber gerade in der Steiermark ein dichtes Netz von Pastoral aufgebaut und bauen weiter an diesem Netz, so dass uns keine Versteppung, auch keine Versteppung des sakramentalen Lebens, droht, wenn wir alle wirklich zusammenstehen und solidarisch miteinander auf dem Weg bleiben, ohne einen Sonderweg abseits der Weltkirche zu beanspruchen. Wir – das sind wir Priester, und dann die Diakone, die hauptamtlich in der Seelsorge tätigen Frauen und Männer und auch die vielen ehrenamtlich für die Kirche Tätigen und unsere Priesterkandidaten. Die Weltkirche mit Papst und Bischofsynode hat sich für ein Festhalten am Priesterzölibat außerhalb der unierten Ostkirchen entschieden. Dies gewiss auch aus der Sorge, dass ein fakultativer Zölibat in der heutigen Gesellschaft quantitativ und dann auch qualitativ bald drastisch marginalisiert werden könnte. Das ist eine, freilich unbequeme, Herausforderung gerade in der jetzigen Epoche der westlichen Welt tiefer über den Zölibat und das gottgeweihte Leben nachzudenken. Dieser Zölibat ist ein eschatologisches Zeichen von Treue und Welttranszendenz inmitten einer Gesellschaft, die vom Zerfall zahlreicher Bindungen in Ehe und Familie heimgesucht ist. Sollte man nicht statt des Klagens über den Zölibat, den trotz mancher Krisen in unseren Reihen doch so viele Priester in Treue leben, den Widerstand gegen seine Preisgabe gerade jetzt als ein instinktiv prophetisches Verhalten der Weltkirche gegenüber dem Zeitgeist ansehen? Wenn wir dafür offen sind, dann sind wir auch offen für überraschende gute neue Wege, die Gott uns auftun kann, wie er es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder getan hat.

An dieser Stelle möge ich freimütig auch die Krisen ansprechen, in die manche von uns geraten sind oder geraten können. Solche Krisen können Umwege zu einer größeren Reife und geistlichen Fruchtbarkeit sein, wenn jemand sich dazu bekennt und Rat und Hilfe, die es ja gibt, auch annimmt. In den bisher 27 Jahren meines bischöflichen Dienstes habe ich viele Beispiele von Umkehr aus Krisen und neuem Anfang bei Priestern erlebt und dadurch auch etwas von der Freude erfahren, die, wie Jesus gesagt hat, im Himmel über eine solche Umkehr herrscht.

Dieses Kapitel zusammenfassend möchte ich nochmals sagen, dass ich die Nöte betreffend die Zahl der Eucharistiefeiern und die unverzichtbare Letztverantwortung von Priestern für die Leitung von Pfarrgemeinden wirklich kenne und daran mitleide. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass wir noch größere Probleme und vor allem Spaltungen von unserer Diözese fernhalten können, wenn wir miteinander im gegebenen Rahmen weitergehen. Der so genannte Prozess 2010 hat dazu schon Ergebnisse gebracht und kann sie noch vermehren, wenn wir das gemeinsam wollen. Dazu können der Herr Generalvikar und Bischofsvikar Dr. Schnuderl Detailliertes sagen.
 
V. Ein abschließendes Wort

Am Schluss dieser Überlegungen, in denen viele wichtige Themen nicht ausgesprochen werden konnten, (wir könnten aber nachher in diesen Tagen noch über einiges sprechen) kehre ich zum Anfang zurück: zum Urwort menschlicher und christlicher Existenz, zum Wort „SYN-MIT“. Wir alle leben von der damit ausgesprochenen Wirklichkeit und können dazu beitragen, dass andere mehr davon leben können. Die Mitte dieses „SYN“ ist für uns Jesus Christus selbst. Versuchen wir dies jedes Mal vertieft zu bedenken, wenn wir am Schluss des eucharistischen Hochgebetes allein oder als Konzelebranten sagen: „Durch ihn, und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, alle Herrlichkeit und Ehre.“

[Von der Diözese Graz veröffentlichtes Original]